Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 25 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IübischOeraleZeii»« Grgan der Vereinigung für das liberale bndentmn e. V. Bezugspreis durch die GesthLstsstelle jährlich Sk. IM Einzelnummer 0.20. Bei fmter Zusendung i.Fnlaud VLS Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis? :: :: im Mitgliedsdeilrage enchatteu. :: n - Chefredakteur: Dipl.-ng. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Schrittleitung und Ssschüttsstette: Berlin» fDauerftrofee 22. fernruf: Amt Merkur Nr. 8728 PostsU,»UU,onto» Berlin ItW 7 Nr.,37069 (ViNlnlgunf für Bas liberale Judentum) nad)5ruck famtltcfcer Origlnal-BeltrAge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet 1 Anzeigenpreise: Die lSgespaltene Ronpareillezelle 0.48 Sstdmark, die Redlamezeile 3,00 Goldmark.;r :: r: bet Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Auzeigeuannahnze: Dr. Richter L Ls^ G.M.K.H, Berlin S 4L, Alepandrinenstratze SSM, (Fernsprecher: DSnhoff 7288), sowie sämtliche Annonceu-Eppeditionen. Nr. 25 Berlin, 1. August 1924 4. Jahrgang Friedensgedanken. . . Am Z. August soll M deutsche Volk seiner Wettrriegsopfer gedenken. Zwei Minuten lang soll in ganz Deutschland jeder Mund schweigen, jede Hand ruhen und diese Feier soll der sinnfällige Ausdruck der gemeinsamen Verehrung, Trauer und unauslöschbaren Dankbarkeit sein, die jeder Deutsche dem Opsertod dieser Volksgenossen zollt. Wir deutschen Juden wollen uns an diesem Tage noch besondere Rechenschaft darüber ablegen, was wir den Toten schulden, die unserer engeren Gemeinschaft angehörten, und was das deutsche Volk ihnen schuldig geblieben ist. Erst vor wenigen Tagen ging durch deutsche Blätter wieder einmal die Kunde von der Schändung eines jüdischen Friedhofes durch völkische Rohlinge. Die Empörung, die dieser Vorfall in uns auslöst und die er in allen deutschen Nichtjuden auslösen müßte, darf aber nicht nur diesem Einzelfall gelten. Wird denn das Andenken der deutschen Juden, die im Weltkrieg für ihr Vaterland fielen, nicht schon seit Jahren Tag für Tag in den Kot gezogen? Werden nicht Tag für Tag die Hinterbliebenen von Menschen, die ihre ganze Persönlichkeit für eine Sache zum Opfer gebracht haben, die ihnen heilig war, in beinahe viehisch zu nennender Weise an die Nutzlosigkeit dieser Opfer erinnert, auch soweit die Achtung der Menschenwürde und des Menschenrechtes der deutschen Juden in Frage steht? Das-Bitterste aber unter alledem, was wir an Haß und Verständnislosigkeit erdulden, ist doch die Erfahrung, daß gerade diejenigen unter unseren nichtjüdischen Volksgenossen, die vom Heldentum des deutschen Juden im Felde Zeugnis ablegen könnten und umßten, schweigen, ja, sogar zum Teil schamlos genug sind, wider ihr. besseres Wissen dem jüdischen Soldaten rot deutschen Heere Feigheit und mangelnde Vaterlandsliebe vorzuwerfen. Nutzlos die Opfer, nutzlos alle Statistiken die zum Beweise des Blutzolls dienen sollen, den auch die deutsche Judenheit dem Vaterland gebracht hat, nutzlos die Zeugnisse vom Heldentum des Einzelnen, die noch heute immer wieder in Briefen und Berichten aus der Kriegszeit der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. So müssen wir uns fragen: Dienen wir, dem Andenken unserer Toten, ehren wir ihr Gedächtnis, wenn wir das, was ihnen als selbstverständliche Pflicht erschien und wovon die A n L e r n heute reden müßten, immer wieder selbst betonen und beteuern? Sollte es nicht eine Entweihung der Gefühle sein, die Tausende unserer Glaubensgenossen in jedem Gottesdienste, bei jedem Kaddisch-Gebet dem Andenken so vieler liebevoller und teurer Menschen widmen, wenn wir diese Gefüüle binaustragen in eine Oeffentlichkeit, aus der uns als Antwort nur giftiger Haß oder bestenfalls Gleichgültigkeit entgegentönt? So ist es auch nicht zu verwundern, wenn aus unseren Kreisen Stimmen ertönen, die von der Erbitterung und der Verbitterung derer erzählen, denen aus dem Land, das sie mit ganzem Herzen und ganzer Seele lieben, nur Undank und noch Schlimmeres zuteil wird. Und hier fragen wir uns wieder: Ehren wir das Andenken unserer Toten, erfüllen wir ihren letzten Willen, wenn wir diese Gefühle der Bitterkeit in uns bit Oberhand gewinnen lassen, wenn wir denen, die uns Vaterlandslosigkeit vorwerfen, sagen, daß wir nicht vaterlandslos geworden sind, wohl aber, daß man uns heimatlos in Deutschland gemacht hat? Unsere Toten fielen nicht nur für die Gemeinschaft der heute Lebenden, sie starben auch für I d e e n, deren Trägerin diese Gemeinschaft sein sollte, und für Nachkommen, die jene Gedanken und Ausgaben von überzeitlichem Wert übernehmen und weitertragen sollten. Nicht ein Deutschland, zerrissen und geknechtet von äußeren Feinden und inneren Leidenschaften, war ihr Ideal,' sie starben für ein glücklicheres, besseres und geläutertes Vaterland. Sie wollten nicht, daß Ungeistigkeit und Pseudvwissenschastlichkeit im Deutschen Reiche den Thron der reinen Wissenschaft bestiegen; ihre Führer im Kampfe um die Erhaltung deutschen Menschentums und deutscher Kultur waren die Größten der deutschen Geistesgeschichte: Goethe und Kant. Und weil sie für eine Idee fielen, deren Bestand unabhängig von der Anerkennung oder Verwerfung durch das jeweils lebende Geschlecht ist. war ihr Heldentod nicht nutzlos, wenn er uns zur sittlichen Forderungwird, uns, als Deutschenwie als Jude n. Wie jeder tatkräftige Mensch, der in seinem Wirken. Widerständen begegnet, gerade dann noch mehr mit. ps Aus dem Inhalt: Dr. Max Mayer-Berlin: Friedensgeöanken. — I. Weinjaft-Berlin: Bölkerbundsaedanke und Judentum. — K. 6.-Taa zu Würzburg. * Dr. Ernst Emil Schweißer-Berlin: Der jüdische Jurist. — I. Levy-Maiuz: Herr, es will Slbend werden... — I. Borchardt-Berli«: Ein CHanukkatag 1680 in Kurbrandenburg. — Doris Wittner-Berlin: Meister Maulwurf. * Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Versamm-, lnngSkalender. — Kalendarium. Die bayerischen Deutschen. Wie wir bereits in unserer vorigen Nummer berichteten, befaßte sich der Versassungsausschus, des bayerischen Landtages mit einem Anträge des völkischen Blocks zur Judenfrage Die Beratungen wurden in einer Sitzung vom 36. Juni beendigt. In den vorliegenden Anträgen wurde bekanUich gefordert, daß Namensänderungen, die seit dem 1. August 1914 vorgenommen wurden, rückgängig zu machen sind, daß Juden zu Staatsprüfungen nicht mehr zugeMssen werden, daß die tm Staatsdienst beschäftigten Juden sofort a-bzubauen seien, daß den Juden verboten wird. Land zu erwerben, daß alle seit 1914 etngewanderten Juden auszuweisen und ihr Vermögen zu beschlagnahmen sei usw. - Dieser Antrag wurde vor allem deshalb abgelehnt, weil Reichs- und Landesverfassung ihm entgegenstehen. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten, also mit den L-'.mmen der Bayerischen Volkspartei, der Deutschen Bolkspartei und der Deutschnationalen, wurde dagegen folgender Antrag angenommen: 1. Die Staatsregierung ist zu ersuchen, den Angehörigen der jüdischen Rasse in der Regel die Genehmigung zur Aenderung des Familiennamens nicht mehr zu erteilen, sowie die unterstellten Behörden anzuweisen, auch die Genehmigung zur Aenderung des Vornamens Angehöriger der jüdischen Rasse in der Regel zu verweigern. 2. Die Staatsregieruna ist zu veranlassen. sofort genaue Erhebungen anzustellen und das Ergebnis raschestens vorzulegen. wo und wieviele Angehörige der jüdischen Rasse sich in Diensten des bayerischen Staates, sei es als Beamte oder als Vertragsangestellte, befinden. In der Aussprache unterbreitete Ku-ltuSminister Dr. Matt folgendes statistisches Material aus dem Studienjahr 1921/22. das Aufschluß gibt über den jüdischen Prozentsatz innerhalb der Lehrkörper der bayerischen Hochschulen. Danach waren an der Münchener Universität von 292 Professoren und Privatdozenten 34 Juden. In Würzvurg unter 114 zwei Juden, in Erlangen unter 95 keiner und an der Technischen Hochschule München von 87 drei Juden, insgesamt alio von 688 Professoren und Privatdozenten 29 Juden. In Münchener demokratischen Kreisen weist man darauf hin. daß auch die angenommenen Anträge gegen die Weimarer Verfassung verstoßen, die einen Unterschied zwischen verschiedenen Raffen innerhalb Deutschlands nicht kennt. Deutschvölkische Dankbarkeit. In der Zeitung „Die Welt am Montag" findet sich folgende Nachricht aus Lauenburg (Pommern): „Am Freite, den 18. Juli, hielt der Antisemit Richard Kunze hier in Lauenburg einen Bortrag, in dem er, wie üblich, auf die Juden jchimpfte. Darauf fuhr er am Sonnabend. den 19. Juli, nach dem im hiesigen Kreise gelegenen Badeort Lvba, um sich von den Anstrengungen des Vortrages zu erholen, begleitet von dem völkischen Restaurateur Juhnke und deffen Frau. Alle drei erfrischten sich in den Wellen der Ostsee, die Badehose des Juhnke geschmückt mtt einem großen Hakenkreuz. — Plötzlich hörte man Hilferufe! Herr Kunze war mit seiner Begleitung in eine Untiefe geraten und alle wären zweifellos ertrunken, wenn nicht rechtzeitig Hilfe zur Stelle gewesen wäre. Herr Juhnke nebst Frau wurden von dem Bademeister herausgeholt. Den ständig .Helft mir doch, helft mir doch!" rufenden Herrn Kunze zog aber der jüdische Badearzt LebaS. Herr Dr. Poswer, aus dem Waffer und hüllte ihn in sein Badetuch, da Herr Kunze in seiner Todesangst die Badehose verloren hatte und splitternackt ans Land gezogen wurde. Während Herr Juhnke und Frau sich bet Herrn Dr> Posner bedankten, erkundigte sich Herr Kunze nur nachträglich. ob Herr Dr. Posner wirklich Jude sei — und verschwand dänn ohne ein Wort des Dankes aus Leba." Gedenket der jüdischen Gefallenen des Weltkrieges! seiner Aufgabe ringt, hat sich Ser deutsche Jude oft noch viel inniger in deutsches Volkstum vertieft und sich als deutscher Kulturträger gefühlt als die vermeintlichen Erbpächter garantiert nationaler Gesinnung. Dieses Kulturbewußtsein ging immer Hand in Hand mit der Erkenntnis der kulturellen Verpflichtung, und aus dieser Erkenntnis heraus entstanden Leistungen deutscher Juden für das deutsche Volt, die Dank und Anerkennung verdient hätten. Eine Minderheit, die auch nach Oeffnung des Ghettos geflissentlich gesellschaftlich gemieden, zurückgesetzt und verunglimpft wurde, mußte sich naturgemäß in besonderer Stärke ihrer geschichtlichen Bindungen bewußt bleiben, und so mußte ihre Liebe zum Baterlande nicht kleiner^ wohl aber anders gefühlsbetont sein wie in der Mehrheit der nichtjiidischen Volksgenossen, denen nicht von außen her ständig die Auseinandersetzung mit dem Problem der Berechtigung ihres Seins als Deutsche im deutschen Volke aufgezwungen wurde. So wäre die Liebe des deutschen Juden zum deutschen Baterlande mit unserer Liebe zum Sabbat zu vergleichen, der, immer heribeigesehnt und innig begrüßt, sich von uns wendet, ohne daß wir seinen Gehalt im tiefsten erschöpft haben, weil äußere Hindernisse uns das Sabbaterlebnis in seiner ganzen Größe versagen. Wie sich die andachtsvolle Gemeinde am FreitagaiSend anschickt, den Sabbat zu empfangen, so ist das Herz des deutschen Juden bereit, dem Baterlande frttyt ganze Liebe darzubringen, wollen wir mit den deutschen Nichtjuden in der, Erfüllung vaterländischer Pflichten wetteifern. Wir bringen unsere Gefühle Lar, wir ziehen aus ihnen die Folgerung durch die Tat, aber die Feier des vollen seelischen Verbundenfeius mit. den andern will nicht kommen. Me aber der Sabbat trotz der ungestillten Sehnsucht nach wahrer Sabbatruhe oder gerade deshalb uns aufs tiefste ergreift und idealer Merkpunkt in dem Rhythmus unseres Lebens ist und bleibt, so bleibt die Idee des Vaterlandes und einer in ihm lebenden einigen, freien und sittlichen Volksgemeinschaft für uns Lebensinhalt und Richtungspunkt. So wird uns die Judensrage in Deutschland zu einer, Frage des S i t t l i che n schlechthin. Wir schöpfen unsere Kraft zum sittlichen Denken und Tun aus den unvergänglichen Werten, die uns unser Glaube vermittelt. Wir wollen uns der Aufgabe bewußt bleiben, daß wir auserwählt sind, nicht um einen Vorrang vor den anderen einzunehmen, sonder« um für die Verwirklichung des messianischen Ideals an unserem Platze zu wirken, zu kämpfen und — zu dulden. Indem wir inmitten der Flut des Hasses und der Gemeinheit unseren vaterländischen Idealen als sittlichen Idealen treu bleiben, erfüllen wir religiöse Verpflichtungen. Im Rahmen des Kampfes für die sittliche Vervollkommnung der ganzen Menschheit steht auch das Streben nach Herbeiführung der Zeit, in der „die Völker ihre Schwerter umschmieden in Sicheln und ihre Lanzen in Rebenmesser, in der ein Volk gegen das andere nicht mehr das Schwert erheben wird." Trotz dieser grundsätzlichen Stellungnahme unsere» Lehre findet der Kamps. den unsere Brüder kämvsten, und der Opfertod, den sie erlitten, seine sittliche Rechtfertigung. Die Worte, die Rabbiner Du Freudenthal im Anfang des Jahres 1915 niederschrieb*), gelten heute wie damals: Mir sind gegen den Kriegs aber wo er uns aufgezwungen wird von unseren Feinden als ein Verteidigungskampf für unsere nationale Ehre ... wollen wir als Deutsche wie als Juden nicht zurückstehen und uns der eigenen Geschichte würdig als tapfere Helden zeigen, wollen aber zugleich der sittlichen und religiösen Erziehung treu bleiben, die wir der Bibel seit Jahrtausenden verdanken und sie auch im Verhalten gegen unsere Feinde bewähren." So wollen wir als deutsche Juden bei der Erinnerung an unsere gefallenen Brüder nicht bitter werden, sondern aus ihrem Leben und Sterben den ständigen Antrieb zur unermüdlichen, freudigen Tatkraft schöpfen, dem , Baterlande weiterhin die Treue zu halten wie der sittlich - religiösen Idee des r ntums und der Gemeinschaft, die ihre Tvägerin Heute aber bewegt uns besonders das- Ziel, das uns der Glaube unserer Väter als Endpunkt mensch- *) Liberales Judentum 1916, Heft 3 und 4, S. 28.