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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-22 · 28 (22.8.1924) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
28 (22.8.1924)
Date
1924-08-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DRITTER GUTE. Von Ernst Klippel Ehemaliger Konservator der islamischen Kultstätten Aegyptens. Wem der Herr in seinem Zorne auferlegt hat, Tag für Tag einen ägyptischen Lokalzug benutzen zu müssen, der sei weise und fahre stets dritter Klasse. Nicht etwa bloß, weil es keine vierte gibt, sondern weil in den beiden ersten die Reisegesellschaft unausstehlich ist. In No. I trifft man lauter dicke Aegypter: Paschas und wohlgenährte Beamte. Jeder nimmt mindestens zwei Plätze ein, auf den dritten legt er seine Füße. Und jeder hat einen Begleiter bei sich, einen unglücklichen Enendi, der bescheiden auf der äußersten Kante seines Sitzes klebt, fortwährend ängstlich lächelt und dabei in seinem Innern die Tage zählt, bis auch er so viel zusammengespart haben werde, um den Groß-Kophta zu spielen. Ist es somit in der ersten nicht eben gemütlich, so ist's in der zweiten beinahe noÄh unbehaglicher. Dort herrscht der Franko-Syrier. Das sind morgenländische Christen vom Libanon oder, noch schlimmer, aus Beirut, die in ihrer Jugend die Jesuitenschulen besucht und sich dort etwas Französisch, aber sehr viel Unbescheidenheit angeeignet haben. Seitdem sich die braven Briten Aegyptens angenommen haben, werden diese Syrier massenweise als Federvieh im Staatsdienste verwendet. Tritt man nun in •in solches Syrierabteil hinein, so stockt plötzlich die arabische Unterhaltung: alle die Iskanders, Selims und Negibs vergewissern sich schnell durch einen prüfenden Blick, ob es wert sei, sich vor dem Fremden zu spreizen, und dann beginnen sie französische Klischeephrasen zu schnattern. Ohne die Leute irgendwie gereizt zu haben, muß man das greuliche Geschnatter, mit furchtbar rollenden arabischen Zungen —r— au für—r—r— et ä mesure—r—r— über sich ergehen lassen. Da lobe ich mir meine Dritte: Da kennt man kein Geprotz und kein Gespreiz, jeder gibt sich mit einer erquickenden Unmittelbarkeit, Da läßt sich auch noch wirklich etwas erleben, von einer regelrechten Rauferei bis zur Niederkunft einer voreiligen Wöchnerin. Meine Geschichte spielt also in der Dritten. Es war an einem Julimittag, und es wehte ein müder Südwind. Ueber der siegreichen Stadt lag eine tödliche Glut. Die Sonne stand senkrecht und die Dinge warfen keinen Schatten mehr. Der Wind brachte keine Kühlung, er machte die Hitze nur noch unerträglicher, war es doch, als würde einem ein entsetzliches Feuer durch einen riesigen Blasebalg unablässig entgegengetrieben. In dem elenden kleinen Vorortzug, der zwischen Kairo und el-Marg fährt, erstickte man fast. Die Schaffner riefen eben mit matter Stimme ihr übliches: „Der Reisende reite!", was soviel heißen sollte, wie „Einsteigen!" Das war übrigens recht überflüssig, denn wer „reiten" wollte, oder vielmehr mußte, der briet schon längst in dem feurigen Wägelchen. Gerade als wir uns langsam in Bewegung setzten, kam noch ein Reisender herangerast. Der Mann mußte wahnsinnig sein, bei diesem Wetter noch zu laufen. Wie er in den schon fahrenden Zug noch hineinkam, trotzdem er unter beiden Armen wahre Bücherstapel trug, ist mir ein Rätsel. Es war ein Europäer, seinem Aeußeren nach zu schließen, und es war eigentlich nichts irgendwie Auffälliges an ihm. Eigentümlich war nur der sinnende, um nicht zu sagen der verzückte Ausdruck, der in seinen Augen lag. Das mochte aber auch von der Hitze kommen. Die übrige Reisegesellschaft bestand aus Eingeborenen: einem Schriftgelehrten mit erbsgrünem Turban und einem schrecklichen Fanatikergesicht darunter, einigen jungen Burschen, die aus der Stadt allerhand grell gefärbtes Zuckerwerk mitgebracht hatten und sich jetzt daran die Zähne verdarben; und ein paar alten Bauern, mit harten, schlauen Patriarchengesichtern. Dann waren noch zwei eingeborene Damen da, die unglaublich viel Spangenwerk an Händen und Füßen trugen, so daß jede ihrer Bewegungen von einem aufmunternden kleinen metallischen Klick begleitet war. Die beiden hatten wohl auch einen Beruf, aber über den spricht man nicht. Den Beschluß machte eine Reihe sehr unsauberer Kinder mit ihren vermummten Müttern. Die kleinsten waren so voller Fliegen, daß man von ihm Gesichtern überhaupt nichts sah, die größeren spuckten sich unaufhörlich gegenseitig in die Hände und drückten sie dann an den staubigen Fensterscheiben ab. Wir waren eben auf der ersten Haltestelle angekommen und sahen nachgerade aus, als ob wir alle beim Abbruch eines alten Hauses mitgearbeitet hätten, so dicht bedeckte der vom Bahndamm aufwirbelnde Staub Gesicht und Kleider, Da schaute sich der mit dem verzückten Blick ein paarmal scheu um, stand auf und setzte sich neben den Schriftgelehrten. Der nun schien über diese Ehre mehr erstaunt als erfreut, denn sein strenges Büßergesicht nahm sofort einen womöglich noch abweisenderen Ausdruck an. Wovon sie sprachen ließ sich nicht verstehen. Es mußte aber wohl etwas sehr wichtiges sein, da der Europäer sich alsbald vor Eifer rötete und mit den Händen in der Luft herumfuchtelte. Der andere beschränkte sich aufs Zuhören. Plötzlich sprang der Schriftgelehrte auf, ganz blaß vor Zorn. Mit hallender Stimme und mit einer wunderbar genauen Beobachtung der überlieferten Ausspracheregeln zitierte er den dräuenden Vers des heiligen Buches: „Siehe, die so verdrehen, was Allah herabgesandt hat, die verzehren in ihre Bäuche hinein nichts als das Feuer, und Allah wird sie am Tage des Herzklopfens nicht anreden!" Damit verließ er den Ungläubigen und ging in den nächsten Wagen. Auf den Franken schien jedoch dieser Abfall gar keinen Eindruck zu machen. Er kehrte ruhig auf seinen Platz zurück, nahm von seinen Bücherstapeln einige himmelblaue Heftchen und steuerte damit stracks auf die jungen Leute mit dem Zuckerwerk zu. Die machten ihm höflich Platz. Sie boten ihm sogar von einer riesigen Zuckerpuppe an, mit deren Zerstörung sie eben beschäftigt waren. Er nahm wirklich ein Stück. Während er noch an dem scheußlichen Zeug würgte, hatte er schon eins von seinen Heftchen aufgeschlagen und begann daraus vorzulesen. Es war Arabisch, sehr gutes Arabisch, bloß seine wunderliche Aussprache erschwerte manchmal das Verständnis. Die jungen Burschen hörten denn auch anfangs nicht allzu achtsam zu, sie blinzelten zu oft nach den beiden Damen mit den vielen Spangen hinüber. Dann aber kam eine Stelle, wo behauptet wurde, Christus sei „vorzüglicher" denn Mohammed. Nämlich, weil er ein Prophet und zugleich ein Erlöser, Mohammed dagegen bloß ein Prophet gewesen sei. Das alles wurde mit einem näselnden Pathos vorgetragen. Zunächst folgte auf diese Worte eine beunruhigende Stille. Die Jungen legten ihr Zuckerwerk weg. Sie nahmen eine feindselige Haltung ein und der älteste von ihnen rief: „Verflucht sei der Vater deiner Ketzerei! Pfui über dich, du Hundesohn, mach', daß du von uns wegkommst!" Und die andern spuckten dem ganz verdutzten Fremdling auf die Stiefel. Einen Augenblick sah es aus, als wenn sofort ein furchtbares Strafgericht vollzogen werden würde. Selbst die beiden Damen schienen mit eingreifen zu wollen: sie zogen wie auf Kommando jede ihren rechten Schuh aus und nährten sich damit der Bank, auf der der Traktatverteiler noch immer saß. Er war sich anscheinend über den Ernst der Sachlage nicht recht klar, denn er hatte die Hände gefaltet und starrte mit einem Märtyrerblick an die Wagendecke, wobei er fortwährend murmelte: ,,'t is for Christs' sweet name!" Die Leute waren im besten Zuge, eine große Dummheit zu begehen, für die sic sicher hätten schwer büßen müssen. Ein Missionar von fanatischen Eingeborenen mißhandelt, den Bissen hätten sich die Briten um keinen Preis entgehen lassen. Zum Glücke legte sich einer von den alten Bauern ins Mittel. Erst schimpfte er urkräftig, dann wies er darauf hin, wie gefährlich solche Händel mit Europäern seien: da nütze nachher kein Bakschisch noch sonst was. Dann deutete er an, daß dieser besondere Franke zweifellos verrückt sein müsse, sonst würde er doch nicht so unsinnig geredet haben. Schließlich schob er die Aufgeregtesten einfach beiseite, klopfte dem auf ein Haar zum Märtyrer gewordenen zärtlich auf die Schulter und führte ihn dann zu seinem Bücherstapel zurück. Ja, er ging noch weiter in seiner Menschenfreundlichkeit: er setzte sich neben ihn, und ließ sich gar aus den verhängnisvollen Heftchen vorlesen. Bald machte er bescheidene Einwendungen, bald stimmte er eifrig bei. Der Missionar glühte vor Begeisterung; eine so nach Erleuchtung dürstende Seele hatte er noch nie gefunden. Er schenkte dem Alten immer ein Traktätchen nach dem andern. Als wir in Matarieji anlangten, war auch das letzte Heft weggegeben. Dort stieg der Franke aus. Er wollte am Marienbaum für seinen Freund beten, wie er sagte. Nun fuhren sie alle auf den Alten los. Warum er den j Ungläubigen vor den Prügeln gerettet und dann gar noch die heidnischen Reden mitangehört habe? Die Teufelsbücher aber solle er verbrennen, sonst werde er am Ende selbst zum Ketzer. Da guckte der alte Bauer erst vorsichtg zum Fenster hinaus, ob nicht der Franke noch in Hörweite sei. Dann lachte er, daß sein eisgrauer Bart zitterte, und sagte: „Sie sind wie kleine Kinder, diese klugen Franken. Sprich zu ihrer Rede dreimal ja und dann einmal nein, so hast du ihren Verstand gefangen. Scheltet mir aber nicht diese Bücher, denn sie sind nützlich; sie sind von sauberem, starkem Papier. Meiner Tochter Mann macht nämlich im Dorfe einen Kramladen auf; nun bringe ich ihm dies, damit er darin einwickele, was immer er verkaufen mag." TUSCHE. Erzählung aus dem kleinbürgerlichen Leben, Von Clara Schott, Leipzig. Sie trug den eigentümlichen Namen „Tusche". Woher er kam, wußte niemand zu sagen. Ein Ethymologe hätte ihn weder im Griechischen noch im Lateinischen finden können, und im Hebräischen brauchte er auch nicht zu suchen. Kurz, sie hieß Tusche und wohnte in der jüdischen „Gass". Tusche war ein hübsches Mädchen, wer sie ansah, hatte seine Freude. Und diese Freude konnte sich ein jeder machen, der durch die „jüdische Gass" ging. Denn entweder saß sie am Fenster und stickte, oder sie saß mit guten Freunden vor der Tür. Nicht etwa auf der Schwelle, nein, sie gehörte schon einer besseren Klasse an, vor ihrem Hause hatte der Vater, der „Kappchenmacher" gewesen, eine grünlackierte Bank hingestellt. Und diese Bank mußte eine große Anziehungskraft besitzen, denn sie war fast nie leer. Vielleicht kam es auch daher, weil die Betschul in der Nähe, und wer dorthin ging, oder von dort herauskam, traf sich gern mit seinen Bekannten: beim Kappchenmacher „uf de Bank". Am Vormittag, wenn Tusche am Fenster saß, hörte sie das Gespräch der Balbatim, die aus Schul kamen, und das sich auf allen Gebieten bewegte. Von Politik kam man auf den Chasen, der nun alt wird, vom Chasen auf den Rabbiner, den das traurige Los getroffen, dieser Herde als Hirte zu dienen und der es niemandem recht machen konnte. Dann wurden Familienverhältnisse besprochen, „Pleites" vorausgesagt und, was Tusche am liebsten hörte — Schiduchim geredet. Dann spitzte sie die Ohren, um ihren Freundinnen etwas erzählen zu können — wie sie sich sagte! — im Grunde genommen wollte sie aber gern wissen, ob nicht auch jemand ihren Namen mit dem eines andern in Verbindung bringen würde. Nun ja, sie war arm; kein Mensch würde durch sie zum Rothschild, aber sie war jung und hübsch, und arme Leute haben doch auch ein Herz. Wenn alle Mädchen einen Glossen bekommen, warum sollte sie leer ausgehen? — Der lahme Wolf, der ihr gern in die Backen kniff, hatte neulich gesagt: „Tusche, bei mei' Leben, einen Glossen schaff ich dir — wie ihn noch keiner hier in M. gesehen hat." Und wenn auch Flora, ihre Freundin, verächtlich gesagt hatte: „Pah, der Prahler, was der schon bringen wird" — sie glaubte an den lahmen Wolf, der in Frankfurt auf der Messe als Schadchen glänzend angeschrieben war. Aber, das war doefi bar: wenn er vor der Tür saß und von seinem gut assefa tierten Lager sprach, hatte er nie ihren Nam®n genannt. Sie ward nachdenklich.? „Nun, wenn er keine großen Ansprüche macht h» Zielenzig kenne ich eine —" Da lachte sie, die Neugierde siegte, sie Vergaß, über sich selbst nachzudenken, und horchte, was über Zielenzljg gesprochen wurde. , „Wie heißt Ansprüche?" fiel der lange Sdumd diy „der Mann will seine zweitausend Taler." „Die Minimaltaxe", dachte Tusche und seufzte; $fa hatte keinen Pfennig und was für Schund gab es für „bloß" zweitausend Taler! „Un was hat er?" —- Der lahme Wolf zog den fragen^ den Ton sehr hoch und machte die dazugehörige Hand*; bewegung. „Häste Frage, was er hat! Na!" — er wandte sfcK zu einem allerdings am frühen Morgen kleinen Auditorium, „was er hat — ne Frage! Nischt hat er, er wiH sich etablieren." „Un in waas?" Den Lahmen schien das Thema s^r aufzuregen, sein Ton klang gereizt und er blickte seinen „Kollegen", mit dem er oftmals Hand in Hand gearbeitet, nicht gerade freundlich an. Der lange Schmul kam aber auch in Wut, „Weiß ich viel!" Er zog seine Schultern in die Höhe, die Stirn kraus und wiederholte: „ach ne Frage! E1 Jung braucht nischt zu haben, er is immer ne gute Partie. Warum? Kriegt er Geld in die Hand, macht er e Geschäft auf, und 's geht!" „Ewade geht's — so oder so! Ick wer mer meine Kundschaft nischt verderben wegen deiner Rebb, Schmul! ... Nein, die Zielenzigerin kriegt er nischt, ich bin e ehr-; licher Mann, ich leg nich so’n arm Mächen 'rein. Die kriegt einen Handwerker, oder einen Etablierten, wo ich weiß, was er verdient, nischt einen, der erst mit ihr Geld —" „Waih mir, der Mensch ist doch meschugge geworden!" fiel Schmul ein, und nun begann ein Streit, der weithin hörbar wurde. Aber kein Fenster öffnete sich in der stillen Gasse, keinen Zusammenlauf veranlaßte er; man wußte in der Nachbarschaft, daß um diese Zeit „Zusammenkünfte" stattfanden, und daß es dabei stets „etwas" hoch herging. „So wahr ich leb'," rief jetzt wütend der lange Schmul, „so wahr ich leb’, mit dir mach' ich nischt mehr zusammen!" Damit erhoff er sich, die anderen mit ihm, und die „Sitzung" war boffndet. — Tusche war nicht ewa alteriert über die erhitzte Szene; ohne Zank und Streit kamen die beiden „Freunde" ja nie zur „abgemachten Sach ". Das junge Mädchen suchte in Wollfäden herum nach einem roten Faden; nur noch einen, dann waren die Schuhe, die sie zu sticken hatte, fertig. Als sie ihn jetzt durch die Nadel zog, dachte sie an die Zielenzigerin, für die sich der alte Wolf so erhitzt hatte. Das war eine putzige Sitte, daß erst ein Schadchen zur Ehe nötig war! Und so wie sie Stich an Stich reihte, so kam ihr ein Geidanke nach dem andern. Da war's doch bei den Christen weit schöner; die Marie Wagner, mit der sie befreundet, hatte vergangene Woche Hochzeit, sie hatte sich die Trauung mit angesehen. Und vorher hatte ihr Marie auch das Brautkleid gezeigt, das ihr der Bräutigam geschenkt. Und die Einrichtung, alles war von ihm gekauft. „Ihr habt's aber gut," hatte Tusche gesagt, „Ihr bekommt noch was dazu, wenn ihr heiratet, aber wir müssen so viel geben, sonst nimmt uns keiner." Da hatte die hübsche Marie gelacht, daß man ihre blendenden Zähne sah. „Na, dann werdet ihr gewiß auch weniger wert sein," hatte sie geantwortet. „Und die Männer bei uns mehr?" gab ihr gutgelaunt die Jüdin zurück. Jetzt dachte sie wieder daran, sie mußte doch mal mit Flora darüber sprechen, warum es nicht auch bei den Juden so ist, daß sie sich aus Liebe heiraten. „Nun denkst du denn, daß es bei uns nicht auch vorkommt? — In den großen Städten —• alle Tage. Hier bei uns fehlt bloß die Gelegenheit dazu, es sind doch keine jungen Leute hier, bloß —" — sie errötete, als sie an HerrnFrühauf dachte, der bei Levies ins Speditionsgeschäft eingetreten war, den — ach den hätte sie zu gern haben mögen. Aber sie hatte erst neulich gehört: „Der kann große Ansprüche machen, der nimmt sich eine mit fünftausend!" Nein, zu Herrn Frühauf konnte sie ihre Augen nicht erheben. Sie durfte höchstens bh zur Minimaltaxe, und dabei war sie doch noch besser daran wie ihre Freun», din Tusche. Was nur aus ihr werden würde? Säe hatte doch keinen Pfennig. Und die Arme war so verblendet, noch immer von ihrem Herzen zu sprechen. Bald fand sie den, bald den schön, und sie mußte sich doch denken können, daß kein „Jung" ein armes Mädchen nehmen wird. Nebbich!" „Guten Tag, Flore." Tuschens Mutter, eine breit-, taillige, etwas schwerhörige Frau, war mit einer braunen Kaffeekanne in der Hand eingetreten. „Guten Tag, Frau Bendel." Das junge Mädchen reichte der Frau die Hand. „Flore," begann dies® — Flora war ihr zu hochdeutsch und zu vornehm, „über dir hab' ich mir sehr geärgert." Bestürzt sah das junge Mädchen sie an. „Warum denn?" „Nu ja, alle Abend kommst de Tuschen abholen; ich möcht nor wissen, wo ihr hinläuft uf die dunkle Chaussee? — es paßt sich gar nich vor ein jüdisch Kind!" „Nun, wo sollen wir denn hingehen? Den Tag über arbeitet Tusche, abends will sie doch an die Luft." „’s steht doch 'ne Bank vor de Tür." „Sie will doch aber spazieren gehen!" „Man geht nischt spazieren. Was heißt Spazierengehen! In mein' Zeit is man auch nischt spazieren gegangen.“ Die Mädchen schwiegen. Tusche zog hastiger als erst ihre Fäden durch den Kanevas. Die Alte holte defekte Tassen, stellte sie auf den ungedeckten Tisch und goß etwas wässerigen Kaffee ein. „Kommt, setzt euch ran," sagte sie mürrisch. Schweigend setzte sich ihre Tochter ihr gegenüber, während Flora sich verabschiedete. Es schien ihr hier zu ungemütlich, Am Abend kam sie auch nicht „auf die Bank". Tusche hatte auch keine große Lust, hinauszugehen, sie öffnete das Fenster und setzte sich davor. (Fortsetzung folgt.)

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