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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-25 · 24 (25.7.1924) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
24 (25.7.1924)
Date
1924-07-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Lör-rsch-ft «wröc weiter bekanntaegeSen. daß dieselben ^errr» Qnbtuf' eine große Propaganda für das englischeffllwua treiben, »>o sie ihren Iudenstaat gründen, der ^-eMchfeinblich" seit — Hierauf großer Tumult und Absing,» mwtmmium Lex Anwesenden, die naMich Kne jede Kenntnis der innere« Zusammenhänge der Dinge jjjW 17 ** Hlese Keilen ntederschreihe, höre ich schon die Stimmen ans der Sächsischen Straße; «9ln, — 2*5? Slml Gemach. Ihr Herren Zionisten, — e- Ist 2 ÄrÄö' den ^BerfastungSparggrsphen. der uns gleiches Recht im Staate verbürgt, im Wortlaut tvüederzir-- gebeut Uber steht Ihr auf deutsch-vajerlänbtsWm Boden? mlt vonnöten, -nicht etwa mt Taktik -Wkischen gegenüber — sondern au« innerem Gefühl heraus. .^ daß Ech im deutsch.jübischen ZLer als Willensäußerung der auf dem Boden des deutscheu Vaterlandes stehenden Juden klar und eindeutig zum Au-bruck kommt: ... rfpt* * Eh n e n j e d cn Zionisten wegen seiner jitdisch-völkischen Einstellung als Beamten in öffentlichen Diensten ah und erwarten ^??/r??^?ö*ö*n.daßsie nur Beamte beutsch- ^vaterlän di scher Besinnung etnstellen! — Ob JudeoüerCHrist iWennernurDeut sch trist! — Can Beer. Gibt es noch eine liberal-jüdische Gemeinde in Berlin f i °“f Sein?« Schreibtisch et« Blatt, in welchem «Verein zur Erhaltung des üüerlieferten Judentums" ZJ&SZÄ*} ^.nicht anders gewohnt ist.- kräftigst ZTir-r— v'. '»♦'»iw fuiiren regeu mmn auf den einen Punkt, in welchem sich so eine «rt von rf * } r,un ov öiil5}>«üew Gemeinde eingerichtet zu haben scheint. Die Tatsachen, welche dieser Verein mit nicht ^blpreizthert für seine Bedeutung tnS Treffen 2Ä,t "5? ^?^Engs sehr dazu angetan. — tu weitesten bedenkliches Kopfschütteln hervorzurufen r«?? 5V& ^nächst einmal der großen Errungenschaft, die in der Richtung einer Kaschruthkommission „mit völlig souveränen Rechten" zu suchen ist. viel Aufhebengemacht. Soweit dem Schreiber dieses bekannt ist. hat die jüdische Gebinde in Berlin eine Kommission für Beschaffung von 5,^uellgeschlachtctem Fleische. Eine Kaschruthkommisston ^rneswegs gleichbedeutend. So konnte man jürmst eine Ankündigung rm Gemeindeblatte lesen, wonach dem jüdischen Pudlikum Mazzoth Schmuhroh angeboten werden. Es dürfte dann kaum noch Wunder nehmen, wenn von derselben Seite bald noch an die Errichtung einer Tallisweberci. was von da notwendig auch zu Emer Zizzrsspmnerei führen müßte, gedacht würde. Die „völlig souveränen Rechte", auf die hier der ganze Nachdruck gelegt wirb, müssen einen vollends stutzig machen. Was mag e tt Erstand sein, der an seine Unterkommisstonen völlig souverän« Rechte abgtbt? Und wie will dann dieser Vorstand der Gemeinde gegenüber seine Berantwortnna tragen? Es ist dann außerdem von der Anstellung eines Dajans die Rede, dem wieder in religtonSgvsetzltÄen Ent-, schei-ungungen die „Unabhängigkeit" eingeräumt wirb. Eine Probe von dem Weg. auf welchen diese Unabhängigkeit die hiesige GeEmde fuhrt. — haben wir bereits zu kosten berommen. Ich meine die Abgrenzung eines besonderen Feldes für die Orthodoxie aus dem jüdischen Friedhofe in Weißenfee. DiesMatsache wird natürlich mit vollem Nachdrucke auch-guf-chas Berdienstkontö dieser kleinen, aber desto anmatze«üere«. Gruppe gebucht. Wir aber müssen unS im Hinblick baaäuf rmt der traurigen Tatsache absinden. daß nun auch aus dem Friedhöfe voll- und minderwertige Juden zu verzeichnen sind. Diese Souveränität des DajanS ist dazu angetan, alle Begriffe. Sie man sich in weitesten Kreisen von -er.ttiölschen Gemeinde in Berlin gemacht hat. aus den Kops *5 Men. Zunächst: Wie wird der Vorstand sich damit abzusinden wissen? Sodann fragt man sich: wie werden die übrigen Herren Rabbiner der jüdischen Gemeinde sich dazu stellen? Wenn beschönigend diese Souveränität' auf Fragen der Halacha bezogen wird, so sagt man sich mit Recht: gibt es denn für einen Dajan noch andere Beziehungen zur Gemernde als eben die Fragen der Halacha? Wie nun: wenn die Aufastung des mit „Souveränität" bekleideten Dajans mit der der anderen Herren Rabbiner jn Widerstreit geraten sollte? — Im übrigen sind denn diese in religionSgesetzlichen Fragen, nicht ebenfalls im Genüsse Sex Unabhängigkeit? — Wer wird dann den Ausweg aus den uns hieraus entspringenden Irrungen unö weisen?. Am sonderbarsten erscheint die ganze Sache, wenn man bedenkt, daß diese Kaschruthkommission in Ankündigungen der Gemeinde die Autorität eines Rabbinatim Rahmen unserer Gemeinde hat, war mir bisher unerfindlich. Doch sei dem wie immer. — ist ein solches Rabbinat nickt hinreichend für die orthodoxen Gewissen? Am Ende wird dieser Daran noch die Würde eines summus episcopus für sich in Anspruch nehmen! Die Musterung der Reihe glänzender Namen, die als Befürworter dieses Aufrufes austraten, war eS. --- die mich auf den Gedanken brachte. Bei manchem dachte ich: es tut mir in der Seele weh. daß ich Dich in dieser Gesellschaft seh. — In dieser Reihe tauchte zu meiner nicht geringen Ueberraschung auch der Name des Rabbiners Abraham Grünberg aus. Soweit mir bekannt, ist Herr Grünberg Mitglied im Nabbinate der Adaß-Jisroel-Gemeinde. hier, und als solcher Kollege -eS Herrn Dr. Klein, welcher jüngst Sie Schechitah der jüdischen Gemeinde, trotz ihrer Obhut durch das erwähnte Rabbinat der Kasch ruthkomm isst on. einfach alS trefah bezeichnete. Wenn nun dieser Rabbiner Grünbera gar noch als Gewährsmann für den mit Souveränität bekleideten Dajan in die Schranken tritt, fn weist das auf Spuren von Plänen hin. welche die jüdische Gemeinde iniver weiß welche Abhängigkeiten zu führen geeignet sind!- Willi Jakob. Sendet die Anträge und Spenden! Kalendarium für die Seit dom rs. 7. dir 2. s. In« 1924: | TammuS SM F.reitag 26. Sonnabend 25. Sonntag 27. Montag 28. Dienstag 29. Mittwoch 39. Donnerstag 31. August 1881 Freitag 1. Sonnabend 2. 23. Neumondweibe 21. Wochen-Atzschnitt Pinchatz (1. B. M. Kap. 25,10-30,1) HaftaraH: 1. Könige Kap. 19. SS. SS. 29. Ab 5684 1. Rösch Lbodesch 2. Wochen-Abschnitt Mattauß umastej (4. B. M. Kap. 30.2-38) HaftaraH: Feremia Kap. 2, 8, 4 Gin Chanukkateg 1680 in Kurbrandenburg. Erzählung in vier Bildern von Isidor Borchardt. 2. I m Schlosse. ^«didrudu verbot«* Eine Stunde später wurde 4er Stadtkommandant ins Schloß befohlen und hatte ein böses Examen zu bestehen. Wollte, er sich weiß waschen, so mußte er die Juden schwarz malen, und die Phantasie einer damals allgemein an Wunder und Zauberei glaubenden und den Juden Überdies noch alles Schlechte andichtenden Zeit lieferte ihm dazu keinen schlechten Pinsel; das Bild, das er so von den Juden entwarf, wurde dann noch von der Um* gebung des Fürsten vervollständigt. Daß die Wölfe sich in letzter Zeit wieder bis nahe vor die Stadtmauer von Berlin und Kölln gewagt hatten, sollte auf Zauberei der Juden zurückzuführen sein, die sich auf diese Weise für die mancherlei ihnen widerfahrenen Unbill hätten rächen wollen. — Und der Herr Kurfürst sollte sich doch einmal die Gewerbe- und Innungsmeister kommen lassen, denen die Juden das Brot abjagten, daß für sie fast nichts übrig bliebe, -*-* Und dann die Zauberei, die böse Zauberei! Pa, am kleinen Jüdenhofe, just neben dem Raume, wo sich die Juden zum Gebete versammelten, hause der Gottseibeiuns, der leibhaftige Gottseibeiuns, bald in der Gestalt eines gelben Vogels, bald in der eines Katers; und wenn der Herr Kurfürst es nicht glauben wolle, so solle er nur die lahme Lietzraannen kommen lassen, die könne ihm das Unwesen näher beschreiben! — Und gar erst die bösen Schmähungen auf die christliche Religion und auf den Herrn und Heiland! Gerade jetzt feierten die Juden ihr Weihnachtsfest und zündeten zum Hohn auf den lichterreichen Weihnachtsbaum eine Kerze, sage und schreibe eine einzige Kerze, an! Der Kurfürst verwies dem Kommandanten seine Eigenmächtigkeit, und noch in derselben Stunde mußte dieser seinen Befehl, der den Juden das Verlassen der Stadt verbot, zurücknehmen. Aber was der Kurfürst über die Juden vernommen, war doch nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben. Zwar schätzte er die Anschuldigung der Innungen und Gewerbe richtig ein; sie hatten den Landesherrn oft genug bestürmt, ihnen die lästige Konkurrenz vom Leibe und aus dem Lande zu schaffen. Gewiß, die Juden waren Menschen und hatten wie all die Menschen ringsum ihre Schwächen. Wäre es zu verwundern, wenn sie noch Schlimmeres täten, als man ihnen gemeinhin nachsagte! Wer wollte ihnen, die von Land zu Land gehetzt wurden, gleich den bösen Raubtieren, verargen, wenn sie sich wehrten und zuerst für Leib und Leben sorgten! — Er hatte in Holland in seinen Jugendjahrep ja Juden kennen gelernt, die nicht um Leib und Lebe« zu bangen brauchten, die in jahrhundertelanger Sicherheit alle Tugenden entwickeln konnten, die sie für das Land so wertvoll machten. Er hatte gehofft, so sollten seine Juden auch werden und dem Lande einst mit Dank heimzahlen, daß er ihnen eine gastliche Stätte bereitet hatte. Aber, aber! — Die bösen Schmähungen, die den Juden gegen die christliche Religion und gegen den Herrn und Heiland nachgesagt wurden! Die Nachrichten darüber traten in so bestimmter Form auf und wurden immer und immer wieder bestätigt, daß daran woM nicht zu zweifeln war. —- Der Kurfürst schüttelte auf- und abgehend zornig den Kopf, daß die Locken seiner Allongeprücke nur so hin- und hertanzten. Wie lautete es doch in dem Schutzbriefe, den er den Juden hatte ausstellen lassen? — Der Kurfürst klingelte und befahl dem eintretenden Diener* ihm den Hausvogt (Polizeipräsidenten) Lonicerus zu rufen. Der Kurfürst beauftragte diesen, ihm sogleich den Text des Schutzbriefes, wie er den Juden ausgestellt wurde, vorzulegen. Lonicerus brachte den Schutzbrief und erhielt die Weisung, im Vorzimmer zu warten. Der Kurfürst nahm das Schriftstück zur Hand. Da stand es schwarz auf weiß. „Vor allen Dingen aber soll er und die Seinen sich alles Blasphemierens und Lästern» Unseres Erlösers und Herrn Jesus Christus wie auch unseres christlichen Glaubens bei harter Strafe enthalten, auch dem, so mehr allerhöchst gedachte Sr. kurfürstlichen Durchlaucht wegen des Gebets Ölenu Leschabeach verordnet haben, allergehorsamst nachzukommen.'’ Schon hielt der Kurfürst die Klingel in der Hand. Er wollte Lonicerus beauftragen, dem Gottesdienste der Juden beizuwohnen, und wenn sie sich gegen die ihnen in dem Schutzbriefe erteilte Weisung vergingen, so sollte sie die ganze Schwere des Gesetzes treffen- Doch der Kurfürst stellte die Klingel wieder auf den Tiscch- Er kannte die Menschen und wußte, wie auch seine Beamten in der vorgefaßten Meinung die Dinge nicht in ihrer Wirklichkeit sahen. Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, gab es nur einen Weg. Jetzt griff der Kurfürst wieder zur Klingel und schellte. Lonicerus erschien und der Kurfürst sagte, er hätte vom Obersten von Wrangel gehört, daß die Juden jetzt ihr Weihnachtsfest feierten, ob Lonicerus darüber Näheres wisse. Der Hausvogt wußte, daß das Fest am voraufgegangenen Tage begonnen habe und im ganzen acht Tage dauere; allabendlich fände im Bethause Andachtsübung statt. Da gab der Kurfürst dem Hausvogt die Weisung, unauffällig zu erkunden, zu welcher Stunde der Gottesdienst beginne, und sich dann vor abend zur Verfügung des Kurfürsten zu halten; er sollte auch einen Mann aufzutreiben suchen, der mit den Einzelheiten des jüdischen Gottesdienstes vertraut wäre. 3. InderJudenschul Das Minchagebet in dem nahe der Stadtmauer am Kleinen Jüdenhofe gelegenen Bethause war fast beendet, als starkes Geräusch vom dunkeln Korridor her den Vorbeter im Gebete innehalten ließ und die versammelte Gemeinde sich mißbilligenden Blickes nach der Tür wandte. Die hohe Gestalt des Großen Kurfürsten erschien im Eingang, hinter ihm die vierschrötige Gestalt das Bausvogtes, und noch eine dritte Person, die im Dunkel Hausflurs noch nicht erkennbar war. Der Hauivogt trat in diesem Augenblick erschreckt zurück; etwa« Wajghes, Warmes drängte sich um seine Füße — Herr des Himmels, war damieht der leibhaftige Satan in Gestalt des Katars, von den! sich die ganze Stadt erzählte I Poch ein Fußtritt des jetzt eintretenden Dritten machte den Bösen welchen und im Dunkel des Flur» verschwinden. Pie Gemeinde hatte sich erhoben und begrüßte, die Kopfbedeckung abnehmend, mit ehrerbietiger Verbeugung den Landesfürsten, der jetzt in der Kerzenbeleuchtung des Gotteshauses deutlich sichtlich ward Nicht in der Kleidung des Kriegers wie vormittags am Tore war der Monarch erschienen- P«n schmucklosen runden Hut mit breiter Krempe ohne die sonst übliehe Feder hatte er beim Eintritt angenommen, setzte ihn aber wieder auf und bedeutete der Gemeinde, auch wieder da« Haupt zu bedecken. Er trug einen langschößigen Rock von blauem Samt; die Beinkleider steckten in großen, oben ungeschlagenen Kniestiefeln von gelber Farbe. Stulphandschuhe sowie eine weißleinene gestrickte Halsbinde mit herabhängenden Enden vervollständigten den Anzug. Lebhaft stach die farbenfrohe Tracht von der schmucklosen Umgebung und der schlichten Kleidung der Juden ab, Pie Vorsteher mit dem Rabbiner an der Spitze waren dem Fürsten entgegengegangen, und der Rabbiner sprach laut, zuerst hebräisch, dann in deutscher Sprache den beim Anblick eines Regenten üblichen Segensspruch: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Pu von Deinem Glanze hast mitgeteilt dem sterblichen Menschen." Der gläubigfromme Kurfürst ward durch diese Begrüßung sichtlich angenehm berührt. Er lehnte jedoch die Aufforderung der Vorsteher, mit seiner Begleitung vorn in der Nähe des Altars Platz zu nehmen, ab; er wolle, um alles besser übersehen zu können, im Hintergrund« bleiben. Den Vorstand bedeutete er, man solle in dem Gottesdienst fortfahren; der Rabbiner sollte an seiner Seite Platz nehmen, Den dritten Mann im Gefolge, dem man die jüdische Abstammung ansab, maßen die jungen Leute mit feindseligen Blicken, und das Wort „Mausser"*) ging von Mund zu Munde. Es war Benedix Levi aus Schwedt, dessen Angeberei und Verleumdungen der jungen Gemeinde schon manche bittere Stunde bereitet hatten. Welchen Zweck der kurfürstliche Besuch Verfolgte konnte man leicht aus dieser Begleitung erkennen. Jetzt erhob der Vorbeter die ihm vom Schammeß gereichte Wachskerze, trat auf den neben dem Altar stehenden hohen silbernen Leuchter zu. welcher die einzige Kostbarkeit in dem schlichten Raum bildete, und lobte Gott, der Israel seine Gebote gegeben und das Weihefest eingesetzt habe. Und indem er die zwei Wachskerzen auf dem Leuchter anzündete, pries er Gott für die zur Makkabäerzeit an Israel vollbrachten Wunder. Der Kurfürst neigte sich bisweilen zum Rabbiner herab, der ihm die Gebräuche erklären und da und dort eine Gebetsstelle übersetzen mußte. Per Vorsänger stand wieder vor dem Altar und forderte mit seiner schönen hellen Tenorstimme die Gemeinde auf, Gott zu preisen« Zitternd und zagend klang heute seine Stimme; vergaß er doch fast, daß er vor Gott stehe, der Israel seit jeher gnädig gewesen, hatte er doch heute nur Gedanken an seinen weltlichen Herrn, dessen Ungnade ihn und die Gemeinde zerschmettern konnte, und schwer lag es ihm auf der Brust, fast so, wie vor neun Jahren, da der mächtige deutsche Kaiser sie heimatlos gemacht hatte. Auf der Gemeinde lag der gleiche Druck, und es klang gedämpft und beklommen, als sie ausriefen: „Hochgepriesen sei unser Gott in alle Ewigkeit!” Als der Vorsänger aber Gott pries, der Tag und Nacht schafft, der den Sternen ihre Bahn weist und in Allmacht die Zeiten ändert nach seinem Willen, da erhob sich ganz allmählich die dürftige Gestalt des kleinen Mannes mit dem Samtkäppchen und dem geachselten Gebetmantel, und seine Stimme vibrierte nicht mehr; immer mehr gab ihm das Bewußtsein Kraft, daß er hier im Dienste eines größeren Herrn stünde; immer höher stieg seine Stimmung, und er wandelte auf der Sternenbahn. Weit unter ihm lag die Erde; aller irdische Glanz verblaßte und war weitab von ihm, dort auf der winzigen Erde, Und wie ein Traum schwand hinter ihm menschliche Macht und Willkür und Gefahr und Not und Drangsal. Da dankte er Gott für die ewige Liebe, mit der er Israel stets geliebt, und für die hehre Mission, die er seinem Volke aufgetragen habe, Gottes Gebote zu halten und in seiner Lehre zu forschen Tag und Nacht und sich mit ihr zu erheben über irdisches Glück und Unglück, über alle Schwankungen und Schickungen, über Not und Tod. Hatte der Kurfürst von dem Rabbiner anfangs eifrig Aufklärung verlangt, jetzt saß er andächtig lauschend da. Sein Körper war zurückgelehnt, sein Kopf auf die Brust gesenkt. Verstand er auch die hebräischen Worte nicht, so strömten doch die aus dem tiefgläubigen Gemüt des Vorbeter« quellenden Gedanken wie mit unsichtbarem Flügelschlage zu dem seinigen über, und er empfand tief, daß auch er hier vor dem Höchsten stehe, vor dem alle irdische Macht schwinde. Doch was war das? — Was klangen denn da für Töne herüber? — Ja, da klang’s wieder; fast war $ wie der Ton der Lerche und doch nicht so, — Jetzt wieder! —- Nun schwiege. Per Kurfürst sah fragend den Rabbiner an; doch dieser schwieg verlegen. Auch Lonicerus war aufmerksam geworden. Ihm fiel das Gerücht ein vom Satan, der in der Judenschul umgehe, bald in Gestalt einer Katze, bald in der eine« gelben Vogels. Der Katze war er schon begegnet. Nun beobachtete er, daß die Züge der Männer ringsum sichtlich Verlegenheit verrieten* Da tirilierte es schon wieder von der Seite her in kurzen, abgerissenen Takten. Der erste Vorsteher erkannte, daß es hier handeln heiße, und gab, dem Synagogendiener mit leiser Stimme Weisung. Der ging hinaus und kehrte über ein Weilchen zurück, ein Vogelbauer in der Hand, worin ein kleines gelbes Vögelchen, wie es damals in deutschen Landen -noch selten angetroffen wurde. (Schluß folgt.) *1 Dammziani.

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