Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 26 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchMraleZeilML 6>raan der Lereiniauna kür das liberale Judentum e. V. Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^4jährlich M. 1.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: :: im Milgliedsbeilrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Woyda. vis v Jiiötfcf) - liberale - Zsttung" erscheint Zeven Freitag. Schrittleituna unv SsschüttsstsUe: verlin, Mauerstratzs22. ksrnruk: 6ml Merkur Nr. S72S Posts-Psrkkontor verlin NV? 7 Nr. 137064 (Vereinigung für Das liberale Judentum) nadibrudt fflmtllcher Orlginal-Beitrüge nur mit vorheriger Genehmigung her KeDaKtlon geftattet! Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezetle 0.43 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: r: r: Anzeigenannahme: Dr. Richter & Lo.. G.m.b.H» Berlin E 42. Alexandrinenstrahe 05/06. (Fernsprecher: Dönhoff 7255). sowie sämtliche Annoncen-Expedittonen. Nr. 26 Berlin. 8. August 1924 4. Jahrgang Der jüdische Mensch. I. Das Wesen des jüdischen Menschen. Unendlich oft ist das Wesen des jüdischen Menschen definiert worden. Die Definition des jüdischen Menschen ist zu tiefst die Definition der jüdischen Individualisierung des religiösen Kern-Erlebnisses. Ter blinde Dichter Eduard von Keyserling sagte einmal: „Definitionen sind immer falsch, aber sie beruhigen." Das ist viel zu unproblematisch-skeptisch gesagt. Beiser könnte man sagen: Definitionen setzen immer schon eine Metaphysik voraus: deshalb beruhigen sie. Aus dem Geist der verschiedensten Metaphysiken ist auch der jüdische Mensch definiert worden: Der Historist definiert ihn als ein Produkt der jüdischen Geschichte: das Schicksal der Diaspora wird hier meist als hervorragender Faktor eingesetzt: der Biolvgist definiert ihn als Produkt der Raffenkreuzung: der Soziologe definiert ihn durch seine Reaktion auf die Völker, mit denen er lebt. Der moderne analytische Psychologe enthält sich metaphysischer Urteile über die jüdische Seelensubstanz: er beschränkt sich auf die Analyse der Lebens- und Werk-Aeutzerungen jüdischer Menschen, ohne für die hier gefundenen Scelen-Elemente wieder nach einer physischen oder metaphysischen Erklärung zu suchen. Diese analytische Definition ist methodologisch relativ am voraussetzungslosesten. Sie ist — im Endziel — eine Morphologie des jüdischen Menschen in all seinen Lebensaußernngen. Buber hat aus dem Geiste der modernen Gestalt-Psychologie heraus dieses Forschungsziel am prägnantesten formuliert. So fragt er: „Gibt es eine in sich wirklich jüdische Religiosität'? Nicht Dogma und Norm, Kult und Regel: gibt es ein heute von Menschen gelebtes eigentümliches Verhältnis zum Unbedingten, das seinem Wesen nach als jüdisch zu bezeichnen ist. und das sich in einer Gemeinschaft der Juden konstituiert?" Antzerordcntlich energisch weist Buber jede soziologische Definition als unzulänglich ab: „Wie der Jude erleidend und reagierend zur autzeriüdischen Welt steht, was ihm als Jude von dieser zugcfügt und wie es von ihm verarbeitet wird, mag seine Art seit 70 Geschlechtern mitgestalten, ein begründendes Element seines inneren Judentums kann es nicht abgcben." So sehr sich aber Buber vor der soziologischen Ableitung der Definition des jüdischen Menschen hütet, so stark verfällt er noch — wenn auch nur dem sprachlichen Ausdruck nach — der biologistischen Definition. So macht auch er „die Entdeckung des Blutes als der wurzelhaften, nährenden Macht im Einzelnen, die Entdeckung, daß die tiefsten Schichten unseres Wesens vom Blute bestimmt, dass unsere Gedanken und unser Wille zu innerst von ihm gefärbt sind." Bur Gewinnung einer Definition des jüdischen Menschen auf analytischem Wege sind erst spärliche Ansätze vor Händen. Ein solcher Ansatz ist z. B. das Buch „Juden in der deutschen Literatur": es versucht eine Analyse des modernen jüdischen Dichters deutscher Sprache. Als Grundzug des jüdischen Menschen fand man hier diesen Charakter, er lebt in Entzweiung: in sich gespalten: mit sich uneins. Werfal dichtet für alle: „Warum gabst du mir nicht Einheit? Reinige, einige mich, du Gewässer! Siehe, es wehklagen alle deine wissenden Kinder. Seit eh und je über die Zahl zwei." Er lebt entwurzelt: nirgends zu Hause, überall zu Hause: Georg Herrmanns, Artur Schnitzlers. Peter Altcnbcrgs Menschen sind Nomaden, immer auf der Wanderschaft. Ahasver ist das grosie jüdische Symbol geworden. Der Jude lebt intensiv: immer zum Superlativ hindrängcnd: immer das Absolute fordernd. Seine Dichtung ist ethisch und mystisch: „unanschauliche, auf abstraktes Schauen zielende Bilder und Tropen" charakterisieren sic. Sein Denken ist souverän. Einer schreibt: „Denken um des Denkens willen als l'art pour l'art erscheint mir als spezifisch jüdisch." Bubers Analysen des jüdischen Menschen sind auf einen Teil dieser Charakteristik wohl von grosiem Einfluß gewesen. Auch er charakterisiert die jüdische Seele als „polares Phänomen", in dem „das Gefühl der Entzweiung und das Streben nach Einheit" verknüpft ist. Buber sieht das schöpferisch Jüdische nicht in der .Hervorbringung neuer Gegenstände. neuen Inhalts, sondern in der Stiftung einer neuen Einheit für Inhalte. Und neben die Idee der Einheit setzt er als die beiden anderen jüdischen Ur-Ideen „die Idee der Tat" und „die Idee der Zukunft". Bubers Definition des jüdischen Menschen dringt bis zu einer letzten typischen Eharakterisierung vor: er letzt den orientalen Typ dem okzidentalen Typ entgegen: „Für den Orientalen ist die Tat. für den Okzidentalen der Glaube die einzige Verbindung zwischen Mensch und Gott. Der Okzidentale schreitet stufenweise von der Erscheinung zur Wahrheit der Welt, oder dringt in aufblitzender Intuition zu ihr vor. Der Orientale trägt die Wahrheit im Kern seines Lebens und findet sie in der Welt, ind-m er sie ihr gibt." Buber findet die. Definition des Juden Zn seiner motorischen Reaktion auf Impressionen der Welt im Gegensatz zu der sensorischen Reaktion des Europäers: „Unvergleichlich mehr motorisch als sensorisch veranlagt, reagiert er auch in seinem ganzen innerlichen geistigen Leben'sehr mt—IIIG II—l! M-> — >>M» » M »> 4»!»— # (I ~~~ M >M —— M>^ Aus dem Inhalt: Dr. Ludwig Marcuse-Berlin: Der jüdische Mensch. — Dr. Arthur Lilienthal-Berliu: Fanatisierte Jugend? * Mar Nosenfeid-Dresden: Es kommt die Zeit. — Emil Felden-Bremen: Aus dem Sagenschatz des jüdischen Volkes. — Prof. Dr. S. Golinsky- Pilsen: Gotteskindschaft. — Nina Waldisberg: Ahasver und das Märchen. Aus den Gemeinden. — Aus der Bewegung. — Der jüdische Sprechsaal. — Versammlnngskalender. Kalendarium. Dynamit-Attentat auf eine Synagoge. Aus Bukarest wird telegraphiert: Gegen die Synagoge des Städtchens Iosasel bei Arad wurde ein Dynamitattentat verübt. Die Bombe war in die Bundcslaöe gelegt morden, wo sie explodierte und den heiligen Schrank sowie die darin befindlichen Thorah-Rollen und andere Gotbesdienst-Reliauien vernichtete. Menschenopfer sind nicht zu beklagen, da die Explosion nach Mitternacht erfolgte und der letzte Nacht-- gottesdicnst um IN Uhr beendet war. Hierzu liegt aus Arad noch der folgende ergänzende Bericht vor: Die Synagoge war erst vor kurzer Z-it von dem Gutsbesitzer Ignaz Polatschek gestiftet worden. Die Explosion erfolgte um Mitternacht, doch weisen alle technischen Anzeichen und psychologischen Momente darauf hin, daß die Höllenmaschine auf die Zeit des Abendgottesd lenstes tempiert war, zu dem sich alle Juden der umliegenden Ortschaften eingefunden hatten. Infolge einer mangelhaften Funktion des Zünders erfolgte die Explosion erst u>m Mitternacht, als niemand mehr in der Synagoge war. Die Gendarmerie der Nachbargemeinde Gurahonoz erschien noch im Laufe der Nacht in Jossashcly, tags darauf sandte auch das Araber Gericht zwei Staatsanwälte und einen Untersuchungsrichter, die mit dem Gendarmerieobersten Anghelescn die Erhebungen pflogen. Ter Verdacht richtet sich gegen den Sprengmeister Josef Bogdan der Gucahonozer Gruben, da er allein über genügende Mengen Ekrasit verfügt. um einen derartigen Anschlag durchführen zu können. Er wurde verhaftet. Ablehnung der antisemitischen Anträge in Bayern. Das Plenum des bayerischen Landtages beschäftigte sich noch am letzten Sitzungstage vor den Ferien mit den völkischen und deutschnationalen Anträgen über die Entrechtung der bayerischen Juden und der Ausweisung und Enteignung der ausländischen Juden. Die Rechtsparteien, die die Anträge cmbrachten, waren sich untereinander nicht einig und die eine Fraktion half mit, die Anträge der anderen Fraktion niederzustimmen. So kam es, Satz sowohl die weitgehenderen Anträge der Völkischen, als auch die von dem Versaffungsausschntz angenommenen und auch von der Majorität der banecischen Bolkspartei gebilligten Anträge, betreffend die Namensänderung der Inden und die Statistik der jüdischen Staatsangestellten, abgelehnt worden sind. Von der Preisaufgabe der Berliner Universität. Die Berliner Universität stellt für das Jahr 1924/25 eine Anzahl neuer Preisanfgabcn aus allen Wissenschaften, darunter die folgenden: Die Theologische Fakultät wiederholt für den Staatspreis (dessen Höhe übrigens vom Kultusministerinm diesmal verdoppelt wurde) das für 1924 gestellte Thema: Die Vorstellungen und Erzählungen vom unerkannten Messias lErlöser, Gott) im Judentum, Urchristentum und in der Gnosis sind zu sammeln, in ihrer Eigenart darzustellen und auf Ursprung und Geschichte hin zu untersuchen. Ferner als neues Thema: Die vorpaulinische jüdische Mystik (Philo, Septuaginta) und ihr Verhältnis zur antiken Mystik, mit besonderer Untersuchung der etwaigen Beziehungen zu Poseidonios. Sendet die Beiträge und Spenden! Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Indent«« E. B.. Berlin NW. 7. Nr. 137 069. viel intensiver als er empfängt. Er gestaltet das Ernp» fangene mehr zu Wortgedanken, Begriffen, als zu Bildgedanken, Vorstellungen aus. Den vom Subjekte unabhängigen Gegenständen unendlich fremd, nur für die den Funktionen des Subjekt unterworfenen Gegenstände verständnisvoll (sogar für Spinoza ist die Natur more geo* metrico darlegbar) existiert der Jude weniger in Substanz als in Relation. Er hat den höchsten Sinn für die allgemeinen und offenbaren, wie für die heimlichen und besonderen Beziehungen des Kosmos und der Psyche, und weitz sie in mathematischen Formeln und in logischen Definitionen festzulegen, oder in Rhythmen und Melodien auf das Meer der Ewigkeit auszuschicken. Aber er hat einen geringen Sinn für die ganze Wirklichkeit eines Baumes, eines Vogels . . . ." Die Definition des Juden, die Max Brod gefunden hat. ist noch systematischer, rationeller: wie Bubers Definition wiederum systematischer ist als die Desiuitivnen, die Käufer. Blaß. Weiß, Haas, Ehrenstein. Georg. Zweig, Wolffcnstein und andere in dem Buch „Juden in der deutschen Literatur" gegeben haben. Für Brod ist das Judentum die ursprüngliche Synthese: Christentum und Heidentum einseitige Verselbständigungen eines Synthesen-Faktors. Das Judentum ist die Religion des „Diesseits-Wunders": nicht Wcltabgcwandtlieit iChristentum). nicht Weltvergottung (Heidentum), sondern Welt- -Heiligung. Das Göttliche liegt nicht nur Jenseits und lässt die Welt als wertfremd zurück: das (Göttliche steckt nicht irr Diesseits und ist identisch mit der Welt: das Jenseits des Göttlichen strahlt in diese Welt ein und will sie durchdringen. Zwider und Brod definieren den jüdischen Menschen, indem sie eine letzte Ureinstcllung zur Unendlichkeit als sein typisches Apriori aufwcisen. Hermann Cohen löst dieses individuelle Apriori auf: er gebürt einer anderen philosophischen Generation an als Bnber und Brod: Rationalist, der er bis in die letzte Faser seines Herzens war. wurde ihm der jüdische Mensch zu dem Menschen, d. h. zum wesentlichen, znm idealistischen. Menschen. Er kvnfundicrte jüdischen. griechischen und deutschen Idealismus: .Bibel. Plato und Kant sind Ausgestaltungen eines Typs. Lösen die hier skizzierten Definitionen des iüdischcn Menschen ihr Problem? Ein zweiter Artikel wird eine SiriiU dieser Definitionen geben. II. Der jüdische und tz e r, europäische Mensch. Man weitz schon lange, daß Europa eine geistige Einheit ist. Jeder Gedanke in Paris. Berlin und Rom hat in London. Petersburg und Madrid sein Echo. Das ist nicht eine Wirkung der Eisenbahnen und Flugzeuge, sondern der Geschichte: Europa ist aus vielen Bestandteilen zu einem einzigen Gebilde zusammen gewachsen. Man weiß leider noch viel zu wenig, daß schon ein größeres Gebilde im Wachsen ist. von dem Europa wiederum nur ein Bestandteil ist: Eurasien. Das Wachsen dieses Gebildes kündigte sich seit der Romantik deutlich genug an: in dem Siegeszug des Buddhismus in Europa; in der europäischen Rezeption indischer und chinesischer Philosophen: in der Herrschaft der großen russischen Dichter. Seit Schopenhauer paffen die Gegensatzdefinitioncn von Charakter Europas und Asiens nicht mehr recht, nnd passen jeden Tag weniger. Die Seele der Menschheit ist eine Einheit. Auf diesem Kontinent ist dieser, auf jenem Kontinent Zn anderer Bereich dieser Seele aktualisiert worden. Für Zeiten, in denen der europäische und der asiatische Kontinent seine begrenzte Seele auslebte, mag das Gegensatz-Paar Europa und Asien gelten. Parallel zur Entwicklung des politischen Kosmopolitismus ist aber ein Seclen-KvsmopolitisnmS im Werden: sowohl die europäische als auch die asiatische Seele ist in das Nachbar-Reich eingedrnngen. Die Vermählung der Seelen st eine Tatsache. Dostvjewski und Nietzsche sind heute schon im tiefsten eine Einheit: wobei ausgesprochen werden mutz: daß Europa in höherem Grade das Asien in sich entdeckt hat. als Asien sein Europa. <D>as hat geschichtsmetaphysische Gründe, die hier ausgcschaltct werden müssen.) Auch der jüdische Mensch ist heute Enrasiat. Wie seine Geschichte integrierender Bestandteil Europas ist. so ist Europa integrierender Bestandteil seiner Existenz. In diesem Sinne ist Europa tatsächlich verludet. In diesem Sinne ist die Grünc-Tisch-Idec von einem zukünftigen entjudeten Christentum, von einem Christentum ohne Christus verständlich. Aber: all diese Scheidungsversuche sind heute sinnlos. Nie wird das deutlicher, als wenn mau die Definitionen des jüdischen Menschen betrachtet, die Buber, Brod und Cohen gegeben haben (und die viel komplexer sind, als diese Rclig io ns-PhilosopHeu wissen). Cohen findet die Wurzel der jüdischen Existenz in einem Boden, welcher der gemeinsame Schon für Bibel, platonische Antike und deutsch-klassischen Idealismus gewesen ist. Er arbeitete ein Profil des Jüdischen heraus, das unverkennbar in seinen .Hauptzügen dem Europa des achtzehnten Jahrhunderts gleicht, und das nicht das svezisisch-jüdischc Merkmal fixiert, soviel Züge dieses Gesichts auch im modernen Juden sein mögen. Buber und Brod sind um soviel asiatischer als Cohen. , als das neunzehnte Jahrhundert Enro"as asiatischer ist als das achtzehnte Jahrhundert. Ihre Definition des jüdischen Menschen spiegelt eine andere Situation Europas wieder: