Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 26 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ahasver und das Märchen, £ Von Rina Waldisberg. / Ein lauer Wind wehte um Busch und Baum, als ich fen einem späten Sommerabend abseits ging, durch einen Tannenwald. Das letzte Lied eines Vogels verhallte in den Zweigen, irgendwo in dämmergrauer Ferne verklang eine Abendglocke, dann wurde es still und dunkel ringsumher. Bald aber warf um die Tannenkronen der Vollmond seinen silbernen Schein, und am hohen Himmel stand ein früher Abendstern. Wie ich so weiter ging, durch die Nacht und die Stille, hörte ich plötzlich jemanden laut aufseufzen. Aus tiefster Menschenbrust war der Seufzer gekommen und rief mein Erbarmen wach. — An den Stamm einer Tanne gelehnt stand, vom Mondlichte beschienen, die schmächtige Gestalt vornübergebeugt, ein uralter Mann, gekleidet in ein langes, graues Gewand. Heber seine Schultern fiel eine Welle silberweißen Haares, und die schmale Brust bedeckte ein dichter, grauer Bart. Die rechte Hand auf einen Stab gestützt, bemühte er sich mit der linken, sein Antlitz vor meinen Augen zu verhüllen. „Was führt Euch an diesen Ort zu später Abendstunde?" wagte ich, ihm zuzurufen. „Was hat man Euch angetan oder wessen seid Ihr verlustig geworden, daß es Euch hierher trieb, der Nacht und den Winden Euer Leid zu klagen?" Da ließ der Alte die Hand fallen, mir zeigte sich ein Antlitz, verwittert, gramdurchfurcht, von fahler Hautfarbe, aber unverkennbar schönem Schnitt. In die hohe breite Stirne schnitten sich zwei tiefe senkrechte Falten, und um den wissenden Mund lag ein Zug wehmütiger Resignation. Ahasver, zog es durch meinen Sinn. Der Name drängte sich auf meine Lippeq. Als ich ihn ausgesprochen hatte, durchrieselte meine Glieder ein sonderbares Schaudern. — Der ewige Jude aber bohrte seine großen schwarzen Augen tief in die meinen und sein Blick enthüllte mir die ganze Tragödie eines seit zwei Jahrtausenden in Ketten liegenden Volkes. Ahasver aber begann zu sprechen: „Wie Balsam tropften Eure Worte auf den Grund meines nach Erlösung und endlicher Ruhe lechzenden Herzens. Darum vernehmt, warum ich heute mehr denn ie mein jammervolles Dasein beklage." Und Ahasver sprach weiter: „An einem schwülen Sommerabend, schon viele hundert Jahre sind es her, führte mich mein Weg durch einen Fichtenwald im hohen Norden. Eine schwere Müdigkeit lastete auf meinen Gliedern und machte meinen Schritt stocken. Rings um mich war eine große Stille, und so weit mein Auge schweifte, kein Mensch und kein Haus. „Ahasverus, ich grüße dich!" Eine helle, silberne Mädchenstimme hatte es gerufen. Vor mir stand — kaum traute ich meinen Augen — ein Mägdlein wie ein junger Birkenbaum, so fein und schlank. Blau und tief wie ein Bergsee zur Dämmerstunde waren des Mägdleins Augen. Sein Haar leuchtete auf in goldenem Glanze und seine Händchen glichen zwei zarten, weißen Blumen. „Ahasverüs, ich kenne dich seit Zeiten", fing das Wesen an zu sprechen. „Ich beklage es, daß die Menschen mit Steinen nach deinem müden Haupte werfen. Wann wird endlich der Friede zu dir kommen und die Ruh?" „Wie Harfenspiel umklingt mich alten, müdgehetzten Wanderer deine Stimme," redete ich das Mägdlein an. „Wer bist du, lieblichstes aller Wesen, die ich je geschaut?" „Man nennt mich das Märchen", gab das Mägdlein zurück. Gleich dir, Ahasverus, gehe ich weite Wege, über Berg und Matten, von Dorf zu Stadt. Heute, wie vor Jahrtausenden, ist mein Sinn jung und frisch wie Morgentau. Eine ewige Flamme brennt in meinem Herzen, die ist rot und warm und unauslöschbar. Schon oftmals, Ahasver, sah ich dich bei Sturm und Regengüssen, bei Sonnenschein und bei Sterngefunkel, über Brücken, Wege und Stege wandern. — Und wir werden uns Wiedersehen, du und ich, dessen bin ich gewiß", schloß das Märchen. Dann erhob es das Händchen zum Gruße und verschwand zwischen den Zweigen eines Haselstrauches. Viele Jahre nachdem sah ich das Märchen in den Wundergärten Indiens wieder. Angetan mit einem Gewand von der Farbe roter Mohnblumen, ritt es auf einem weißen Eselein. unter Myrthen und Lorbeerbäumen. Es sah mich des Weges kommen, das Märchen, es neigte sein Köpfchen, lächelte, und das Eselein trug es von dannen. Vor wenigen Jahren sah ich das Märchen zum letzten Mal, im Lande der Teutonen. Es ging einsam, auf tief verschneiten Wegen und trug zerrissene Schuhe und ein fadenscheiniges Kleidchen. Seine Augen sahen mich groß und stumm an und seine Händchen waren blutleer und mager. Es machte mir Mühe, zu ihm zu sprechen. „Was irrst du herum, bei kaltem Wind und Schneegestöber? Warum trittst du nicht in ein Häuschen ein, wo beim prasselnden Ofenfeuer die Kindlein deiner warten? Weshalb bist du nicht fortgezogen, mit den Schwalben, in ein Land, wo am Himmel groß und golden die Sonne steht?" „Ein Mann, der mir feindlich gesinnt ist," sprach mit matter Stimme das Märchen, „treibt mich von Ort zu Ort. Wo er hinkommt, muß ich weichen. Merkurian nennt sich der Mann. Du wirst ihn kennen, Ahasver, denn er ist groß und mächtig auf Erden. Ganze Länderstriche nennt er sein eigen, tausende von Menschen werfen sich in die Knie vor ihm und sehen ihn an als ihren Herrn und König." Mit stummem Gruße ging das Märchen weiter. Seither habe ich es nie wieder gesehen. Dem Mann, der sich Merkurian nennt, aber begegne ich auf allen meinen Wegen. Er ist tadellos gekämmt, hat ein glattes, verbindliches Lächeln und geht in gelben Schuhen und schwarzem Frack. In Indien sah ich ihn durch sonnenglühende Straßen ziehen. Er ging steif und* aufrecht, mit aufgespanntem Sonnenschirm und einer Peitsche in der Hand. Zur Zeit des unseligen Weltkrieges schlenderte er an einem kalten Wintertage, in einen schweren Pelzmantel gehüllt, dem Ufer der Spree entlang. Eine kostbare Mütze verzierte seinen wohlgepflegten Kopf, und seine Füße waren durch Gamaschen vor Kälte geschützt. Hohlwangige Kinder und bleiche, trauernde Mütter gingen an ihm vorüber und bestaunten den feinen Herrn — mit dem verbindlichen Lächeln. In Madrid ging* er unter reifen Kastanien, wieder in gelben Schuhen und schwarzem Frack. Hier zu Lande verkehrt er in den besten Häusern. Er genießt die Freundschaft vornehmer und bedeutender Männer, die anmutigsten der Frauen sind von ihm bezaubert und zögern nicht, ihm ihre Gunst zu gewähren. Und heute, in der Morgenfrühe, saß ich auf einem Grenzstein, um von meiner nächtlichen Wanderung auszuruhen. Plötzlich kam er des Weges gelaufen, der Herr Merkurian. „Was verträumst du hier deine kostbaren Stunden", redete er mich an; auf seinen Lippen lag Hohn und Spott. „Mir scheint, das Vagabundieren mache dich selig. Rühre dich und spute dich, zeige dich nützlich im Weltgetriebe." Merkurian trat näher zu mir heran: „ich sehe, daß du alt bist, uralt; an dir ist nichts mehr zu bessern. Verscheuchen werde ich dich, aus meinem Bereich, und verjagen, wie ich einst das Märchen verjagt habe." „Das Märchen! — Wo ist es, das Kind der goldenen Sonne?" „Sie scheinen voneinander zu wissen, der Tagdieb und die Landstreicherin — das macht mich nicht erstaunen." Merkurian sprachs. „Irgendwo in Grönland, zwischen Eia und tiefem Schnee ist es eingefroren und eingeschlafen, das Märchen, für alle Zeiten." Ahasver schwieg. Und ich verstand, warum er tiefer; denn je sein altes Haupt in Trauer beugte. „Tot und eingefroren ist das Märchen. Es macht meinem Herzen Mühe, es zu glauben." Ich sprach es mit bewegter Stimme. „Das Märchen ist nicht tot, es schläft nur einen langen Schlaf," rief da Ahasver. „Es . kann nicht sterben, solang die Sterne golden funkeln, solang die Erde Knospen treibt und im Busch der Vogel singt. Dereinst, wenn Merkurians Glanz und Herrlichkeit erloschen sind, wird das Märchen Schnee und Eis durchbrechen. — Es wird auferstehn, und mit ihm wird wieder aufblühen die Freude, in den Herzen der Menschen. Ein milder Schein lag auf Ahasvers ehernen Zügen. Noch hing an seiner gebeugten Gestalt das silberne Licht des Mondes. — Er wandte sich von mir ab. — An die Tannenzweige schlug der Nachtvogel seine schweren Flügel. Die Tritte des ewigen Juden verhallten im Dunkel. —* Er ging weiter, auf seinen Stab gestützt, immer weiter.. Der jüdische Sprechsaal, Liberale und orthodoxe Lehrmethode. Jüngst eröffnete ich in den Blättern für Erziehung und Unterricht eine Diskussion über die Frage, ob es richtig fei, Sie biblische Schöpfungs- und die Adam- und Eva-Geschichte in Len Lehrplan der Schulneulinge aufzunehmen. Meine Ansicht ging dahin, diese Geschichten erst auf der Oberstufe darzubieten. Die Meinungsäußerungen hierzu, die aus Laien- und aus Lehrerkreisen stammten, sahen so aus, als ob sie gegenteiliger Ansicht wären. Und obgleich darin auch ausdrücklich betont war, daß sie gegenteiliger Meinung seien, muß ich doch feststellen, daß sie es in Wirklichkeit nicht sind. Denn mit Hilfe der Phantasie völlig umgestaltete Geschichten sind doch nicht der Inhalt der Bibel. Wenn Herr Lehrer Wallach in Aachen z. B. Adam und Eva als ungezogene Kinder über öen Zaun klettern läßt, um ihr Streben nach den verbotenen Früchten zu veranschaulichen, und so dem Cherub Gelegenheit gibt, sein Schwert als Rohrstock oder Rute zu verwenden, so macht das seiner Phantasie alle Ehre: aber seine Erzählung ist von der biblischen etwa so weit entfernt, wie die Geschichte vom tapferen Schneiderlein entfernt ist von dem Kampf Davids mit Goliath. Das wäre aber immerhin noch verständlich: denn um der Kinder willen werden die Alten jung und die Ernsten heiter. Aber die Vorstellung von dem kletternden ersten Memckenpaar*) soll — nach Wallach — der Schüler mit hinaus ins Leben nehmen. Herr Lehrer Wallach findet keine Zeit mehr, auf diesen Stoff zurückzukommen. Und hierin erblicke ich eine große Gefahr für die Achtung vor unserer Bibel. Kann sich eine Mutter, kann sich ein Vater etwas Schöneres denken, als daß ihrem Kinde die Jngend als ein herrliches Wunderland erscheine? Werden sie nicht aus vollem Herzen dankbar sein, wenn Lehrer und Erzieher bemüht sind, dem Kinde dies Wunderland so farbenprächtig und bunt und glitzernd wie nur irgend denkbar zu malen? Zweifellos. Unö das Zauberland der Bibel, ist es nicht wie geschaffen dazu, um dem Kinde als Paradies zu dienen, in welchem ihm Erfüllung der Wünsche nach Befriedigung seiner Phantasie gewiß ist? Und darum werden die Eltern jene biblischen Geschichtsbücher mit Freuden begrüßen, in welchen die Phantasie der Verfasser die wundervollsten Blüten treibt. Ein anderes ist es aber, ob den Kindern damit der Inhalt der Bibel vermittelt wird. M. E. sind der Phantasie dort Grenzen gesetzt, wo geschichtliche Wahrheit oder sittlicher Ernst bedroht ist. Dies scheint mir der Fall zu sein, wenn Herr Lehrer Wallach in Aachen Adam unö Eva auf den lvon ihm hinzuphantasierten) Zaun klettern läßt. Muß denn, so frage ich, um alles in der Welt eine so tief philosophisch angelegte Betrachtung an die Sechsjährigen herangebracht werden? Nur weil sie die zweite Darbietung in der Bibel ist? — Hier komme ich zum Thema: Man hat Generationen an solchen Religionsunterricht gewöhnt, in welchem die Reihenfolge des zu behandelnden Stoffes durch die Kapitelfolge der Bibel festgelegt ist ohne Rücksicht auf die Art des Inhalts. Rein chronologisch soll hier alles vor sich gehen, obgleich Zeitbegrisfe doch das Schwierigste sind, was sich dem sechsjährigen Kinde darbietet. Aber man würde ja „aus der Reihe hopsen", man würbe ja nicht die Auffassung vertreten, die von der großen gläubigen Masie vertreten wird. Darum muß man es wider besseres Wissen so und nicht anders machen. Aber über Glaubensfragen darf man nicht streiten. Also endet hier auch die methodische Diskussion. Wo hört denn bei dem einzelnen der „Glaube" auf? Glaube im Unterricht als Prinzip gelten lassen, heißt, das große Gebiet des religiösen Gedankenlebens zum Tummelplatz der Phantasie werden lassen. Glaubt man wörtlich, daß der Garten Eden vorhanden gewesen ist, dann kann man auch glauben, daß er von einem Zaun umgeben war, und dann kann man auch glauben, daß Adam und Eva verzweifelte Kletterversuche gemacht haben, um zu den verbotenen Früchten zu gelangen. Und solches Glauben ist. sehr bequem: denn es erspart bas anstrengende Denken. Daß Herr Lehrer Wallach sich damit nicht an die Vierzehn- und Sechzehnjährigen heranwagt, kann ich verstehen. Die Sechsjährigen sind gläubiger als die Vierzehnjährigen. So werden die Methoden des Unterrichts in der biblischen Geschichte immer abhängig bleiben von der religiösen Richtung des Lehrers. — Daß aber auch auf einem rein wissenschaftlichen Gebiete die Methode von der religiösen Richtung abhängen kann, nämlich im Unterricht des Hebräischen, erscheint zum mindesten sonderbar. Weil es immer so gehandhabt worden ist. daß nämlich der Lehrer das deutsche UebersetzungSwort für das betreffende hebräische vorgesagt und der Schüler es mechanisch nachgesprvchen hat, darum muß es jetzt auch noch so gemacht werden, und wer es anders macht, der ist nicht gläubig. Dabet würde doch das Ziel des Einbringens in die hebräische Gebet- und Bibelsprache mit Hilfe einer sprachwissenschaftlichen Methode viel eher und besser erreicht werden. Zumal heutzutage, da die profanen Fächer den größten Teil der Zeit und die meiste Kraft unserer Schüler absorbieren, müßte doch eine Möglichkeit, recht rasch zum Ziele zu kommen, von allen Seiten begrüßt werden, die mit der Erreichung dieses Zieles beauftragt sind. Aber nein! Man würde ia modern denken müssen: es würde ia dem Unterricht der Nimbus des Althergebrachten fehlen! Daß heute von allen im Hebräischen so Unterrichteten etwa 60 Prozent hebräische Gebete losen, ohne sie zu verstehen, daß *) Wer denkt hier nicht an die Theorie: „Der Mensch, der stammt vom Affen ,« sie der hebräischen Thora- und Prophetenvorlesung im Gottesdienst nur folgen mit dem Gefühl, daß dieses Anhoren etwas Frommes und Althergebrachtes ist. ebenfalls ohne es zu verstehen, beweist den Scheinerfolg jener gläubigen äße* thode. Weil sie nur an das mechanische Gedächtnis und das religiöse Gefühl appelliert, nicht aber das log r* s ch e Denken in Anspruch nimmt, darum wird diese Me* thode keine Erfolge zeitigen. Die verzweifelten Anstrengungen, die allenthalben gemacht werden, um unserer Ingens an Religionsunterricht quantitativ das Erdenklichste zu bieten, ohne gleichzeitig den Unterricht qualitativ, methodtsch zu verbessern, werden den erhofften Erfolg nicht bringen. Es wird darüber geklagt, daß es nicht mehr genügend Rabbiner und Lehrer gibt. Soweit es sich darum handelt, daß das Wissen ums Judentum mit deren Ausbtldung gefördert werde, muß die Klage aber erweitert werden: Es gibt keine Lehrerbildner! Wenn nicht Pädagogen vom Geiste eines Holzman die Lehrerbildung in die .Hand nehmen werden, dann wird es wohl jüdische Gelehrte, aber keine des Unterrichts kundigen jüdischen Religionslehrer geben. Denn wir besitzen, Gott sei Dank, der elfteren sehr viel, der letzteren leider sehr wenig. Die Folge davon ist ein immer krasser in die Erscheinung tretender Unterschied zwischen gelehrten gläubigen und unwissenden gläubigen Bekennern des Judentums anstatt einer Popularisierung des religiösen Wissens. „Möchte des Ewigen ganzes Volk Propheten sein» daß der Ewige seinen Geist auf es lege!" H. U n i t o w e r - Lauenburg.- Zionisten deuisdie Staatsbeamte? Unter dieser Ueberschrist hatte in Nr. 24 der .jüdischliberalen Zeitung" Herr Beer den Standpunkt vertreten: „Wir litte aus dem Boden des deutschen Vaterlandes stehenden Juden) lehnen jeden Zionisten wegen seiner jüdischvölkischen Einstellung als Beamten in öffentlichen Dtensten ab und erwarten von den Behörden, daß sie nur Beamte deutsch-vaterländischer Gesinnung einstellen!" Diese, Auffassung veranlaßt in Nr. 25 Herrn Rechtsanwalt Hetnrrch Stern zu einer entschiedenen Ablehnung, deren Begründung nicht ohne weiteres hingenommen werden kann. Die Ablehnung stimmt auch nicht mit dem Standpunkt überein, den der Central-Verein einnimmt. einem Standpunkt, den Stern selbst eingangs auch als den unseren bezeichnet. In Nr. 26 des jetzigen Jahrganges der E.-V.-Zeitung findet sich u. a. folgende Antwort: „Rach Breslau. SS wird nnS au-? '?vcäIqu berichtet, bafc ein Student, fcert in einer sozialistischen T,er<ümm!iiii(x unter Derusunq auf feine Mitzliedschaft im C. B. die Aussatsnna nedrat. datz ein deutscher Staate hjirger jüdischen ©fauften-5 dann ein Staat^amt nicht bekleiden dürfe, wenn er „Vationatjude" fei. Wenn einerseits bemerkt fein mag, dak selbstverständlich der Verein keine Verantworiuna für alle acleacnüiifiett Vieufccrunaen eines seiner temheromentbosten Miiaiieder überneämen kann, so mutz dock andererseits betont werden, datz diese Auffassung mannigfach in der zionistischen Literatur vertreten wird. V-ir selbst glauben, datz eS einem überzeugten Nationoljuden gut onsteben würde, auf niebttechnische hohe Staoisämter zu verzichten und die'e christlichen und jüdischen Staatsbürgern zu überlassen, die voll aus dem Boden deulschvostedünbischer Gestnnung stehen und sich nicht au einem, wenn an» gar nicht bestehenden ailtzerdeutseben Volkstum bekennen/' Doch zu den Gründen, die Stern anführt, selbst. Wobei wir. da es sich ja um sachliche Fragen handelt, der Satz: „Ich würde nicht einen Augenblick einer jüdischen Gemeirischarj angehören, die sich diese Forderungen zu eigen macht/ ausserordentlich überflüssig scheint. Stern sagt: „Allein ausschlaggebend für den <riaat bei der Anstellung seiner Beamten ist ihre Fähigkeit und ihr Charakter: politische und religiöse Einstellung gehen ihn nichts an." Dieser Auffassung kann garnicht scharf genug cntgegengetrctcn werden. Die religiöse Einstellung ist selbstverständlich ohne Belang, weil der Staat keine religiöse Gemeinschaft ist. Bei der politischen Einstellung dagegen liegen die Dinge wohl doch etwas komplizierter. Fähigkeit und Charakter mögen bei Beamten, die rein technische Arbeit in untergeordneten Stellungen zu leisten haben, ausreichend sein. Für leitende Stellungen im Staate, der doch ein politisches Gebilde ist, sprechen politische Gesichtspunkte selbstverständlich mit. Daß in leitende Stellungen des Deutschen Reiches nur dicjentgen zu berufen sind, die Deutschland als ihr Vaterland betrachten, sollte eigentlich, so lange die jetzige Auffasiung vom Staate maßgebend bleibt, selbstverständlich sein. „Sieht Herr Beer nicht, daß der nächste Schritt auf diesem Wege der ist. den die Antisemiten seit Jahr und Tag predigen, daß ein Jude nicht Lehrer. Richter, Anwalt usw. sein kann, weil er der kulturellen oder völkischen Eigenart der Deutschen nicht entspricht?" Mit diesem Argument verfällt Ster.n in den Fehler, den wir den Völkischen stets zum Vorwurf machen. Beer unterscheidet deutlich zwischen jüdisch-vaterländischen und deutsch-vaterländischen Juden, weil er glaubt, daß sich hieraus im deutschen Staate verschiedenartige Rechte ergeben. Stern aber findet es eigentlich ganz natürlich, daß der „nächste Schritt auf diesem Woge" der sein wird, die Juden alle über einen Kamm zu scheren. Hierüber kann man natürlich verschiedener Ansicht sein: ich aber glaube, daß den nichtjüdischen Deutschen die Unterschiede in der deutschen Judenheit eher zum Bewußtsein gelangen werden, wenn wir selbst offen aussprechcn, was ist. Den hundertprozentigen Antisemiten wird cs niemand recht machen: doch um öiese geht es nicht. Den denkenden nichtjüdischen Deutschen aber Dinge verheimlichen wollen, die sie selbst sehen, dürste alles eher als zweckmäßig sein. Hans Ada».