Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 20 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchÄemleZMi« Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die GefchLftsstelle ^«jährlich SV. IM Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 6L5 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalte». :: :: a Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Doyda. Vlv ..Jüdisch - liberale - Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Schrittlellung und SsfchüttsftsUe: Veriln, Mauerftratze22. Sernvuf: Amt Merkur Nr. 8725 Poftfd>eckkontot Berlin n\V 7 nr.137069 (Vereinigung kür Vas liberale Judentum) flad)druck sämtlicher Ortglnal-BeUrttge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet t Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NoupareillezeNe 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark. :: :: n bei Wiederholungen Rabatt, rr « r: Anzeigenannahme: Dr. Richter L So* G.M.K.H, Berlin 6 42, Alexandrinenstraße 95/96, Fernsprecher: Dönhoff 7255), sowie sämtliche Annoneen-Lxpedttiouen. Nr. 20 Berlin, 27. Juni 1924 4. Jahrgang Das jüdische Kind. Pfadfinder. Von Clementine Krämer. Was ist die schlimmste Frucht, die aus der Giftblüte Antisemitismus hervorwächst? — Es gibt nur eine Antwort: Der Haß in Kindesseelen. Haß entgöttert die Welt, vernichtet Gerechtigkeitssinn und Rechtsbewußtsein, die in Menschenseelen eingebettet sind. Es handelt sich nicht nur um den Haß, der erzeugt! wird bei den angegriffenen Gequälten, sondern auch f um denjenigen Haß, der genährt wird bei den An- I greifern. 8 * 8 Als ich den Sommer in Schliersee verbrachte, bin 8 Ich mit einem Bauern — er war sogar aus Miesbach! I — durch die Felder gegangen und der sagte das gute Wort: „Vom Haß is no nia nix Guats kemma". Zufällig sprach dasselbe einige Tage danach in der Eisenbahn ein katholischer Geistlicher, positiv geformt, mir gegenüber aus: „^mor omnia vincit". Begeistert sprach er von der alles besiegenden Liebe, und daß wir gewiß dahin gelangen würden.... * Inzwischen quält man die Linder. A bl e Kinder — indem man sie um das Beste betrügt: um das fröhliche Jasagen der Kindesseele. Bedenken denn das die Mütter nicht, die ihren Kindern erlauben, daß sie mit dem Hakenkreuz gehen? — Was ist bestimmender für den Menschen, das Blut, aus dem er ward, oder der Kreis, in dem er lebt? Es gibt keine Antwort auf diese Frageauf alle Fälle aber sind Kinder mindestens zur Hälfte das Produkt ihrer Umgebung. Macht sich denn diese „Umgebung" — vor allem die Mutter — nicht klar, daß die Liebe in der Seele ihres Kindes, die leuchtend emporstrahlen möchte, betrogen wird? In meinem Elternhaus galt das Wort, wenn eines von uns Kindern heimkam und sich über eine schlechte Zensur beklagen wollte: „Lehrer haben immer recht". Daran glaubten die Eltern und die Kinder. Wenn ich heute von antisemitischen Lehrern lese, so geht das — der Ausdruck genau in seinem Wortsinn — über mein Begriffsvermögen. Ich vermag es nicht zu begreifen, soviel ich es überdenke, meine tiefe Seele kann es nicht fassen. — Das Judenkind leidet Unrecht von seinen Mitschülern, es sucht sein Recht beim Herrn Lehrer, der wird, der muß ihm helfenaber es gibt jetzt wirklich Lehrer — versichert man mir — die mit einer halben, schalen Bemerkung das Kind von sich weisensie sprechen von Wehleidigkeit, von Uebelnehmcrei, sie wenden sich ab von dem Kind, das mit seinem ganzen Herzen, seinem vollen Vertrauen kam. Es gibt Lehrer, die heimlich während der Schulstunden unter dem Rock das Hakenkreuz tragen, um sich nach dem Unterricht offen zu diesem organisierten Hassen zu bekennendas gibt es wirklich! Es sind zehn Judenjungen in der Klaffe, gute und schlechte Schüler, akkurat so wie die Anderen. Einer von den zehn ist zufällig Primus. Er soll ihnen in der Panse geschwind die Hausaufgabe diktieren. — Nein, er mag nicht. Er hat es schon einmal getan, da hatte die ganze Klasse nur einen Fehler, die ganze Klasse aber den gleichen, und sie haben ihn damals sofort preisgegeben, sofort verraten, da mußte nicht erst ein Hahn krähen. — Hilft er aber nicht, dann verhauen sie ihn auf dem Heimweg, ein ganzes Rudel gegen einen. Und daheim — das ist das Entsetzliche — verweist man ihnen nicht diese Rohheit, im Gegenteil, es ist recht, daß sie es dem „Jud" gegeben haben. * Die Zionisten sagen und die Orthodoxen sagen: „Geschieht Euch recht, Ihr törichten, jüdischen Eltern, die Ihr Eure Kinder derlei aussetzt, Ihr habt ja einen Ausweg, gebt sie in die jüdischen Volksschulen, dann sind mal zunächst die Kleinen geschützt", und es hat mir einmal jemand das bekannte Wort zugeworfen: „Geschieht meinem Barer ganz recht, daß ich friere, weil er mir keine Handschuhe kauft". Nein — sage ich — d i e s e Handschuhe, die jüdische Volksschule, halten nicht warm, wenn Stürme des Hasses draußen vor i|y— ' ~ yyi — i—^ij Aus dem Inhalt: Clementine Krämer-München: Pfadfinder. — Dr. Arthur Rofeuthal-Venthen: Jüdisches Schrifttum und Erziehung zur sittlichen Persönlichkeit. — Robert Hirschseld-Berli«: Etwas über Kindererziehuna in der biblischen Zeit. — L. Meyer- Lttnen: Tie biblische Geschichte im Dienste der Bibelkunde. — Dr. Benzion Kellermann: Die Philosophie der Bibel. — George Goetz-Danzia: Knechtschaft und Freiheit. — ***: Juden als Mörder. * Dr. S. Behrens-Fürth: Absvnderuna. — Dr. Elife Dosenheimer-Mttnchen: Friedrich Hebbels Tragödien aus der jüdischen Geschichte. — Lney Avellis: Ehrenreihe — Platz 17. * Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinde«. — Der jüdische Sprechsaal. — Versammluugskalender. — Ans der Presse. — Bücherschau. — Kalendarium. 3K3W Das neue Institutum Judaicum. Das Institutum Judaicum, von dem bekannten Profeffor der Theologie Hermann L. Strack begründet, diente bisher der Schaffung des wissenschaftlichen Rüstzeugs für die Judenmission. Nunmehr ist es der theologischen Fakultät der Universität Berlin angegliedert morden, um voraussetzungslos der Wissenschaft zu dienen. Es steht unter der besonderen Leitung des Herrn Professor vvr. Gretzmann, der für den 23. Juni zur Feier der Einweihung des neuen Institutum Judaicum geladen hatte. Er schilderte die Ziele und Aufgaben des Instituts, das durch Sammlung der einschlägigen Literatur, durch Vorlesungen, Uebungen und Publikationen der Erforschung der jüdischen Geschichte dienen soll. Als Vertreter des Kultusministeriums sprach Staatssekretär Dr. B e cke r. für die Universität deren Rektor Professor Roethe. Sie sowohl wie die Vertreter der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, die Professoren Guttmann und Torezyner, die ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit betonten, begrüßten die Umgestaltung des Instituts zu einer Stätte gemeinsamer Erkenntnis und damit der Anbahnung der Verständigung. Den Beschluß der Sitzung bildete ein formvollendeter Vortrag Profeffor Greßmanns über „Die Bedeutung des nachbiblischen Judentums in der hellenistisch, römischen Zeit". Die Zusammenarbeit jüdischer und christlicher Forschung soll ihren ersten sichtbaren Ausdruck in einer neuen großen Veröffentlichung finden. die unter dem Titel „Judaica Monu menta et Studia“ erscheinen wird, herausgegeben von den Herren Professoren Dr. Gretzmann. Dr. Lietzmann und Dr. Torezyner. Diese Gründung zeigt, daß wir doch noch nicht alle Hofs nung auf ein Schwinden des Hasses aufgeben brauchen. Gautag in Brandenburg. Am Sonntag, den 22. Juni 1921. trafen sich die Jlis Berlin, Potsdam und Magdeburg in Brandenburg a. d. H., um am Plauer See ihren ersten mitteldeutschen Gautag abzuhalten. Gemeinsame Wanderung und Spiele vermittelten die enge persönliche Fühlungnahme, zwei Referate über unsere Arbeit gaben Gelegenheit zu einer lebhaften Diskussion über die besten Wege unserer Tätigkeit. Die rege Beteiligung und die Zufriedenheit aller Teilnehmer sind der stärkste Beweis für das restlose Gelingen der Veranstaltung. Ein ausführliches Stimmungsbild bringen wir in der nächsten Stummer. Die Palästina-Immigration. 906 Immigranten kamen im Monat Mai nach Palästina. Die Zahl der Immigranten im Monat April betrug 938. Unsere Mission. Wie uns aus New Dort gemeldet wird, haben sich einige der bedeutendsten Vereinigungen der amerikanischen Frauenbewegung. darunter die „Natioual Council of I e w i s h W o m e n" (Nationale jüdische Frauen-Liga) zu einem Komitee zusammengeschlossen, das den Eintritt Amerikas in den Weltgerichtshof herbeiführen soll. Arabische Politik. Der mohammedanische Führer aus Tunis. Abdul-tl-Aziz II Salebi, der vor etiva einem Monat in Palästina ankam. bemüht sich, die vier arabischen Parteien, in Palästina: Palästinensische arabische Executive. Gemäßigte arabische Nationalpartei, Bauernpartei und die neue Hebron-Partei zu vereinigen. Es sollen alle vier Parteien einen vereinigten Kongreß abhalten und ein gemeinsames Programm aufstellen. vv* ine nary u»te vor an* blasen. Auf Liese Weise ist das Uebel nicht heilbar. Wie dann?... * Die Frage spitzt sich dahin zu: was vermag das jüdische Haus, um das Gift des Antisemitismus unwirksam zu machen? Es bedarf keines langen Hinweises darauf, daß, wenn Liebe und Wärme die Kinder zu Hause umgeben, diese ihnen Kraft verleihen gegen Kälte und Angriffe in der Schule. Auch dies ist eine Binsenwahrheit: je vorbildlicher die Lebensführung der Erzieher ist, um so mehr sittliche Kraft wird in den Kindern entbunden, die sie stärkt im Karnps. Dagegen ist darauf hinzuweisen und zu bedenken: was vermag der G e i st des Indent u m s in der Erziehung gegen die Verhetzung? — da es gerade die Jugend ist, die des Ausblicks auf die Zukunft bedarf, wird sie viel fürs Leben mitbekommen können von demjenigen Judentum, das — seiner bewußt — sowohl das Wissen um die Vergangenheit besitzt, wie auch die Kraft zu zukünftigen Leistungen: zu einer Mission des Judentums für die Menschheit im Denken und Tun. Was kann diese Mission sein, die — alles lebendige Judentum einend — der Jugend Selbstbewußtsenr und positive Kraft zur Abwehr verleiht? — Wag ergibt sich, wenn wir — ethisch! — zusammenfaffend, uns klar machen, was es ist, das uns an dieser Zeit abstößt und die Grundlage alles Antisemitismus bildet? ES ist die Gewalt! — und diese lehnen wir ab. Wir lehnen sie ab aus dem Schicksal der Judenh e i t und aus dem Gei st des Indent um s heraus! — Wir, die Verfolgten, wir, die ewige Minderheit, müssen die Menschen erziehen helfen zur Ehrfurcht vor dem Geist, zur Verachtung der Gewalt! Es hat der Jude die Aufgabe vor allem zu pflegen — den Friedensgedanken! Den sozialen Friedensgedanken und den übernationalen. Zwischen den Klassen und zwischen den Völkern. Vielleicht, daß ein so aufgefaßtes Judentum, das Eltern ihren Kindern Vorleben, überwinden hilft das Gift des Antisemitismus, das Gift des Antisemitismus in der Schule, dieses paradoxen, irrsinnigen Antisemitismus. * Und wenn mich nun ein Kind früge: „Und Du glaubst also wirklich, daß der Antisemitismus aus der Welt verschwinden kann?" — so würde ich antworten: „Ja, das glaube ich ganz bestimmt, so bestimmt, wie ich auch daran glaube, daß einmal der Krieg aus der Welt verschwinden wird." Das Kind wendet vielleicht ein, daß es immer Krieg gegeben habe, so wie es immer Antisemitismus gegeben hat. Ich wurde antworten: „Das beweist nichts, denn wir sind noch eine sehr junge Welt, erst 8684 Jahre alt, wir haben noch viel Zeit, uns zu beffern". Das Kind: „Aber wir, ich zum Beispiel, ich erlebe es dann wohl kaum?" — „Nein, Du nicht," würde ich sagen, „Dir und mir muß es genügen, Pfadfinder zu sein, darauf die nach uns kommen weiterschreiten können, dem fernen Ziel entgegen ..." Jüdisches Schrifttum und Erziehung zur sittlichen Persönlichkeit. Bo« Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal. Beutheu sOberschlesien). Nicht ohne Grund beschäftigt sich auch die nichtjüdische Welt in Schule und Haus mit der Geschichte des jüdischen Stammes. Will sie doch gleichfalls die allen wert gewordenen Lehren, die Israel der Menschheit gibt, ins große Leben als Pfadfinder mitnehmen. Die heidnische Antike erkannte nur dem Familienoberhaupt freiheitliche Menschheitsrechte zuihm waren die anderen in sklavischer Gebundenheit unterworfen. Die Meinung mancher nichtjüdischen Pädagogen, wonach menschliches Tun bei der Erziehung o e r I u - e n an die letzte Stelle tritt, ist irrig. Diesen Trugschluß erzeugt die Annahme, die Gottheit allein habe die Erziehung der jüdischen Gemeinschaft in Händen, während beispielsweise Rom und Griechenland, die ihre Menschen eigne Wege gehen laffen. Borbereiter -er christlichen Pädagogik seien.