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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-25 · 24 (25.7.1924) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
24 (25.7.1924)
Date
1924-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4. Jahrgang Nummer 24 / MischÄkmieZeilmg Beklage 25. Juli 1924 ff Die jüdische Gegemvarl. A Jüdische Kriegerge-enKfeiern. Wie -ie Leitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten mitteilt, sollen am 3. August, dem Gedenktag für die im Kriege gebrachten Opfer, die Ortsgruppen, falls nicht gemeinsame Trauerfeiern veranstaltet werden, bei denen der jüdischen Gefallenen in gleicher Weise gedacht wird, wie der protestantischen und katholischen, den lokalen Verhältnissen entsprechende Gedenkfeiern veranstalten. Zu dieser Feier sind nur die Gemeinde, sowie die Vertreter der zivilen und militärischen Behörden einzuladen. Talmud und Eid. Als Antwort auf die verschiedenen Auslassungen -er rechtsradikalen Presse, wonach der Talmud die Juden der Pflicht entbindet, vor Gericht di« Wahrheit auszusagen. sandte der Kölner Gemeinderabbiner Dr. Kob?r an -ie Presse eine Zuschrift, über die Bedeutung des Eides im Talmud. Der Zuschrift ist zu entnehmen: „Der Talmud atmet dieselbe Hochschätzung des Eides wie die Bibel. Ihm gilt das biblische Gebot, den Namen des Herrn zur Wahrheit aüzurufen, und das biblische Verbot, den göttlichen Namen nicht durch Unwahrheit zu entweihen, als oberstes Prinzip .. . Bor allem wird im Talmud jeder zu vermeidende, wenn auch wahre Eid, dem Falscheifast gleichgestellt. Wird aber -er Eid geleistet, so ist nach dem Talmud nicht der geringste Unterfchiod, ob vor dem nichtiüdischen Gericht oder jüdischen Gericht, ob er dem Nichtjuden gilt, oder dem Juden: er ist auch ohne Anrufung des Gottesnamens heilig: es genügt, wenn -er Schwörende nach Anhörung der Eidesformel mit „Amen" antwortet. Ebenso ist das einfache Ja, ja und Nein, nein, ein Schwur, geschweige, daß eine bestimmte Formel erst zur Wahrheit verpflichten sollte. Auch gegen die Lehre der „reservatio mentalis" spricht sich der Talmud aufs entschiedenste aus: „Wünsche, Gedanken, stillschweigende Vorbehalte gelten nichts, es kommt hier nur auf die ausgesprochene Erklärung an. Das ist ein fundamentaler Rechtsgrundsatz im Talmud. Keine Geringern als die christlichen Professoren Dr. Nöldeke und Wünsche haben in ihrem schriftlichen, dem Wiener Landgericht aus Anlaß des Prozesses Rohling 1885 erstatteten Gutachten u. a. erklärt, daß nach dem Talmud bei einem regulären Eide dem Juden keine reservatio mentalis gestattet ist. ... Wer behauptete, daß der Jude nach dem Talmud nicht verpflichtet sei, vor Gericht die Wahrheit anszusagen. macht sich selbst der größten Unwahrhaftigkeit schuldig oder bezeigt damit, daß der Talmud ihm ein Buch mit sieben Siegeln sei." Zur Numerus~clausus«$rftge. Das Joint Foreign Committee lVereinigtes Auswärtiges Komitee) des Board of Deputies (Deputterten-Rates) der britischen Juden, sowie die Anglo-Jewish Association bereiten ein Memorandum vor, das dem ständigen Gerichtshof im Haag unterbreitet werden soll. Das Memorandum betrifft die Frage des von der ungarischen Regierung offiziell eurgeführten Numerus clausus. Die Abmeldung beim Gerichtshof ist mit Genehmigung des Völkerbundrates geichehen. An den Gerichtshof wird die Frage gestellt, ob die Anwendung des Numerus clausus nicht einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Trianouvertrages betreffend den Schutz der Minderheiten bedeutet. » Am 18. Juli fand die erste Sitzung des vor kurzem gewählten Studentenparlamentes der Berliner Universität statt. Bekanntlich ergaben die Wahlen 65 Vertreter der völkrschcn Gruppen und 35 Vertreter der Demokraten und Sozialisten. Die völkischen Gruppen nützten ihre Mehrheit aus, um alle Aemter des Präsidiums in Besitz zu nehmen. Nach einem Protest gegen eine solche Vergewaltigung erklärte die Linke, daß sie unter diesen Umständen nicht nur die Wahl des satzungswiörig gewählten Vorstandes, sondern auch die Wahl der qesamten Vertretung wegen der bekannten rechtswidrigen Vorkommnisse während des Wahlkampfes anfechten werde. Bekanntlich mußten die ausländischen studentischen Wähler ein Rassebekenntnis ablegen. Diese Vorschrift wurde erst am 3. Wahltage aufgehoben. Inzwischen sind viele jüdische Studenten ihres Wahlrechts verlustig gegangen. Eine jüdische Expedition nach China. ,, Es sind jetzt Bestrebungen im Gange, um die ^Gesell- Mast zur Befreiung der chinesischen Juden", welche 1900 in Shanghai gegründet worden war. wieder aktiv werden zu lasten. Man hofft, daß die an dem Problem interessierten amerikanischen Juden Kapital beschaffen werden, um eine Expedition nach der Stadt Kai-fong-fu, der alten Hauptstadt der Provinz Honan, entsenden zu können. Diese Expedrtion hätte die Ausgabe, die Lage der chinesischen Juden in dreier Ortschaft zu studieren und eine dauernde Verbindung mit diesen Juden zu schassen. Von Zeit zu Zeit werden schon jetzt Anstrengungen gemacht, um der chinesisch-jüdischen Kolonie in Kai-fong-fu wirtschaftlich zu helfen und diese ^udcn wieder dem jüdischen Glauben zuzuführen. Dr. A. S. Öko, der Bibliothekar des Hebrew Union Eolleg in Cincinnati, der unlängst in Europa wichtige Manuskripte über die Geschichte der chinesischen Juden erworben hat, hat sich einverstanden erklärt, an der Reise nach Kai-song-fu teilzuuehmen, um an Ort und Stelle die Geschichte dieser jüdischen Kolonie zu studieren. In den Jahren 1852 und 1864 wurden in England und in den Vereinigten Staaten Versuche gemacht, eine Expedition nach Kai-fong-fu zu entsenden. Die Expeditionen waren aber infolge der zu dieser Zeit in China andauernden Unruhen nicht zum Ziele gelangt. 1910 zählte die jüdische Gemeinde von Kai-fong-fu noch 140 Seelen. Die Ruinen einer vor mehr als 1800 Jahren erbauten Synagoge sind noch zu sehen. Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege 1924. 1 Das Burenn für Statistik der Juden hat die umfangreiche Materialsammlung für das Handbuch noch nicht abge- Ichlossen. Von einer stanzen Anzahl von Gemeinden. Wohlfahrtseinrichtungen, Bildungsstätten,. Organisationen und Vereinen stehen die ausgefüllten Fragebogen bedauerlicherweise noch aus. — Es liegt zweifellos im größten Interesse weitester jüdischer Kreise, daß das neue Handbuch ein recht vollständiges übersichtliches Werk darstellt, welches sowohl als praktischer Führer und Ratgeber dienen, als auch einen wertvollen Ucbcrblick über das gesamte indische Leben in Deutschland, wie es sich in den zahlreichen Gemeinschaften > tviegelt, gewähren soll. 's Die Lösung dieser Aufgabe ist jedoch nur möglich, wenn alle Kreise der Judercheit Deutschlands sich an der Mitarbeit rege beteiligen. Es wird dringend gebeten, die übersandten Fragebogen sorgfältig ausgefüllt dem Bureau für Statt st i k d e r I u d e n, B e r l i n C 2, R o s e n st r a ß e 2-4 zurückzusenden. Ebenso werden Einrichtungen, die etwa keine Anfrage erhalten haben sollten, ersucht, Selbstmeldung zu erstatten und Fragebogen einzufordern. Es ist vorgesehen, möglichst lückenloses Material über alle bestehenden Jugendorganisationen in Deutschland: Jugendbewegung, religiöse, kulturelle, politische Jugendvereine, Sportvereine und auch alle Jugendpflege-Einrichtungen in dem neuen Handbuch der Jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege 1924 zusammenzustellen und damit zum ersten Male einen Gesamtüberblick über dieses ganze Gebiet zu geben. — Alle Jugendorganisationen werden gebeten. möglichst umgehend Fragebogen beim Bureau für Statt st ik der Juden, Berlin C 2, Rosenstratze 2-4. einzuforöern und dieselben' dann sorgfältig ausgefüllt zurückzusenden. Aus den Gemeinden. Aachen. Wiederum hat unsere Gemeinde den Verlust eines hochangesehenen Mitgliedes zu beklagen. Im hohen Alter von 94 Jahren verschied das älteste Mitglied der Gemeinde und des ganzen Bezirkes, Benjamin Holländer. Die große Zahl derer, die ihm auf seinem letzten Weae folgten, zeugte von der allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung, deren sich der Heimgegangene weit über die Kreise seiner Glaubensbrüder hinaus bei allen seinen Mitbürgern erfreute. Rabbiner Dr. Jaulus gab in seiner Grabrede ein getreues Bild des Entschlafenen. Er verglich ihn mit dem biblischen Patriarchen und hob besonders seine überzeugte Frömmigkeit hervor. Aus vollster Ueberzeuguna habe er sein ganzes Leben streng alle jüdischen Gebräuche befolgt, doch stets war er denen gegenüber, die liberaler dachten als er, tolerant. Berlin. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinden hat beschlossen, sich auf der 2. jüdischen Wclthilfskonferenz. die vom 21.—26. August in Karlsbad tagen wird, offiziell vertreten zu lassen. Die Vertretung der Berliner Gemeinden isi den Herren Eugen Caspary und Dr. Alfred Klee übertragen worden. Berlin. Das Mitglied unserer Vereinigung, Herr Bankier Edgar Rosenthal, Seniorchef des Bankhauses Gebrüder Veit u. Co., wurde an Stelle des verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Kopetzky zum Vorsitzenden des Gesamtbörsenvorstandes und zum Vorsitzenden des Börsenvorstandes, Abteilung Wertpapierbörse, gewählt. Breiten. Am 9. Juli wurde hier die sterbliche Hülle des Bezivksrabbiners L. Schlehsinger zu Grabe getragen. Mit ihm ist der älteste und einer der würdigsten unter den Rabbinern der jüdischen Religionsgemeinschaft in Baden aus dem Leben geschieden. Zu seiner Beerdigung hatten sich Freunde des Verstorbenen aus vielen Orten eingefunden, die Behörden Breitens, die Synagogenräte und Lehrer seiner Bezirksgemeinden waren vertreten. In der Syna» aoge, wo der Sarg aufgebahrt war. gab der Schwiegersohn des Verstorbenen, Bezirksrabbiner Dr. Grzymisch-Vruchsal, in einer von Gesängen des Kantors Aach-Bretten umrahmten, ergreifenden Gedenkrede ein Bild von dem Charakter und der Wirksamkeit des Verblichenen. Auf dem Friedhofe bekundete Stadt- und Konferenzrabbincr Dr. Unna-Mannheim die warme Wertschätzung des Oberrats der badischen Israeliten, Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß-Heidelbera qab der treuen Teilnahme der badischen Rabbiner Ausdruck, und Lehrer Herz-Jttlingen betonte die herzliche Anhänglichkeit der Religionslehrer -es Bezirks. Synagogenrat Bernhard Kauffmann-Bruchsal gedachte namens der dortigen Gemeinde mit Anerkennung der Tätigkeit des Verewigten im Bezirk Bruchsal, und der Schwager Rechtsanwalt Dr. Gunzenhauser-Stuttgart, Mitglied des Oberkirchenrates, legte für die Familie von der Liebe zu dem Dahinqeschiedenen Zeugnis ab. Dresden. Von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. V. wird die folgende Mitteilung verbreitet, die sicherlich für viele unserer Leser von Interesse sein dürfte. „Das Mitglied unserer Gesellschaft. Herr Carl Steint n g e r, Dresden, hat fast ein Menschenalter in unermüdlicher Arbeit ein Archiv zusammengetragen, das Aus-, schnitte aus mehreren Hundert Zeitungen und Zeitschriften über hervorragende Persönlichkeiten auf allen Gebieten des menschlichen Wissens (Biographien. biographische Notizen) enthält. Aus diesem Archiv hat er neuerdings alles abgesondert, was das Judentum betrifft. Ausschnitte über hervorragende jüdische Männer und Frauen aller Zeiten, Gelehrte und Künstler. Schriftsteller und Kornponttten, Rabbiner und Kantoren. Schauspieler und Sänger. Maler und Bildhauer, Aerzte und Philosophen, Erfinder und Entdecker usw. usw., eine wohl einzig dastehende Sammlung von einer Million Ausschnitten, die er ständig vermehrt und auf dem Laufenden erhält. Ä r Gesuche wegen Benutzung ssnd schriftlich an Herrn Carl Steininger. Prokurist der Dresdner Bank. Dresden, Johannstr. 3, zu richten." Haigerloch. Wiederum errang der hiesige jüdische Gesangverein „Liederkranz" bei einem am 20. Juli d. I. abgehaltenen Gausängerfeste einen Ha Preis und kam bei größter Konkurrenz an dritter Stelle. Unstreitbar ist dies ein Erfolg für das Judentum. Schon deshalb, weil von gegneischer Seite anerkannt wurde, daß Juden zur Hebung der Volkskraft veitragen und noch ideelle Güter besitzen. München. Immer stärker macht sich in Bayern das Bedürfnis nach eineyr israelitischen Siechercheim gellend, dessen Errichtung bereits vor Jahren in Aussicht genommen war. jedoch infolge des Krieges unterbleiben mutzte. Es besteht in München eine Stiftung, die für die Errichtung eines solchen Heimes bestimmt ist und. wenn möglich, ihrer Zweckbestimmung nunmehr zugeführt werden soll. Der soziale Ausschuß des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden fordert diejenigen Gemeinden, in denen ein solches Siechenheim errichtet werden könnte, auf, die nötigen Unterlagen einzureichen. falls geeignete Baulichkeiten vorhanden sind, die trotz der gegenwärtigen Wohnungsverhältnisse für ein solches Heim frei gemacht werden können. München. Der abtretende Rektor Magnifikus. Geheimrat v. Kraus, veröffentlicht gemeinsam mit anderen hervorragenden Professoren der Universität München, darunter der Polarforscher Drygalski und der Chirurg Sauerbruch, eine Vertrauenskundgebung für Professor Millstätter, in der sie die Hineintragung völkischer Gegensätze in Dozentur und Studentenschaft bedauern. Rosenheim. Die hier stattfindende 50. Jahresversammlung des deutsch-österreichischen Alpenvereins lehnte nach scharfen Auseinandersetzungen den völkischen Antrag auf Ausschließung judengemischter Sektionen ab und faßte mit 1660 gegen 70 Stimmen einen Beschluß, der den deutsch-österreichischen Alpewverein für unpolitisch erMirt. Würzburg. Hier fand unter außerordentlich starker Beteiligung die 43. Mitgliederversammlung des israelitischen Lehrervereins für Bayern statt. Der Verband bayerischer, israelitischer Gemeinden war durch Rabbiner Dr. Stein- Schwetnfurt und Eduard Sonder-Kitzinaen vertreten, die israelitische Kultnsgeme-inde Würzburg hatte ebenfalls eine Abordnung der Verwaltung entsandt. Der Vorsitzende-öE Lehrervereins. Oberlehrer Dingfebder. hielt einen äußerst fesselnden Bortrag über das Thema jüdisches Leben und Erleben in Amerika". Nersammlungskalender. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger"), Sonntag, den 3. August 1924: Tagesausflug Wartha-Königshainer Spitzberg-Glatz. Treffpunkt 5 Uhr Nordhvtel, Abfahrt 5,30 Uhr. Fahrkarte 4. Kl. bis Wartha- Stadt selbst lösen. Der Ausflug findet bei jeder Witterung statt. Die Leitung des Ausfluges hat auf vielfachen Wunsch Herr Georg Jonas. Oh lau. übernommen. Näheres bei Hans Hamburger, Steinstratze 11 (Ohle 2850, 3—5 Nachm.) Jeden Montag abends 8 Uhr geselliges Beisammensein im Kursarten, Kürassierstraße, bei jeder Witterung. Der Jüdische Sprechsaal. Unser Deutschtum. Mit großem Interesse habe ich die Ausführungen von Emil Weisstvck, Breslau, in Nr. 22 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" verfolgt, die zu der Auffassung von Rudolf Eucken Stellung nehmen, nach welcher unter den deutschen Juden sich eine Schicht befindet, die sich halb als Deutsche, halb als Juden betrachtet und deshalb für die übrige Bevölkerung eine Gefahr bildet. Weisstock gibt diese Tatsache zu und sucht sie zu begründen. Ich habe darauf zu erwidern, daß ich mir keinen Juden vorstellen kann, der sich halb als Deutscher halb als Jude fühlt, ebensowenig wie ich mir einen Menschen vorstellen kann, der sich halb als Deutscher, halb als Franzose betrachtet. Wer sich zu einer derartigen nationalen Zwiespältigkeit bekennt, hat in unnötiger Länge und unklar zum Ausdruck gebracht, daß er national absolut indifferent ist. Solch ein Mensch kann alle guten Eigenschaften haben, aber ein zuverlässiger Staatsbürger ist er nicht. Nun wäre noch festzustellen, ob diese indifferente Mittelschicht ausgerechnet jüdischer Herkunft ist. In einer Beziehung erfreuen wir Juden uns in Deutschland einer außergewöhnlich zärtlichen Fürsorge. Wir werden ganz besonders unter die Luve genommen, und was dann der scharfsinnige Beobachter erschaut, wird als eine aparte Einzelerscheinung betrachtet. Könnten rvir in die Seele eines jeden Deutschen schauen und auf Grund dieser Beobachtung statistisches Material gruppieren, dann würden wir zu dem Resultat kommen, daß eine erschreckend große Anzahl der Bevölkerung national indifferent ist. Gewiß, Weisstock hat recht, wir Juden sind das auserlesene Volk, das durch die Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag verfolgt, verhetzt und gepeinigt morden ist, aber daß Vaterland „mit seinen Städten, seinen traulichen Dörfern, seinen weit wogenden Feldern und dichten stillen Wäldern, seinen Bergen und grünenden Tälern, dem -herrlichen Rhein mit seinen rebenbestanüenden Anhöhen und sagenumwobenen Burgen" hat uns einen Kant, einen Lessing. einen Goethe, einen Schiller, einen Beethoven und wie sie alle heißen, beschert, und was die gedacht und gefühlt haben, das ist in unser Wesen eingedrungen und hat uns mit unzerreißbaren Banden mit dem Vaterlanöe verknüpft, das mir kein Ludendorff und Hittler, die unberührt geblieben sind von wahrem, echtem Deutschtum, rauben können. Doch woher diese indifferente Mittelschicht, — ich Verstehe jetzt darunter sowohl Nichtjuden als auch Inden — die trotz dieser gewaltigen geistigen und sittlichen Ausstrahlungen großer deutscher Männer unberührt geblieben ist? Diese Erscheinung ist das Resultat unserer Schulen. Wir haben hinter uns eine konstitutionelle Monarchie, aber im Grunde genommen war sie absolut. Die leitenden Männer wurden grundsäUlich zur Hauptsache dem Ade. entnommen, der in seinem eng beschränkten Kastengeist keinen Hauch verspürte von den geistigen Stürmen im deutschen Lande. Diese Männer haben die Bolkseczieher erzogen nach ihrem Sinn, und diese wiederum haben der Kinderseele nicht die hohen Ideen unserer Großen eingehaucht. Selbst ein Bismarck, vor deffen gewaltiger Größe ich mich beuge, hat nie so etwas zutage gefördert, das den Anlauf Hütte bilden können zu der höchsten Mission des Staatsmannes, zu der Verbrüderung des Volkes. Ich protestiere dagegen, daß man mit dem allcrneuesten Schlagworte „jüdische Mittelschicht" gegen die deutschen Juden operiert. Und da sagt Eucken, daß diese jüdische Mittelschicht eine Gefahr bedeute für die übrige Bevölkerung. Wir lächeln doch, wenn hirnverbrannter Antisemitismus uns vorwirft, daß wir, ein Prozent der Bevölkerung, das ganze Volk verseuchen und vergewaltigen. Ach zu dieser gefahrdrohenden Schicht gehört zur Zeit des Kulturkampfes und nach Ludendorff auch noch heute das Zentrum und zu Bismarcks Zeiten und auch noch später die Sozialdemokratie! Die gefahrdrohende Schicht ist anderswo zu suchen: Ich sage es nicht aus Trotz, sondern aus voller Ueberzeugung, daß die um Lndendorff und Hittler einen Fremdkörper bilden im deutschen Wesen, in jenem deutschen Wesen, wie es unsere herrlichen Vorbilder aufgefaßt haben, und das ist die Gefahr. Gustav Gompertz, Bocholt. Zionisten deutsdie Staatsbeamte? In einer völkischen Wahlversammlung in Pommern wurden die Herren Oberregierungs rat G. und RegierungSrat B. als Beweis dafür angeführt, daß die Juden uns regieren und die höchsten Beamtenstellen im Reiche einnehmen! Unter großer Entrüstung der „nationalen" Zu-

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