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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-27 · 20 (27.6.1924) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
20 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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I. Jahrgang Nummer 20 MischMraleZeiüing 3. Beklage 27. Juni lSS4 Die Philosophie -er Bibel. (Schluß.) 6ur Abschwächnng dieser originellen Gottesausfassung yat man besonders eine Parallele aus -er ägyptischen Ge- Heimlehre ins Treffen geführt, da die dort vorkommende Wendung nulc pu nuk dasselbe bedeuten soll wie das in Rede stehende ich bin ich. Möglicherweise hat auch Kant diese Stelle im Auge, wenn er in seiner Kritik der Urteilskraft (3911) folgendes ausführt: .LZielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt oder ein Gedanke erhabener ansgedrückt worden als in jener Aufschrift über dem Tempel der Isis (der Mutter Natur): ,Hch bin alles, was da ist. was da war und was da sein wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher cufgedeckt." Auch hier wird also die Gottheit als das Sein schlechthin charakterisiert, und auch hier wird kraft dieser Definition die Bildung eines göttlichen Eigennamens als etwas Unmögliches erklärt. Wo bleibt aber dann die Originalität der biblischen Redewendung? Und wenn Holzinger (Exodus. Handkommentar 13) meint, eine Identität zwischen dem biblischen und ägyptischen Ausdruck sei deshalb nicht anzunehmen, weil der erwähnte ägyptische Satz einer esoterischen Geheimlehre entstamme, oder weil er keine göttliche Bezeichnung darstelle, so sind derartige Erwägungen nicht von zwingender Beweiskraft. Es läßt sich sehr wohl denken, daß auf irgendeine Art auch ein Satz aus der ägyptischen Geheimlehre dem biblischen Autor zuflotz. und es läßt sich ferner nicht bestreiten, daß gerade der von Holzinger im Anschluß an Le Page Renouf zitierte Satz: ich bin's, der Osiris ist. mit dem Gottesnamen aufs innigste verknüpft ist. Man muß sich jedoch fragen: Ist denn wirklich die Höhe der philosophischen Reflexion in dem Gedanken von der Souveränität des göttlichen Seins allein enthalten? Liegt nicht vielmehr in dem Satze, den Kant zitiert und metaphysisch auswertet. eine rein pantHeistisch gestimmte Meditation, die gerade eine Herabdrückung des göttlichen Seins zum natürlichen nach sich zieht? Worauf es für uns ankommt, das ist vielmehr die Tatsache, daß sich das souveräne göttliche Sein vollständig in den Dienst der nationalen, d. h. in unserem Kalle der sozialen Freiheit und Gerechtigkeit stellt, sofern von dem biblischen Erzähler die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Knechtschaft als die Lösung eines eminent wichtigen, sozial politischen Problems betrachtet wird. So wird aus dem Sein an sich das ethisch bestimmte Sein: D i e p r attische Vernunft bekrönt die theor-etische Vernunft. Fraglich bleibt mir, ob wir in der ägyptischen Befreiung eine Handlung zu erblicken haben, deren ethische Tendenz an oartikularistisch nationale Schranken gebunden bleibt, oder )ie in der Idee einer allgemeinen universalistischen Sittlichkeit hre Rechtfertigung erhält. Damit gelangen wir zum zweiten Grundproblem der philosophischen Wertung: Ist ö ie E t h i k der Bibel national:stisch oder universal? Von der Beantwortung dieser Frage wird es abbängen. ob die Bezeichnung Gottes als des Seins schlechthin einen wirklichen Kulturbegriff bedeutet. Bevor wir jedoch auf dieses Problem eingehen, ist eine Untersuchung darüber erforderlich, ob sich noch weitere stellen aus der Bibel ermitteln lassen, die den Transzenocnzcharakter Gottes außer Zweifel stellen. Diese Frage ist deshalb von so grundlegender Bedeutung, weil im Falle ihrer Verneinung auch die Ethik nicht mehr jene unendliche Werte besitzt, die ihr im Sinne einer philosophischen Disziplin unbedingt zugesprochen werden muß. Die Ethik figuriert doch in 5er Bibel als das Attribut Gottes. Fst aber Gott kein transzendentes, sondern ein immanentes, >. h. endliches Wesen, so wird auch die Ethik ihres Unendlichleitscharakters beraubt, falls dieser „endliche" Gott als Trauer der Ethik gilt. Umgekehrt muß naturgemäß auch die Lthik eine unendliche Aufgabe bedeuten, falls es sich '.rweisen läßt, daß der durch die Ethik qualifizierbare Gott iberweltlichen Charakters ist. So bilden Gott und Sittlichkeit korrelate Begriffe, d. h. <te sind derartig aufeinander angewiesen, daß mit der Anschaltung des einen Begriffs auch der andere erledigt ist. Diese Ausschaltung tritt aber sofort ein, sobald der eine Begriff seines Unendlichkeitswertes verlustig geht. Denn rnter Korrelation ist stets die unendliche Wechselwirkung zwischen den in Betracht kommenden Begriffen zu vertehen. Eben deshalb müssen auch diese beiden Begriffe — eder in seiner Art — mit dem Charakter der Unendlichkeit »ehaftet sein, falls sie sich gegenseitig bestimmen und ergänzen vllen. Welches sind also jene biblischen Belege, die mit der kranszendenz Gottes die Unendlichkeit der ethischen Aufgabe, rud ^mit der Unendlichkeit ethischer Forderungen die Lranszendenz Gottes behaupten? Ohne Uebertreibuug und ohne irgendeine Vergewaltigung »es biblischen Textes läßt sich die These aufstellen, daß alle Rassischen Propheten von Amos bis Maleachi und ebenso eine ganze Reihe der P s a l m i st e n jener Korrelation swischen dem transzendenten Gott und der unendlich univeralistischen Ethik Rechnung tragen.*) Wer keiner hat so klar rnd prägnant dieses Begriffsverhältnis zum Ausdruck ge- »racht wie der Prophet Jesaja. Jener berühmte Vers, »er seit Urbeginn zur Substanz der jüdischen Liturgie gehört: heilig, heilig, heilig ist der Ewige Zebaoth, »ollseinerHerrlichkeitiftdieganzeErde kann reradezu als das Blust erb eispiel jener Korrelation betrachtet verden. Der Begriff der Heiligkeit, wie er hier und in dem wraufgehenden fünften Kapitel zutage tritt, ist als Aequi- .»alenzbegriff -ex sittlichen Vollkommenheit sZedakah) als ein Ziel geschildert, dessen Verwirklichung auch dem vollkommensten Menschen unerreichbar ist. Und die diesem Ideale entströmende sittlrche Kraft verbreitet sich räumlich und zeitlich über die ganze Erde, ohne jemals restlos in ihr aufzugehen, denn der zu Gott sich „bekehrende Nest" ist ebenso ewig wie Gott selbst. Damit aber sind wir bereits bei jenem Punkte angelangt, der die Unendlichkeit der ethischen Aufgabe berührt, nämlich bej der Idee des Messianismus. Wie man auch immer diesen Gedanken philosophisch interpretieren mag. der eine Gedanke ist allen Erklärungen gemein, daß die Erfüllung der ethischen Ausgabe deshalb in die Zukunft verlegt wird, damit alle Menschen die Segnungen der ethischen Aufgabe genießen. So wird die Menschheit in ihrer unendlich en Z us ammen f a s su ng als jener Gedanke bezeichnet, der als der notwendig entsprechende Gegenbegriff der GotteStdee erscheint: Der eine Gott erfordert als fein *) Bergl. hierzu unsere Schrift: Der ethische Monotheismus der Propheten und seine soziologische Würdigung, S. 19 ff. Korrelat die eine Menschheit. Gewiß denkt der Prophet an eine Zeit, in der diese Erfüllung der ethischen Aufgabe Wirklichkeit. in der die Entwicklung des Menschen zur Menschhellt hin eine geschichtlich greifbare Tatsache wird, womit freilich der Unendlichkeitscharakter der Ethik und damit auch der Gottes beseitigt wäre. Hier sind in der Tat die Schranken zu erblicken, die sich zwischen naiv religiöser Intuition und bewußt philosophischer Spekulation auftürmen. Da jedoch der Prophet den Eintritt dieser messiaülschen Zeit völlig unbestimmt läßt, so ist der Gedanke der messianischen Zukunft bei all seinem Haften am Irdisch-Endlichen nur ein Ausdruck für den funktionalen Prozeß der ewig sittlichen Entwickelung, die jede restlose Konkretisierung der ethischen Idee als deren Negierung werten muß. Kann aber wirklich der prophetische Messianismus mit dem ethischen Begriff der Allheit identifiziert werden? Gewiß spricht der biblische Text wiederholt von dem dereinsiigen Zusammenschluß aller Völker im Sinne einer allgemeinen universellen Anerkennung des biblischen Gottes. Läßt aber nicht gerade dieser Gedanke auf den schärfsten Chauvinismus schließen, dessen ein Volk überhaupt fähig ist? Wird nicht mit solchen Goöankengängen für Israel und seinen Gott eine Suprematie gefordert, die nur in den primitiven Religionsformen ihr Analogon findet? Strebt nicht jeder einzelne Stamm danach, seinen Gott als den stärkeren, als den stärksten zu proklamieren? Man sieht, es muß zu dem Begriffe des Messianismus noch eine ergänzende Bestimmung hinzutreten, wenn er wirklich als ein systembildender Faktor im weiten Felde der Shtttur gewürdigt sein will. Und dieser Begriff kann nur in der Definition des Menschen liegen. Solange die Meinung Mlässig ist, daß eine bestimmte Einzelgruppe von Menschen für sich eine höhere Dignität an Rechten und Pflichten beansprucht, solange muß auch mit dem Siege ihrer Religion eine Unterwertung aller anderen Gruppen Hand in Hand gehen, solange wird ferner jener Sieg nur einer Verewigung aller ethischen Differenzierung gleichkommen. Erst in dem Momente, in dem kraft der siegenden Religion diese ethische .Klassifizierung in Wegfall kommt, in dem nicht nur jedes einzelne Volksgebilde und Völkergebildc. sondern auch jeder Einzelmensch in seiner ethischen Schätzung als die Kristallisation der ganzen Menschheit in ihrer unendlichen Weite und Tiefe erscheint, erst dann kann in dem Siege des Messianismus nicht mehr ein einzelnes Volk als der Träger besonderer Vorrechte erscheinen, weil vielmehr in der definitiven Beseitigung aller Vorrechte das Wesen des Einzelmenschen hervortritt. Gibt es aber solche Stellen der Bibel, in welchen der Unendlichkeitswert des Einzelmenschen behauptet und gefordert wird? Schon der biblische Schöpfungsbericht, der jeden Menschen schlechthin als ein „im Ebenbilde Gottes" erzeugtes Wesen erklärt, bejaht unsere Frage. Auch die von allen Bibelforschern wiederholt betonte Tatsache, daß Jeremia und Ezechiel mit aller Deutlichkeit die individuelle Verantwortlichkeit des Menschen außer Zweifel stellen — Ezechiel sogar mit einer Art philosophischer Begründung — kann als Beweis für die ethisch einwandfreie Begründung des Einzelmenschen verstanden werden. Biel wichtiger erscheint jedoch der Hinweis auf die mit der individuellen Verantwortlichkeit in Verbindung stehende univcrsalisiisch-svzlale Verantwortlichkeit, wie sie neben Ezechiel besonders D e t.c'r o j e s a j a in seinem Begriff vom „leidenden Knechte" stipuliert. Israel ist der leidende Knecht, ö. y. nichts anderes als daß Israel und jeder einzelne Gotteskämpfer erst dann von seinem Strafleiden befreit wird, wenn der letzte Mensch seine sittliche Ausgabe erfüllt hat. Solange dies nicht der Fall ist. kann kein Volk und kein Mensch, mag er noch so hoch auf der Stufenleiter der Tugend emporgeklommen sein, als rein und straffrei erklärt werden. Mit anderen Worten: Der Einzelmensch hat überhaupt kein existentiales, empirisches Sein, er ist gar nicht vorhanden, solange die Idee der Menschheit ihrer Erfüllung harrt. Wie aber kann dann ein einzelner Mensch: ein einzelnes Volk mit Reflexion auf seine sittlichen Leistungen darauf pochen wollen, daß es dank seiner bisherigen Handlungen auf eine besondere Auszeichnung Anspruch habe? Muß nicht vielmehr jeder einzelne von sich sagen, daß er — an dem messianischen Ideale der Menschheit gemessen — noch gar nicht zur Gründung und Konsolidierung seines eigenen Jchs gekommen sei? Mit einer unvergleichlich genialen Konzeption hat bereits Am os dem Gedanken einer Umwertung aller Existentialbegriffe in Zukunftsd. h. Aufgabenbegriffe Raum gegeben: Die Auserwähltheit Israels ist keine Tatsache, sondern eine sittliche Pflicht, die nur in der ewig dauernden Erfüllung ihrer eigenen Realität gewiß wird. Da nun der Begriff des Selbst, des Jchs im Grunde genommen nur eine andere Form der Auserwähltheit ist, sofern jeder Mensch in der Behauptung seiner Persönlichkeit sich als Besonderheit gegenüber seiner Umwelt erkennt und erhält, so ist der Messianismus nur eine Fortführung jener von Amos vollzogenen Revision der Auserwähltheit. die nur in der Begründung des Menschheitsselbst das eigene Selbst gewinnen läßt. Noch eine andere Ueberlegung gehört in den Kreis dieser Reflexionen: Es ist auffallend, daß gerade jene Propheten, die mit besonderem Nachdruck den Steg des israelitischjüdischen Gottes und seiner Lehre in der messianischen Zeit feiern, als die höchste Tugend die D e m u t fordern. Das gilt sowohl von Jesaja als auch von Micha, wobei es völlig einerlei ist, ob die messianischen Visionen von ihnen selbst stammen, oder von einem späteren Bearbeiter ihnen zugeschrieben wurden. Denn wer wirklich sein ganzes Sinnen und Denken nur der Zukunft widmet, der mutz der Gegenwart und ihren Trägern um so weniger an kulturellem Geltungswert zusprechen, je weiter diese von der Zukunft entfernt ist. Da nun die Kluft zwischen jeder Gegenwart und der messianischen Zukunft eine unendliche ist, so kann kein Mensch im Hinblick auf das ethische Ideal der Menschheit demütig genug sein. Daher sieht Jesaja die größte Sünde in dem H o ch m u t, während Micha die Tugend der Demut mit der der Liebe und der des Rechts auf eine Linie stellt. Steht es somit fest, daß der Begriff des Menschen in der Bibel eine derartige Formulierung aufweist, die der einer jeden wissenschaftlich begründeten Ethik konform ist. so muß auch der Gedanke des Messianismus als eine Idee anerkannt werden, die von jedem völkischen Eigennutz ebenso weit entfernt ist wie der Begriff der Allheit. Danach darf es kaum als übertrieben gelten, wenn behauptet wird, daß nicht nur der biblische Gottcsbegriff, sondern und des kategorischen Imperativs eines Kant sichren muß. Ganz besonders aber findet der Gedanke der Menschheit in jenen Stellen Berücksichtigung, die sich der Grundlegung und Verwirklichung der sozialen Frage widmen. Die absolute Einheit und Gleichheit der Individuen, die weder dem Arbeitgeber noch dem Arbeitnehmer, weder dom Begüterten noch dem Armen auch die geringste Vormachtstellung einräumt, die ausdrücklich die Bevorzugung 5dl Dürftigen in seiner Rechtssache verbietet, die Institution Lei - Sabbatruhe, die der Idee des sozialen Rechts dev Charakter geschichtlicher Realität verleiht — das alles stnh Momente, die von dem tiefsten Verständnis für M«vschhÄSrechte und Menschheitsehre Zeugnis ablegen. Nimmt man hinzu, daß im Sinne messtanischer Reflexiv» neu diese Lehre vom sozialen Rechte, die übrigens auch den Fremdling in den Kreis der Rechtsobjekte einbezieht, zum Gemeingut aller Völker und Nationen erhoben werden soll, so ist der unumstößliche Beweis dafür erbracht, daß nicht nur die Israeliten, sondern alle Menschen Subjekt und Objekt dieser vom Geiste der Menschenliebe getragenen Rechtslehre bilden sollen. Erst auf Grund dieser Definition des Menschen ist der Weg für die Verwirklichung jener Idee freigelegt, die unter dem Namen des Völkerbundes heute mehr denn je die Stgnatrrr des Tages bildet. Soll nämlich dieser Begriff wahrhaft ethischen Charakters sein, so kann er nur in de» gleichen Reflexionen seinen Ursprung finden, die zur Forderung sozialer Einheit und Gleichheit führen. Wie diese Idee von dem Ezechielschen Gedanken der ethischen Aequivalenz aller Menschenseelen, d. h. aller Individuen ihren AuSgang nimmt, so kann auch die Aufgabe des Völkerbundes nur bei Anerkennung dieser universal gerichteten Seelenetnheit zur Lösung gelangen. Eben deshalb müssen auch B ö l k e r i n d i v i d u e n den gleichen Unendlichkeitswert repräsentieren wie die E i n ze l in d i v i d « e n. Jeder ethische Verstoß gegen diese Aufgabe der Einheitsbildung auf staatlicher und völkischer Grundlage muß als Angriff auf die Forderung sozialer Einheit und Gleichheit gebrandmarkt werden. Daher ist der Begriff des Individuums grundlegend für alle Gemeinschaststypen: Ohne ethisches Individuum keine staatliche Verfassung und keine universelle Gemeinschaft, und ohne universelle und staatliche Gemeinschaft keine Schöpfung des Individuums. Denn Messianismus und Individualismus sind kocrelate Begriffe und bilden in reziproker Geltung die Probe zum Exempel Daher sind int Prvphetismus die größten Individualisten auch die größten Universallsten. Nur da, wo der Begriff des Individuums der ethischen Motivation ermangelt, wird auch der Begriff der Völkergemeinschaft jenseits der ethischen Seelenidee seine Stätte finden. Es wäre auch völlig verfehlt, wollte man etwa die Teilnahme an der allgemeinen Völkereinheit von der Anerkennung bestimmter dogmatischer Formulierungen abhängig machen. Eine solche Bindung der Vernunft an rein subjektive Maximen widerspricht durchaus dem Geiste jener an Ezechiel und Jeremia orientierten individuellen Verantwortlichkeit. die als ihren unbedingt notwendige» Wechselbegcisf die völlige Unabhängigkeit und geistige Freiheit des Individuums fordert. Ulld noch in anderer Beziehung kann und mutz, die nition des Ezechielschen Menschenbegriffs kultureller Wog? weiser sein. Ezechiel hat nämlich das Wesen des sittlichen Menschen ausschließlich in seine Handlung verlegt: Der Mensch ist nur soweit Individuum, als er sittliche Handlungen vollzieht. Jenseits dieser Handlung hat nur das biologische aber nicht das sittliche Individuum seine Geltung. Eben deshalb ist es unmöglich, über den Einzelmenschen oder eine singuläre Gruppe ein abschließendes Urteil zu fällen, solange ihm noch die Möglichkeit verliehen ist, sittliche Handlungen zu erzeugen. Daher kann auch nach Ezechiel nur die letzte Tat für die ethische Qualifikation den Ausschlag geben: d. h. jedes Individuum verliert mit dem Abschluß einer von rhm vollzogenen Handlung seinen individuellen Wert, um ihn mit jener künftigen neu zu begründen. Ist es von diesem Gesichtspunkte aus gestattet, ein bestimmtes Individuum, eine bestimmte Gruppe ans dem Bereiche universalistischer Gemeinschaft auszuschließen? Darf es Strafen von ewiger Dauer geben? Würde damit nicht eine vorzeitige Entlastung der betreffenden soziologischen Gruppen von ihren sittlich-universalistischen Aufgaben verbunden sein? Man sage nicht, daß der Ansschluß von der Gemeinschaft die sittliche Tatkraft nicht unterbinde, weil ja das Individuum auch in seiner Isoliertheit — dem Zwang gehorchend — für das Wohl der Allgemeinheit zu arbeiten hätte. Ist das wirklich noch sittliche Arbeit, wenn sie nur unter Verzicht auf die Autonomie vonstatten geht? Denn Autonomie heißt nicht nur vom Selbst der Menschheit abhängig sein, sondern vielmehr vom Selbst der Menschheit sich sreiwillig abhängig machen. Gewiß kann man auch hier geltend machen, daß in der Anerkennung des Rechts auf Strafe der Autonomie entsprochen wird. Aber man darf doch nie übersehen, daß die Arbeit unter dem Horizont der Strafe eine ethische Herabminderung des Individuums bedeutet, sofern ihm nicht die Wahl der Arbeit anheimgestellt ist. Und doch kann im Sinne Ezechiels das Individuum nur dann seiner Selbstbestimmung gerecht werden, wenn seine letzte Handlung seine Handlung ist. Sind diese Ausführungen zutreffend, so müssen im Sinne Ezechiels die Begriffe einer ewigen Schuld, einer ewigen Strafe, einer ewigen Verdammnis unbedingt als ethisch anfechtbar bezeichnet werden. Uebec keinen Menschen in der Welt darf ein definitives Urteil gefällt waEden. Alle Menschen können sich noch im letzten Augenblick ihres Lebens bekehren und Gnade vor ihrem Gott finden. Wo aber die Möglichkeit der ewigen Rückkehr für all e Menschen besteht, da sind auch alle Menschen moralisch gleichwertig und damit sind alle nationalen und konfessionellen Vorrechte entwurzelt. So geht mit dem Siege des biblisch prophetischen Judentums der Sieg des allgemeinen freien Menschentums Hand in Hand. Vielleicht darf man für diesen Gedankengang die Formel prägen: Die Absolutheit der prophetischen Weltanschauung verbietet die absolute Wertung aller nichtprophetischen Kultur- und Lebensziele — weil nur auf diese Weise der unendliche absolute Wert der Einzelseele verbürgt ist. Diese hohe sittliche Auffassung, die aus Ezechiel zu unS spricht, hätte aber niemals auf Realisation hoffen dürfen, wenn sie nicht in Gott die Personifikation der Moral erblickt hätte, der hierdurch als Vorbild die Menschen zum sittlichen Handeln sortreitzt. Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gort. Deussen (Philosophie der Bibel. S. 116) bemerkt zu dieser Stelle: „Diese auch von Jesu (Matth. 3, 48) hervorgehobene Auffassung Gottes als des Ideals aller Heiligkeit und Vollkommenheit. nicht in begrifflicher Abstraktiou. sondern in der Gestalt eines volkstümlichen Gottes, tritt in airri, die biblische Ethik all jene Merkmale enthält, deren logische Answe-tung unbedingt zur Ethik der Humanität'! lebensvollen

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