Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 27 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWchÄrmk3M«g Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. durch die Geschäftsstelle jährlich M. 1,50 «nzeknummerOLv. Bet freier Zufendmrg i. Snland 0LS Aldi die Mttgtteder der Vereinigung ist der Bezugspreis r rk u im Mitgltedsbeilrage enchalten. :: rr u Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Dopda. Die „Jüdisch - liberale - Settims“ erscheint jeden frettafl. SchrMieilung und Geschäftsstelle: Berlin, M au erstratze 22. Sern ruf: Amt Merkur Nr. 8725 poflfcheckkontot Berlin n\V 7 tlr.l37069 (Vereinigung für Das liberale Judentum) nad)bru(tt fflmtltcber Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Oer Redaktion gestatte« Anzeigenpreise: Die iS gespaltene Ronpareillezeile 0»4S Goldmark, die »eklamezeile S.00 «oldmark, n » v bet Diederholnugeu Rabatt. :: rr ti Anzeigenannahme: De. Richter » Lo„ S.M.H.H» Berlin S 4L. Ale-andrinenstraße SS/SS» (Fernsprecher; Dönhoff72SG. sowie sämüich« Auuoneen-E-pedttionen. Nr. 27 Berlin. 15. August 1924 4. Jahrgang OBBHHHH Alte und nette Heimat. *A1 nairaross Bawel schom jaschawnu gam bachinu besochrenu es Zijon! An Len Strömen Babels saßen wir und weinten, indem wir Zions gedachtem an Len Weiden, die dort waren, hingen wir unsere Harfen auf. Denn dort begehrten, die uns gefangen geführt, Lieder von uns und unsere Peiniger Fröhlichkeit. „Singt uns doch eins von den Zionsliedern!" Wie könnten wir Gottes Lieder anstimwen auf fremder Erde? Wenn ich deiner je vergesse, Jerusalem, so verdorre meine Rechte, meine Zunge klebe an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht lasse meine höchste Freude sein!" Dieses alte, allbekannte und doch immer neu ergreifende Klagelied der in die Verbannung geführten Israeliten, in welchem die zarteste Frömmigkeit mit stolzem Trotze, unverbrüchliche Hermatliebe mit wildem, unverhohlenem Grimm gegen die Fremde und die Feinde sich paart, ist seitdem in seinem ersten, eben angeführten Teile zum Ausdruck geworden für das, was auch uns Zion bedeutet, nämlich ein Unvergetzbares, aus nuferem Munde und aus unserem Herzen Unverttlgbares. Jahrtausende sind darüber hingegangen, Juda ist tzus dem babylonischen Exil wieder heimgekehrt und hat von neuem den Tempel und das Gemeinwesen wieder aufgebaui, und von neuem sind beide in Schutt mvd Trümmer gegangen, und diesmal für immer. Wohl steht noch eine Mttne des alten Heiligtums, aber ans dieser Ruine, ob auch bis heutzutage noch an ihr und über sie geklagt wird, wird kein neues Leben mehr erblühen, oder, richtiger gesagt, vielleicht ein neues, aber das alte nicht mehr auferstehen. Denn der alte Tempeldienst mit seinem Qpferknltus, wenn er auch bis heute noch in dom traditionellen Gebetsritual einen Widerklang und Ausdruck rtet und festgehalten wird in frommer Erinnerung, etwas so unwiederbringlich Verlorenes und Veraltetes, von allen Parteien so innerlich Ueberwundenes, daß selbst die orthodoxesten Zionisten nicht im Ernste daran denken und denken können, ihn in seiner vollen Wirklichkeit und Ursprünglichkeit wie-derherzustellen. Denn die programmatischen und lapidaren Sätze aus dem ersten, für den Sabbat Chason als Hastara bestimmten Kapitel des Jesaia, die sich in zahlreichen anderen Stellen der Prophetenbücher und Psalmen wiederholen, wenn auch nicht immer dem Wortlaute, so doch dem Sinne nach: ,Mas soll wir denn die Menge eurer Schlachtopfer, spricht der Herr, satt habe ich die Brandopfer von Widdern und das Fett von Mastkälbern,' das Blut der Farren und der Böcke mag ich nicht . . . Bringt nicht unnütze Gaben mehr dar, ein greulicher Brand sind sie mir", solche und ähnliche Sätze sind uns doch allen ohne Ausnahme und ohne Unterschied so in Fleisch und Blut überaegangen, daß sie uns wie aus der eigenen Seele gesprochen klingen, daß sie sich mit unserer innersten Anschauung völlig decken und wir alle die Wiederherstellung einer solchen Awodah fast wie einen Rückfall in Heidentum und Götzendienst empfinden würden,. . In diesem Punkte hat wirklich die Prophetie ebenso wie auf dem Gebiete des Monotheismus einen vollen, einen absoluten und endgültigen Sieg davongetragen, und zwar kam ihr dabei am meisten zu Hilfe gerade das, worüber in unserm Psalm am meisten geklagt wird. Denn das babylonische Exil, das Juda zunächst für sein größtes Unglück hielt, bedeutet nicht nur einen Wendepunkt in seiner nationalen Geschichte, sondern bewirkte auch einen der größten religiösen Fortschritte, indem es den Grund legte zu jenem bis heutzutage und sicherlich in alle Zukunft sich erhaltenden, auch für Christentum und Islam vorbildlich gewordenen synagogalen Gottesdienste, der eine Verinnerlichung und Versittlichung der Religion darstellt und sich von dem alten Temvelkultus unterscheidet, wie Geist und Seele von Blut und Fleisch, wie das lebendige Gotteswort von einem toten Priesterzeremoniell ,von dampfendem Weihrauch. Aber, nicht nur der alte Tempel ist für immer dahin, sondern auch das alte Gemeinwesen. Wohl gibt cs Biele, die auf den ersteren gern verzichten, aber um so heißer und dringender nach einer Wiederkehr des zweiten trachten, nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte für alle heimatlos sich fühlenden Brüder, nach dem Aufbau Palästinas oder gar nach einem wirÄichen Aus dem Inhalt: Dr. Jelski Berlin: Alte und neue Heimat. — Dr. Foerder-Bresla«: Prinzipielles -um Fall Eucken. — Dr. M. C.-Bremen: Die amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen« — Dr. Lilienthal-Berlin: Fanatisierte Jugend. — Dr. Appel-Bingen: Der jüdische Liberalismus und seine Gegner. Dr. Gottschalk-Berlin: Gott und Mensch. - dm« Felde«-Breme«: Ans dem Saaenschatz des jüdischen Volkes. — Nina Waldrsberg-Dresden: Jakob Ebions Tod. — * Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinde«. — Ans der Bewegung. — Der jüdische Sprechsaal. Bücherscha«. Bersammlnngs-Kalendarimu Aus Natten. Der Ministerpräsident Mnffoltnt empfing den Präsidenten des Verbandes jüdischer Gemeinden Italiens und den Oberrabbiner von Rom in einer längeren Audienz. Die jüdischen Vertreter unterrichtete» den Ministerpräsidenten darüber, daß die Reform des Unterrichts in den Elementarschulen den jüdischen religiösen Jntereffen widerspricht. Sie überreichten ihm eine Kopte des Memorandum-, das st« bereits dem Unterrichtsminister vorgslegt hatten. Mussolini versicherte, er habe ein volles Verständnis für den Ernst deS vorgettagenen Problems: er werde sich mit dem Minister des Unterrichts in Verbindung setzen, damit die religiösen Jntereffen der italienischen Juden gewahrt werden. Die Unterhaltung zwischen Mussolini und den Repräsentanten der ttalientfchen Juöenschaft war überaus herzlich. Aus Frankreich. Der Präsident der französischen Republik M. Gaston Doumergue bekleidete in seiner Jugend einen bescheidenen Richterposten in dem Städtchen El Arba in Algier. das meist von Juden bewohnt ist. Der junge Richter verkehrte in den Kreisen der dortigen jüdischen Intelligenz und war oft Gast bei jüdischen Familien. Als bei der jüdischen Gemeinde von El Arba die Stelle eines Sekretärs frei wurde, erbot sich Herr Doumergue. der als Richter im ganzen 120 Francs monatlich verdiente, die Stelle des Sekretärs bei der jüdischen Gemeinde im Nebenberuf auszufüllen. Das Amt wurde dem beliebten Beamten gern übertragen. Der Sekretär Gaston Doumergue ver?1 faßte und unterschrieb alle Zirkulare der Gemeinde über religiöse und soziale Angelegenheiten und verstand e8 mit der Zeit, sich, wo nötig, der hebräischen Termini zu bedienen. Die älteren jüdischen Bürger von El Arab erinnern sich, daß der jetzige Präsident der französischen Republik damals für die jüdischen Sabbat- und Feiertagsgerichte eine de sondere Vorliebe hegte. Aus Deutschland. Das Caffeler Organ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, das ,/Volksblatt" meldet: „Da die Stadtverordnetenversammlung jetzt völkisch und nationalistisch abgestempelt ist, finden Juden und .Hudenstämmlinge" keine Gnade mehr in den Augen der Herren von rechts. Ich bin Zeuge einer Berichterstattung über ein Vorkommnis in einer Kasseler Kommission gewesen, das wirklich verdient, weiteren Kreisen bekannt zu werden. Es war ein Lehrer für eine Spezialaufgabe gesucht worden. Drei Bewerber kamen in engste Wahl und mußten Lehrproben ablegen. Einer versagte vollkommen, der zweite wäre gerade noch brauchbar gewesen, der dritte aber war wirklich erstklassig. Der städtische Schulrat, der berichtete, empfahl die Wahl dieses Besten, und alle Kommissionsmitglieöer nickten schon zustimmend mit den Häuptern. Da-aber hat der Herr Schulrat eine Mitteilung gemacht, die furchtbare Wirkungen hatte: „Ich will noch bemerken, daß der Herr Jude gewesen ist. aus seiner Religionsgemeinschaft aber ausgeschieden ... Ich nehme keinen Anstoß daran." Schreckensbleich erhob nun der deutschnationale Stadtrat Kreitz Einspruch. Es finden neue Lehrproben statt, und Judenstämmliug, der Beste, den man haben konnte, bleibt draußen." Men Sie schon für die Wage Mendel? Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum E. B., Berlin RW. 7. Nr. 187 0«. jüdischen Staate. Wir wollen jetzt keine Kritik ffl&ea an den Versuchen, die bereits in dieser Hinsicht mit mehr oder weniger Erfolg gewacht worden sind und gemacht werden,' wir müssen vielmehr, auch wen« wir selber einen andern Standpunkt einnehmen und eine andere Richtung vertreten, objektiv genug sein, die Entwicklung der Dinge abznwarten und dann erst zu urteilen, aber auch objektiv genug, nm die großen Verdienste anzuerikennen, die der Zionismus neben unbestreitbaren Gefahren und Illusionen, die er in sich schließt, doch um die Hebung und Stärkung des jüdischen Selbstbervußtsetns wie überhaupt um die Pflege und Förderung alles Jüdischen sich erworben hat. Wir wollen auch nicht auf die schon so oft und mannigfach erörterte und doch immer wieder, sich ausdrängende und so heiß umstrittene Frage eingehen, ob das Judentum nur eine nationale oder eine religiöse Gemeinschaft oder beides zusammen und zugleich ist. i; Nur das eine möchte ich betonen: Was ich von dem Tempel gesagt, gilt auch von dem Gemeinwesen: Neues Loben mag erblühen, aber das alte kehrt nicht wieder, und hier werde ich erinnert an einen „S et)«« faleur" betitelten Roman einer modernen und »asmhaften Schriftstellerin, worin sie unter anderm da- Wort geprägt hat: „I e r u s a l e m t ü t e t", weil nämlich das gegenwärtige neben so manchem Heilige« und Allercheiligsten doch auch an so viel Uuheili«- uns gemahnt, an den Streit der Religionen um oerechten Ring, an den Kampf der Konfessionen bei»' Seelenfang, an den Haß und Hader religiös-natt»^ naler Parteiungen, -er jüngst sogar auch zu einem. Morde geführt hat, und ferner uns gemahnt an so viel Modern-Profanes ,an die ganze Technik und Zivilisatton der Neuzeit, an die ganze Hast und Jagd gvoßstädtischen Getriebes, von dem die alten Propheten vielleicht mit Schaudern sich abwenden würden. Uns aber, denen Zion nur eine ferne, altersgraue, ehrwürdige Vergangenheit bedeutet und für Gegenwart und Zukunft nichts weltlich-Polittsches, sondern nur ein geistiges Symbol, ein heiliges Vermächtnis, eine Stätte, die, je ferner zeitlich wie räumlich wir von ihr sind, nm so eher uns in idealem Glanze leuchtet, um so eher uns wie von einem Hauche göttlichen Geistes und Lebens umwebt und umwittert erscheint, bleiben, wenn auch die Zeiten und die Stimmungen sich gewandelt, auch gegenüber unser» Feinden, denen wir nicht wie in jenem Liede mit ingrimmigem und ohnmächtigem Hasse, sondern mit unbeugsamem Kampf für unser Recht entgegentreten wollen und sollen, uns bleiben genau wie denen, die ein Zionslied nicht auf fremder Erde anstimmen wollten und lieber ihre Rechte verdorren lassen als Jerusalems je vergessen, beides teure, unvergeßliche und unvergängliche Namen. Ki mi zijon teze ssora, Udervar adonay miruscholajim, wett von dort und nur von dort die Lehre ausging in alle Welt und das Wort Gottes unter alle Völker. Das ist unser Zionismus, und einen solchen können wir sehr wohl mit deutschem Nationalgefühk vereinen, wenn das letztere heute uns auch schwerer denn je gemacht wird. Aber auch hier werden die Zeiten und die Stimmungen sich wandeln, und es wird in alle Zukunft bleiben bei dem Worte, das ein Gabriel Riesser gesprochen hat: „Wir find entweder Deutsche, oder wir find heimatlos." Die Heimat aber lassen wir uns von niemand nehmen, und wer sie uns bestreitet, gegen den müssen und werden wir uns, wie es ebenfalls, jener große und edle Vorkämpfer unserer Emanzipatton, und zwar wörtlich gefordert hat, wie gegen Räuber und Mörder zur Wehre setzen! Aber wir hoffen, daß das deutsche Volk zur Selbstbesinnung kommen und sich nicht bloß begnügen wird, den Jahrestag der neuen Reichsverfassung zu feiern, der jetzt ja iw ganzen Lande feierlich begangen werden soll, weil er einen Tag des staallichen Wiederaufbaus in demokratisch-republikanischem Sinne bedeutet, also auch ein aus Ruinen neu erblühendes Leben, d. h. hier die aus dem Sturz zahlreicher Throne, aus den Trümmern der Heevesmacht und des Obrigkeits-staateS hervvrbrechende Souveränität und Mündigkeit und Selbstverantwortung des ganzen auch das weibliche Geschlecht zu politischer Entscheidung und Arbeit rufruftnden Volkes, sondern wir hoffen, daß auch der Geist, dieser Freiheit und Gleichheit kündenden und