Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-29 · 29 (29.8.1924) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
29 (29.8.1924)
Date
1924-08-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613770--0954-2618270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

■i b r: IWchÄeraleZMmg Organ der Vereinigung für das kibemke Judentum LS. d«rch Mt«tHWeftdk l/<jährlich «. U» Oiytomwiwro;». Bei freier Krfendmrg i. Inland oss ANr Me SftgfkNr der Serrtut^mG ist der Beptgepreis r « n i» MNgKedodeNease «rchatte». » :r :: THV^<»«»tear: «P«..S»s. Vr««y Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Settung" erscheint leben frettag, Schriftleitung und Geschäftsstelle: verlin, Mauerstratze22. Sornruf; Amt Merkur Nr. 8725 PoWcOeckltontot Berlin nW 7 nr. 137069 (Vereinigung fflr Qos liberale Judentum) nad>b*u<k fBmttMber Ortglnal-Bettetee nur mit vorheriger Oenehmlgwtg Nor - RebaKnon gestattet! Me UeLL»«<re1Le V» «Mdmiuck^ a » » M Diederhei«»-«» Ratzatt. ans A»tzMOK»T«»«tz»«r SL -ttchte» » «e^. BeeS» S 41, «eraadetaeMwch» «PG, Fernsprecher Sönheff 7MH» sowie ptmMche Amwueen-Eppediüonen. Nr. 29 Berlin, 29. August 1924 4. Jahrgang Wische ~ .. Karlsbad. sJ.T.A.) Am Donnerstag, den 21. August, 8% Uhr ilOevdS, wurde — wie schon kurz berichtet — die Zweite Jüdische Welthilfskonferenz im Kalsbader Kurhaus feierlich eröffnet. Der Vorsitzende der Exekutive. Leo M0tzkin, hielt die Eröffuurlgsredc. Auster den Delegierten wohnten zaHlretche Vertreter der jüdischen und der nichtjüdischen Presse Europas und Amerikas sowie ein zahlreiches Publikum, das den großen Saal des Kurhauses füllte, dem feierlichen Akt bei. Die Delegierten repräsentierten 89 Organisationen in 33 Landern Europas. Asiens und Amerikas. Insbesondere sei erwähnt, daß eine Reihe großer jüdischer Gemeinden, so z. B. die Gemeinden von Wien. Berlin, Hamburg, Wilna, Warschau, Saloniki, sowie größere Gemcindeverbände, wie der Verband der jüdischen Gemeinden in Italien und der in Nordböhmen, der Waad Leumi in Palästina, bei der Konferenz vertreten sind. Erschienen sind zahlreiche Vertreter der verschiedenen Bnei-Brith-Logen ans Deutschland, aus Holland, aus Polen, aus dem Orient (Konstantinopelj nsw. Die Organisationen sämtlicher Richtungen, die auf dem Gebiet der Hilfsarbeit tätig sind, entsandten gleichfalls ihre Delogierten zur Teilnahine an der Konferenz, so das zentrale Palästina-Amt, das Hilfswerk der Agudas Jisroel, die Gesellschaften „Ort", „Ose" usm Auch eine Reihe wirtschaftlicher Verbände der jüdischen Handwerker und Kaufleute tu Osteuropa beteiligten sich an der Konferenz. Mrs -er Tribüne sah man außer den Mitgliedern der Exekutive des Zentralrates der Jüdischen Welthilfskonsereuz die Vertreter der tschechoslorvakischen Republik, deS Internationalen Rotes Kreuzes, der Jüdischen Organisationen in der Tschechoslowakei und der Karlsbader Midischeu Gemeinde. Die Eröfstrvngsre-e Leo MotzkiuS. In seiner Eröffnungsrede gab Mohkirr einen Bericht Wer die vierjährige Tätigkeit der Jüdischen Welthilfskonferenz. Er sagte u. a.: »Vor vier Jahren tagte in diesem selben Gaal die Erste Jüdische Welthilfskonferenz, in der sich 60 Organisationen um die neue Jahne scharten. Das bescheidene Institut, das sie schuf, sollte vorerst der Zusammenfassung und Information dienen. Die großen Katastrophen der Judenheit zwangen uns. zu konkreten Hilfsaktionen zu schreiten. Ans den Ruf der jüdischen Flüchtlinge, die sich in Bessarabien aufhieltcn, mußten wir mit brüderlicher Hilfe antworten. Das Flüchtlingsproblem beschäftigte uns zwei Jahre lang. Darauf folgte unsere .Hauptarbeit in Rußland. In unserer Mitte weilten die Schatten von hunderttausend ermordeten Inden. Im Herbst des Jahres 192, setzte unsere Aktion für die Opfer des grausamen Hungers in der Ukraine ein. Durch Vermittlung der französischen Regierungsstellen stellte uns das französische Rote Kreuz ein ungeheures Lager von Leoensmitteln un-d Medikamenten zur gleichen Verteilung von je 50 Prozent unter Juden und Nichtjuden zur Verfügung. Wir verfrachteten ein Schiff mit insgesamt 1 100 000 Krlogramm, welches unter der Flagge der Jüdischen Weltwlfükonserenz am 25. Oktober 1921 ans Dünkirchen absegelte und lm November in Odessa landete. Wir arbeiteten tn der Ukraine bald unter dom Protektorat der Nansenschen Orbald unter dem Schutz der Internationalen Union für Kmöerhilfe, bald mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes.. Insbesondere waren wir ans dem Gebiet der Hilfe für das jüdische Kind tätig. Die Gäste unserer 31 Kinderküchen waren mehr als zur Hälfte Waisenkinder. Es sei erwähnt, daß sogar die dnrch den Krieg berabgekommenen osteuropäischen Länder der Jüdischen Welthilfskonferenz insgesamt 579 000 Frs. für kollektive Hilfe und 2500 000 Frs. für individuelle Hilfe leisteten. Auf dem Gebiet der medizinisch-sanktüren Arbeit schuf die Jüdische Welthilfskonferenz zuerst ganz selbständig, später in Verbindung mit der Gesellschaft „Ose" ein großes Netz von Klnder-Ambulatorien, medizinischen Stationen, Sanatorien üsw. Wir unterstützten durch die Gesellschaft „Ort" eine Anzahl Berufsschulen und haben den landwirtschaftlichen Kolonien eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. So haben wir auch den Chaluzim in der Fachausbildung zu helfen gesucht. In den letzten Jahren ist leider das Interesse für die Hilfstätigkeit im allgemeinen erlahmt. Seit drei Jahren beschäftigen wir uns mit dem Problem der Vereinigten Jüdischen Vvlksbank. Wir hoffen, daß dieses Forum dem Problem einen größeren Ernst entgegenbringen wird. Unsere Beziehungen zu den internationalen Humanitären Organisationen gewährten uns die Möglichkeit, von dem Apparate dieser Organisationen Gebrauch zu machen, aber auch verschiedene recht ich-politischc Aktionen durchzusühren. Wir griffen erfolgreich ein, als 33 000 Flüchtlinge aus Bessarabien ausgewiesen werden sollten. Unsere Intervention wurde vom Vertreter des Völk-'rbundes und des Internationalen Roten Kreuzes in Bukarest gestützt. Dadurch wurden die Flüchtlinge vor einer sicheren Katastrophe gerettet. Erst neuerdings intervenierte die Wclthilfskonferenz bei der französischen Regierung zugunsten der in Cherbourg angesammelten jüdischen Emigranten, worauf die französische Aus dem Inhalt: Bericht von der jüdischen Welthilfskonferenz. — Dr. Felix Eoblenz: Liberales Judentum. — Dr. Wiener-Stettin: Zu Elbvgens 50. Geburtstag. — Botho Laserstein-Berliu: Die zehn Gebote. * Max Noseufeld-Dresdeu: Moses. — Dr. Ludwig G Davidjohu-Berlin: Beer-Hofmann. — Dr. fij Spanier-Magdeburg: Herrmann Cohen und yf Paul Natorp — Vom Berg: Spaziergänge [| durch „völkische" Literatur. — Clara Schottj| Leipzig: Tusche. * 8 Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Bersammlungs- D kokender. — Kalendarium. Plebs. Zu der Sitzung des Reichstags vom 26. August, während der Debatte über das Londoner Abkommen, hielt der sozialdemokratische Abgeordnete und frühere Reichsfinanzminister Dr. Rudolf Hilferding eine viel beachtete Rede, in welcher er in formvollendeter und überzeugender Weise gegen die Deutschnationalen polemisierte. Abg. Hilferding wurde wiederholt aus den Bänken der Nationalsozialisten durch den Zuruf „Sanjud" unterbrochen. Nach Schluß der Rede Hilferdings erteilte der deutschnationale Präsident Walrasf einigen Nationalsozialisten wegen öeses Schimpfwortes nachträglich Ordnungsrufe. In derselben Sitzung sprach auch der dentschfoziale Avge-j ordnete Richard Kunze, der ausführte, der Londoner Pakt! bedeute, daß ganz Deutschland an eine „Judenbank" ausgeliefert werden soll. Von der amerikanischen Präsidentenwahl. Der Kandidat der demokratischen Partei. John W. Davis, äußerte sich über die in der Präsidenten-Kampagne aufgeworfenen Fragen der Raffe und Religion folgendermaßen: „Zu dem von uns angenommenen. Programm habe ich noch etwas hiuzuzufügeu: Wir haben uns die Gelegenheit entgehen lassen, unseren Glauben an die konstitutionellen Garantien der religiösen Freiheit nochmals zu betonen und jede rassische oder religiöse Unduldsamkeit zu verurteilen. Sollte ich zum Präsidenten gewählt werden, so werde -ich mich nicht darauf beschränken. Intoleranz und Rassenvorurteile zu bekämpfen. Da ich als Präsident die Macht haben werde. Tausende von Personen in Aemtex zu berufen, so wird meine Hauptsorge darauf gerichtet sein, daß der zu Wählende ehrenhaft und der Konstitution treu ist. Kein Rassen- oder Glanbensunterschied wird mich in der Wahl beeinflussen." Ein Weltrabbinal? Der Oberrabbiner Kook traf am 19. März in Begleitung der Rabbiner Schapiro und Epstein aus Litauen in New York ein. Der Zweck der Rabbiner-Delegation war, dem amerikanischen Zentral-Hilfskomitee in der Kampagne zur Aufbringung von einer Million Dollar zugunsten der jüdischen Lehranstalten im Auslande zur Seite zu stehen. Während seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten wohnte Oberrabbiner Kook der 22. Jahresversammlung der Union der orthodoxen Rabbiner in Amerika bei und entwickelte hier den Gedanken, daß das Hauptrabbtuat Palästinas, das von Ser britischen Regierung offiziell anerkannt ist, z» einem Weltrabbinat durch Einbeziehung der größten jüdische» Gelehrten der Welt erweitert werden soll. Diese Anregung wurde ausgenommen und es wurde beschlossen, daß das Hauptrabbinat die geistliche Behörde des gesamten Judentums sein solle. Die Versammlung setzte ein Komitee ein, das für die Errichtung eines angemessenen HetmS für das Hcmpt-Rabbinat in Jerusalem, das alsdann zum Weltrabbtnat proklamiert werden solle, Vorsorge M treffen hätte. Oberrabbiner Kook erklärte, sein Vorschlag ziele vorläufig noch nicht darauf hin, das alte Syrchedrion in Jerusalem wieder ins Leben zu rufen: dafür sei gegenwärtig noch keine Möglichkeit vorhanden, das Weltrabbinat sollte nur ein Anfang sein. Ueberzeuqungsireire. Das Budapester Oberste Militärgericht hat den Advokaten Dr. Max Vilagosi aufgefordert, die Verteidigung des Massenmörders von Otgovany Johan Zbona, der zahlreiche Juden umgebracht hat, zu übernehmen. De. Vilagosi erklärte aber, daß er die Verteidigung Zbonas, der mehrere seiner Glaubensgenossen bestialisch abges 5i l achte t hat, nicht übernehmen könne. Es wäre gegen seine Ueberzeugnng, für Milde gegen einen solchen Massenmörder zu plädieren. Regierung denselben die Erlaubnis zum dauernd«» enthalt in Frankreich gewährt hat. Was die Zukunft anbetrifft, so tst die Not kr Rußland noch lange nicht zu Ende. Aber auch in zahlreichen andere» Ländern ist die jüdische Lage trostlos. Man spricht seit eineinhalb Jahren von einer Gebemüüigkeit. Ich halte es für eine Pflicht der Konferenz, unseren amerikanische» Brüdern zuzurufen: „Noch ist nicht die Zeit gekommen, da «rt* müde sein drüferr." Das Elend der Auswanderer, die jetzt hilflos in den Hafenstädten liegen, ist unbeschreiblich." Mvtzkin begrüßte alsdann im Namen der Welthtlfskonferenz die erschienenen Vertreter der Stadt und der Jüdischen Gemeinde Karlsbad, sowie die Vertreter der tschechoslowakischen Regierung und der verschiedenen Organisationen des tsechoslowakischen Judentums. Die Begrüßungsansprache« -er Regierrmgsvertreter. Im Namen des Ministers des Innern der Tschechoslowakischen Republik begrüßte hierauf Regierungsrat Sieg l die Konferenz und gab dem Bedauern -es Ministers Ausdruck, daß er persönlich verhindert wäre, der Konferenz seine Wünsche zu überbringen. Im Aufträge des Ministers Kr Soziale Fürsorge -hielt Ministerialrat Tlapak eine Begrüßungsrede, in der er ausführte: „Das Ministerium für Soziale Fürsorge hat mit aufrichtiger Genugtuung wahrgenommen, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit den unerfreulichen sozialen Verhältnissen in Karpatlw-Rnßland zugewandt haben. Wenn eine der ersten und führenden Organisationen dieser Art bereits ihren zweiten Kongreß in der tschechoslowakischen Republik abhält, kann darin auch die Anerkennung erblickt werden, daß die tschechoslowakische Republik, was die Lösuna wichtiger sozialer Fragen betrifft, nicht an letzter Stelle steht." Erklärung -eS Vertreters -es Internationale» Rote« Kreuzes. Eine längere, bedeutungsvolle Rede hielt der Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes und der Internationalen Union für Kinderhilfe, Maurice Gueri, der ». a. erklärte: Ich bin von den beiden internationalen Organisationen beauftragt. Ihnen die wärmsten Glückwünsche M übermitteln und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß die Fortsetzung Ihrer umfangreichen Hilfsaktion durch die Konferenz gesichert werden wird. Unsere beiden Organisationen haben bei ihrer Arbeit das Prinzip der strikten politischen, nationalen und konfessionellen Neutralität. Bestrebt, eine Zusammenarbeit mit den große« internationalen Hilfsorganisationen herzustellen. hat das Internationale Note Kreuz z. B. die Jüdische Welthilfskonferenz zu der elften internationalen Konferenz des Noten Kreuzes eingeladen. Die Jüdische Wclthilfskonferenz hat während der vier Jahre ihres Bestehens eine bewundernswerte Tätigkeit entwickelt. Durch eine Reihe von Abmachungen ist sie mit der Internationalen Union für Kinderhilfe in Verbindung getreten, wobei, wie ich hier hervorheben möchte, ihr Vertreter in Genf, Zern Aberson, eine ungeheure Tatkraft und großes Verständnis für seine Aufgabe gezeigt hat. Begrüßungsrede« der jüdischen Vertreter. Namens -er 5karlSbader jüdischen Gemeinde begrüßte der Vorsitzende des Gemeindevorstandes R ose n selb für die Jüdische Fürsorgezentrale in der Tschechoslowakei, Ministerialrat Dr. Wiesmeyer, die Konferenz. Für den Jüdischen Nationalrat, für den Bolksverband der Juden in der Tschechoslowakei, den Kultusgemeindeoerband für Mähren, für den Verband der jüdischen Hilfsorganisationen und für die deutschen Kultusgemeinden Böhmens wurde die Konferenz durch Dr. Margulies begrüßt. Eine Ansprache im Namen der tschechischen Kultusgemeinden hielt Professor Ottokar KranS. David Aellin erklärte namens des Waad Leumi in seiner Begrüßungsrede in hebräischer Sprache, daß das Judentum in Palästina, obwohl durch die Arbeit des nationalen Wiederaufbaues in Anspruch genommen, sich doch den Problemen des gesamten Judentums aufmerksam zuwendet und zur brMerlichen Zusammenarbeit bereit ist. Im Namen des Amerikanisch-jüdischen Kongresses begrüßte D r. R 0 u g y die Konferenz. Er erklärte, das amerikanische Judentum wäre nicht müde, die Hilfsarbeit fortzusetzen. Es wäre nur nötig, zwischen der jüdischen Bevölkerung in Amerika und in Europa einen näheren Kontakt herzustellen, den amerikanische« Juden einen genaueren Begriff von der Not des Ostjudentums zu geben und ihnen die Möglichkeit zur Abhilfe zu zeigen. Namens der ostjüöifchen Vertreter begrüßte Minister Dr. S. Rosen bäum - Kowno die Konferenz in jiddischer Sprache. Die Begrüßung wurde in sechs Sprachen — hebräisch, jiddisch, deutsch, französisch, tschechisch, englich — gehalten. Wahl -es Präfi-ittms. — Borsttze«-er Leo Motzki«. Hierauf erhielt Prof. Dr. Chajes das Wort und schlug Leo Motzkin zum Vorsitzenden der Zweiten Jüdischen Welthilsskonferenz vor. Die Wahl wurde von der Versammlung einstimmig genchmigt. Zu Vizepräsidenten wurde» die folgende» Herren gewählt: Abg. Dr. Ose ax i 8063224718

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.