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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-11 · 22 (11.7.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
22 (11.7.1924)
Date
1924-07-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I Aus den Gemeinden. b Berlin. Der Vorstand der Berliner jüdischen Aeuteinde hat soeve» tat ÄLpräsmitanteu-BersammUmg tat Qtatnmrf de- Hau-chaltS-Etattz für -aS Jahr 1834 zugehen lassen. Den Etat -erfüllt 1» sieben Kapitel: 1. KnttuS- und Nttual^lngeltzöeuHeiten: L. Unterrichts, und Biblrochekswesett: -.Wohl» fahrt-wysenr 4. Lllgenretve Mische Ar^elegenbeiten: 3. VervrögeuLvLrwalluug: 0. Mgeureiue Lerwaltunreur 7. GL. meintaTteuer. Für 192-1 ist ein Soll-Betrag non Mk. 6 146837-^- in Ansatz gebracht. Zum Vergleich sind die Zahlen von 1914 betgefügt. also dem letzten Jahre vor dem Kriege und der Inflation. 1911 betrug der Bedarf Mi. 4 640 789.-7-. Aus einzelnen Kapiteln interessiert: Für Kultus- und Ritual- Angelegenheiten waren etwa zwei Millionen Mark angesetzt: für Unterrichtswejen \ 'A Millionen Mark, für Lüge» meine jüdische Angelegrnl>eiten Mk. 150000.—. Bon dem Gesamtbeträge mm über sechs Millionen müssen durch Gemeindesteuern etwa.11- Millionerr Mark aufgebracht werden, der übrige Bedarf fließt aus anderen festen Einnahmen der Gemeinde. Berli«. Am S. Juni fand — nach fast 1 ^jährigem Interregnum — die Generalversammlung der Santo renvereiuig«ng Groß-Berlins statt. Der bisherige Borsitzende, Kollege Davidsohn. referierte zunächst über die allgemeine Lage der ÄultuSbeamten und speziell über die entsprechenden Verhältnisse in Groß-Berlin. Eine scharfe Kritik an der Tätigkeit des bisherigen Vorstandes führte zu dessen Gesamtdemission. Die Neuwahl de- Gesamtoorftandes konnte erst in zwei wetteren Versammlungen erledigt werden: Gewählt wurden: Güttmann- Votsüam ll. Vorsitzenderi, Neustadt 13. Borsitzenöers» Granich (Rendant), Berthold Frieüwann (Schriftführer). Kaiser. Wilh. Friedmav»n und Wieser (Beisitzers. Die Bereinigung zählt nahezu 60 Mitglieder. Im Vordergründe de- Arbeit-Programms stehen zur Zeit Vesolüungs- und AnstellrmgSfragen der Kollegen aus Berliner Prtvat-Ge- Seinden. Zuschriften sind an Guttmann. Potsdam. lilhelmvlatz 3. oder an Berth. Friedmann. Berlin SW 19, Lmdenstr. 18/30 (Tel. Dönb. 63171, zu senden. Berlin. Lut 6. Juli wurde der Leiter der Jüdischen Ge-> «eindebibliothek und der jüdischen Kunstausstellung. Ober- -iLliotbekar Dr. Moritz Stern. 60 Jahre alt. Oberblülio, thekar Stern, -ec fidl in den Kreisen der jüdischen Gemeind«, sowie in Fachkreisen, hoher SÄätzuna erfreut, wurde m Steinbach (Kreis Hünfeldj geboren und war zuerst Rabbiner der Israel. Gemeinde in Kiel, daun Schuldirektor in Fürth und Berlin. Seit 1905 steht er im Dienste der Jüdischen Gemeinde Berlin. — Von seinen zahlreichen Schriften sei ermähnt ..Die israel. Beuölkeruua der deutschen Städte". ^Tabellen zur Geschichte der Juden und ihrer Literatur" „Urkundliche Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden". BreSla«. Den Höhepunkt deS letzten BerhandlungStageS deS Verbandes der jüdischen Handwerker Deutschlands" hildete ein Vortrag des Rechtsanwalts Jakobsohn über den Wiederaufbau der Handwerksbetriebe und die Kreditbeschaffung. Redner betonte, haß es zur Lö'ung der male» riellen Frage notwendig sei. daß alle deutschen Juden zusarymen stehen. um mit ihren geistigen und materiellen Kräften das Handwerk unter den Juden zu fördern und tnSvesonüere mitwirten an der Erhaltung bestehender und bei der Gründung neuer handwerklicher Betriebe. Darum mutz eS der Verßanbstag allen ange'chkossenen Vereinen und allen Berhandsmitgliedern zur Pflicht machen, die jüdische Jugend zum Handwerk heranzuziehen. sie in der Berufsberatung zu unterstützen und ihr nach Kräften handwerkliche Ausbildung sm ög l ich ke iten, vor allem Lehrstellen zu v'rmitteln. Mit allen jüdischen Organisationen, insbesondere mit den Jug ndvervtnen ist eine enge Fühlungnahme anzubahnen. Schließlich stttttz auch darauf hingewirkt werden. gemeinMtzige Darlchenskassen zu gründen, mit dem Zwecke, dem erwerbstätigen tüdischen Mittelstände Lradtte für prodEve Zwacke zu gewähre». genossenschaftliche Verbände iüdftchsr Handwerksr zu schaffen, welche die flüssigen Mittel der Genossen auf« nehmen und als kurzfristige Kredite an Genossen vergeh«. fMtatta» yyztz «it tat jüdische» Gemeintau und den großes iüptschen yrganisattone» darüber in BerHandlungau etngetrgten werden, daß diese Zkürperschaften ihre Geldmittel entweder als Dahrlehen an Personeir des jüdische» Mittelstandes vugecheu oder bei solchen Stellen anlegen. die die Gelder zu Krediten für Herinnen des jüdischen Mittelstandes verwenden. An den Bortvag schloss M eine rege Ausivvache.tli der betont wurde, daß das Handwerk bestrebt sein muß. sich durch Arbeit nach Möglichkeit selbst zu helfen. Als Tagungsort für den nächsten Verbandstag wurde Leipzig in Aussicht genommen. Breslau. Der Mische Tenor am hiesigen Stadttheater. Herr Joseph Borin, ist. wie wir erfahren, als Nachfolger von Eortni Mnr ersten Kantor an der Neuen Synagoge der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt worden. .Herr Borin war, bevor er sich der Bühnenlaufbahn zugewandt, bereits Kantor einer großen Snnagogengemeinde gewesen, die sein Scheiden ungemein bedauert hat. Dresden. Am Sonntag, den 29. Juni, fand in Dresden in den Räumen des israelitischen Gemeindeamts eine Tagung des Mitteldeutschen Kabbln erverbandes statt. Den Vorsitz führte Herr Rabbiner Dr. Kahlberg-Halle, der die Sitzung mit einem Bericht über das verflossene Jahr und über die Ausschußtagung des Allgemeinen Rabbinervcrbandes in Breslau eröffnete. Auf der Tagesordnung standen ferner zwei Referate. Kollege Fuchs-Chemnitz sprach über »die Methode des systematischen Religionsunterrichts". Kollege Jampel-Schwedt über „neue archäologische Ergebnisse und ihre Verwertung im Religionsunterricht". An b?ide Referate schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich sämtliche Kollegen beteiligten. Es erfolgte, schließlich eine Aussprache über die wirtschaftliche Lage, wobei die erfreuliche Feststellung gemacht werden konnte, daß die meisten Gemeind.» ihre Rabbiner in Gruppe XI oder XN eingereiht haben. Mehrere Beschlüsse, die StandeStnteressen der Rabbiner betreffend. wurden qefatzt und als Anträge an den Alldemeine» Rabbinerverband weite vg eg eben. Die Verband'unaen. dt? venx 34V3 Uto vormittags begannen und nur durch eine kurze Mittagspause, während welcher die Kollegen Gäste der Dresdener Gemeinde waren, unterbrochen wurden, dauerten vis zum späten Abend und nahmen einen alle Teilnehmer höchst befriedigenden Verkauf. Die Sitzungen des Mitteldeutschen AdahöinerverbandaK sollen künftighin möglichst alle zwei Monate stattfinden, die nächste Zusammenkunft ist für Ende August oder Anfang September in Berlin geplant. Zum Schluß sei auch an dieser Stelle dem Vorstand der Gemeinde Dresden der Dank des Verbandes für die gastfreundlich^ Aufnahme ausaeGrochen. Fürth. Am 3. April 19.24 starb im besten Mannr-alter Herr Guttlieb Holzinger. der sich um zahlreiche Organisationen der Kultusgemeinde und der Stadtgemeinde hervorragende Verdienste erworben hat. Eiste ungewöhnlich gross« Trauergemeinde aus allen Kreisen Nürnbergs und FürthS erwicS ihm auf dem neuen Friedhof die letzte Ehre. Seit dem letzten Winterhalbjahr wurde» im großen Saale des Berolzheimontanums von der Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Vortragsabende veranstaltet, die über Juden und Judentum Belehrung verbreiten sollen, Sie erfreuten sich großen Zuspruchs aus jüdischen und christq lichen Kreisen. Tie Vorträge hielt Rabbiner Dr. Behrens. Gleirvitz. Der Glenvitzer StadtnerocKnst« und Dtadtrat Justizrat Koch mann beging mit seiner Ehefrau das Fest der silbernen Hochzeit. Glogan. Am 30. Juni waren 25 Jahre verflossen, fett Rabbiner Dr. LueaS sein Amt alS geistiges Oberhaupt der LltebrwüröigH» Gemeinde Glogau antrat. Den Gefühlen der uud tax Freude gegenüber dem verehrten JMLax Lu Sd ruck zu geben. «*t die Feier des gestrigen «abbatS bestimmt. 9» der köstlich geschmückte« Uvuagvge hielt vor vollzählig »LLjLmmelter Gemeinde Rabbiner Dr. Boaelster», Breslau, die Festpredigt, in der er in überaus feinstnniger Weise anknüvsend an die biblische Gestatt Arons, dost Hohenpriesters. hie Pflichten des Priesters und die trmtMÄ Voraussetzungen zu ihrer restlosen Erfüllung darstellte mrS überleitend zeigte, in welch* vorbildlicher Art der Jubilar seinem hehren AufgabenkreiS stets gerecht aemovden sei. Alsdann marf Dr. L u c a S selbst eins«. Rückblick gnf daN Vierteljahrhundert seines Wirkens und gab unter tiefstrr. innerer Erregung seinen Gefichlen der Zuneigung zu seine« Gemeinde in wuuderuoüeu Wocterr Ausdruck. Gesang deS für die Feier durch zahlreiche Gemeindemitglieder verstärkten ChovS. andenerr -re Soli von Frau Dr. SB 19 o. Berlin, packend hervorragten, umrahmte das Ganz«. Am Abend versammelte sich die Gemeinde im Saal der FriLüLvStal-iPlautage. uw in einem offiziellen Teil die Redner der verichiÄenen Organisationen zu Worte kamen. Zunächst sprach der erste Vorsteher der Gemeinde. Justizrot Fräukel. der aus die bedeutenden im In- und Auslände anerkannten wissenschaftlichen Berdiertste des Jubilars, besonders auf dem Gebiete der Geschichtsforschung, hinwies. Als Ausdruck des Dankes der Gemeinde bekundete er die Begrütcdung einer Dr. Lucas-Jubiläumsstiftung. deren Urkunde er dem Gefeierten überreichte. Aus der srosse» Reibe -er Redner bedürfen die Ausführungen de- Herrn Dr. V o a e lst e i n der Erwähnung, der «. a. me Glückwünsche des Pabbiner-Berbandes und des Verbandes liberaler Rabbiner überbrachtc und an den letztere» anknüpfend. daraus hiumies. wie auch in dLU historischen Forderungen -es Jubilars der Gedanke de« Entwicklung, das grundlegende Prinzip des iüduch» religiösen Liberalismus, anerkannt werde, daß nämlich nicht, eine einzelutz Epoche, als entscheidend anzusehen fei. sondern wissenschaftliche Erkenntnisse sich aus -er Betrachtung deS gesamten, historischen Werdens aufbauen wußten. Unter weiteren zahlreichen Glückwunschaussprachen. GtzsangSoorträgen usm. blieb die Gemeinde bis Mitternacht t« festlich geHobeyer Stimmung um ihren verehrten Führe» zusammert. mit sich nehmend das schöne Wort des Jubilars, daß der Festtag in gleicher Weise, zwischen ihm under m-tn-e ein Zeugnis sein solle, we einst Samuel es bei Etnsetzung des Königtunis Israel gegenüber auSsvrach. etn Zeugnis für die 'vergangenen 25 Jahre und der Beginn künftiger glücklicherer Tage, als sie -er Menschhett im letzten Menschenaltex befchreden waren. lFerts. der Rubrik „Aus den Gerneiuden" in der Beilage.) Kalendarium sür die Zeit vom 11.7. bis 19.7. | JnN 1924: TarnmuS 5684 Freitag 11. 9. Sonnabend IS. Wochep-AHschniji Lhnkkatz t4. Ä. M. Kap. 19^22,1) Haitarah: Richter Kap. 11.1—33 Konntaa 13. 11 Montan 14. IS Dienst-Li 18. Mittwoch 16. 14. Donnerstag 17. 18. Freitag 18. 16. Sonnabend IS. 17. Wochen-Abschnitt Balak _ (4. B. M. Kap. 22.2-M - - Haftarah; Micha Sap. 3, 6 „Oberltn gerade ist in seinen kriminellen Geschehnissen ei« m orphischem Tone erzählter, schlechter Kinofilm: und manch« Begebenheiten und Gestalten passen unverändert ins heutigr ^urchschnitts-Lichtspiel. wie z. B. das Stück „Aurora" oder als xlchtige L'inofigur „der dämonisch-unheimliche Verführer mrt dem Klumpfuß" im „Spiegel". Auf der arrüeren Seite sind tust in den Novellenbänden auch rn dem jüngst erschienenen „Güst deS Pilgers". Geschich ten.,bie ganz sicher zu dem Besten gehören, was die deutsch, Erzählungskunst der letzten Jahrzehnte hervoraehracht hat „Tturreganz" z. B. ist wie gesagt ein makelloses. b!eibendet Kunstwerk, schlicht, rührend in seiner ergreifenden Mensch nchkeit und seinem tiefen Mitge>ühl. ganz und gar unge wohnlich, aus innerstem Herzen kommend. — „Novelle" in höchsten, Goetheschcn Sinne — einer klassischen Erzählung wie Kleists „Michael Koblhaas". aleichmertig! — »u# die letzten 1933 erschienenen Novellen „Der Geist dej PiKrerS" zeigen wieder die ganze Meisterschaft Wassermann^ und beweisen, daß die traurige Geschichte des „Unbekannter Gaus" lWendekreis). des Dichters Mörner. dessen poetisch> ^ZeuguvgK^raft zu erlöschen beginnt, nichts Autobiographt sches enthält, ^enn diese Novellen sinh in ihrer Knappheit . rhrer außerordentlich Prägnanz GlanUtücke aus des Dich Die erste Novelle berichtet in verhalten Rvye und außerordentlicher Kürze, die ganz besonders wirkt trübsten Kapitel aus der Geschichte der mensch r!$-ei£ -er Eroberung Perus. — Die zweite TT®SJ/l' von wunderbarer Knappheit, ist vor allen § bedeutend. Die Weisheit des Gänsemännchens üs Scöen auf das „S ei n" ankomme und nicht an das .^Können", erfährt hier eiue tiefsinnige Ernänznnl M Fortführung: die Ideen alles Geschehens und alle ^^htiger. als die ieweiligen porübesgehendet menschlichen Versuche, die Idee zu verwirklichen Es grbt sicher nicht viele Schriftsteller in Deutschland, dü I? erzählen können, wie?S<tssermann. Uebe oav Weien des künstlerischen Erzählens hat der Dichter vt" nachgcdacht. Schon in seinem Anssatz „Der L'terat a', Ptnchologe" und in dem 1901 erschienenen Äsirche „Die Knnl des Erzählens" hat er versucht, ein« Philosophie und Aesthe tik der Erzählung sinnst und der dichterischen Vrosa aufzu flndet man viele tiefe und feine B-merkunaet über dieses wichtige, in der deutschen Poetik noch wenia be handelte Thema. 1923 erschien des Dichters „Rede über dt Humonitäst. ein Jahr früher sein ausgezeichneter Essay^an Imaginäre Brücken". Es würde zuwett fübren. Wasser manns Bedentuna und Besonderheit qls Pftisvsovh un Essayist hier darzulcgen: in einem späteren Aufsatz soll ein mal über die Weltanichauuna und die Aesth^ti? d-s Dichtergesprochen werden. Hervoraehoben sei nur. daß Human i t ä t edelster und bester Art der Grundzug des Dichters, eben Ü> wie ethische Sehnsucht die Folie seines gesamten Schaffen, bildet. Dabei ist er nichts weniger als welEr^nd und Zeiten fern. Am schönsten zeigt sich der praktische, den tiefftci Problemen gerade unserer Ze't zugenmndte Sinn Wasser manns in einem prachtvollen Essay, der kurz nach de« Arteae erschien: ..Was ist Besitz-" Hier hat der Dichte wundervolle, höchste sittliche Forderungen vertretende Wort Über das Unsittliche des nur äußerlichen Besitzes ge prö-t. Die ausgezeichnete Broschüre ist leider viel zu beachtet worden. Würden ihre Gedanken in das allgemeine BolkSbewußtsein eindrtngen. so könnte ein Gesrtnöungsvrozeß unseres ganzen sozialen Lebens einireten! Bisher hat man den Juden häufig den Vorwurf gemacht, daß ihre LebenSeiustellun-g kraß materialistisch sei. ~ Ist «L ein Zufall, -atz es ein moderner jüdischer Dichter ist. der in einer Zeit rein-wirtichast!icher Jnteresson'ampse und europäischer Selbstzersleischnna die hehrsten Ideen eines prakti* scheu Idealismus entwickelt? — Unter unseren unglückseligev politischen Verhältnissen» unter der allgemeinen Verhetzung und her Verunglimpfung jüdischen Wesens hat Wassermann tief gelitten. Ver-, ständniö für jüdisches Wesen und jüdische Menschen hat er immer in hohem Maße ge-lnrbt. Wie viele verschiedene jüdische Charaktere tauchen in seinen Büchern aus! Es ist eine reiche Galerie aller möglichen Figuren, die in ihrer Geiamiheit ungemein fesselnde Beiträge zur Psychologie des modernen Judentums bilden. Seine eöelste Judengeftolt ist?lgathon Geyer, diese einzigartige Inkarnation jüdischer Srlösungssehnsucht. Er ist kein Prophet, „der im härenen Gewand einhergeht, durch Absonderlichkeiten die Blicke aus sich zwingen will, die Auaen verdreht und seine Einsamkeit ausfällig macht". Aber sein Heldentum besteht darin, baß er „menschlicher als die andern Menschen ist. einfacher, wahrer und gütiger", und baß in ihm nichts von Herzenst r ä g h e i t ist. In dem Buche von der .Lienate Fuchs", das auch Agathons Schicksalsvollendunq schildert, wird von ihm erzählt, „daß ihm hei seinem Aufenthalt in den Dörfern die Kinder nachziehen". Dieser selbe Zug findet sich bei Dostojewskis .^Jdiot" dem Agathon in der hinreißenden Herzensgute gleicht. Er ist eine Art Jesusgeftakt. Ein chrisi, licher Lehrer erzählt von ihm in den „Juden von Zirndorf": „Es ist selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menscheneremplar ist. das man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse schienen sich vereinigt -u haben, ihn hervorzubnngen. ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die daS Volk i« besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz alleS und alles, ausgenommen vielleicht den Humor." Ein tübtscher Tnv ist die iunae Studentin in der Renate, die von brennendem WissenStrteü und Verneifer verzehrt wird und die sich das Leben nimmt, als sie ihre Ideale nicht verwirklichen kann. Eine lehr deprimierende Gestalt, her man lei-der bei uns in Deutschland öfters begegnet, ist Friedrich Bends, der i irdische Gelehrte und Privatdvzeut a»S dem „Gänsemännchen". dem seines Judentums wcg-n di« Universitäts, karriere verschlossen bleibt. Aber natürlich findet man auch üble iüdische Typen in dem umfangreichen Lebenswerk A>rssermanns. Da ist der vorlaute und frßch-,udrinalichß Schieber Manasse im „Golowiu". hex arm«, dummschlaue iüdische Betrüger im „Sturreganz". der seine elenden Winkelzüge furchtbar büßen muß. uiw. vsw. Bon seinem speziellen .^fudenleid" hat Wassermann in feiltet* erschütternden Sclbstbiogrgyht« „Mein Weg al» Deutscher unh Jude" in schwermütiger Resignation erzählt, In dieser Autobiographie berichtet er. wie er sich aus tiefster Not empvrarbeiten und durch trübste Zeh?nsWstgnde durchvunger» muhte, bis er frei schaffen konnte. Mit Bezug auf eine Zurückdämmung de- Antisemitismus spricht er i» "vrgrämter Hössnvngslostgkejt: „Bei der GrlenntntS der AuSstchtSlofitU^U der Bsmü>mntzen wird die Bi'terlsil ip der Brust ^um tödlichen ^rayips. (£4 ist vergeblich. bnsS Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker beichworen. Jehetz Bvxurteil, das man ahgeton glaubt, drintzt, wie -.'laß die lausend peu« zutage, --- Es ist vergevlich, die reckt« Äange hinzubalton, wenn die linle geschlagen worden ift. Es mcsckt sie nicht im miudeste» hodsnklich., ech rüyrt sie nicht, es sntchäffnet sie Nichts, sie schlagsy auch di» rechts. — ES ist vergeblich, in das tobsüchtig« Geschrei Worte der Vernugjl gu werten. Hie sagen: was. er wagt es. aafzumuckent Hwdst chm das M»usi — TSi ist vergeblich, beispielschafsend zu MUken. Titz sägtzy: wir wisse« nichts, tinr baden nichts gesehen, wir haben nichts gehört. — ES ift vergcülim, die ^Verborgenheit zu suchen. Eiq sagen: Der ,Feigling, er herlrieckt sich, sein schleltzttzewillen sreibt ihn dazn. E2 ist dexgebtich, unter sie zu gehen upd ihnen die Hand zu bieien. Tie sagen: was nimmt er sich heraus mit lriflrr iübilche« rrufvriNüUchksil^ ES ist vergeblich, itznen LrmtS LU halt«», sei eS «US WitkLnwser, sei es aks Mitbürger. Sie sage«! »« ift du BtlSlLitL. er talln eben allcü. ES ist vergebtick. iqneu zu half»». Ltlabenietien von den ^liqdern ju ftrqif«n. Sie sagen: er \wü jgiM« Prosit schon daber gemacht haben.ES ist vergeblich, das Hift zu ent' giften, braue» frifchtzS- Es ist vergeblich, tür sie z» leb»» fÜ, sie zu sterben. Hi« sagen: er ist ein Jude. — tzn den verzweifelten ragen meiner Rot hatte ich dis wunderliche Hewohnhcit. jeden Morgen zum fiirchhof zu wqnde.ru Uttd die in per reichsnkammep zur Hchaiz stellten Toten zu betrachten. — So ist xnr auck beute oft. Es ist m»r. als wäre nur bei. den Toten «Äerachtigkett zu linden gegen die Ktzbenden. Tenn was diese tzu«. ist tzgnz und gar unerträglich,"' --- Leidenschaftlich betont Wassermann in diesem. Buch, tztztz gx nicht nur Ju-de. sondern ebenso auch deutscher Dichter und daß sein Wesen und seine dersönkichkeit ats Syntheie zwifKtzy beiden Geistesarten zu werten sei. Sicher ist. daß. „nennt man die heften istamen", man auch immmer Wassermanns Namen nennen wird. Andererieitß kann ich ihn mir jedoch nicht 4$ ,ch«rtschen Klassiker" i«| Sinne Kellers. Raabes. GytMkss vapstellen, Denn gewiss- Besonderheiten jüdischen Geistes Wtzpden gerade hei ihm sehy deutlich: seine Unn-atpität. schne Üeherbomußtheit. sein-?mmorlosigkeit. das Fehlen alles Idyllischen in seinem Werk^ te ganz besondere Axt seinehitiexen Ernstes unh Ethos, Aufreizend-Suggestive seiner quälenden Daxsteflimgs, weise. Alles das. sind Eigenschaften, die nyn einmal nichj typisch deutsch sind, -itz den unter glyckLicheren Lebens« umständen ausgewachsenen Nichtjnden immer in gswissenr Ginne „unbehaglich" sein. weOep. Im übrigen kann Mg herrsche Literatur stplz darauf sein, daß sie in Wassermann einen sp ayßerprdentWen. Könner bat. der in sie einen neuen, hiß tahin npch znchj gehörte^ ^pn getragen unh sie so um eine wertvolle neue Nüaney bereichert hat. Und mtt. auf stzin Wirken kann der Dichter schließ« lich zufrieden sM; ayS hex heutigen tzWifchen GrMlungS, tunst ist fyjn Sfame gar nicht mehr fortzudenffen'. Biele- VNN ihm wixh bleiben! Wassermann ist erst^fünfzig Jahralt. Bet seinem außerordentktchen Fleiß hat er Ms nutz schpnso viele Büchyx gegeden: HWer ist ein Müde-Werden, ein Nachlassen seiner KxHsj. ein Ptzrsitzgen seiner Phantastin keinerlei Weise festzustelken. im Gegenteil, sein lotzte- Buch zeiqt ihn ganz auf der Höhe! Die Hoffnung, daß et uns noch eine Fülle reifer Gaben bescheren wixd. ist durch« auS ßegrjindet. Anmexkung. sämtliche Wexk§ Gaff«rMgnM sW bei S, Fischer. Berlin. „Deutsche Charaktere und Begebeu- IttiUtt" iowiL «Der Geist des Pilgers" im Rikola-Berlag. München, erschienen.

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