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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-04 · 21 (4.7.1921) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
21 (4.7.1921)
Date
1921-07-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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i. Jahrgang Kummer 21 S. Beilage 4. Juli 1924 IMchÄerakZeikmg Blutzeugen. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Polen. Von Doris Wittner. (KuUnek wholM.) Traurig drückte ein grauer Himmel auf die ausgesogene polnische Erde. Kiernozia hieß der armselige Flecken, der sich wie ein trostloses Loch in der Natur ausnahm. Eine kümmerliche, schmutzstarrende Verkrochenheit inmitten des weiten, wesenlosen Riesenreiches, über das „Väterchen, der weiße Zar", gebot. Eine Ortschaft hatte hier gestanden — vor Jahren, Wochen oder Tagen — man wußte nicht mehr recht, wann. Die Kriegsgeißel hatte sie hinweggemäht. Jetzt waren da nur noch rauchgeschwärzte Mauerreste, die klagend und anklagend ihre gespenstischen Steinfinger gen Himmel reckten. Kot und Schutt und Trümmerhaufen, alles getaucht in die schaurige Oede ewiger Lichtlosigkeit! Irgendwo dort, wo die — von Kosakenhänden gelegten — Brände am wildesten gewütet hatten, irrte zwischen verkohlten Wänden ein Mensch — halb Knabe, halb Jüngling — umher. Lumpen schlotterten von seinem ausgemergelten Leibe herunter. Schwer beugte der junge Rücken sich vornüber. Das Gedächtnis der Knute war über ihm. Dürre, gelbliche Finger griffen, wie in giftigen Räuschen, ins Leere, als suchten sie eute zu raffen im hohlen Raum. Es war der Rausch des Hungers, der in ihnen glühte. Und auf die fruchtlose Mühsal der Hände brannten aus des Jünglings Antlitz fieberkranke, unstete Augen herinieder. Tief in diesen Augenhöhlen wohnte der Wahnsinn, dem der Schrecken den Weg gebahnt. Ab und zu nur zuckte noch ein Funke des Wissens eine Stichflamme der Erkenntnis in ihnen auf.! Eine Mauer hielt den Tastenden, Hastenden auf. Wie j durch ein Wunder stand da das Untergeschoß eines Haus.s I noch. Der Oberteil fehlte, und auch die untern Wände hatten die roten Feuerzungen beleckt, aber es schien, als sei die Lohe der Vernichtung inmitten ihres eigenen Werkes müde geworden. Hier hatte sie noch ein Stück Mauerwerk herausgefressen, dort ein höhnend schwarzes Loch gebohrt; aber dann mochte sie, ihrer selbst überdrüssig, in sich zusammengefallen sein. So kam es, da3 das Untergeschoß noch stand. Da, dort — mußte die Tür gewesen sein. Schwärzliches Gebälk wies die Stelle, die es zugleich versperrte. Der Jüngling sprang darüber hinweg, in das Haus hinein. Wer weiß, eine Rinde verschimmelten Brotes oder eine tote Ratte mochte sich darin finden, dem tobenden Magen Genüge zu tun. Und Jossele Teicher, vom Hunger gepeitscht — setzte mitten hinein in die Verwüstung. Doch schon im nächsten Augenblick prallte Jossele Teicher auf die Schwelle zurück, vergaß seinen Hunger und entblößte sein Haupt. Die Stube, die der ausgezehrte und verstörte Jüngling betreten, war ein Trümmerfeld. Was an menschlichen Gebrauchsgegenständen dagewesen sein mochte, war von sinnlosem Vernichtungstrieb kurz und klein geschlagen. Eine zerschmetterte Bettstelle, das Bettuch in kleine Fetzen geschnitten; Stuhl- und Tischbeine, zerrissene Frauenkleider, Glasscherben; alles in wirrem, beängstigendem Durcheinander. Eingeschlagen ragte das Fensterkreuz mitten in die Greuel hinein. Da der ausgebrannte Oberstock die Zimmerdecke verschlungen hatte, wirbelte aus freiem Himmel ein naßkaltes Etwas — halb Schnee, halb Regen — unaufhaltsam und einförmig in den Raum. Auf dem Erdboden aber waren allenthalben widerwärtige rote und schwarze Flecken zu sehen. Das Zeichen, daß hier lebende Wesen geblutet hatten. Und in dieser Umgebung — grauenhaft wie der Ort der Verdammnis — befand sich ein Mensch. Ein Mensch, der den jähen Einbruch Jossele Teichers als ein bedauerliches Ereignis aufzufassen schien. Reb Mendele Chaim, der größte Schriftgelehrte der niedergebrannten, geplünderten, entvölkerten Judengemeinde Kiernozia, saß da auf einem zerbrochenen Schemel, vor sich auf einer umgestürzten Kiste ein aufgeschlagenes Buch. Das Buch. Das Buch der Bücher. Schwer wallten die Fluten des weißem Patriarchenbartes auf die Heilige Schrift. Von der durchfurchten Stirn des Greises schien die uralte Weisheit^ des Fünfbuches zu strahlen; in seinen Augen aber, tiefen, dunklen Augen, die die Wohltat der Tränen verlernt hatten, unter schweren, müde lastenden Lidern, brannten das Leid und das Wissen der Jahrtausende. Die eine Hand Mendele Chaims ruhte auf der Heiligen Schrift. Es war eine jener großen, ausdrucksvollen und blutlosen Hände, die nie an eine Pflugschar oder ein Schwert gerührt, wohl aber für und für das Wort Gottes umgewendet und durchblättert haben; eine jener edel gemeißelten, durchsichtigen und traurigen Hände wie sie in vieltausendjähriger aristokratischer Abgeschlossenheit gezüchtet worden. Trauer und Zorn wohnten in dieser Hand. Es war die Hand Moses und der Propheten, die in den Himmel griff, wenn sie die Erde lehrte. Auf dem Buche ruhte diese eine Hand; die andere aber hielt mit krumpfendem Griff Fetzen einer beschriebenen Rolle umspannt. Und Jossele Teicher erkannte, was des Gläubigen Finger hüteten; es waren die ehrfurchtgebietenden Fetzen einer von frevelnden Kosaken geschändeten Thorarolle, die bei einem Raubzug in den Tempel entwendet und dann in den Kot der Gasse geworfen worden sein mochte. Nun aber lagen sie sanft und sicher in der Hand Red Mendele Chaims. Mendele Chaims, der, dem Volke des Buches ein treuer Sohn, in dem geplünderten, verbrannten Hause saß, in inbrünstiger Gedankenglut gebeugt über die heiligen Buchstaben, nicht achtend Hunger und Frost, über dem Eifer, zu ergründen und zu deuten die Lehre und Gebote des Herrn. Als Jossele Teicher den greisen Schriftgelehrten so sitzen sah, schoß durch sein arme?, von Hunger und Grausen siech gewordenes Hirn in blitzartigem Erinnern ein Wort aus den Klageliedern, das er dereinst in der Jugend-, schule gelernt haben mochte: „Er sitzt einsam und schweigt, denn er hat es auf sich genommen." „Es" — das Schicksal; so meldete wohl das Lied. Auch Reb Mendele Chaims war von denen, di*» sitzen und schweigen, weil sie „es" auf sich genommen haben. Es, das große, malmende Schicksal. Jossele Teicher hatte es nicht auf sich genommen. Aber es hatte sich über ihn geworfen, daß es ihn wund und unklug gemacht hatte und ihn jetzt wie ein geschlagenes Tier vor die Füße des Einsamen kriechen ließ. „Reb Mendele Chaims kennt Ihr mich?" „Wie sollte ich dich nicht kennen, Jossele Teicher, mein Sohn?" — „Wo ist Eure Familie, Reb, Euer Weib, Eure Kinder?" „Meinen Sohn Elieser haben sie dort am Fensterkreuz gehängt, bis der morsche Balken ist vornübergesunken von der Last. Seine Leiche haben sie auf die Gasse geworfen und zertreten. Meine Tochter Rahel haben sie bezwungen, weil sie ihrer Mutter die Feuerwaffe auf die Stirn setzten, bis daß der Tochter Wille und Scham zerbrachen. Danach sind mein Weib und meine andern Kinder geflohen. Sie sind nach dem großen Lodz geflüchtet. Als wenn man fliehen und sich entziehen könne der Hand Gott des Gerechten!" In der Stimme Red Mendele Chaims rauschten die Fluten des Jordan, schluchzten die Wasser zu Babel und sangen die Bronnen Zions. Es war nicht die Stimme eines Menschen; es war die Stimme eines Volkes, dessen Bestimmung ist, zu bluten und weinen. „Reb Mendele Chaims, Ihr seid der größte Schriftgelehrte in der Gemeinde. Sagt an, heißen wir nicht das „auserwählte Volk" Gottes? Des Gottes, den Ihr den Gerechten nennt, ob er auch gleich Not und Elend, Hunger und Tod und Schmach über uns schickt? Wie können wir heißen das auserwählte Volk, wenn wir doch schlimmer dran sind als räudige Tiere?" — „Auserwählt sein heißt: leiden dürfen. Wußtest du das nicht, mein Sohn? Sieh, Jossele, draußen die Völker, die jetzt diesen ruchlosen Krieg miteinander führen, sie schlagen sich und werden sich wieder miteinander vertragen. Sie werden nach ihrem Krieg ihren Frieden schließen. Wir aber werden bleiben die Gejagten, die Friedlosen. Um uns und wider uns ist immer und überall auf der Erde Krieg. Wir sind auserwählt dazu, Opfer zu sein. Das ist unser Stolz, unser Adel, du armer, kleinmütiger, verschreckter Jossele. Höre mich an: Wir sind gewandert durch die Wüste und Stummheit, durch Knechtschaft und Verfolgung, durch Verbannung und Selbsterniedrigung, und nur unsere Kraft des Leidens hat uns unbesieglich gemacht in Zeit und Raum. Auf allen Märtyrerwegen der Menschheit haben wir geblutet. Für uns war Golgatha überall. Eine Schädelstätte ist uns die Erde, wo die Gebeine derer bleichen, die unter Qualen sterben. Sterben für den Herrn, unsern Gott, den wir hinfortgetragen haben vom Berge der Verheißung, und für den Buchstaben des Gesetzes, das er uns geschenkt hat. Wir sind auserwählt, denn wir sind Blutzeugen für den Gott Isaaks, Jakobs und Davids. Verstehst du das, armer törichter Jossele?" Der arme Jossele Teicher hätte es wohl sehr gern verstanden. Aber hungrige Menschen, wenn sie jung sind und noch nicht so viel haben sehen müssen und leiden dürfen, wie Mendele Chaim, verlieren leicht ihren Verstand und noch leichter ihren Gott. Jossele Teicher war in beiden erschüttert. Und daher kam es, das er Mendele Chaim nicht verstand. „Weh' geschrien, Gott der Gerechte! Wißt Ihr, Reb Mendele Chaim, wozu Gott der Gerechte den Jossele Teicher hat auserwählt? Daß er hat Zusehen müssen, wie man seine Mutter hat zu Tode geschlagen und wie man seinen Laden hat angezündet. Und den Jossele hat man angebunden an ä Pfahl so lange, hat ihm ä Holz in den Mund gesteckt und ä blanken Spieß auf die Brust gestellt, daß er nix hat schreien, nur hat zuschauen dürfen. Und derweil, während die Mutter hat getan den letzten Atemzug, haben sie den Jossele an den Schläfenlocken gezerrt und haben ihm ins Gesicht gespien. Dazu ist „auserwählt" worden der Jossele Teicher. Von Gott »dem Gerechten. Aber der Jossele Teicher will nicht mehr. Seine Mutter, was is gewesen die frömmste Frau in der Gemeinde, ist nicht mehr; sein Häuschen und seine Waren sind nicht mehr; und der Jossele hat seit vier Tagen nichts gegessen. Jetzt werd' der Jossele sich den Kaftan ausziehen und werd' die Schläfenlocken abschneiden und werd' ä Stock über die Schulter nehmen, der, was Feuer spuckt, so wie ihn haben die Herren Soldaten; und er werd' hingehen und werd’ totmachen mit dem feuerspuckenden Stock ä Feind von dem, wo sie ihren großen „Gossudar" nennen. Und dann werd' großer „Gossudar" zu essen geben dem Jossele Teicher. So wirds sein, so wahr er lebt, Gott der Gerechte!" Da hob sich die Zornhand Reb Mendele Chaims, wie sich gehoben die Zornhand des Propheten, als er den Bann geschleudert. Und die Trauerhand Reb Mendele Chaims scheuchte Jossele Teicher, der seinen Gott verloren von hinnen. Und es blieb Mendele Chaim mit seinem Gott allein. Langsam stieg die sternenlose, frierende polnische Nacht empor. Langsam fielen aus dunkelndem Himmel die kalten, nassen Flocken auf den silbernen Scheitel Mendele Chaims. In der Ferne donnerten mit ehernem Mund die Geschütze. Mendele Chaim aber achtete nicht der Nacht noch der Flocken, noch der Geschütze. Und er redete also zu ihm: „Herr, ein Unkluger geht von dir und fragt im Herzen: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Er hat vergessen, Herr, daß du dich kündest in Donner und Blitz; daß deine Wegspuren Blut und Tränen sind. Draußen aber, wo die Menschen stehen und einander berennen mit jeder Art Tod, findet er dich wohl wieder, weil er erkennen lernt, daß er dich verlor. Schwer ruht, o Herr, dein Zorn über der Erde. Wieder fährt Pech und Schwefel über ihr dahin, weil sie mißachten lernte deine göttlichen Gebote: nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht falsche Reden zu führen wider den Nächsten, nicht zu begehren des Nächsten Eigentum. Wieder rasen — wie der Prophet verheißen — Raubebald und Eilebeute zwischen uns dahin, in verruchtem Tun wider uns, die wir wehrlos sind, und in ruchloser Tat wider jene, die die schimmernde Wehr gegen sie tragen. Arglist reckt tausend Köpfe, Arglist spinnt tausend Fäden, Arglist schlagt tausend Tode. Und es ist ein großer Wirrwarr in der Welt. Darum zürne dem Törichten nicht, der von dir geht und den umnachteten Sinn gegen dich kehrt. Sieh, Herr, der arme, unkluge Jossele Teicher weiß nicht und kann nicht wissen, was uns offenbar ward, die wir für und für deine Schriften erforscht haben: daß du dein Volk, das Volk Israel, ausersehen hast, der Fußteppich zu sein für seine Feinde, — deren sind in der Welt wie Sand am Meer. Es war wohl im Raume der Zeit, — der die Ewig-, keit gegenübersteht, wo die Letzten die Ersten sein werden, — die schwerste Aufgabe, die du unter die Völker, geworfen. Und nur jemandem, den man liebt, und dem man vertraut, legt man die härteste Prüfung auf, um seine Lauterkeit zu erkunden. Stark und stolz und stumm muL sein, wer unter der Demut der Menschenerniedrigung den Hochmut der Gotteskindschaft nicht verlernen soll. Und Herr, stark und stolz und stumm sind die Besten unter, uns immer geblieben. Und darum, wenn die Feinde, die. du über und wider uns gesetzt, über uns dahinreiten, tnifr eisernen Hufen und silbernen Sporen, mit Mord und Schande, mit eitel Ungerechtigkeit und großem Gebrüll, so vermögen wir unter ihrem stampfenden Tritt tief im Staube zu liegen und — doch zu lächeln; — denn unser ist die Erkenntnis und ihrer — der Wahn. Und immer sind es nur die Jossele Teichers, die Einfältig- und Kleingeworde-j nen, denen sich das Antlitz der Wahrheit verhüllt, und die darum dein Angesicht leugnen und die Flucht ergreifen. Und immer sind es die Jossele Teichers, die zwiefache' Schande trifft. Die Verachtung des Feindes, der, mutig und mächtig, selbstbewußt und kriegerisch, den Uebesfe läufer verwirft, und der Zorn ihres Gottes, den,sie verraten. Und darum, Herr, da du ihn strafst durch die Hand der Feinde, sei du selbst dem Jossele Teicher ein gnädiger, Richter, wenn er wankt vor deinen Stuhl. Mir aber vergönne, Herr, der Hüter deiner heiligen Buchstaben zu bleiben, so lange Atem durch meinen Mund ausgeht Herr, dort drüben hat mein Sohn gehangen, und als ich unter seinem brechenden Auge die Henkersknechte um Schonung gefleht habe für die Jungfrauenschaft meiner Tochter, da haben sie mich angebraust: „Schweig, jüdischer Hund!" Und siehst du, Herr, in dem Augenblick wäre ich beinahe gestrauchelt, denn da ist aufgewallt in mir das wüde, heiße Blut der Richter und Könige meines Stammes, und ich habe die Hand aufheben wollen und ins Gesicht schlagen den Widersachern meines Blutes. Doch da ist mein Buck auf das heilige Bach gefallen und die geschändeten Fetzen des Gesetzes zwischen meinen Fingern haben es mir in die Adern gebrannt: das Strafgericht ist des Herrn! Und ich habe das Haupt geneigt und habe dein Wort mir teurer sein lassen als Weib und Sohn und die Ehre der Tochter. Ob der Sieg dieser Welt dereinst bei dem Wort oder bei der Tat sein wird, darüber wage ich nicht zu sinnen. Aber du, o Herr, hast das Wort gegeben nnd das Wort war dein Gedanke und dein Gedanke ward die Welt. Ich bin ein Diener des Wortes gewesen mein Leben lang, und ich will es bleiben, komme auch das Schicksal über mich, den Dienern der Tat zum Opfer zu fallen. Ich nehme es auf mich." Tiefer und tiefer sank die frierende, sternenlose polnische Nacht. Reb Mendele Chaim saß einsam und schwieg, denn er hatte es auf sich genommen. Nicht spürte er den Brand des Hungers in seinen Eingeweiden, noch das Fallen der Kälte auf seinem Haupt. Vor seinem innern Auge baute sich Jerusalem, die Fürstin unter den Städten, zu Licht und Glanz empor; Thabor und Hermon, die heiligen Gipfel, grüßten den heimkehrenden Wanderer nnd die Sonne des Morgenlandes küßte seinen müden Scheitel. Als versprengte Kosakenbrut in das zerfallene Gemäuer drang, letztes Leben zu meucheln, stand da ein Greis hoch aufgerichtet vor einem Buch, strahlenden Auges und lächelnder Lippe. Da raste abergläubischer Schrecken über das Tatarengezücht dahin. Nur schnell eine Kugel dem Alten in die Brust und mit gellem Laut stoben die Mordgesellen davon. Reb Mendele Chaini aber sank über das Buch. Und das Wort Gottes trank das Herzblut seines treuen Dieners, der „e s" auf sich genommen hatte. j g1 BÖCHERSCHAU. | g I Benzion Kellermaun, Die Ethik Spinozas. lieber Gott und Geist. Berlin 1922, C. A. Schwetschkc u. Sohn. Nichts für Freunde leichten Lesestoffes und billiger philosophischer Aufklärung. Das Buch eines Mannes, dem es bitterernst ist mit den letzten Problemen menschlichen Denkens. Er vermag in den Nachkriegsjahren ein philosophisches Werk von mehr als 400 Seiten zu schreiben, ohne daß auch nur ein Wort die Umwelt verrät. Bei der Betrachtung der Ewigkeitswerte versinkt für einen Denker wie Kellermann die kleinliche Alltagswelt. Er stellt sich in seinem Buch folgende Aufgabe: Welchen objektiv sachlichen Geltungswert enthalten die einzelnen Fundamentalbegriffe in Spinozas Metaphysik, in seiner Psychologie und in seiner Freiheitslehre, inwieweit nähern sich diese Begriffe dem kritischen und kritizistischen Denken, inwieweit entfernen sie sich von ihm? Da er sich streng an den fortlaufenden Text der Ethik hält, wird das Werk zu einem kritischen Kommentar der ganzen Ethik Spinozas. Es ist aber noch mehr als dies. Er hätte sein Buch auch Spinoza und Kant nennen können. Denn kaum ein großes Problem ist ausgelassen, an dem er nicht zeigt, wie weit oder wie nahe Spinoza und Kant zueinander stehen. „Wie nahe wohnt doch Spinoza bei Plato und Kant und wie unendlich weit entfernt er sich von ihnen!" (S. 343.) Auf eine Reihe von Problemen möchte ich nur kurz hinweisen, um zu zeigen, was der Leser in diesem Buche finden kann und um die Uebcrsicht zu erleichtern, bür

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