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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-27 · 20 (27.6.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
20 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kinder zu sorgen hat, er soll sie mit -er Vergangenheit seines Geschlechtes, mit Len religiösen Einrichtungen und Handlungen vertraut machen und dafür sorgen, -aß die Ueberlieferung nicht aufhört. Ein eigentlicher Unterricht in unserem Sinne scheint allerdings nicht vorhanden gewesen zu sein, wennschon mancherlei darauf hindeutet, Latz zur Zeit der alten extatischen Propheten (Nebiim) diese chre Jünger bis zu einem gewitzen Grade unterrichtet haben. Aus einer noch früheren Zeit stammt die merkwürdige Nachricht in -er Geschichte GideonS. Dieser will eine Stadt bestrafen, und ein junger Bursche, den er in ihrer Nähe aufgreift, mutz ihm die Namen der Vornehmen aufschreiben. Das sieht doch beinahe so aus, als ob die Kunst des Schreibens recht weit verbreitet gewesen wäre. In einer späteren Zeit, in der die große Spruchsammlung „Die Sprüche Salomos" entstanden ist, finden wir als einen wesentlichen Grundsatz aufgestellt: Leite den Knaben nach seiner Art, dann wird er auch im Alter nicht von dem lassen, was du ihm eingeprägt. Der Satz beweist doch das wirklich tiefe Verständnis der Israeliten für eine gute Kindererziehung. Er verlangt nicht mehr und nicht weniger als das, was seit Rousseau der Schlachtruf aller Schul- und ErztehungSreformer gewesen ist: man soll das Kind seiner Natur entsprechend behandeln, sich also in die Psychologie des Kindes vertiefen, zu ihm hinabsteigen, um eS zu sich emporzuziehen. Ans der Fülle der Anweisungen für die Erziehung von Kindern, die in der Spruchsammlung enthalten sind, soll nur noch eine hervorgehoben werden: Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege und werde klug, sie hat keinen Fürsten. Vogt und Gebieter und sammelt doch im Sommer ihre Speise, bringt in der Ernte ihre Nahrung zusammen. „Wielange noch willst du schlafen?" „Ein wenig noch Schlaf, ein wenig noch Schlummer, nur wenig noch die Hände ineinauderlegen, um zu ruhen!" „Dann naht wie ein rüstiger Wanderer deine Armut und dein Mangel wie ein gewappneter Mann." Die Beobachtung der Natur, die sich in dem ersten Teil dieses Spruches ausörttckt, ist so vortrefflich und ihre Anwendung auf die Erziehung ist so vorbildlich, daß sie nicht übertroffen werden kann, so wenig wie das Bild, das vom Jaulen im zweiten Teile des Spruches entworfen wird. Er kann sich nicht von seinem Laaer trennen, aber die wenigen Augenblicke. die er der Arbeit entzieht, werden ihm verhängnisvoll und liefern ihn der Armut unrettbar aus. So hat man gewiß schon früh den Wert des Beispiels für die Erziehung erkannt und die Kraft, die in der frühen Gewöhnung an alles Gute und Schöne lie^t. Das ist wohl auch der Sinn der Worte, die in der Geschichte Abrahams einen hervorragenden Platz eefunden haben: Ich habe ihn auSerfehen, daß er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehle, daß sie meinen We" beobachten und Frömwwkeit und Recht üben. Die als selbstverständlich vorausgesetzte Pflicht der Erziehung der Kinder zu religiös-sittlichen Menschen, die sich in diesem Satze so wunderschön aussvricht. ist in der biblischen Zeit allgemein zu finden. Die Sorae für die Kinder schloß aber andererseits auch für diese die Pflicht der Liebe und Verehrung den Eltern gegenüber ein. Nicht auf dem natürlichen Verhältnis, sondern auf dem als religiös und sittlich empfundenen Zusammenhang zwischen Eltern und Kmdern beruhen die Gebote: „Ehre deinen Vater und deine Mutter" und „ein jeder habe Ehrfurcht vor seiner Mutter und Gott opfernden Frau, „den schwindelnden Gipfelpunkt des Judentums", dem menschenverachtendeu. nur sich kennenden, ruchlos Gott selbst herausfordernden Holofernes, dem höchsten Vertreter „des sich überstürzenden Heidentums" zegenüberstehen: wurde ihm der Kampf zwischen ihnen zu einem zwischen zwei ethisch-religiösen Seinsweise«, zwei llrten von Einstellungen zur Welt im religiösen, weitesten Sinne, der mit dem Sieg des höheren Prinzips, des „Volkes >er Verheißung", das nach ihm bestimmt war, der Welt die höchsten sittlichen und religiösen Vorstellungen zu übermitteln, endete. Mit welcher erstaunlichen Einfühlung sich der Dichter von dem Geiste dieses Volkes üurchdringen ließ, beweisen unter anderem die unvergleichlichen Volksszenen, die sich dem Größten der deutschen Literatur zur Sette stellen lassen. Hier vereinigen sich alle Elemente dieses Geistes, seine Kleinheit wie seine Größe, zähes Ausdauern und kleinmütiges Verzagen, unerschütterliches Gottvertrauen und nörgelnde Skepsis, glühendes Erleben und grübelnde Dialektik zu einem Gemälde allergrößten Formats. Hier wird der erhabene Geist des Prophetentums, gipfelnd in jener Szene, wo der Stumme, in seiner Gott-Trunkenheit den Bann durchbrechend, zum Reden kommt, aber auch jener andere, jener negative, der das politisch-historische Geschick des Volkes besiegelte, lebendig. Es versteht sich von selbst, daß wie bei jeder großen Dichtung. so auch hier das Welthistorische, das uns hier so farbig und lebendig begegnet, doch nicht das allerletzte, daß es das Symbol für ein Ur- und Allmenschliches, ein zeitlos-gült'ges ist. Judith und Holofernes sind als Vertreter jüdischen und heidnischen, eines bestimmten religiösen und nationalen Geistes ewige Symbole ihres Geschlechts. Nach seinem eigenen Zeugnis will Hebbel in ihrer Sache den „zwischen den Geschlechtern anhängigen großen Prozeß" öarstellen. Holofernes' ruchloses, dem „schwindelnden Gipfelpunkt des Judentums" entgegengesetztes Heidentum, seine tragische Maßlosigkeit potenziert sich in seiner Brutalität gegen Judith, in dem rohen Griff in ihre menschlich-weibliche Würde, in seinem Verhalten also als Mann, als Geschlecht. Dementsprechend, wenn Judith, zuerst schwankend, erschüttert in ihrer Sicherheit, überwältigt von seiner Erscheinung, endlich tum Schwert greift, um die Verletzung ihrer Weiblichkeit vor der alles andere, selbst ihr Volk und ihr Gott zurücktritt, M sühnen, so tut sie es wiederum als Weib, als Geschlecht. Hier in allem, was mit diesem Motiv zusammenhängt, geht Hebbel über die einfache Erzählung der Bibel, die davon nichts sagt, hinaus. Entscheidend ist fernerhin das Verhalten Audiths nach der Tat dort und hier. Die Judith der Bibel, die, wie Hebbel sagt, „singt und jubelt vor und mit ganz Israel drei Monde lang", findet er gerade deshalb „gemein". Seine Judith wird „durch ihre Tat paralysiert" Sie ist in ihrem tiefsten Innern vernichtet, weil sie eine ihr von Gott rebotcnc Tat nur durch die Ueberschreitung der ihr als Weib gezogenen Grenzen ausführen konnte, weil sie getötet hat. Denn ..ein Weib soll Männer gebären, nimmermehr soll sie Männer töten". Ein Gedanke, mit dem der Dichter unzweifelhaft wieder in das religiös-sittliche der jüdischen Idee cinmttndet. vor seinem Vater". Es will mir durchaus bezeichnend erscheinen für den Geist, der durch die Bibel weht, daß nicht das Gefühl der Liebe anbefohlen wird, sondern der Ausdruck dieses Gefühls, üatz nicht sentimentale Schwärmerei, sondern praktische Betätiguna de» Inhalt der Gebote bilden. Der notwendige Zusammenhana zwischen Akt und Jung und der immer wieder zwischen beiden klaffende Widerspruch wurde auch schon in alten Zeiten tief empfunden. Wie wäre es sonst zu verstehen, daß der Prophet Maleachi dem Vorläufer des Messias als einzige Aufgabe zuerkennt: „Cr wird das Herz der Väter wieder den Kindern zuwenden und das Herz der Kinder den Vätern". Wir können düraus deutlich sehen, für wie wichtig es schon damals gehalten wurde, daß Eltern es verstehen, nicht nur Erzieher und Befehler, sondern auch liebende Freunde ihrer Kinder zu werden, und für wie notwendig man eS gehalten hat für den Bestand der sittlichen Weltordnung, daß ein Geschlecht auf das andere in liebevollem Zusammenhang und gtttiaem Verständnis Rücksicht nehme. Und diese Ideen sind ja immer wieder die Probleme, die Alt und Jung bewegt haben und immer bewegen werden, und es wäre nur zu wünschen, das; sie immer wieder dieselbe Lösung finden, wie einst, als unsere Vorfahren aus Aegypten ziehen wollten und sie als Vorbilder für alle Zeiten und Geschlechter erklärten: „Wir wollen gemeinsam wandern, unsere Alten mit unfern Jungen". spruch geendet haben. Es wird an den Fall BeiliS erinnert. In Deutschland haben sich die Staatsanwaltschaften und Gerichte schon fett lange« der Ansicht der Gelehrten angeschloffen, daß es keinen Ritualmord gibt. Wader im Talmud, »och im Sohar. noch im Gefer Halkuttm ist j« ein Wort darüber «n worden. Die besten Kenner des Judentums habe» lts betont^ So neben anderen der Kardinal-Fürstbischof Dr. Kopp^und die Profefforen Dr. NöId ecke, Strack, de Lagarde und Delitzsch. Während der Nachkriegsjahre hoben in Berlin «och zwei TotschlagSprozeffe gegen Juden stattgefuuden. I« beiden waren die Angeklagten Ausländer. Der Kaufmann Ltpmann Pomoczuy war wegen Totschlags an seiner Geliebten, der Schauspielerin Erna Klemm, angeklagt und wurde zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt. Er stammte aus der Gegend von Odeffa. Im Jahre 1923 fand die Verhandlung wegen der Ermordung und Beraubung des Amerikaners Nowack statt, bei der auch Betänbungsmitel verwandt Wurden. Der Rabbinersohn Norman Yellinaus Newcastle in England war als Mittäter angeklagt, wurde aber schließlich — offenbar mangels Beweises — von den Geschworenen freigesprochen. Ein starker Verdacht blieb gegen ihn immerhin bestehen. In all diesen Fällen befanden sich die Angeklagten seit noch nicht langer Zeit in Deutschland und waren völlia entwurzelte Existenzen. Der letzte Grund für die geringe Kriminalität von deutschen Juden bei den zur Rede stehenden Delikten dürfte doch wohl darin liegen, daß die Mehrzahl derselben in geordneten sozialen Verhältnissen lebt und einen verhältnismäßig hohen Bildungsgrad besitzt. Das Vorhandensein dieser beiden Faktoren hat sich stets als stärkstes Hemmnis gegen veu brechertsches Tun bewiesen. Juden als Mörder. Von * * * Während der letzten Schwurgerichtstagnna in Berlin- Moabit ist der Platzmeister Samuel Löwinsohn wegen Raubmordes zum Tode verurteilt worden. Er hatte die Frau seines Arbeitgebers Förster in einer kleinen Holzbude aus dem Altmetallagerplatz %. reit?,lauer Allee 18 mit einer Axt totgcschlagen und sodann das Dienstmädchen von Försters, in deren Wohnung er eingedrungen war, so lange, gewürgt, bis cs bewußtlos liegen blieb und von ihm für tot gehalten wurde. Für die Tat an dem Mädchen wurde noch außerdem auf eine vierjährige Zuchthausstrafe erkannt. Das Gericht ging bei der Urteilsbegründung von der Erwägung aus, daß die Verbrechen von dem Angeklagten begangen seien, weil Frau Förster Vcrnuteeuungen LöwmsohnS entdeckt hatte und ihn deshalb entlassen wollte. Der Verhandlung selbst wurde von der gesamten Oessentlichkeit deshalb ganz besondere Beachtung entgegengebracht, weil der Täter ein Jude war. Er stammte aus Galizien, dort war sein Vater in einer kleinen Stadt Standesbeamter und Talmudgelehrter. Bei uns in Deutschland gehört e§ zu den Seltenheilen, daß Juden wegen Verbrechens gegen das Leben in der Anklagebank stehen. Während der 30 Jahre von 1802—1901 haben nach der ReicßSkriminalstatistik überhaupt reine Verurteilungen von Juden wegen Mord und Kindesmord stattgesunden. Im Jahresdurchschnitt von 1899—1902 kam auf die Verurteilung eines Inden die von 461 Christen wegen der Verbrechen des Mordes. Totschlags, Kindesmordes, der Aussetzung und der Tötung auf Verlangen. Die Kriminalstaristik spricht also bei diesen Delikten in höchstem Maße zugunsten der Juden. Die Gründe sind bisher von der Wissenschaft noch nicht in befriedigender Weise dargelegt worden. Die besondere Achtung der Juden vor der Heiligkeit deS menschlichen Lebens und der Familie sviclen zweifellos hier eine Rolle. Aber eine ausreichende Erklärung bilden sie nicht, denn in andern Ländern, z. B. in Rußland, ist die Kriminalität der Juden tu dieser Hinsicht bedeutend höher. Nicht ins Gewicht fallen auch seit den letzten Jahrzehnten die Nitualmordprozesse, die zumeist mit einem Frei-! d | Sersammlungskalender. u Berlin. (Arbeitsgemeinschaft jüdisch - libe - ralerJugendvereiueDeutschlands — Jüdischliberaler In ge ndv er ein zu Berlin e. V.) Geldsendungen (Beiträge. Spenden usw.) können von jetzt ab durch Postscheck eingczahlt werden. Das Postscheckkonto für die Arbeitsgemeinschaft ebenso wie für den Jli-Berlin lautet auf den Namen: Generalsekretär E. Dickmann. Berlin W. 8, Mauerstraße 23. Postscheckkonto Berlin Nr. 114 052. Aus dem Abschnitt ist zu vermerken, für welche Organisation und -u weichem Zweck (Beitrag, Spende usw.) der Betrag eingezahlt ist. Berlin. (Ortsgruppe Norden des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin.) Der letzte Freitag-Abend-Gottesdienst vor den Sommerferien findet am Freitag, den 27. Juni, im Auerbachschen Waisenhaus statt. Wiederbeginn des Gottesdienstes am Freitag, den 5. September. ol4 Uhr abends. An den hohen Feiertagen findet im Auerbachschen Waisenhaus ein liberaler Gottesdienst mit Orgel. Chor und Predigt statt. Bestellungen auf Karten sind schriftlich zu richten an: Herrn Seminarlehrer Falkenberg, Berlin, Lottum» straße 22. Breslan. (Jüdisch-liberaler Juaendoerein „Abraham Geiger".) Sonntag, den 29. Juni: Vormittags-Wanderung nach Masselwitz. Treffpunkt 8 Uhr vormittags Letzter Heller. Rückkehr 1 Uhr mittags. Näheres bei Hans Hamburger, Steinstratze 11 (Ohle 2860 von 3 bis 6 Uhr). Voranzeige: Sonntag, den 13. Juli, Tagesausslug durch das Reimsbachtal nach Eharlottenbrunn. Treffpunkt 6.30 Uhr, Ankunft-Halle Freiburger Bahnhof. Abfahrt 6 Uhr über Dittersbach. Fahrkarte nach Charlottenbrunn selbst lösen. Der Ausflug findet bej jeder Witterung statt. Musikinstrumente mitbringen. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, willkommen. Zehn Jahre später greift der reife Dichter in „Herodes und Mariamne" wieder zu einem jüdischen Stoff, einem weit mehr in das Licht der Geschichte gerückten, den ihm der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavins JoseyhuS lieferte. Es ist die Geschichte des im Neuen Testament durch den bethlehemitischen Kindermord berüchtigt gewordenen Königs von Juda, Herodes, und Mariamnes. der Makkabäertn. Wiederum ist es, um dies gleich zu sagen, der Prozeß zwischen den Geschlechtern, der in dieser historischen Ehetragödie auSgefochten wird. Herodes liebt sein Weib über alle Maßen, so, daß ihm der Gedanke, ein anderer könne sie selbst nach seinem Tode besitzen, unerträglich ist. Im Begriff, einen Feldzug anzutreten, will er Mariamne, deren Liebe er nicht mehr unbedingt sicher zu sein glaubt, das Versprechen abgewinnen. sich zu töten, sobald er nicht mehr sei. Mariamne. die ihn. trotzdem der Schatten ihres von Herodes aus politischen Gründen hinweggeräumten Bruders zwischen ihnen steht, noch genug liebt, um dies freiwillia zu tun, lehnt ab mit den Worten: „Das kann man tun. erleiden kann man's nicht." Da stellt sie Herodes unter das Schwert, das heißt, er gibt den Befehl, sie zu töten, sobald sein Tod bekannt sei. Mariamne erfährt das, ist entsetzt, gibt aber Herodes. der zum zweiten Male auszieht. Gelegenheit, sein Verbrechen an ihr zu sühnen. „Dank, ewiger Dank, er zieht noch einmal fort-" Aber Herodes besteht die Feuerprobe nicht, er gibt den gleichen Befehl wieder und wieder erfährt es Mariamne. Jetzt gibt es für diese kein Verzeihen mehr, aber auch keine Möglichkeit mehr zu leben, weder mit Herodes noch ohne ihn. Die zweimalige Maßlosigkeit des Gatten, die zweimalige Verletzung ihrer menschlichen und weiblichen Würde löst alle Bande zwischen ihnen und nicht nur da-, hat ihr den Blick für das Leben, seine Scheinhaftigkeit, seine Abgrünöigkeit geöffnet, den letzten Schleier weggerisien. Jetzt stellt sie sich so. wie HerodeS sie beargwöhnt, zwingt ihn, sie verurteilen zu lassen und geht, wenn auch in absoluter Desillusionierung, doch groß und aufrecht in den Tod. Der Rahmen für diese Geschehnisse ist dieses Mal besonders groß und weitgespannt. Es ist die welthistor i sche Tragödie großen StilS. Wenn irgendwo, so dürfte Hebbel hier gelungen sein, was ihm als die Aufg be d«S dramatisch-tragischen Welthistorikers vorschwebte: in den Personen, Zuständen, Ereignissen. Modifikationen der jeweilige» Geschichtsepoche, -te Bedingtheit des einzelnen durch das allgemeine aufzuzeigen. Wir sehen auf der einen Seite eine von politischen und religiösen Leidenschaften und Umtrieben durchwühlte, in ihre» Fundamenten morsche Welt, wie sie uns die Geschichte vom Untergang des politischen Judentums ahnen läßt. I» dieser halb jüdisch-geistigen, halb orientalisch-despotischen, vo» Krisen durchschütterten Welt, wo jeder nur Zweck seiner selbst, nur Mittel zum Zweck des andern ist, ist auch das Weib als solches nur Sache, auch ober vielmehr gerade dort, wo es am heißesten geliebt wird. Aus dieser Welt geht daS Handeln des Herodes mit Notwendigkeit. bedingend und bedingt, hervor. An ihm. nach Hebbel dem Hauptcharakter, sollte das allgemeine Weltenschicksal am ehesten sichtbar werden. Nur eine Darstellung, die „das Fieber des Herodes aus der Atmosphäre, in der er atmete und diese aus dem dampfenden vulkanischen Boden, auf dem er stand.-aus der ihrem Schicksal noch im Erliegen trotzenden und krampfhaft zuckenden alten Welt zu entwickeln weiß", wollte er gelten lassen. Wir sehen auf der anderen Seite das mächtig und sicher in seiner Weltmacht ruhende Nom, wir hören den Schritt römischer Legionen durch die Gassen Jerusalems klirren, wir fühlen, wie der tn feinem engeren Bezirk unumschränkte, in seinem Verkehr mit Rom um so geschmeidigere Despot auf den Schritt dieser Legionen horcht. Als lebendigstes Symbol jener Macht erscheint die in wenigen Strichen meisterhaft gezeichnete. verhalten-imponierende Gestalt des römischen Hauptmanns Titus, der. „ein ehernes Bild, gelassen kalt in eine Feuersbrunst hineinschaut". Im Hintergrund, eindrucksvoll hereinragend, die großen Gestalten eines Antonius, eines Oktavio, der Kampf um die Herrschaft der Welt. Im Gegensatz zu den religiös und politisch-konservativen Strömungen in seinem Volke, sucht Herodes, Despot nach innen. Reformer nach außen, im Anschluß an Rom sein „in den engen mosaischen Anschauungen befangenes Volk" der Weltkultur zuzusühren, deshalb verhaßt Priestern und Pharisäern. Aber die Zeit geht über ihn, das Geschick des jüdischen Volkes als politischen Faktors ist besiegelt. Eine neue Zeit, eine neue geistige Weltmacht, aus ihm erstanden und gegen Roms Weltlichkeit gerichtet, steigt am Horizont empor, da- Christentum, symbolisiert durch das Erscheinen der heiligen drei Könige am Schluß der Tragödie. Hier spricht Hebbel als Geschichtsphilosoph im Sinne Hegels, der ans dem Gegensatz zweier Weltepochen eine kommende dritte synthetisch hervorgehen läßt. So endet das Ganze in einer groben Perspektive, einer Perspektive, die das Jugendwerk mit dem späteren innerlich verbindet. Dort war in dem durch das Opfer ihrer selbst erkauften Steg Judiths der der jüdischen Idee und ihrer religiös-sittlichen Weltmisston dargestellt. Diese religiössittliche Weltmiffion sah Hebbel in der Uebermittlung de» monotheistischen, des Gedankens von dem alleinigen Gotte und der Beugung des individuellen Willens unter ihn. An diese Beugung des individuellen Willens war der Fortbestand des Ganzen geknüpft, für den so das sittlich-religiöse Tun jedes einzelnen verantwortlich wird. Die religiöse und die nationale Idee gehen ineinander über, sind unlöslich ineinander verankert, da Irdische hat seinen letzten Sinn, seine letzte Fundieruna im metaphysischen. Hier sehen wir diese Idee, wenn auch ihr« Auswirkung in einem politischen Gebilde vorüber ist. ihr äußerer Nahmen zerbricht, aerade dadurch in einen größeren eingehen. bestimmt, ihren ewigen Gehalt zu bewahren, zu erweitern, seiner höchsten Ausdrucksform entgegenzuführen, aus der nati'" Sache eines kleinen Volkes eine Weltsache zu machen. So hat der in seiner letzten Struktur deutscheste der deutschen Dramatiker, dessen Gesamtwerk sozusagen ein abgekürztes Verfahren des Weltgeistes bedeuten soll, die Symvoltsieruna dieses Verfahrens zweimal an die jüdischen Geistes, jüdischer Geschichte geknüpft.

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