Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 20 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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•■■»nnfir »f'.lfi L!'«W»^WWMW»WMVffWWMWW> WWWWDWWWWWWW vvcttLirscnAu den prophetischen und geschichtlichen Schriften des Alten Testaments, je später um so mehr, hervor, ist der ErklärungSgrund für den hohen, weihevollen Ernst, von welchem -'lese gange Literatur getragen wird, und auch heute und tn aller ferneren Zukunft dürfen wir nicht hoffen, eine Form -u finden, in welcher die moralische Pflicht, diese höchst« Obliegenheit des Menschen, uns tiefer ergriffe und kräftiger auf uns wirkte, als indem wir sie uns als ein konkretes, lebendiges Wesen, als einen persönlichen Gott gegenüberstellen." Daß es freilich im späteren philosophischen Fudentmne Richtungen gibt, die Gott öas Attribut -er Persönlichkeit entziehen und gleichwohl als religiös anerkannt werden, soll später gezeigt werben. Den Höhepunkt ethischer Reflexionen erreicht der ProphettSmus im Buche Hiob. Der Gedanke, daß Gott den Inbegriff aller sittlichen Ideale in seiner Heiligkeit Larstelle, konnte leicht so verstanden werden, daß nun tatsächlich das ethische Sein seine restlose Verkörperung in einem Wesen fände, das nicht nur ein funktionales Gepräge, sondern auch ein existentielles auftveise. War aber nicht mit einer solchen Konkretion der ethischen Aufgabe diese selbst ihres U ne n d l i ch - keitschr. rakterö entblößt? Gewiß bestand noch das zweite Gebot zu Recht, daß man sich — offenbar auch geistig — keinerlei Bild von Gott machen solle; war aber damit der Substanzcharakter wirklich von Gott endgültig abgewehrt? Ist nicht auch ein eigenschaftsloser Gott noch ein dinghafte S Gebilde, solange es nicht gelingt, die Negierung der göttlichen Eigenschaften soweit durchzusetzen, bis auch der letzte Erdenrest dinghafter Substantialität vertilgt ist, damit sich aus der Asche der Substanz der Phönix funktionaler Zkraft erhebt? Dr. Benzion Kellermann. 4, Aus der Presse In der gewiß nicht judenfreundlichen „Neuen preußischen (Kreuz-) Zeitung" nimmt Lic. theoi. Dr. phii. Martin Kegel-Templin t. M. zu dem soeben bei Georg Westermann-Braunschweig erschienenen Buch von Franz von Wendrin „Die Entstehung des Paradieses" mit folgenden bemerkenswerten Ausführungen Stellung, die zeigen, daß es vielen Gelehrten mit der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft doch noch ernst ist: „Damit komme ich zu der ernstesten Seite des Buches! Bisher haben wir den Juden mit Recht zum Vorwurf gemacht, daß sie im Talmud sich über die Nicht-Juden Aeuherungen und Vergleiche erlaubt haben, die jeder Beschreibung spotten. Was soll mau nun dazu sagen, wenn in diesem Buche von v. Wendrin die Juden (oder, wie Verfasser will, Hebräer) und ihre Stammverwandten den Deren fast völlig. gleich geachtet werden und wenn ihnen ihr« „Niedecrassigkeit" in Ausdrücken bescheinigt wird, die fast nicht wiederz,igeben sind. Ich fürchte, der Verfasser hat durch sein Buch, dessen Beweiskraft im ganzen nach meiner Ansicht denkbar gering ist. einen Schaden angerichtet, der fast nicht wieder gutzumachen ist! Es soll natürlich niemandem verwehrt sein, nach Wahrheit zu forschen und auch das mit kritischen Äugen anzuschauen, was anderen Menschen als feststehend und vecehrungswürdia gilt; aber solche Unt er s u ch u n g e n müssen in einem Ton geführt werden, der erträglich ist. (von uns gesperrt. D. Red.) besonders bann, wenn der Forscher auf so schwachem Boden steht, wie; eS der Boden v. Wenürins nach den in seinem Buch vorgelegten Proben offenbar ist. Ich meinesteils, und vermutlich die überwältigende Mehrzahl der deutschen Wissenschaftler mit mir, lehne das Wendrinsche Buch nach Form und Inhalt ab und sehe mich in keiner Weise genötigt, die bisherigen Ergebnisse der orientalischen und abendländischen Geschichte fortan einfach für „Schwindel" zu halten!" * General der Infanterie v o n D e i m l i n g. der bekannte Heerführer, der bereits vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstags sachverständiges Zeugnis für die jüdischen Soldaten abgelegt hat, unternimmt im letzten Heft der Berliner Zeitschrift „Roland", herausgegeben von Doris Wittner, erneut einen Frontangriff gegen das antisemitische Schlagwort von jüdischer Feigheit im Kriege: „Wer ist denn am verlorenen Kriege schubd? Doch nicht die Juden. Sondern schuld ist die erdrückende Uebermacht der Feinde an Soldaten und Kampfmitteln und die furchtbare Wirkürrg der Hungerblockade . . . Ebensowenig sind die Juden schuld an der Revolution. Die Revolution ist nicht gemacht worden, sondern sie kam. weil sie mit Naturnotwendigkeit kommen mußte als Folge der Unterlassung rechtzeitiger Reformen im Innern und als Folge des unglücklichen Kriegsausgangcs . . . Ich habe als kommandierender General viele Juden im Schützengraben gesehen und habe die Wahrnehmung gemacht, daß die indischen Soldaten und Offiziere ihre Pflicht und Schuldigkeit gerade so getan haben, wie ihre christlichen Kameraden. Manchem Juden konnte ich das Eiserne Kreuz verleihen, einigen sogar das Kreuz 1. Klasse. Gewiß wird es auch Juden gegeben haben, die ihr Leben höher schätzten als kriegerischen Lorbeer; solche aber hat es auch unter den Christen gegeben. Die gehässige Verallgemeinerung des Vorwurfs der Drückebergerei, die ist es. die jeder Gerechtdenkende auf das schärfste verurteilen mutz. Etwa 40 000 jüdische Kriegsteilnehmer sind an der Front gewesen, d. h. vier Fünftel aller jüdischen Feldzugsteilnehmer. Etwa 12 000 jüdische Kriegsteilnehmer haben die Heimat nicht wiedergefehen. Das heißt, die deutschen Juden haben Blutopfer gebracht, die nach Lage der Dinge durchaus entsprechend sind. Etwa 35 000 sind kriegsdekoriert, 23 000 befördert worden, darunter mehr als 2000 zu Offizieren. Das heißt, die jüdischen Kriegsteilnehmer haben an den Erfolgen kriegerischer Leistungen in einer dem Durchschnitt entsprechenden Weise teilgenommen. Im Flugzeugdienst waren viele Hundert jüdischer Soldaten. Der mit dem Orden?our le mörite dekorierte Fliegerleutnant Wilhelm Franke war ein Jude. Mir selbst ist ein Fall bekannt, daß eine Mische Witwe vier Söhne im Felde hatte, von denen drei fielen. Sie reklamierte hierauf den vierten Sohn für den Etappendienst. Bevor ihr Antrag zur Ausführung kommen konnte, siel auch dieser vierte und letzte Sohn." „Macht euch einmal klar," fährt General Deimling fort, „ihr Judenhasser und Judenhasserinnen, was in Ht Seele einer solchen Mutter oder in der Seele von Kriegskrüppeln vorgeht, wenn sie immer und immer wieder hören, die Juden feien Drückeberger gewesen. Wer das nicht fühlen kann, mutz schon eine gute Portion Roheit besitzen. Darum fort mit der Judenvetze! Sie baut nicht auf. sondern ste reißt ein; sie lenkt das Urteil des deutschen Volkes ab von den tvahren Fehlern und Schäden, und ste stcht im Widerspruch mit den Geboten dessen, der gesagt hat. mau soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst." ' „ H. 8t. Chamberlain. Dieser dem Richard Wagner-Kreis auch durch leibliche Verwandtschah nahestehende Schriftsteller ist Gegenstand einer Abhandlung in der Monatsechrif t: „Die Literatur" (Juniheit 1924), betitelt „H. St. Chamleriains Stellung in der deutschen Literatur". Der Verfasser, Christoph Netzle in Zürich, weist im Eingänge auf den seltenen Fall hin, daß ein Angehöriger der englischen Gesellschah, der seine Kindheit und Jugend im westlichen Teil des Kontinents, in Versailles, Genf und an der Riviera zugebracht habe, in den Jahren geistiger Reife nach Deutschland gelangt, nicht nur die Sprache seines Gastlandes sich angeeignet, sondern sie so beherrschen lernte, „daß er bereits in iüngeren Mannesjahren an der Kulturarbeit seiner neuen Sprachheimat erfolgreich mitschafft, Werke in fließender Sprache veröffentlichen kann." ..Der Stil dieser Werke verleugnet zwar nicht die Herkunft ihres Verfassers." Unwillkürlich denkt man bei dieser Charakteristik an die von Chamberlain mit grimmigem Haß verfolgten Juden; man denkt an die zahlreichen deutschen Gelehrten, Künstler und Schriftsteller jüdischen Glaubens, denen — um mit Treitschke zu reden — es gelungen ist, sich ganz und gar zu nationalisieren und gute Deutsche zu werden und bei denen — fügen wir hinzu — der Stil ihrer Werke nicht auf ihre jüdische Herkunft schließen läßt. Der Verfasser verweist auf Chamberlains vielgelesenes Werk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" und bemerkt daher, daß Treffer und Nieten „unter dem von einem muskulösen Rassenhaß geführten Federkiel" bunt durcheinander wirbeln, daß „der temperamentvolle Brite" in Widersprüche sich verwickelt, so z. B., wenn Chamberlain mit dem getauften Juden, der mit seiner Tradition bricht, sympathisiert (im Gegensatz zu dem konsequenter denkenden Spengler!) Es wird weiter die Bedeutung Chamberlains gekennzeichnet und daß man ihn nicht mit der Spitzmarkc des Dilettanten abtun dürfe. In einer Anmerkung heißt es: „Otto Weiningers Chamberlain bewunderndes Zeugnis ist immerhin etwas; der gescheite Spengler nennt Weininger den größten, neueren Juden, so daß es starker Abklärung bedarf, um sich vor loser Logik zu hüten." Wir Juden wollen auch von unsern Feinden lernen, Insofern nämlich, daß wir rieht in ihre Fehler verfallen, in der Verallgemeinerungssucht und in dem fluchwürdigen Haß, kein gutes Haar am Gegner zu lassen. Die Bedeutung Chamberlains wollen auch wir nicht völlig verkennen. Dr. M. Spanier (Magdeburg). 8. M. Dubnow: Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes, III. Band (1881—1914). Berlin 1923. Jüdischer Verlag. Mit dem vorliegenden Bande schließt Dubnow (sprich: Dubnoff) seine neueste Geschichte des jüdischen Volkes ab, in der er seine großen Kenntnisse über die Ereignisse insbesondere der letzten Jahrzehnte und seine Fähigkeit, in die Quellen einzudringen, die in slawischer und jiddischer Sprache geschrieben sind, sehr gut benutzt. Aber wenn man auch zugeben muß, daß es einem Menschen mit etwas Temperament schwer fällt, möglichst objektiv zu bleiben, und man vielleicht sogar reine Objektivität bis zu einem gewissen Grade langweilig finden würde, muß doch das subjektive Urteil über Personen und Ereignisse eingeschränkt werden und darf nicht überall und immer in den Vordergrund treten. Das ist aber in dem vorliegenden Bande, wie in dem ganzen Werke, in ganz außergewöhnlichem Maße der Fall. Ich glaube nicht, daß ich schon einmal ein Geschichtswerk gelesen habe, das so einseitig orientiert ist. Für den Verfasser gibt es nur drei Arten von Juden: Nationaljuden, a.i denen eigentlich alles gut und schön ist und seit deren Auftreten im Jahre 1897 die größte Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes angebrochen ist. Orthodoxe, die zumeist recht spöttisch von oben herab behandelt werden, und dann die Assimilanten. Mir ist zwar nicht ganz klar geworden, was Dubnow alles unter dem Begriff der Assimilierung versteht, das eine weiß ich jetzt, daß jeder, der nicht auf das Dogma des Nationaljudentums von der Farbe, wie sie dem Verfasser gefällt, schwört, rettungslos der Assimilation anheimgefallen ist und dazu beiträgt, daß der Untergang des jüdischen Volkes unaufhaltsam sich naht. Es wäre mir sehr interessant zu erfahren, ob Herr Dubnow auch den Gebrauch einer europäischen Sprache, das Tragen mitteleuropäischer Kleidung und dergleichen mehr als Assimilation empfindet, und ob er bei seinem recht langen Aufenthalt in Berlin etwa von dieser Assimilation auch schon angesteckt ist. Von dem, was uns liberale Juden bewegt, von religiösem Judentum, von einer Erneuerung unserer Religion, wie wir sie zu verbreiten versuchen, scheint der Verfasser keine Ahnung zu haben oder haben zu wollen. Darum können wir ruhig über solch ein Werk zur Tagesordnung übergehen, das durch seinen einseitigen Standpunkt und durch die rücksichtslose Verurteilung alles nicht Verstandenen und darum als gegnerisch Empfundenen sich so hervorragend auszeichnet. Die Assimilation, die Herr Dubnow mit solchem Abscheu nennt und b -handelt, wird in dem Sinne, wie wir sie auffassen, nämlich in der stetigen Entwicklung des religiösen Judentums, ihren Weg zu den Herzen unserer Glaubensbrüder finden, trotz aller Kräfte, die sich bemühen, jeden Fortschritt zu unterdrücken. Robert Hirschfeld. Wilma von Vukelich: „Die Heimatlosen". Ein Roman. 1923. Deutsch-Oesterreichischer Verlag Wien—Leipzig, Ein schlechter Roman, aber doch ein unbedingt lesenswertes Buch. Es fehlt diesem „Roman" ziemlich alles das, was billigerweise von einem Roman verlangt werden kann. Und doch enthält das Buch Schönheiten, wie sie nur wirkliche Schriftsteller erzeugen können, Bilder, die an die schönsten Milieuschilderungen im ,.Friedemann Bach" erinnern, Träumereien echt herzlicher Art. Und doch: Herzl hätte das Problem anders angefaßt. Auch er war wie die Verfasserin überzeugt von der Heimatlosigkeit der Juden, auch er fühlte sich wie einer der Helden des Buches berufen, ein Sammler der Heimatlosen zu sein und ihnen die neue Heimat zu bringen. Aber er hätte die neue Heimat in den glühendsten Farben geschildert, statt der wenigen Heimatsucher Volksmassen den Weg ins gelobte Land suchen und finden lassen Und in diesem Gegensatz zu jeglicher Agitation, zu jeglicher Vorspiegelei falscher Tatsachen, auch wenn sie in guter Absicht geschieht, liegt der Wert dieses stillen Buches. Die Heimatlosen sind junge ungarische Juden der verschiedensten Stände. Es geht ihnen nicht schlechter als der nicht jüdischen Bevölkerung ihres Landes, ja zum Teil sogar wesentlich besser. Reichtum, Adel, Macht, Bildung besitzen sie als gleichberechtigte Staatsbürger, Und doch trennt sie ein letztes von der Umwelt. Etwas Undefinierbares, aber nicht zu Leugnendes. Ungewollt exklusiv im „Bund" verläuft Kindheit und Jugend, Mit der Reife wächst das Bestreben, sich „den anderen" anzuschKeßen. Es gelingt keinem. Ein Teil zerbricht oder wird zerbrochen und der bessere Teil — ersehnt die neue Heimat in Palästina. Und doch waren alle — jeder auf «eine Art — nützliche Glieder der ungarischen bürgerlichen Gesellschaft, Prachtvoll die Schilderung der Revolutionär Bajo», gut beobachtet auch das Wirken der anderen Juden der „Diaspora", einer Lydia, eines Tiharoer und der zionistischen Schwärmerin Hanna. Und doch hat die Verfasserin das Entscheidende nicht erkannt. In dieser jüdischen Jugend Hegt nicht nur das utopische Schwärmen der Heimatlosen, die ideale Selbstaufopferung der Enterbten oder die materialistische Geistlosigkeit der Kapitalisten, gerade diese heutige jüdische Jugend, die die Verfasserin in aufrichtigster Art schildert, ist berufen dazu, der Heimat Kulturwerte zu schaffen, weil sie Heimatsgefühl mit Menschheitsgefühl verbindet, weil sie in der Heimat voll und ganz wurzelt, ohne das verbindende Sehnen, der ganzen Menschheit zu dienen, verloren zu haben. Das Buch ist Gift für unreife, eine Kostbarkeit für reife Menschen. In jüdischen Bibliotheken sollte es als Werk der Selbstbesüfiiung nicht fehlen. Julius Woyda-Bremen. Franz Rosenzweig: Seinzig Hymnen und Gedichte des Jehuda halevi, deutsch, mit einem Nachwort und mit Anmerkungen. Konstanz. Oskar Wöhrlc. Aus ehrfurchtsvoller Vertiefung in die Dichtungen Jehuda halevis, aus frommer Hingabe und feinstem Verstehen und Nachfühlen ist dieses Werk eines reichen und tiefen Geistes entstanden. Man spürt das insbesondere an den einführenden Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten, die oft die Quelladern bloßlegen, aus denen sic entstanden, und sicherlich zum Schönsten gehören, was bisher über Halevis Dichtungen geschrieben ist, Man spürt das natürlich auch aus den Uebersetzungen selbst. Mit einer eigenwilligen Energie hat Rosenzweig in seiner stolzen Demut vor dem Werk des Dichters und in seinem leidenschaftlichen Drang nach Echtheit und Wahrhaftigkeit der Wiedergabe in seiner Uebersetzung nicht nur den gedanklichen Gehalt, sondern auch die Form der Dichtungen bis über die Grenzen der Möglichkeit in deutscher Sprache zu reproduzieren versucht. Aber was Jehuda halevi mit feinster Künstlerhand in hebräischer Sprache, die sich ihm wie Wachs fügte, gestaltete, das konnte Rosenzweig aus dem harten Gestein seiner Sprache trotz wohlgezielter Schläge auf den Meißel nicht herausholen. Man merkt Spalten und Risse, Kanten und Ecken. Kein Wort des Lobes reicht aus für den Fleiß, den der Autor an sein Werk gesetzt. Aber man spürt ihn. Die herbe Kritik, die er in dem geistvollen Nachwort an seinem Vorgänger übt, schießt übers Ziel oft hinaus, Ich stimme ihm darin bei, daß in diesen Uebersetzungen manches versüßlicht, ja verkitscht ist. Aber zum Wesen vieler Dichtungen Jehuda halevis gehört eine weiche Anmut und ein wundervoll leichter Fluß des Wortes, Mag auch die dichterische Eigenkraft des von Rosenzweig verurteilten Uebersetzers nicht sonderlich stark sein, diese Seite der Art Jehudas hat er oft besser getroffen als Rosenzweig. Das zu sagen, erfordert die Gerechtigkeit, wie man auch anerkennen muß, daß „in uer Richtigkeit" ihm Rosenzweig überlegen ist. Der Rhythmus seiner Verse ist oft durch die erzwungene Kürze, durch die vielen Enjambements reichlich holperig. Darüber hilft auch »nicht die gleichschwebende Betonung im Sinne Stefan Georges hinweg. Es versieht sich ja von selbst, da R, sich durchaus nichts leicht machen will, daß er um die vielen angeforderten Reime zu liefern, oft zu seltenen, zum Teil schon veralteten Worten (man darf schon Wörtern sagen) greifen muß. Im ersten Gedicht, das fünf Reime auf —ust bietet, findet man die Stelle- „Erfaß, o Geist, was du seist und daß aus Nichts kam all dein B I u s t." — (iwneaiin jssodecha). — In einem andern Gedieht, das stets Reime der gleichen Endung aufweist, kehrt dieses auch in der Dichtersprache schon fast gestorbene Wort für Blüte und Blühen wieder: „gedrückt unter Perserjoch, entrückt in hellenischen Blust", Man kann das kaum als berechtigtes „Nachdichten", wie R. ironisch Abweichungen vom Originale nennt, ansehen. Die richtige Uebersetzung gibt R. selbst in den Anmerkungen» „gequält unter Perserjoch, gestählt in hellen’scher Glut". Und wenn die erste Zionide gar 35 Reime auf —agen bringt, so wird man sich nicht wundern, wenn ein Vers darunter lautet: „Zion, du Prachtreif, von Huld und Liebe seit je umkragt, Sieh deine Treuen mit dir wie Wall sich umkragen“. (In Parenthese sei auf die ergreifend schöne Anmerkung zu diesem Stück hingewiesen). Es ist eben ein Kampf mit völlig ungleichen Waffen, bei dem der deutsche Uebersetzer unterliegen muß, weil seiner Sprache die überaus reichen Reimmöglichkeiten des Hebräischen (man denke nur an die vielen bequemen Suffixe!) durchaus fehlen. Es wäre daher nicht nötig gewesen, die Schwierigkeiten noch durch Nachbildung der Akrosticha des Dichters zu steigern, deren Eigentümlichkeiten als Aeußerlichstcs nicht von solchem Belang sind, daß deswegen die Wortstellung unnatürlich werden müßte, wie z, B. in dem ersten Verse des Gedichtes Liebeswunder: „Je blickst du hold auf meines Lieds und Lobs Geschmeid und Ausgesiebe?" Das Je am Anfang ist der Beginn des Namens Jehuda, — das Ausgesiebe (jitaw b’enecha n’im schirr umetaw mahalali) ist ein Reim unter fünfen auf —iebe. Goethe, der ein milderer Kunstrichter war als Rosenzweig, sagt in seiner Rede auf Wieland: „Es gibt zwei Ucbersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herübergebracht werde, dergestalt, daß wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen genugsam bekannt. Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht; doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor." Rosenzweig, der eigentlich nur die zweite Maxime gelten läßt, weist Luther, dessen Uebersetzergenic er mit vollem Recht huldigt, nach seinen charakterisierenden Bemerkungen dieser Gruppe von Uebersetzcrn zu. Man wird anderer Meinung sein dürfen. Jedenfalls hat Luthers dichterische und volkstümliche Kraft die Distanz überbrücken können und manche poetischen Stücke der Bibel wie z. B, die Psalmen genial nachscHöplerisch als Kunstwerke den Deutschen zum Genüsse dargeboten. R. hat ganz recht, wenn er meint, man müsse die einzelnen Gedichte Jehudas „nicht wie Kirschen, sondern wie Pfirsiche verspeisen." Aber wenn dieser Vergleich sich auch auf die Uebersetzungen beziehen soll, so hinkt er bedenklich, Bei allem Respekt vor der souveränen Sprachbehcrrschuwg und vornehmen, reichen Wortkunst Rosenzweigs: die Frucht ist manchmal herbe und bat wohl auch zuweilen einen etwas bitteren Geschmack. Jenes Wort, das Friedrich Leopold von Stolber.fi in einer Anmerkung seiner JlUiübersetzung äußert: „O lieber Leser, lerne Griechisch und wirf meine Uebersetzunfi ins Feuer", setzt Rosenzweig mit Recht als Motto vor «ein Nachwort. R, ist ein vorzüfilicher Führer zu den Werken Jehudas. Man bedauert, daß er die hebräischen Gedichte nicht neben seine Übertragungen oder in einen Anhang gestellt hat. Denn das sehe ich als da» größte Verdienst dieses Buches an, das übrigens eine seinem wertvollen Inhalt entsprechende Ausstattung erhalten hat, daß es viele Leser anregen wird die Kunst Jehuda halevis a® Original zu genießen. Dr. M. Spanier (Berlin)-