Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 26 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613767--0933-2618246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
btt vor Aufregung und Entzücken über mein letzeS SM ganz die Nachtruhe verloren habe: als ich genauer nachfragte. sieche, da war es auch wieder ein Jude lein Deutscher läßt sich nicht so leicht im Schlaf stören)!".. Diese kurzen Erörterungen über die jüdischen und nichtjüdischen Wertungen deö Judentums müßte« einmal au einem umfassenden Material mit exakter Nüancierung d> r Wert-Motive durchgeführt werden. Bielleicht wäre dies erst die notwendige Vorarbeit für das gewaltige psychologische und vielleicht schon metapsychische Phänomen des Juden- Ludwig Marcuse. Aus der Bewegung. j[(f r Fanaiifierte Jugend? Von D r. Arthur L i l i e n t h a l, Berlin. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-liberaler . Jugcrrd vereine. In der Nummer öeS „Hamburger Israelitischen Familienblattes" vom 24. Juni d. I. erschien ein Leitartikel mit der Ueberschrift „Fcmatisicrte Jugend", der unter der Maske der Besorgnis über den Weift der ganzen jüdischen Jugend einen Angriff von ungewohnter Heftigkeit gegen die liberale Jugendbewegung richtet. Der Aussatz gibt ein derartiges Zerrbild der Bcweuna rrnd arbeitet mit derartigen Methoden, daß cs notwendig ist, ihn auch an dieser Stelle in Kürze zu beleuchten. Ter zugrunde liegende Sachverhalt ist folgender: In Magdeburg, wo sich der Antisemitismus in außerordentlich heftiger Meise bemerkbar macht, empfand man auch in der Jugend das Bedürfnis, au der Abwehrtätigkeit des Reichs- Hundes jüdischer Frontsoldaten teilzunehmen. Da eine Ortsgruppe des Reichsbnndes zunächst nicht zustande kam, so schuf sich der seit einigen Monaten in ein ent jüdisch liln'ralen Jugendverein (Jlij zusammengeschlossenc Teil der Jugend zu diesem Zweck eine eigene Organisation, der man den Namen „Freiwillige Dienstkolonne 1F.D.K.)" gab. In der Form des Zusammenschlusses griff man allerdings fehl: die Aufnahmebedingungen zeigen das topische Bild der nach militärischem Muster geformten Organisation, wie sie uns leider so wohlbekannt ist. Durch den erwähnten Artikel erfuhr von dieser Gründung nicht nur die breite Oefsentlichkeit. sondern auch die Arbeitsaemciughast der Jlis. mit der sich der. wie gesagt, noch sehr junge Magdeburger Verein vorher nicht ins Beruehmen gesetzt hatte, wurde erst durch ihn über sie unterrichtet. Trotzdem ein Besuch in Magdeburg die Führer der Arbeitsgemeinschaft davon überzeugte, daß Ziel und Zweck der F.D.ß. unbedingt ganz unbedenklich waren, so sprach die Leitung doch mit Rnclsicht ans die militärische Form der Organisation den Wunsch nach Auslösung der F.D^K. ans. Da auch die Magdeburger Jli-Jührcr einsahen, daß die Form ihrer Gründung zu Mißverständnissen über den Weiß der ganzen Bewegung führte, so kamen sie diesem Wun'ch nach. Da cs sich bei alledem lediglich um eine Abwehrtätigkeit gegen den Antisemitismus in einer verfehlten Form, nicht aber um irgendwie bedenkliche Zicke und Zwecke, auch nicht um irgendwie militaristischen Weist handelt — die Beteiligten stehen politisch alle ausgesprochen links —, so könnte der ganze Vorfall nunmehr als erledigt gelten, wenn er nicht in so unerhörter Weise mißbraucht worden wäre. Der erwähnte Artikel im „Familienblatt" hätte durchaus verdienstlich sein können, wenn es ihm lediglich darauf angekommcn wäre, aus den Magdeburger Vorfall hinzuweisen und dadurch eine Abstellung der gerügten Mißstände herbeizuführen. Damit begnügt er sich aber keineswegs, sondern er benutzt die Gelegenheit zu einer kräftigen Hetze. Der Aufsatz nimmt in seinem Eingang Bezug auf die Ermordung bet Orthodoxe« de &** tn Jerufale«. Me, u*t rteTM angenommen wurde, angeblich von zionistischen Gegnern erfolgt sei» soll. Er beklagt im Hinblick darauf die Zuspitzung der Gegensätze -wischen den jüdischen Parteien in Palästina und fügt daran einen Klageruf über die iüörsche Jugend. die bei allen Parteien „von einem wahnsinnigen Fanatismus erfüllt" sei und nicht mehr wisse, „daß Gegner und Feind verschiedene Dinge sind". Dann folgen die Worte: ,L)or «Le« find eS gewisse Torheiten, die bislang, nur bei Len Demsch- Völkischen zu Hause ivaren, die auch Lei der jüdischen Jugend Eingang zu finden scheinen" und darauf werden die Dtpnahmebedingungen der F.D„K. gebracht. Aus ihnen «nkd der Schluß gezogen, daß das „Ende vom Liededer liberalen Jugenövereine „eine Organisation nach militärischem «W** bild" fei. Dieser „sachliche" Teil des Aufsatzes, dem nun noch einige mehr lyrische Betrachtungen folgen, schließt dann mit den Worten: „Der Werwolf. Körnerbund, Jungdo und wie die deutsch-völkischen Jugendverbände alle, heißen. Häven also urrsere deutsch-jüdische Jugend nicht schlafen lassen: auch sie wollen sich deutsch-völkisch beteiligen. Der »»ackere Naumann und seine Genossen werden an dieser jüdischen Jugend ihre Helle Freude haben." Dieses Zusamincnstellen von fanaitschem Parteikampf innerhalb des Judentums Und deutschvölkischem Geist muß den Eindruck erwecken. alS ob Die F.D.K. ihre jüdischen Gegner nach deutsch-völkischem Muster bekämpfen will. Und die Bemerkung von der Freude der Naumanntaner an diesem völkischen Geist soll wohl den Glauben Hervorrufen, daß hier außerdem deutsch-nationalistische Gesinnung am Werke sei. An beiden Verdächtigungen, die sich auch nicht auf die Spur einer Tatsache stützen können, ist nicht ein Tüpfelchen Wahrheit. Mit dem indischen Parteikampf hat die Gründung, wie eingangs bereits ausgeführt, überhaupt nichts zu tttn. Auch aus dem Tendcnzparagraphen der Aufnahmebedingungen ist ein solcher Zusammenhang m keiner Weise zu entnehmen: „Die Freiwillige Dienstkolonne iF.D.K.) hat den Zweck, die Moral der jüdischen Jugend zu fördern und eine Stammtruppe von jungen Leuten heran- .zubilden, die auch in stürmischen Tagen ihrem deutschen Vaterlandc sowie ihren Glaubensgenossen treu zur Seite steht, wie jede andere Organisation nach militärischem Borbilde." Daß die Gründer politisch weit links stehen, wurde bereits erwähnt. Diese gänzlich aus der Luft gegriffenen Verdächtigungen sind um so unerhörter, als der Berfasier des Artikels selbst Magdeburger ist und die Beteiligten kennt, die Orientierung also wirklich nicht schwierig für ihn ist. Der Artikel ist nämlich mit M. St. gezeichnet (merkwürdigcrwcise fehlt dieses Signum bei einem Teil der Auflage z. B. in Magdeburg), da eS sich um Magdebnrgcr Vorfälle handelt, so ist der Verfasser des famosen Artikels und der Urheber ieiner Verdächtigungen zweifellos der Magdeburger Lehrer M. Steinhardt. Herrn Steinhardt nun kam cs offensichtlich gar nicht auf die Beseitigung der F.DK. an — dazu hätte cs nicht solcher Verdächtigungen bedurft — auch nicht gar so sehr aus die Schädigung speziell des Magdeburger Jli — der Name Magdeburg iß gar nicht genannt —, sondern ans die Verunglimpfung der ganzen liberalen Jugendbewegung. Sie soll angeblich in der Organisation nach militärischem Vorbild enden. Wer ie etwas von den Jliö und ihrer Tätigkeit gesehen hat. kann darüber mir lachen, und Herr Steinhardt berveist durch diesen Ausfall nur. daß er außerhalb der Mauern Magdeburgs nichts von ihr kennt. Aber es iß tief traurig, daß ein Lehrer der Jugend mit solch unmotivierten Verdächtigungen gegen Teile der iüdischcn Jugend arbeiten kann. Nebrigens wird in den Jli? bei aller Gegnerschaft gegen den Zionismus auch keineswegs von der „Seuche" des Zionismus gesprochen und die Jugend dazu angchalten. „jeden Umgang mit zionistischer Jugend zu meiden". Ein derartiger Geiß liegt auch denen von uns. die den Zionismus sehr scharf bekämpfen, ganz fern. Herr Steinhardt verrät aber mit einer Bemerkung feines Aufsatzes ganz deutlich, was der eigentliche Grund her ganzen Aktion ist. Er beschwert sich nämlich darüber, daß durch die JUS vielfach die neutralen Vereine „lebensunfähig" gemacht würden. „Das also" — um ein Zitat des Herrn Steinhardt ebenfalls m verwenden — „war des PudelS Kern. D7ä Gründung de» Magdeburger Jli ist nämlich auf Kosten des iorttet» neutrale« Vereins, hinter dem Herr Ite rchardt steht, erfolgt. ES handelt sich jedoch. ««Herr» Steinhardt versichert keineswegs im» eine künstliche Zerreißung des Vereins, sonder« die Gründung des Jli beruht emsach da^ awf. dast der neutrale Verein und daß Herr Steinhardt im besonderen dieser Jugend nichts zu geben vermochte. Des< halb allein ist sie zu uns gekommen. Die Tätigkeit und die Person des Herrn Steinhardt sind es, die dni nentrale» Verein zerrisse» baden. Und deshalb, weil er feinen eigenen Einfluß auf die Jugend schwinden sieht, verunglimpft Herr Steinhardt die Jugend, die sich ihm entzieA. Wenn hier von Fanatismus die Rede ist. so wirklich nicht bei den Jlis. Ich kann nur wiederholen: Die Gründung der F.D^k. in Magdeburg ist zwar bedauerlich, aber keineswegs oaS welterfchütternde Ereignis, zu dem Herr Steinhardt eS künstlich macht. Don trauriger Bedeutung für die ganze lüdilche Oefsentlichkeit ist dagegen die Art, wie hier ein Gegner der Jugend seinen Dienst an der Jugend durch Verhetzung betätigt. Uebrigens — die Redaktion des ,,FamMenblattes bezeichnet in einer Vorbemerkung den Verfasser als eine Persönlichkeit, die „bei allen Parteien verdiente Wertschätzung genießt". Nun. für die Liberalen — darüber sei das „F-amilienblatt" belehrt — trifft das jedenfalls nicht zu. bersammlungslralender. BrcSla«: (Jüdisch-liberaler Juoendvcrein „Abraham Geiger"). Sonntag, den 31. Auaust 1624, Ganztagsausflug nach dem Oderwaiv und Smortavc. Abfahrt 8,45) Uhr vorm. Hauptbahn Hof, Bahnsteig 8. nach QlUau. Wetterfahrt mit Postguts nach Peistermitz. Sonntagsfa-hrkarte IV. Klaffe nach Oh lau selbst lösen. Führung: Herr Georg Jonas-Qhlau. Wir erwarten, rege Beteiligung unserer Mitglieder. Der Ausflug findet bei jeder Witterung statt. Die Beiträge für daS III. Quartal mit 2 Mark einfchl. Zchtungsabonnement sind bereits seit 1. Juli fällig, Einzahlungen sofort erbeten auf Postscheckkonto BreSlair Nr, 17 443, Alfred Berger. AnterjW Gore Srgamfaüon! Gebt uns Adressen von Bekannten! Kalendarium fflf die fall vom 8. S. bi« 16.8. August 1924 Ab 5684 Freitag 8. Sonnabend 9. Sonntag 10 Montag 11. Dienstag 13. Mittwoch 18. Donnerötaa 14. Freitag 15. Sonnabend 16. Dochen-Abichnitt Deworim 5. B. M. Kap. 1,1—1,22) Sabbat Ehafon Haftarah: Jcf. 1,1—27 Fasttag 9. Av-Tifcho b'Ab. Wochen-Abschnitt Woes'channan (5. R. TL Kap. 3,23-7,11) Sabbat Nachamu Haftarah: Jes. 14,1-26 Dlutgenuß verbietet, zu begründen. Ist dies Verbot doch dem prtestcrlichen Verfasser eines der allcrwichtigsten. Auf seiner Ucbertretnng, hie mit Mord, Götzendienst und Unzucht, unde auf einer Stufe steht, wie Ezechiel Kap. 88, V. 25 Aktgt, steht die Todesstrafe: „Welcher Mensch, er sei vom Haus Israel oder ein Fremdling unter euch, irgend Blut eßet, wider den will ich mein Antlitz setzen und will ihn aus feinem Volke ausrotten. lBergl. 3. Mos. 17. V. io,- „rrch ©nccl). 9, 14). Erklärlich ist dies Verbot aus dem uralten Glauben, daß nn Blute das Leben sitzt, das Gattes alleiniges Eigentum ist. Es beleuchtet glich das biblische Wissen der Antisemiten, die noch immer an Nitnalmorde glauben, die das Vlirt von Ehristcnkindcrn zum Genuß der Juden liefern sollen! Endlich erklärt der priestcrlichc Erzähler mit dieser Sac öre Entstehung des Regcnbogens. Ein neuer Bund, ö< Noahbund, wird zwischen Gott und der gesamten Schöpsun Tieren und Menschen, als deren Vertreter Noah gilt, a schiosten, denen Wahrzeichen der Regenbogen ist. Auch d velden andern Bnndesschließungen Gottes mit seinem Vo Israel, auf die der priestcrliche Erzähler ungeheuren We ia ihre eigenen Zeichen: die Vnndesschließnv mit Abraham die Bcschneidnug. die mit Moses den Tal tÄ* -rCf DundeSschlieftitiiaen bedeuten dem pricste "" »-»««ich,- alr «d>°. iSchlutz folgt.» Gslleskmdschaft. Don Rabbiner Prof. Dr. L. G o l i n S 5 y. Der Versuch, die Religionen der Erde, vorerst die monotheistischen, die im Grunde aus einer Quelle stammen, sich aber in viele .Konfessionen und Sekten gespalten haben, nach Ablösung alles Rahmcnwcrkes, aller Schalen» die den gern einhüllcn. wieder auf eine einheitliche Grundlage zu stellen und ihre Bekenner auf diese Weise einander näher zu bringen und miteinander zu versöhnen, ist nicht neu. Aber er ist bisher wenigstens ohne wesentlichen Erfolg geblieben. Nichtsdestoweniger verdient das Bestreben, den Versuch trotz aller Mißerfolge immer wieder zu wagen, die vollste Anerkennung, weil es von dem reinsten Idealismus cingegeben ist. Das sei dem Verfasser des Buches, das unter obigem Titel erschienen ist tGotteskindschaft. Eine religionsphilosoohj'che Abhandlung von Leopold Löwcnthal. Berlin 1924. Verlag G. A. Schröder u. Eo. 105 Seiten.) ohne weiteres zugestanden, wenn auch über das Schicksal seines Unternehmens kein. Zweifel besteht. Er wird ein Nuser in der Wüste bleiben. Es iß wohl zu verstehen, daß nach dem fürchteclichen Bankerott unserer Kultur, wie er im Weltkriege sich erschreckend genug zeigte, der Neuausbau der Welt in einer religiösen 'Verschmelzung gesucht wird, ^as. was der jüdischen Proohetenreligion und dem Urchristentum gemeinsam iß, sei ycransgehoben und verschmolzen. wie cs der Jsl.rm bereits versucht hat. Das Neue, das dann entsteht, wöge ein Bruderhand um alle Nationen schlingen i'.u Na'nen des cineit. des unsichtbaren Gottes!" tVorv.'vrt.! Wird diei"r "Versuch von jüdischer Seite unternommen, so ist damit die Gefahr verbunden, daß er in eine allzugroße Anbiederung mündet, die eö an Selbstachtung fehlen läßt. Und das trm so mehr, wen«, wir mir scheinen will, der Autor wissenschaftlich nicht genügend ausgerüstet ist. Er will zwar, wie er im Vorwort sagt, „keine geschichtliche Studie" geben. „Weder ethnologisch noch etymologisch soll es versuchen, den Dingen der Religion den Schleier megznreißen." Aber er folgt doch den Spuren historischen Geschehens und geht -en Dingen in einem religionSgcschtchtltchcn Vergleich nach. Ohne jedoch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zu befragen, läßt sich kein zutreffendes Bild gewinnen. Wie kann der Verfasser heute noch behaupten, daß der Staatsraison zuliebe, 33 Jahre nach dem Beginn unserer Zeitrechnung, ein Justizmord begangen wurde von Menschen, die in der Anbetung der Macht befangen waren?! (S. 8.) Ich verweise ihn auf die „Juristische Rundschau des Berliner Tageblattes" vom 24. und 81. Dezember 1908. Dort hat cS der preußische Landrichter Mumm unter dem Titel: „Der Prozeß Jesu" unternommen, vor der breiten Oefsentlichkeit die Prozeßakten, die sich mit dem weltgeschichtlichen Drama der Kreuzigung Jesu beschäftigen, ohne religiöse Voreingenommenheit vom juridllschen Standpunkt zu beleuchten und, auf wissenschaftliche Vorarbeiten gestützt, die rechtliche Seite des Verfahrens darzulegen. Er unterscheidet nach den vorliegenden Angaben der Evangelien, die er als der Wirklichkeit entsprechend annimmt, ein doppeltes Verfahren, das vor der jüdischen und das vor der römischen Behörde. Er gelangt zu dem Ergebnis, daß vom Standpunkt der jüdischen Richter, nach dem damals geltenden jüdischen Recht, Jesus sich einer Gotteslästerung schuldig gemacht habe. „Die jüdischen Richter konnten diese Menschenvcrgötteruna Nur für eine Beleidigung, eine Herabwürdigung ihres Gottes ansehen." Mumm gibt zu, daß bis ans Verletzungen vo« Formvorschriften, die eine Ungültigkeit deS Verfahrens und eine Aushebung des Urteils nicht nach sich gezogen hätten, der Prozeß im großen und ganzen sich in geordneten Bahnen bewegte, und Jesus vor der kompetenten Behörde auf Grund einer klaren Gesctzcsvorschrift der Gotteslästerung konkurrierend mit der Verführung zur Abgötterei für schuldig befunden wurde. Von einem Justizmord, wie die allgemeine Vorstellttng und herrschende Auffassung ist. könnte in keinem Falle gesprochen werden. Das dürfte dem Verfasser wohl genügen, aber auch zeigen, wie vorsichtig man diese heiklen Fragen behandeln muß. Wir geben ihm zu, daß das Evangelium einen historischen Kern enthält» er wird aber nicht umhin können, auch seinerseits zuzugebett, daß die christlichen Quellen, denen wir Berichte über Jesus verdanken. Kirchengeschichte sind, in der die Gestalt Jesu im Spiegel gläubiger Romantik und unkontrollierbarer traditioneller Ueberliefernng erscheint. Die Apostel berichten vom Hörensagen. Kein einziger Bericht eines Augenzeugen ist im MerknS-, Matthäus- und Lukasevangclnrm erhalten, die erst frühestens 60 biS 100 Jahre nach dem Tode Ehristi geschrieben sind. Bei alledem will ich gar nicht davon sprechen, daß die Frage nach der Geschichtllchkcit Jesu, wie dem Verfasser bekannt ist, beut ein heiß- »msirittencS Problem ist. das wohl in absehbarer Zeit kaum zur Lösung gelangen wir^> — Hm den Glauben an die „GotteSlindschrst" Jesu verständlich z« mnche«. wagt Löwenthal die Behauptung, daß „auch wir Juden a« Übernatürliche Zeugung geglarrbt" haben, was die Stelle von den Engelehen in den ersten Kapiteln der Genesis beweisen soll. Bemerkt der Verfasser nicht den himmelweiten Unterschied? Wie immer diese Stelle erklärt wird, der Glaube' an übernatürliche Zeugung ist doch niemals zu einem religiösen Dogma des Judentums geworden. Das iß doch das Entscheidende. Auf die religionsgeschichtliche Entwicklung des Judentums hat dieser Glanbe nicht den geringsten Einfluß geübt. Läßt sich das auch vom Christentum in gleicher Weise sagen? Gewiß nicht. — Nicht minder kühn und unzutreffend ist die Ansicht: „Die Lieder von dem Knechte Gottes entstammen der Feder des zweiten Jesaias und beziehen sich zweifelsohne auf Christus." CS. 50.) Nein, Herr Lowenchnl. da gestatten wir uns dte allerstärksten Zweifel geltend zu wachen. Ihre Meinung teilt wohl die Kirche, aber nicht die Wissenschaft. Im ganzen Bereiche des Alien Testamentes hat niemand an Jesus gedacht, ja, nicht denken können. Der Knecht Gottes ist das Volk Israel selbst unter dem Gesichtspunkt seines göttlichen Berufes. Dieser Beruf aber gipfelt darin, daß es in Leiden, Wirken und neuem Heilsempfang alle Heiden zur Erkenntnis Gottes als des einzigen wahren Gottes führen soll. Durch Leiden geläutert und entsündigt, kann Israel zum Licht der Heiden und zum Segen für die ganze Welt werden. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, lasten Sie sich u. a. von Sellin belehren. (Der alttestamcntliche Prophetismus S. 82.) Ich empfehle Ihnen auch zur Lektüre die sehr interessante Schrift von Gunkel: Ein Vorläufer Jesu lVerlag Seldwyla, Bern. 1021), in der er der Entdeckung eines jungen norwegischen Gelehrten nachgeht, „daß der Jahwe- Knecht kein anderer als der Prophet selber ist". — Daß der jüdische und christliche Gottesdienst miteinander verwandt sind, liegt auf der Hand. Das Judentum ist doch die Quelle, aus der Christentum und Islam geschöpft haben. Befremdend wirkt es aber, wenn der Verkäster das Kaddischgebet die große Totenklagc der Inden nennt, die für das Seelenheil der Verstorbenen gebetet wird. (S. 69.) Wo ist im Kadöisch ein Wort der Klage? Ist es nicht vielmehr die Rechtfertigung und Anerkennung des göttlichen Waltens, zu der sich der Jude selbst aus tiefstem Leid aufschwtngt? Und wem glaubt Löwcnthal zu dienen, wenn er erklärt, daß sich im Punkte der Intoleranz im Altertum. Mittelalter und Neuzeit weder Juden noch Christen gegenseitig etwas vorzuwerfen haben? (S. 71.) Der Jude, der die Geschichte seines Volkes kennt, weiß es besser, und der ehrliche Christ lächelt darüber. Auf diesem Wege war die zweifellos gute Absicht, die den Autor beseelte, nicht zu verwirklichen. Damit ijt weder Juden noch Christen ein Dienst geleistet. Ist die Verschmelzung der Religionen überhaupt wünschenswert, selbst wenn sie erreichbar wäre? Ich glaube nicht Es würde vollständig genügen, wenn Juden urrd Christen dte Grundlehren ihres Glaubens. Gerechtigkeit und Liebe, mehr als bisher in die Tat umzusetzen suchten, jeder feiner „Gotteskindschaft" eingedenk, die er auch dem andern nicht bestreiten darf; denn daran und nur daran allein hat eS gefehlt. DaS wäre ein BnrderbaNb. da§ sich um alle Nationen im Namen deS einen, des unsichtbaren Gottes schlingt.