Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-01 · 25 (1.8.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
25 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613766--0924-2618236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

rung zu sehen glaubte, machte die deutschen Universitäten zu Hochburgen des Antisemitismus. Der K. zu dessen Grundprinzipien der Kamps gegen den AntisemitiSumin der deutschen Studentenschaft und die Erziehung seiner Mitglieder zu selbstbewußten Juden gehört, hat ftiij awf diesem in den letzten Jahren besonders schwierigen Kampfplatz stets ehrenvoll behauptet und ist heute einer der Haupt, träger -es Abwehrkampfes. Dies kam zum Ausdruck auf dem grotzen BegrützungSkommers am Gonnabend, den 26. Juli, der Len Auftakt -er eigentlichen Tagung bildete. Das gute Verhältnis -wischen dem Würzburger K. L. und Ser dortigen jüdischen Bevölkern»« kam zu« Ausdruck in der außerordentlich starken Teilnahme ihrer führenden Persönlichkeiten an dem Kommers. Als Vertreter des Central-Vereins begrüßte Rechtsanwalt Dr. Rvsenthal den K. C. in Würzburg und betonte weiterhin in seiner Ansprache vor allem die für den K. C.er heute zwingende Notwendigkeit, außer zu den hochschul-politischeu Aufgaben vor allem auch zu den großen Kragen der allgemeinen Politik Stellung zu nehmen. Er sprach die Hoffnung aus. Laß der K. C.. wie bisher, auch weiterhin für die Abwehrarbeit in Bayern zur Verfügung stehen werde. Gr betonte mit Recht, welche Selbstverständlichkeit es bei einer gleichartigen Veranstaltung anderer Studentenverbände gewesen wäre, daß die Vertreter der öffentlichen und Spitzen der akademischen Behörden bei dem Festkommers anwesend seien. Als Vertreter des Frontbundes sprach Rechtsanwalt Dr. Schloß dem K. C. die Sympathien seines BerbandeS und die besten Wünsche für die Arbeit des K. C. aus und legte dann weiterhin maßgebenden Wert vor allem auf die weitere Ausgestaltung der sportlichen Beziehungen zwischen Len jüdischen Studenten und der übrigen Studentenschaft. Nach -en Vertretern der befreundeten Verbindungen ,B«da" und „Salia" nahm Dr. Berlak-Oerlin das Wort. Er erinnerte daran, Laß der K. C. in den Jahren feines Bestehens sein ursprüngliches Programm in aktiver Abwehr, den Kampf für den Rechtsgedanken, für die Gleichberechtigung auf dem Boden der Menschenrechte durchgeführt hat. Aber die Menschenrechte, die Ideale der Aufkläruua sind heute nicht mehr wie früher ein selbstverständliches Gemeingut unseres Volkes, aus dem Kampf um das Recht ist ein Kampf um die Kulturgemeinschaft geworden, der an die geistige Abwehr ganz andere Anforderungen stellt als früher und den K. C. zu einer umfassenderen und intensiveren Tätigkeit zwingt. Wir sind gezwungen, den Begriff des selbstbewußten deutschen Juden, für uns früher nur ein Begriff unserer Selbstachtung, heute unseren Gegnern gegenüber näher zu begründen und zu verteidigen. Der Begriff der selbstbewußten deutschen Juden führt weiterhin, da er ia den Gedanken der deutschen Kulturgemeinschaft voraussetzt, zur selbstverständliche» Ablehnung des nationalen Judentums wie der restlosen Assimilation. Herr Dr, Berlak erörterte dann weiterhin die Einstellung des K. C. zur Hochschul-Politik und zur äußeren jüdischen Arbeit und forderte, wie Dr. Rosenthal. vor allem eine entschiedenere Stellungnahme zu den politischen Dingen auch außerhalb der studentischen Sphären. Seine Ausführungen wurden ergänzt durch Dr. Urias-Hamburg, der die selbstverständliche Pflicht eines jeden K.-C.ers betonte, trotz der Anfeindungen unserer Gegner sich den Glauben an das Vaterland nicht erschüttern zu lassen und seinen Platz in der Volksgemeinschaft auszufüllen. Er beendete seine Rede mit einem donnernden Salamander auf das Vaterland, und die Klänge des Deutschland-Liedes, das stehend gesungen wurde, gaben der Rede den Abschluß Der nächste Tag war der Arbeit gewidmet. Neben Fragen der internen Verban-sorganisation. wie etwa der Frage, oh das durch den Göttinger K.-C.-Tag im vorigen Jahre gestattete Fechten im Verbände weiterhin erlaubt werden soll, standen auch größere Referate über die politische Kampfstellung des K. C. von Dr. Franz Fuchs-Berlin und über innere jüdische Fragen von Dr. Holländer auf der Tagesordnung. Die Organisationsfragen waren bald erledigt. Der Göttinger Beschluß wurde auf unbestimmte Zeit verlängert und damit das Fechten im Verbände gestattet. Dann nahm Dr. Franz Fuchs das Wort. Er führte etwa folgendes aus: Der K. C. ist offiziell parteipolitisch neutral. Aber seine politische Neutralität ist durchaus nicht etwa politische Indifferenz, sondern resultiert vielmehr aus einer selbstverständlichen politischen Stellungnahme -er Ablehnung und des Kampfes gegen alle antisemitischen Parteien. Es fragt sich nun, ob man nicht heute von einer positiv-politischen Kampfstellung des K. C. sprechen kann. Zwei Gruppen namentlich sind es, gegen die der K. C. heute im Kampfe steht. Die Anhänger des alten reaktionären Kasten- und Ordnungsstaates und eine im Grunde revolutionäre Partei, die Völkischen. Die Völkischen müssen mit ganz anderem Matze gemessen werden als die alten reaktionär-legitimistischen Gegner. Sie sind eine revolutionäre Partei, die mit revolutionären Methoden arbeitet und der gegenüber die Inte« häufig bestrebt sind, bet den Anhängern des alten Ordnung- und Kastenstaate- Schutz und Anschluß zu suchen. Das ist eine Verkennung -es politische» Standpunktes des selstbewutzten deutsche» Juden» der nt« vergessen darf, daß die Anhänger dereaktionären Staate-, in dem nur bestimmte Schichten herrschen, seinen Gleichberechtigung-bestrebungen ebenso feindlich gegenüverstehe» wie die Völkischen. Die Existenz -er deutsche» Juden im deutsche» Botte, in dasie die Emanzipation htneingeführt hat. ist nur möglich in einem freien deutschen Bolk-staat, weil nur er das anerkennt, was den deutschen Juden zum An unsere Mitglieder! Bor zwei Wochen haben wir an alle Mitglieder ein Rundschreiben versandte das zur Zahlung einer einmaligen Umlage in HSHe von 1,— 8»—. 5,— oder 10,— Mark auf dem Wege -er Gelbsteinschätzung auffovderte. Wir benötigen große Mittel zur Vollendung unserer Organisationsarbeit im ganzen Reiche! Zahlreiche Mitglieder sind unserem Ruse gefolgt. Weitaus die meisten jedoch stehen «och abseits. Wir fordern deshalb alle unsere Mitglieder auf diesem Wege nochmals auf, uns ein« großzügige Werbearbeit zu ermögliche« und umgehend einen den Verhältnissen jedeeinzelnen entsprechenden Betrag auf unser Postscheckkonto Berlin Rr. 1876öS einzuzahlen. Bereinigung für das liberale Indent»« E. v. Dick mann, Generalsekretär. qqqqqqqqqqqqqqq&&qqQ Deutschen niacht: den freien Willen zum Deutschtum. Für den freien deutschen Bolksstaat muß deshalb der Jude, muß der K.-C.er wirken. Es folgte dann die Wahl zum geschäftsführenden Ausschuß des K. C., dessen Vorsitz der langjährige erste Vorsitzende Dr. Holländer unter großer Begeisterung wieder übernahm. Es sprach dann Dr. Holländer über innerpolitische Fragen. Er wendet sich eingangs gegen den Borwurf, daß sich der K. C. zu wenig mit aktiver Politik beschäftige. Es ist außerdem auch falsch, immer davon zu sprechen, daß unr K.-C.er weniger reich an Idealen seien wie etwa die Anhänger der jüdisch-nationalen Bewegung. Die Ideale der jüdisch-nationalen Bewegung sind nur wirklichkeitsfremder wie die unseren und kommen deshalb Mn Gemütsregmrgen eines unbefriedigten Menschen außerordentlich entgegen. Er braucht nicht viel zu denken, er sieht das leuchtende Panier einer veränderten Zukunft und sagt sich: Diese Bewegung ist die meine, und ist leicht geneigt, die Realitäten des Lebens zurückzustellen hinter einem Horizont, der zwar weit liegt, aber mit blauem und schönem Aether erfüllt ist. Wir aber können diesen schönen glatten Serpentinenwea nicht gehen wie die anderen, sondern müssen hinaufklettern aus Wegen, die zwar ungeebnet sind, die wir aber gehen müsse», weil wir gewillt sind, im politischen Kampf unsere deutsche und jüdische Persönlichkeit üurchzusetzen, und uns nicht von jenem Pessimismus Leiten lassen, der das Endmotw der ganzen jüdisch-nationalen Gedankenführung ist. Weil wir das innere Verlangen nach Deutschtum und Judentum haben, müssen wir unseren Idealismus zu einer praktischen Realisierung dieses inneren Verlangens verwenden und nach dieser Richtung hin ausbauen. Wenn also Las Gemüt von uns nicht so schnell befriedigt werden kann, so liegt das darin, weil bei uns auch die Sphäre des Intellekts und der WillensbULung viel angestrengter fein muß als im jenseitigen Lager, und weil wir uns sagen müssen: unsere Jugend kann nicht mit Idealen in der Zukunft erfüllt werden, wenn nicht der Wille zur positiven Tat ausgebildet wird. Und wenn darum gesagt wird: Wir haben keine Ideale, so ist nichts falscher, sondern wir haben die Ideale mindestens in so hohem Matze wie die Gegenseite, aber wir haben Ideale, deren Tmrchführuna außerordentliche Schwierigkeiten umfassen, eine Weltanschauung, die im Kampfe mit der ganzen Umwelt steht: aber wir habe« die Ueberzeugung: wir werden diese» Kämpf letzten Endegewinnen. Und selbst wenn wir die Ueberzenguna hätte», wir würden ihn nicht gewinnen, wir würden ihn bis ans Ende unserer Tage führen, den» bei uns ist die Bewegung in der Richtung dies«- Zieles alles, und darum müssen wir uns sagen: nichts ist falschen als der Mangel au Idealismus Hei uns. Dr. Holländer gcht dann über zu den großen innerpolitischen Kragen der Mischen Allgemeinheit, ßt weist auf die Gründung der Achdutb und ihr Verhältnis zur Agudah hin und unterstreicht vor allem, daß die Achdnch- Bewegung, der sich große Männer angeschlossen haben, sich dadurch wesentlich von der Agudah-Beweguna unterscheidet, daß diese in ihrer Stellung m jüdisch-nationalen Problem sich der Stellung des K. L. außerordentlich genähert hat, während die Aqduth auf dem Standpunkt steht, daß es auf die politische Einstellung der Mitglieder nicht ankommt, und dadurch einen außerordentlich starken Zulauf audem jüdisch-nationalen Lager gewonnen hat. Neben dieser Bewegung hat zweifellos der jüdische Liberalismus eine gewisse Stärbung erfahren. Zum Schluß seiner Ausführungen wendet sich Dr. Holländer noch der Richtung zu» die Dr. staumann, im Judentum einnimmt. lEs fei übrigens erwähnt, daß auf dem K.-C.-Tag eine Resolution angenommen wurde, die das Festhalten des K. C. an seiner bekannten Stellung gegenüber der Naumann-Bewegung betont, und die einzelnen Verbindungen auffordert, im Laufe des Wintersemesters offiziell zu den Bestrebungen des Verbandes national-deutscher Juden Stellung zu nehmen.) Er führt auS, daß er es sich durchaus vorstellen kann, daß anständige. Meujcheu. die keinerlei Willen mehr zum Judentum haben, auf den Gedanken kommen, immer mehr und mehr das Jüdische in sich zu eliminieren und eine völlige Assimilation zu suchen. Wenn wir unS aber de« jüdischen Mensche» so ansehen. wie ihn die ersten K.-C.er. die alten Viaürinen. hingestellt haben, den Menschen, de« eine innere Kraft zur Erhaltung seiner Ehre hinzieht, so müssen wir sagen, daß keine Politik und kein Opportunismus jemals dazu führen darf, irgendwie eine Denunziation vom Judentum Nichtjuden gegenüber vorznnehmen. Wenn ich mit dem Naumannschen Programm vielleicht in manchem übereinstimme, so kann ich niemals mit der Naumannschen Praxis übereinstimmen. Aber wie wir die Dinge mit uns auSmachen, ist gleich. Bor allem aber müssen wir als Angehörige der studentischen Jugend und als Männer der Praxis de» jüdischen Willen mit dem deutschen Willen zur Vollendung jener Persönlichkeit in unS hinstellen. die trotz aller Schwierigkeiten dain unS erzeugt, was wir brauchen: Zufriedenheit. Glück und die Treue zu unserem angestammten Glauben, zu dem. was in uns webt, zu dem, was die große Vergangenheit des deutschen Bottes und unserer Gemeinschaft als dringende Postulate von uns verlangt. Drum wollen wir in unserer künftigen Arbeit bestrebt sein, unsere Jugend mit jenen Idealen zu erfüllen, die ewig jung bleiben, solange wir sie in uns jung erhalten. Am nächsten Tage folgte als schöner Abschluß der Tagung das vierte K.-E.-Sportfest, bei dem die Vertreter fast aller K.-C.-Berbindungen gegeneinander in die Schranken traten. Man sah zum Teil ausgezeichnete Leistungen, starteten doch eine ganze Reihe von Leuten, die bereits auf ihren Hochschulen preisgekrönt und beim allgemeinen deutschen akademischen Olympia in Marburg ihren Mann gestanden hatten. Alle Teilnehmer aber, vom jüngsten Semester bis zu den alten Herren, waren mit einer Äegeisteruna bei der Sache, die ein erfreulicher Beweis für den sportlich» Geist ist. der heute im K. C. herrscht. a W. R. Me Mische Gemeinde zu Verlin veranstaltet eine Gedenkfeier für die im Weltkriege Gefallenen mit Genehmigung des Polizeipräsidenten am Sonntag, den 3. August, mittags 1 Uhr, auf dem Friedhof in Weihenfee. Die $eiev in den Synagogen ist abgesagt. Jüdische Gemeinde zu Berlin. Aber so wenig, wie ein phylosophifcher Denker auf eine Auseinandersetzung mit Kant verzichten kann, so wenig kann jemand, der heute auf staatsrechtlichem Gebiete etwas leisten will, an Laband vorübergehen. Gehe im rat Anschütz, nach Labands Tode die erste Autorität auf dem Gebiete des deutschen Staatsrechts, hat Laband in der „Deutschen Juristen-Zeitung" vom 1. Mai 1918 einen Nachruf gewidmet. Diese Würdigung atmet ernsten deutschen Gelehrtengeist und hält sich von jeder kritiklosen Verherrlichung frei. Um so bedeutungsvoller wird die warme Anerkennung, die dem Laband scheu Schaffen gezollt wird. Einige Stellen dieses Nachrufs seien hier wiedergegebeu. ,Hn Straßburg beginnen Labands große Jahre, in denen er zu dem emporwuchs, der er uns Gegenwärtigen vornehmlich ist und den Kommenden sein und bleiben wird: zu dem führenden Meister des Staatsrechts LeS neuen Reichs. Eine umfassende Würdigung der wissenschaftlichen Bedeutung dessen, Sen wir trauernd grüßen, kani hier nicht geboten werden, schon deshalb nicht, weil zur Beurteilung eines erheblichen Teiles von Labands Lebensarbeit: den handelsrechtlichen und sonstigen germanisttschen Schriften dem Verfasser dieser Zeilen die fachliche Zuständigkeit fehlt. Es handelt sich nur um Laband den Staatsrechtslehrec. Was er als solcher gegeben hat. vereinigt sich wie in einem Brennpunkt in seinem Hauptwerk, dem Staatsrecht des Deutschen Reiches. Dieses Buch hat sogleich bei seinem ersten Erscheinen nicht sowohl das Aufsehen des Neuartigen erregt, als auch wirklich Epoche gemacht, eine Tatsache, die ebenso unbestreitbar ist wie der äußere und wissenschaftliche Erfolg des Werkes, ein Erfolg, der, glänzend von Anfang an. sich von Auflage zu Auflage stetig gesteigert hat und noch heute ganz unvermindert andauert. Wir wollen heute nicht untersuchen, was der Dahingeschieöene uns, Herr Nachlebenden, zu tun übriggelaffen, sondern daran denken, was er uns gegeben hat: eine erstmalige, in ihrer VoMarrdigkeit wie ihrem Werte nach bis heute unerreicht gOliebene rechtswissenschaftliche Durchdringung und Darstellung der Verfassungseinrichtungen und der Berwaltungsges^ebung unseres nationalen Staates. Als Klassiker der Rechtslehre vom neuen Deutschen Reich wird Paul Labarid fortleven nicht nur in der Geschichte der Wissenschaft, sondern auch in der Geschichte dieses Reiches selbst." Soweit Anschütz. Ich möchte diese Ausführungen nur noch in einem Punkte ergänzen. Sieben der rein wissenschaftlichen Leistung Labands. wie sie Anschütz würdigt, ist. wie mir scheint, sein ethisches Verdienst nicht minder bedeutsam, denn in der Wissenschaft des wilhelminischen Deutschlands war es nicht so, Saß sich das Moralische von selbst verstand. Von Zedlitz-Trützschler schildert in seinen Erinnerungen, wie der Geist des Strebertums in der Kaiferzeit alle Behörden durchdrang. AMH die Rechtswissenschaft stand in Gefahr, solchen Einflüssen zu unterliegen. Ich habe in meiner kürzlich erschienenen Schrift „Unsittliche Sittlichkeitsbestimmungen" darauf hingewiesen, wie selbst die Sittlichkeitsparagraphen des amtlichen Borentwurfs zu einem deutschen Strafgesetzbuch von diesem Geist des Strebertums beeinflußt wurden, wie an Stelle nüchterner wissenschaftlicher Arbeit hohles Phrasentum trat, wie man sich fürchtete, irgendwie höheren Ortes Anstoß geben zu können. Um wieviel größer war da die Gefahr, daß gerade die Lehrer des Staatsrechts ihre Aufgabe darin sehen würden, die juristische Leibgarde der Hohenzollern zu sein. In den jetzt erschienenen ^Morgenstunden eines Königs", die den Geist des Hohenzollernfchen Regimes charakterisieren sollen, gibt der Hohenzollern-König seinen Enkeln den Rat, zwei oder drei Gelehrte an seinem Hofe zu nähren, die alles, was er sagt, zu rechtfertigen hätten. Wie nahe lag die Gefahr, daß die Staatsrechtslehrer -es wilhelminischen Deutschlands solchen Spuren folgen und lediglich Apologeten kaiserlicher Machtgelüste werden möchten. Daß es tatsächlich auch in Deutschland' Juristen gab, die dieser Versuchung unterlagen, läßt sich nicht leugnen. Gin charakteristtsches Beispiel sei h ier hervorgeh oben: der ganze Einfluß des Bottes auf die Gesetzgebung beruht im kaiserlichen Deutschland im wesentlichen auf der Bestimmung der Reichsverfassung, daß neue Gesetze nur aus dem Zusammenwirken von Bundestag und Reichstag erlassen werden könnten. Dieser Bestimmung suchte man von seiten reaktionärer Juristen ihre Bedeutung dadurch zu rauben, daß mau dem Begriff der seinen materiellen Inhalt nahm .Dieses hätte ann also praktisch die Folge gehabt, daß neue Rechtssätze, enen der Reichstag keine Zustimmung gab. im Wege der Verordnung dekretiert werden konnten. Man hätte dann also nur den Namen zu verändern brauchen, man hätte statt Gesetz Verordnung gesagt und der Reichstag wäre ausgeschaltet gewesen. Gegen diesen Sophismus wandte sich Laband mit dem ganzen Ernst seiner wissenschaftlichen Kritik, ihm folgte Anschütz, und es ist charakteristisch für die Mentalität seiner Gegner, daß man Nnschütz darauf sofort den Vorwurf der demokratischen Gesinnung machte — daö war ja so ungefähr bas Schlimmste, was man einem Gelehrten in der wilhelnrinißhen Zeit nachsagen konnte. Anschütz sah sich dann auch veranlaßt, in einer feiner wissenschaftlichen Schriften energisch gegen eine derartige Behauptung zu protestieren und zu erklären, daß an seiner konservativen Gesinnung kein Zweifel sein könne. Das also erscheint mit als besonderes Verdienst Labands» daß er sein Ansehen nicht mißbrauchte, und daß er der deutschen Staatslehre den Charakter wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit verlieh. Er hat hierdurch im Verein mit Männer» wie Haenel und Anschütz dem Ansehen der deutschen Rechtswissenschaft auch im Auslände einen unvergleichlichen Dienst erwiesen. Es war eine andere Rechtsauffaffung. die einen Laband beseelte, eine andere, die in jenen „Rechi?.rirüchen" reakttonärer Richter zum Ausdruck gekommen ist, durch die heute die deutsch« Rechtspflege dem Spotte der ganzen Welt preisgegeben wird. Herr, es will Abend werden ... Bon I. L e v y. Herr, es will Abend werden! Aber weine Augen sahen den Morgen nicht, denn sie hingen an deinem Angesichte! Sie sahen nicht» daß die Erde grünte, die Bügel sangen, und sie wußten nicht, daß auch ich jung war! Sie hingen an deinem Angesicht! Die anderen Menschen gingen unten und labten sich an Frühling und Schönheit und genossen den Morgen! Wer es war nur ein kurzer Rausch, der Tag vergeht so schnell — sie dürfen nur kurze Stunden genießen! Ich aber sah den Mittag nicht kommen, den Abend nicht nahen! Ich sah in deinem Angesicht die ewige Schönheit — ich durste die Herrlichkeit deines Wesens empfinden und ich durfte das zarte, leise Roden deines Mundes hören, wie du mit der Geliebten sprichst! Erschreckt flohen die Menschen vor dein Abend —• LaS Leben verschlang sie! Du aber neigst dich zu mir herab, und ein gütiges, reines Lächeln verklärt deine Züge! Du hebst mein Antlitz zu dir empor, und ich darf alle Weisheit von deinem Angesichte lesen — deine Hand umschattet meine Augen, und so bannst du mich zu dir — daß ich nicht werke — wie — es Abend wird!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.