Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 27 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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durchführen lasse» und sie hat aus die Weise aus dar Mische Element -eu Verdacht gelenkt, alS ob dieses die Aufstandbowegung unterstützt Hütte. Wie«. Die „Union -eutschvsterreichischer Juden" beklagt den Heimgang von Siegfried Fleischer, -er 27 Jahre als ihr Sekretär tätig war. In dem Nachruf heißt eö u. a.: „Siegfried Fleischer kam von -er Journalistik, der er sich frühzeitig widmete, als Schüler und Bekeuuer -er wahren Demokratie unter Kronawetters Fahne -ur Union. Damals war Hochkonjunktur des Lueger-Liechtensteinschen Antisemitismus. Eine Kampfnatur wie Fleischer, unerschrocken und rücksichtslos, war sich über die Notwendigkeit der organisierten Abwehr klar. Er brachte Schwung und Zug und Initiative in die Union, deren Mitgliederzahl und Wirkungsgebiet ständig wuchsen. Meister des geschriebenen wie gesprochenen Wortes. widmete er seine rege Arbeitskraft, seinen nie ermattenden Eifer der Anwaltschaft verfolgter Juden, die im Rahmen des gleichfalls von ihm kreierten Rechtsschutzbüros ausgeübt wurde. WaS er an Zeit erübrigen konnte, widmete der Sekretär der Union unzähligen Jnformations- und Agitationsreisen." Versammlungskalender. BreSla«. lJüdtsch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger"). Sonntag, den 81. August 1824 GanztagSauSflug nach dem Oderwald und Smortave. Abfahrt 8,46 Uhr vor«. Hauptbahnhof. Bahnsteig 8. nach Ohlau. Weiterfahrt «tt Postauto nach Peisterwitz. Sonntagsfahrkarte IV. Klaffe nach Ohlau selbst lösen. Führung: Herr Georg JonaS-Ohlau. Wir erwarten rege Beteiligung unserer Mitglieder. Der Ausflug findet bei teder Witterung statt. Die Beiträge für das III. Quartal mit 2 Mark einschl. Zeitungsabonnement sind bereits seit 1. Juli fällig, Einzahlungen sofort erbeten auf Postscheckkonto Breslau Nr. 17 443, Alfred Berger. Jeden Montag, abends von 8 Uhr ab. treffen sich unsere Mitglieder im Kurgarten Küraffterstraße. Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen. Der jüdische SpredtsaaL Jüdische Jugend und Antisemitismus. Mehr als jedem anderen Kinde kommt heute dem jüdischen der Ernst des Daseins zum Bewußtsein. Wo findet es heute noch das schöne Land der Jugend, in dem es sich wie in seiner eigenen Welt seinem Wesen entsprechend tummeln kann? Wo findet es heute noch kameradschaftliche Spiel- und Studiengenossen? Wenn andere Kinder fröhlich spielen und scherzen, so darf es nicht mittun: nein, einsam und verlassen sitzt es in seiner Ecke und — weint und fragt sich: warum? Bin ich nicht auch ein Mensch aus Fleisch und Blut? Habe ich nicht auch die Berechtigung, als Kind meine Jugend zu verbringen? Weshalb soll und muß ich mich mit Dingen beschäftigen, die für meinen Geist zu hoch sind? Allein, es ist so. Uns jungen Juden ist die wahre Jugend genommen. Die sonst so sorgenlose Schulzeit hat einen üblen Beigeschmack bekommen: die Freude an ihr ist zu einem guten Teil geschwunden. Der blöde Antisemitismus, der dieses alles auf seinem Gewissen hat, lastet wie eine Zentnerlast auf jeder dieser Kinderseelen. Selbst der kleine Sextaner bleibt von ihm, der mit der zunehmenden „Reife" seiner Jünger wächst, nicht unberührt. Ist es eigentlich nicht unfaßbar, wenn sich christliche Schüler von ihren jüdischen Mitschülern. mit denen sie in früherer Zeit freundschaftlich verkehrt haben, nicht nur grundlos zurückziehen, sondern sie auch geistig und körperlich bekämpfen? Legen wir uns nun die Frage vor. wer die Schuld daran trägt, daß zumal auf den höheren Schulen ein derartig großer Antisemitismus Platz greift, so können wir darauf keine einfache Antwort geben. Recht viele Umstände und Verhältnisse sprechen hier mit. Ganz natürlich ist die Beeinflussung. die von den Eltern ausgeht. (Die Kinder lesen die bestimmten politischen Parteien dienstbaren Zeitungen un ' Mriften, sie hören ihre Eltern abfällig über die Ir lrechen.) Da natürlich das gedruckte Wort und das, we ms dem Munde der Eltern kommt, unbedingt wahr sei; z. werden die Kinder voreingenommen, und eben dadaß ihre Gedanken und Anschauungen schon vor der etz >en Reife in bestimmte Bahnen gelenkt werben, verlie e nicht nur die Kraft des eigenen Urteils. sondern be sich auch gar nicht mehr, sich ein solches zu bilden, da bereits zu besitzen sich einbilden. Auf Grund der au! Weise gesammelten „Erfahrungen" glauben dann ur junge Menschen eine eigene Anschauung zu haben, mi sie sich allzu gern brüsten. Wie wäre es sonst zu wenn man Schüler von 13 bis 14 Jahren heute sagen hört: „Ich bin deutschnativnal" oder „ich bin deutschvölkisch". Neben der vom Elternhause ausgehenden Beeinflusiung tst eS die, welche von bestimmten Vereinen ausgeht, die überhaupt etu Kapitel für sich bilden. Ohne Bedacht gestatten die Eltern ihren Kindern den Eintritt in derartige Vereine, die, unter welchem Namen sie auch immer bestehen, doch alle die gleichen Absichten baden: die Anschauungen der Jugend in bestimmtem Sinne zu beeinflussen. Welche andere Arbeit leisten denn alle diese Vereinigungen sonst an der Jugend? Leisten sie irgendwelche Jugendarbeit? Besteht ihre .Haupttätigkeit nicht vielmehr darin, mit Windjacken und Hitlcrmiitzen umherzulaufen. sich in dieser Aufmachung bei jeder Fahnenweihe und Denkmalsenthüllung wichtig zu machen, Andersdenkende zu belästigen, allerlei schöne Lieder zu singen und sich sonst rowdimäßig zu benehmen. Glaubt man wirklich, mit solchen Faxen deutsch-völkisch zu sein? Aber man redet es sich eben ein. Alles für den äußeren, nichts für den inneren Menschen, ist die unbewußte Parole. Wenn man in dieser wotan-göttlichen Zeit noch das Psalmistenwort „Der Mensch sieht aufs Aeußere. Gott aber auf das Herz" anführen darf, so trifft dasselbe bei diesen unfertigen Menschen ganz besonders zu. Wo bleibt da die Erziehung der Jugend durch Jugendvereine zu sittlichen Pcrsönlichk>'iten? J>t es überhaupt richtig, daß Schülern gestattet wird, sich politischen Jugendvcreinen anzuschließen — eine Erlaubnis, die meines Wissens das Kultusministerium gegeben hat. Denn daß Schüler in diesen Vereinen zu Staatsbürgern im Sinne der Weimarer Verfassung erzogen werden, dürfte wohl auch völlische Logik zu beweisen nicht in der Lage sein. Kommt daun aber einmal ein ministerielles Verbot eines dieser Vereine, dann hat man natürlich die Stirn, zu behaupten. der Verein sei ein reiner Jugendverein, der sich politisch gar nicht betätige. Der politische und antisemitische Cßatakter von Vereinen wie Bismarckbnnd. Deutsche Irgend, Jnngdo, Werwolf nsw. ist ja bekannt. Interessant aber wäre es. einmal aus verschiedenen größeren Städten die Einstellung des Hereins fü.r das Deutschtum im Ausland" und der „Technischen Nothilfe" den Juden gegenüber zu erfahren. Was meine persönliche Erfahrung angeht, so kann ich sagen, daß die mir bekannten Gruppen dieser beiden Vereine durchaus antisemitisch eingestellt sind, z. T. — was bei den anderen obengenannten natürlich ist — Juden als Mitglieder nicht aufnehmen oder nach der alten Devise: „non oiet" Inden nur zum Beitragzahlen heranziehcn. Es wäre traurig, daß Vereine mit so schönen Zielen, wie sie die beiden letztgenannten haben, eben aus den angeführten Gründen, falls dieselben Verhältnisse wie die mir bekannten, auch anderweitig herrschen sollten, nicht von Inden unterstützt werden könnten. Einen unmittelbaren Einfluß übt natürlich auch die Schule auf den jungen Menschen aus — heute leider auch in politischer Beziehung. Die Klagen über antisemitische Betätigung vieler Lehrer sind alltäglich. Gerade sie sind es vielfach, die den Haß gegen die jüdischen Schüler immer aufs neue schüren. Ist es faßbar, daß Lehrer vorurteilslose christliche Schüler auffordern, den Verkehr mit jüdischen Mitschülern aufzugcben? — ein Fall, den ich selbst erlebt habe. Wenn Eltern in früherer Zeit die Entschuldigung ihrer Kinder: das hat der Lehrer nur deshalb getan, weil ich Jude bin. glattweg verwarfen — man soll diese Entschuldigung natürlich auch heute nicht immer gelten lassen — so sind diese Entschuldigungen honte leider zu oft begründet. Die Schule hat einen Teil ihres würdigen Charakters durch die politischen Treibereien eines Teils der Lehrerschaft eingebützt. Bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten wird der Gegenstand des Unterrichts ins Politische gezogen, wobei man sich natürlich antisemitischer Andeutungen auch nicht enthält. Unbeanstandet dürfen bei derartigen Lehrern die Schüler in Aufsätzen die gröbsten Gemeinheiten und Lügen schreiben. Hat man z. B. bet der Anfertigung eines Aussatzes nur wenig Stoff zur Verfügung, schnell ein FluMlatt herbei — man hat ja von der letzten Reichstagswahl. bei der man tüchtig Flugblätter angeklebt und verteilt hat, noch einige übrig behalten — und schon sind mehrere Heftsetten mit allerlei Wahlgeschwätz vollgeschmiert. Das sonst so wachsame Auge des Lehrers sieht hierbei, wo es sich um Wahrung „völkischer Belange" handelt, natürlich nichts. Dann darf man auf Juden, Andersdenkende, Reichsverfassung und alles, was gerade in den Lauf kommt, schimpfen, ohne überhaupt jemals einen Juden näher kennengelernt zu haben, ohne jemals die Weimarer Reichsverfassung gelesen zu haben. So muß alles, was man nur irgendwie vom Hörensagen kennt, sich eine Kritik", die ihrerseits irgendwoher abgeschrieben ist, von diesen Geistesheroen gefallen lassen. Und des Lehrers Auge strahlt, wenn er liest — hier nur ein Beispiel (sie ließen sich noch vermehren) in einem Aufsatz „Wie würde ich meinen Sohn erziehen?": ,^Jch würde meinem Sohn den Hatz gegen jene Schwarzgelockten eininrpfen. die sich hinterlistig das Bürgerrecht ergaunert haben." Sollte ein Lehrer wirklich dieses herrliche Gleichnis Acht verstehen? Tenn man ist ja so tapfer, nicht ganz durchsichtig. sondern in Gleichnissen und mit Attributen zu sprechen. So schreibt man daun für Juden auch zur Abwechslung das erwählte Volk in Anführungsstrichen. Daß auch Schüler -aS Alte Testament mit dem Ausdruck „Schandbuch" ablehnen, dürfte in den Rahmen ihrer sonstigen Geistesverfassung paffen. An andere kleine Schikanen in der Schule isst der jüdische Schüler natürlich gewöhnt: die Schule ist für ihn ein oft recht unerfreuliches Kapitel. — Doch auch nach Absolvierung der Schulzeit, fei eS im praktischen Leben oder auf der Universität, findet -er Jude keine Ruhe; ja, noch mehr als auf -er Schule hat er gegen den irrsinnigen Antisemitismus zu kämpfen. Die letzten Wahlen mm Stnöentenparlament re-en eine beredte Sprache hierfür. lDie kleine Abnahme -er Völkischen tst geradezu unbedeutend.) Ebenso ist auch -er Fall Millstätter an -er Münchener Universität ein rechtes Zeichen -er Zeit. Bon düsteren Wolken ist das Land -er Jugend, über de» jedem Kind« in gleicher Weife ei« ewig blauer Himmel lachen sollte, für das jüdische Kind überzogen. Diese Tatsache prägt sich mehr und mehr in dem Wesen der Heranwachsenden Jugend aus. Sie tut zwar doppelt ihre Pflicht, Mit sich aber einsam und oft verbittert, kenut häufig keine rechte Freude mehr, schließt sich mehr und mehr mit jüdischen Kameraden zusammen und sucht letzten Endes in dem beglückenden Schoß der Religion seine Zuflucht, als -er einzigen Ruhestätte des vom Leben, das ach recht oft so widerwärtig scheint, aufgepeitschten und zermürbten Geistes. Oberprimaner M... S... Fj BUCHERSCHAU. | 8. Rothschild-Worms, Raschi, ein Lebensbild (Chr. Herbst, Worms, 1924). Nachdem die Raschi-Preisschrift von Beermann und Doktor 1906 vergriffen ist, .gibt hie^der durch Arbeiten zur Geschichte Raschis und der Wormser jüdischen Gemeinde bekannte Verfasser auf 12 Seiten eine kurze Zusammenfassung des wichtigsten Wissenswerten, über unseren berühmtesten Talmud- und Bibelerklärer, unterstützt von vier ganzseitigen Abbildungen der Wormser Raschi-DenkmaLe (Synagoge, Kapelle, Stuhl und Raschi-Tor). Trotz einiger stilistischen Härten (z. B. 8. 9 „Eine Legende, die bei seiner Geburt..") ist das Schriftchen ein entsprechender Begleiter für den Besucher jener Raschi- Erinnerungen, — und mehr will es nicht sein, — Vielleicht wäre es doch richtig gewesen, den Ausdruck „Raschi-Sohrift" zu erwähnen, und daß das erste gedruckte hebräische Buch das „Raschi-Chumesch“ gewiesen ist, auch daß der Pentateuch- Kommentar die beste Vorbereitung für das Ttalumdstudium ist, und daß er sich von dem Fehlen einer Zeit, der kabbalistischen uid philosophischen Schrift-Umdeutung, fernhält, um dem Ideal einer sinngemäßen Worterklärtmg sich zu nähern. Die mitgeteilten Proben von Sagen erwecken den Wunsch nach einer Zusammenstellung aller Raschi-Sagen; sie müßte allerdings den Sagenstil besser wahren, als es hier möglich war. Fuchs-Chemnitz. Dr. L. Olschwanger, Venerische Krankheiten, herausgegeben vom Vorstand für jüdischen Gesundheitsschutz „Osie“ Berlin, 1924. Die vorliegende Schrift ist von einem Verbände herausgegeben, der schon vor dem Kriege durch seine Aufklärungsarbeit über hygienische Dinge unter den Juden des Ostens viel Segen gestiftet hat. Er bemüht sich in der neuesten Zeit, sein Werk wieder aufzunehmen und gibt in jüdischer Sprache kleine populäre Schriften heraus, die er in großen Massen unter dem entsprechenden Publikum verbreitet (der Name Ose i$t übrigens die Abkürzung des russischen Titels des Verbandes). Das hier angezeigte Schriftchen verbreitet sich in einfacher, klar verständlicher Sprache über seinen Gegenstand, der ja leider unter unseren Glaubensgenossen im Osten ebenso sehr beachtet werden muß wie im Westen. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß sowohl diese wie andere Schriften des Verbandes den Segen verbreiten, den sie stiften können. Robert Hirschfeld. Jakob Ebions Tod. Von RinaW&ldisberg. Ein drückender Junitag löste sich in schwüler .Dämmerung auf. Die Häuser des polnischen Dorfes Likowka waren fest* lieh geschmückt, und auf dem Kirchendach wehte die große weißblaue Fahne. Es war am Vorabend des hei-. Ügen Johannisfestes, den sich die Likowker zum Schutz- ' patron ihrer Kirche erwählt hatten. Durch die engen Gassen des Dorfes schleppte sich ein alter Jude mit seinem Hausierkasten. Seine Bürde war noch so schwer, wie am frühen Morgen. Rastlos war er den ganzen Tag von Haus zu Haus gewandert, und doch lagen in seiner Tasche weniger Münzen als in der eines Bettlers. Die Last der Jahre und des Hausierkastens hatten die schmächtige Gestalt des Juden vornübergebeugt. Durch seine mageren Hände lief fortwährend ein Zittern. Seine Augen blickten scheu und ängstlich. —• Diese Augen bildeten einen seltsamen Kontrast zu seinen schöngeschnittenen Zügen, auf denen noch ein letzter Schein aus der Prophetenzeit seines Volkes lag. Jakob Ebion dachte an sein krankes Weib und seufzte. Fern, in dem Städtchen Zarow — zwischen den kahlen Wänden eines Dachzimmers — lag seine alte Lebensgefährtin. Schon jahrelang war sie an das Lager gefesselt, und jeden Tag und zu jeder Stunde war sie bereit einzugehen in das Reich ihrer Väter. Ein alltäglicher Hausierer war Jakob Ebion nicht. Schon in seiner Jugend war er ein eifriger Talmudist gewesen. Wie noch viele andere seines Stammes verbrachte er seine Abende mit Lesen und Sinnen, und oftmals saß er bis tief in die Nacht hinein — über seine Folianten gebeugt — an dem Lager seiner Gattin. Die Kirchenuhr von Likowka schlug die neunte Abendstunde. Jakob Ebion sah das Dorf hinter sich liegen. Der Achtzigjährige hatte sich heute zu viel abgemüht — kaum noch trugen ihn seine Füße. Sein Weg führte mitten durch eine weite, endlose Heide, und dann einen Hügel hinan, genannt der Heiligenberg. Hinter diesem Hügel, auf dessen Gipfel ein Bild des gekreuzigten Heilandes stand, lag das Städtchen Zarow, wo sein Weib jeden Abend seiner harrte. Die Sonne versank hinter dem Heiligenberg. Doch kein Abendwindhauch kühlte die Hitze, die schwer und drückend über der Erde lag. Schon bog der Jude in die Heide ein, als ihm eine Schar junger Bauern begegnete, die zur Vorfeier des Johannisfestes dem Dorfe Likowka zuwanderten. „Sogar am Späten Vorabend unserer höchsten Feiertage macht er die Gegend unsicher, der jüdische Lump." Einer hatte es gesprochen, die andern stimmten ihm bei mit lautem Lachen. Jakob Ebion beschleunigte seine Schritte. Von seiner Stirne rannen große Schweißtropfen und fielen herab auf sein abgetragenes Gewand. Die Glocken von Likowka begannen den hohen Festtag einzuläuten. Jakob Ebion ging weiter, immer weiter, gleich einem gehetzten Wild. Ein kaltes Grauen bemächtigte sich seiner: woher es kam, wußte er nicht —, die Kirchenglocken machten ihn heute erzittern. — — Ueber die Heide senkte sich schon die Nacht. Am Fuße des Heiligenberges stand Jakob Ebion. Auf seinem Rücken lag schwer wie Blei der Hausierkasten, schwerer noch waren seine Füße. „Herr, zu Dir schreie ich und sage: Du bist meine Zuversicht, mein Teil im Lande der Lebendigen," kam es tief aus der Brust des alten Juden. Ueber ihn kam eine letzte übermenschliche Kraft, er bemühte sich bergan zu steigen. Endlich! Nur wenige Schritte noch-— Sein Herz fing laut zu pochen an. Jetzt stand er oben, unter dem Kreuz —. — und brach erschöpft zusammen. „Sie nennen ihn den Gott der immerwährenden Liebe. Ihre Seelen aber sind voll des Hasses und der Finsternis. — — Sie haben ihren Gott mißverstanden." Also dachte der auf der trockenen Erde liegende Jude, während seine fiebernden Augen unverwandt in die vom bleichen Monde beschienenen schmerzverzerrten Züge des Christengottes starrten. Nach einer Weile erloschen auch seine Gedanken. Er dehnte seine müden Glieder und sank in einen tiefen Schlaf. -- Neben Jakob Ebion fiel etwas klirrend auf die Erde. Er griff danach. Seine Hand hielt einen verrosteten Nagel. Er sah zum Kreuz hinauf, Des Heilandes linke Hand war losgetrennt vom Holz. Es lösten sich auch die rechte und dann die Füße. Die Dornenkrone fiel in das dürre Gras. Und der Menschensohn stieg vom Kreuze herab und beugte sich über den alten Juden. Er war der gleiche und doch ein anderer, als der da oben zwischen Himmel und Erde gehangen. Jung und in Schönheit sah ihn Jakob Ebion. Sein göttliches Antlitz sprach Schmerz, Hingebung und ein letztes Verstehen aus; seine Augen aber strahlten Liebe — — Liebe. Und des Christengottes Hand legte sich tröstend auf das Herz des in den Tod Getriebenen in seinem Namen. Dieses Herz schlug nur leise noch und langsam — immer langsamer — und dann war es still. * Ueber dem Heiligenberg glitt der erste Strahl der Morgensonne und fiel auf das blasse, verzerrte Antlitz des gekreuzigten Gottessohnes. Zu seinen Füßen im feuchten Grase lag Jakob Ebion — der Jude. Für unser. Berliner Büro suchen wir zum 1. September eine perfekte Stenotypistin Außerdem benötigen wir zu möglichst sofortigem Eintritt eine Buchhalterin die neben der Buchführung im besonderen Kartothekarbeiten zu erledigen hat. Bewerbungen mit Lebenslauf. Zeugnisabschriften und Angabe der Gehaltsansprüche sind nur schriftlich an den Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum. Berlin W 8. Mauerstr. 22, zu richten.