Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 22 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist -er Bezugspreis :: :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Woyda. Nr. 22 Oie „Jüdisch - liberale - Zeitung" Schriitleilung und Geschäftsstelle erscheint jeden §reltag. : Seriin, Mauerstrc»tze22. Ssrnruk: 5)ml Merkur Nr. 8725 poftfcfcecfefeontot Berlin T1W T |7r. 137069 (Vereinigung für One liberale Judentum) nad)bruch fämtlirt)er Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet I Berlin, 11. Juli 1924 Anzeigenpreise: Die I2gespaltene Nonpareillezeil- 0.45 Goldmark, die Reklamezeilc 3,00 Goldmark». :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: Dr. Richter & Lo.. G.m.b.H^i Berlin S 42. Alexandrinenstrahe 95/96, (Fernsprecher: > Dönhoff 7255), sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen.i 4. Jahrgang/ An Rudolf Eucken Im Juniheft des Nachrichtenblattes des Euckenbnndes kennzeichnet Rudolf Eircken u. a. anch seine persönliche Stellnng zur Iudenfrage. Er unterscheidet da unter den in Deutschland ansässigen Inden drei Gruppen: erstens die Zionisten, die sich ganz als nationale Inden fühlten. Diese betrachteteil Palästina als ihre eigentliche Heimat, und niemand sollte ihnen den Besitz einer solchen eigenen Heimat verwehren. 91« r dürften ihnen nicht d-as deutsche Staatsbürgerrecht verliehen und Aemter und Wahlrecht zuerkannt, noch verlangt werden, daß sie über deutsche Angelegenheiten mitentscheiden. Dieserr Natioualjnden stünden auf der anderen Seite die Juden gegenüber, welche ihre geistige Heimat ganz im deutschen Leben finden und diesem Leben aus voller Seele dienen. Diesen innerlich ganz deutsch gewordeneil Jude:: gelte seine Hochachtung. Zwischen diesen beiden Antagonisten stehen, nach E., drittens die Juden, die sich halb als Juden, halb als Deutsche betrachteten, und die bei solcher Mittelstellung eigentlich keine rechte Heimat besitzen, weder eine deutsche, noch eine jüdische. Diese Einstellung, meint E., muß logischerweise in politischer Hinsicht eine Gefahr für die übrige deutsche Bevölkerung erzeugen. Deshalb kann man diesen Zustand nicht ohne Sorge anseheu. Der Jude muß entweder Deutscher mit Leib und Seele werden und die deutschen Geschicke teilen, oder er muß Jude bleiben. Die Stellungnahme des bedeutenden Gelehrten fordert eine ebenso klare Entgegnung. Auf die Zionisten, deren Programm ja zur Geniige bekannt ist, und die so gewissermaßen nur lediglich der Form nach als deutsche Staatsbürger gelten, wie auf diejenigen deutschen Inden, die, nach E., ganz im deutschen Wesen aufgegangen sind, erübrigt sich, weiter einzugehen,- ihre Stellnng ist klar. Bleibt noch die erwähnte Mittelschicht, die verhältnismäßig nicht geringe Zahl der sogenannten indifferenten deutschen Juden. Daß eine derartige Schicht besteht, kann nicht angezweifelt werden. Wenn die antisemitische Presse die Auslassungen Euckens mit Vergnügen aufgegriffen hat, um daraus Kapital schlagen zu können, so sei hiermit folgendes gesagt: Jede Wirkung setzt eine Ursache voraus. Was war nun eigentlich die Ursache, daß sich unter den Inden in Deutschland eine derartige Mittelschicht überhaupt heransbilden konnte? Gleichgültigkeit einer bestehenden Sache gegenüber kann nur Platz greifen, wenn diese Mängel anfweist, d. h., die Menschheit unbefriedigt läßt. So ist es anch mit den Inden in Deutschland. Auf die jahrhundertelange Vogelfreiheit, Knechtung, Bedrückung und Aussaugung der in Deutschland lebenden Juden sei hier nicht eingegangen. Nicht allzu vielen aber dürfte bekannt sein, daß die wirkliche Emanzipation der deutschen Juden erst in das bewegte Jahr von 1848 fällt, wo das deutsche Volk in seinem Freiheitstanmel sich endlich einmal (ach, wie spät!) auf seine Menschheitswürde besonnen hatte und — leider zu glimpfliche — MRechnung mit den bisherigen Leitern seiner Geschicke hielt, welche es, nach einem opferreichen Befreiungskriege despotisch und sklavisch weiterbcherrschen zu können glaubten. In diesem Jahre 1848 war es, wo auch die deutschen Juden bewußt, mit vollster Hingabe und Begeisterung mit der übrigen Bevölkerung für ihre Befreiung von jahrtansendaltem Joch (Juden waren bereits in vorchristlicher Zeit im westlichen Deutschland ansässig) kämpften und ihr Leben ließen. In Preußen hatte zwar Friedrich Wilhelm III. auf den Druck Hardenbergs hin — der nach dem unglücklichen Frieden von Tilsit dem ansgesogenen verarmten Lande neue Kräfte durch Einbürgerung der Juden zuführen wollte.nach langem Zaudern am 11. März 1812 die Gleichberechtigung aller Juden mit den christlichen Bewohnern verfüat. (Bis zu diesem Zeitpunkte wohnten die Juden noch immer, gleich Parias, in ihren Ghettos, entrechtet und von der übrigen Bevölkerung völlig abgeschlossen.) Doch das Gesetz vom 11. März 1812 blieb toter Buchstabe, und selbst die Freiheitskriege, in welche auch jüdische Freiwillige gezogen waren, änderten nichts daran. Im Gegenteil, die nach dem Wiener Kongreß bald darauf einsetzende Reaktion in Deutschland und Oesterreich traf die Juden mit doppelter Gewalt, und eine planmäßige Hetze gegen die „Befreiten" setzte von allen denen ein, die glaubten, durch diese reine Menschlichkeitsakte nun in ihrer Freiheit beschränkt zu sein. So wechselten damals in Deutschland Hetze und blutige Aus dem Inhalt: Emil Weiöstock-Breslau: An Rudolf Eucken. Max Rosenfeld-DreSden: Ausblick. - Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin: Jakob Wassermann — Doris Wittncr-Berliu: Der Davidstcrn. Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Versammlungskalender. — Kalendarium. Festgoliesdienst am Verfassungstag. Die Reichsregierung beabsichtigt, ebenso wie im vorigen Jahre, auch in diesem Jahre den Verfassungstag in besonderen Feiern zu begehen. Der Reichsmim ster des Innern. Jarres, hat sich anch an die Indischen Gemeinden gewandt, mit der Bitte, den Versassungstag in den Synagogen durch besondere Festgottesüienste, um deren Veranstaltung er ersucht. zu begehen. Die Dahlen zum Preußischen Landesverband. Nachdem der Ausschuß des Preußischen Landesverbandes beschlossen hat. die Wahlen zum ersten Berbandstage noch vor Ende d. I. stattfinden zu lassen, hat der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beschlossen, den Wahltermin auf den 7. Dezember anzubcraumen. Nach der Verfassung des Landesverbandes entfällt auf je 8000 Seelen ein Abgeordneter, wobei die Jüdische Gemeinde zu Berlin nur mit 160 000 Seelen berücksichtigt wird. Nach der vom Gemeindevorstand aufgestellten Wahlkreiseinteilung werden elf Wahlkreise und ein Landeswahlkreis gebildet, die insgesamt 132 Abgeordnete zu wählen haben. Davon entfallen auf den Wahlkreis 1 (Ostpreußen, Westpreußen) 3 „ 2 (Groß-Berlin) 53 „ 3 (Brandenburg. Pommern. Grenzmark) 5 „ 4 (Regierungs-Bezirk Breslau) 10 „ 5 (Schlesien. Sachsen) 6 „ 6 (Schleswig-Holstein, Hannover) 6 „ 7 (Westfalen) 5 „ 8 (Frankfurt a. M.) 10 „ 9 (Hessen-Nassau) 4 10 (Köln) 7 „ 11 (Nheinprovinz) 10 „ 12 Landeswahlkreis 15 Abgeordnete Die Wahl der Abgeordneten erfolgt in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl. Wahlberechtigt und wählbar sind alle volljährigen einer VerbandSgemeinde angchörenden Juden beiderlei Geschlechts, die mindestens ein Jahr vor Auslegung der Wählerlisten innerhalb einer Verbandsgemeinde ihren Wohnsitz gehabt haben. Alles weitere regelt die vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde erlassene Wahlordnung, die in der nächsten Nummer des Verwaltungsblattes des Landesverbandes veröffentlicht wird. Das britische Palästinamandat. In der am 1. Juli stattgefundenen Zusammenkunft der permanenten Mandat-Kommission des Völkerbundes berichteten Herr W. Ormsby-Gore. der Vertreter der britischen Negierung und vormaliger Unterstaats-Tckretär für die Kolonien, sowie Major Keith-Roach. vormaliger Hilfs- Sekretär der palästinensischen Regicrng und gegenwärtiger Leiter der Palästina-Abteilung des Kolonial-Amtes, über die Verwaltung Palästinas. Herr Ormsbn-Gore. sprach über die Maßnahmen der Regierung zur Sicherung des Nationalheims für die Juden, sowie der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner Palästinas, unabhängig von Rasse und Religion. Groß-Britannien. sagte er. bemühte sich, allen Einwohnern die gleiche Behandlung angedeihen zu lassen. Es wären jedoch viele Schwierigkeiten zu überwinden. die sich aus der Verschiedenheit der Bevölkerung ergeben. Die Regierung unterhält in Cisjordanien und in Transjordanien je eine Verwaltung. Transjordanicn ist schließlich in ein eigenes politisches und administratives Gebiet umgewandelt worden. Major Ke.ith-Roach ergänzte dann Herrn Ormsbn-Gores Bericht. Die Prüfung des Berichtes ist von der Kommission für die Herbst-Sitzung vertagt worden. Judenverfolgungen (besonders in Sndöeutschland) biß zum Jahre 1848. Aber schuf dieses Freiheitsjahr den deutschen Juden die wahre bürgerliche Gleichstellung?» Wohl, das Ghetto war gefallen, und das Gesetz, das den Juden alle bürgerlichen Rechte zuerkannte, bostandH aber wer von uns kennt nicht die Menge von Beschrän-l kungen, denen der jüdisch geborene Deutsche auch nach 1848, bis in die neueste Zeit, unterworfen war? Der; Vorbehalte gab es ja genug, um ihn von gewissen) Stellen fernzuhalten,- vom Offizierwerden gar nicht zm reden. Zu höheren Staatsämtern wurde er nicht zu» gelassen, die Beamtenlaufbahn, wie der richterliche Be-, ruf, blieb ihm verschlossen, ebenso durfte er kein höheres Lehramt (in neuester Zeit nur in ganz beschränktem^ Maße) bekleiden. Ja, in den fünfziger Jahren des» vorigen Jahrhunderts bestand in Deutschland eine ge-( wisse Zeit wieder die Neigung, die Juden von neuem; ins Ghetto zurückzuwerfen. Und nach den siebziger Jahren setzte in verstärktem Maße die von Ahlwardt und Stöcker in Szene gesetzte Indenhetze ein. Man; wird nicht behaupten können, daß dies alles dazu au-, getan war, um die Stellung der Juden zum deutschen! Staate gerade zu stärken. ( Und nun die Aera Wilhelms II. Traten nun die, Gegensätze zwischen der christlichen und jüdischen Bepyl-! kerung auch etwas in den Hintergrund, so änderte män gegen die letzte doch kämm die frühere Gesinnung. Nach wie vor blieben dem deutschen Juden die eben genannten Berufe verschlossen. Daß hin und wieder einzelne, von Haus aus besonders gut gestellte „Konzessionsschulzen vorkamen, die man, auf höheren BefeW hin, unterzubringen sich genötigt sah, iällt dabei nicht' ins Gewicht. Mir selbst, Schreiber dieses, wurde iM' Jahre 1900, als ich mich - - gestützt auf beste Zeugnisse — zur höheren Postkarriere meldete, in höflicher, aber entschiedener Weise bedeutet, daß ich nicht die geringste Aussicht hätte, angenommen zu werden. Das ist ein kleines Bespiel aus der Vorkriegszeit,- ich könnte! deren die Menge anfüyren, muß mir das jedoch wegen! Raummangels versagen.; Dann kam der Krieg. Es widerstrebt mir, von mir, und meinem Leben als Feldsoldat (ich trat zu Beginn; des Krieges als Freiwilliger ins Heer) zu sprechen,;' von den Zurücksetzungen und niederträchtigen Gemein-! heiten, denen ich als geborener Jude — bei aller An«; erkennung meiner Leistungen - im Felde lange Zeit) ausgesetzt war. Erwäynt werden muß hierbei, daß ichauch vereinzelt Vorgesetzte kennengelernt habe, für dies ich jederzeit durchs Feuer gegangen wäre. Aber hatte; Mich denn allein jenes beneidenswerte Los getroffen?,! Da waren noch Tausende von jüdischen Kameraden,; denen es draußen vor dem Feinde gleich mir erging. Und wir kämpften und hungerten weiter, taten schwer*) gend unsere Pflicht. Aber die Erbitterung kam, ja, ffc-, kam und fraß sich in unsere Herzen hinein. In einer Dunkelzelle, in die mich mein verehrter Herr Regimentskommandeur, nach Heranskonstrnierung eines geradezu blödsinnigen Grundes, drei Tage lang (Wasser und Brot war einem ja ohnehin geläufia) willkürlich und ohne Recht freundlichst „einquartiert" hatte, stieg der Freihcitsgesang des jüdischen deutschen Unteroffiziers empor, damals vielleicht der erste von einem Deutschen gegen die bestehende „Ordnung" verfaßte. Welche Wandlung gegen 1914, wo mich ehrliche, glü* hende Begeisterung in die Reihen der Freiwilligen getrieben hatte! Wie hatte ich dieses Deutschland, Deutschland über alles geliebt und auch - ich muß es eingestehen - seinen Kaiser, unser Heer und unsere Flotte und unsere Kolonien. Ich fühlte mich damals ganz und nur als Deutscher, und wo überall in der Welt ich die deutsche Flagge wehen sah, da schwoll mein Herz vor Stolz. War es denn in unserer Familie anders? Hundert Jahre vorher hatte unser Urgroßvater unter Jork gegen Napoleon gekämpft, Großvater trug die Denkmünze von 1848, die ihm Friedrich Wilhelm IV. als Soldat verliehen batte, und Bater diente sein Jahr bei den Alexandern in Berlin mit wahrer Begeisterung ah, obwohl man ihm bei der Garde, als Juden, gerade nicht sehr mohlwollte, er 29 Wachen geschoben und gelegentlich auch mal mit „Bater Philipps engere Bekanntschaft gemacht hatte. Dies war die Gesinnung einer jüdisch-deutschen Familie vor 1914. und so fühlte und dachte die überiviegendc Mehrheit der deutschen Juden. Und nun der Ausklang des Krieges: - Die deutschen Juden hatten in den Jahren 1914/18 in enger Gemeinschaft mit den übrigen Volksgenosse«