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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-06 · 17 (6.6.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
17 (6.6.1924)
Date
1924-06-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IiidischMvckZeikiiu Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. v. StWS-preidurch die «-fchäflssielle»,«jährlich M. 1,50 Nn-el»ummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland V,S8 Air die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis : 8 :: im witgliedsbeitrage enchalten. :r :: :: Chefredakteur: Dipl.9»g. Bruno Vopdu. Die „Jüdisch - liberale - Leitung" erscheint jeden Krettag. Schrittleiiung und SsschüttssteNer vertin, Mauerstrotze 22. Sernrukr Amt Merkur Nr. 8725 Ppftfd)edtfeontos Berlin n\V 7 llr.137069 (Vereinigung für Das liberale JuDent um) na<f)Dru<k sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Dev ReDaktton gestattet 1 Anzeigeupreiser Die lAgefpalteue Roupareillezeile 0^5 voldmark. die Xeklumezeile S.00 voldmark :r rr « bei Diederhsluugeu Rabatt. :: :: : Anzeigenanuahme: Richter A Co, v.m.b.H„ Berlin 6 42, Alexandrinmftrahe 05/M, (Fernsprecher Dönhoff 7256), sowie sämtliche Anuoneeu Eppedittone«. Nr. 17 Berlin, 6. Juni 1924 4. Jahrgang Leben und Lehre. Aus dem Inhall: Heinrich Stern-Berlin: Leben und Lehre. — Dr. Salzberger-Frankfurt a. Main: Unsere Freiheit, unsere Thora, unsere Freude. — H. A. MargolinS-Berliu: Freiheit und Gesetz. Sophie Aaeobsohu-Berli«: Ruth. — Oberkantor Änttmann-Potsdam: „Sestra Zeit" in der Synagoge. — Maria Reuse DamnaS: Der Jüngling. (Schluß.) # Die jüdische Gegenwart. — Ans de» Gemeinde«. — Ans der Bewegung. — Der jüdische Sprechsaal. Bersammlnngskalender. — Kalendarium. Unsere Freiheit, unsere Thora, unsere Freude. Betrachtung zum Wochenfest 6684 von Rabbiner Dr. S a l z b e r g e r - Frankfurt a. M. Bon den drei geschichtlichen Festen des alten Israel, die in der Thora daS Ueberfchreitungs-, das Wochen- «ud das Hüttenfest genannt werden und denen die Ueberlieferung die bezeichnenderen Namen „Fest unsere» Freiheit", „Fest der Gabe unserer Thora" und »Fest unserer Freude" verliehen hat, steht das Wochenfest nicht allein zeitlich in der Mitte, sondern es bedeutet auch ihren geistigen Mittelpunkt. Es ist wahr, an zahlreichen Stellen weist die Heilige Schrift auf die Befreiung Israels aus Aegypten zurück, und Vis heute klingt als Gruüdton im religiösen Leben des Juden, ob er tagtäglich das große Bekenntnisgebet spricht oder Sabbat und Feiertag durch Segensspruch heiligt, die Erinnerung an den „Auszug aus Aegypten" an; Ser um ihrer selbst willen hätte die Tatsache unserer Befreiung niemals diese überragende Bedeutung gewonnen. Schon der Prophet Amos kann das gleiche Schicksal aus der Geschichte anderer Völker anführen und Gott fragen lassen: „Seid ihr miv nicht wie der Mohren Volk, ihr Kinder Israel? Habe ich nicht wie Israel aus Aegypten, so die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir heraufgeführt?" (Am. ix, 7.) Und Jeremia davf die Weisheit wagen, daß Tage kommen würden, wo man nicht mehr dem Gotte schwört, der Israel aus Aegypten geführt hat, weil diese erste Rettung durch eine wunderbarere zweite in den Hintergrund gedrängt sein wird (Jer. XVI, 14). Die Befreiung der Geknechteten aus dem „Haus der Knechte" trägt ihren Zweck nicht in sich, sondern weist über sie hinaus. Es läge nun nichts näher als an- -uneMen, daß Israel aus Aegypten befreit wurde, um nach Kanaan zu ziehen. Aber dem Fest des Auszugs steht kein Fest des Einzugs, vielmehr eines der Wanderung durch die Wüste gegenüber. Mag dem Volke, das, kaum den Sklavenketten entronnen, sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurücksehnt, als Ziel das Land vorgeschwebt haben, das von Milch und Honig überfließt. Mose steht als Ziel von Anfang an der Sinai vor Augen. Darum führte ev sein Volk nicht den nahen Weg an der Meeresküste entlang in das gelobte Land, sondern den großen beschwerlichen Umweg zum „Berg Gottes". Dort, am brennenden Dornbusch, hatte er einst, wenn auch in Demut widerstvebend, das schwere Amt des Gottesknechtes auf sich genommen, dort sollte nach göttlicher Verheißung das von Menschenjoch befreite Volk das Joch des Dienstes seines Gottes auf sich nehmen. Darin sollte zugleich Moses Sendung ihre Bestätigung und Israels Befreiung ihre Deutung und Bedeutung erhalten. Es könnte danach befremdlich erscheinen, daß von der Gesetzgebung am Sinai sowohl im Gottesbuche wie im Gottesdienste weit seltener die Rede ist als vom Auszug aus Aegypten und daß Schowuaus viel dürfti- «v auSgestattet ist als Passah. Aber so oft der jeziat mizrajim Erwähnung geschieht, klingt doch, ausgesprochen oder unausgesprochen, auch das Wort von dem Gott mit an, der uns herausgeführt hat, damit er äu unserem Gotte werde und damit wir zu seinem Volke werden. In jenem herrlichen Preislied, daS «ns durch die drei Feste des Werdens, Wachsens und Reifens in der Natur, zugleich des Werdens, Wachsens und Reifens unseres Volkes begleitet, im An die deutschen Rabbiner! Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen, feiert Israel sein Offenbarungsfest. Heut dröhnt durch unsere Seelen der Schofarklang vom Sinai und weckt in uns die Erinnerung an das stolzeste Werk des religiösen Genius der Menschheit, an die Thora unseres Volkes. Reiche und Völker sind dahingegangen, aber die Hochschrift der zwei Tafeln leuchtet in unauslöschlichem Glanz und erschüttert noch heute jedes jüdische Herz, jedes jüdische Gewissen. Aber gerade das Offenbarungsfest darf keine bloße Erinnerung bleiben! Die Gottesstimme spricht zu uns nicht schwächer als zu dem Volk, Las am Horeb in ehrfürchtiger Entschlossenheit auf die Verkündung der Thora das Gelöbnis abgab: „kol haü'worim ascher diber adaunoj na'asseh: Alle Gebote des Ewigen wollen wir halten!" Ein tiefsinniges Wort unserer Weisen hat die lebendige Kraft unserer Offenbarung in die Worte gekleidet, daß jede Generation Israels von neuem am Sinai stehe und die heilige Lehre empfange. Diese Worte dürfen nicht Phrase bleiben, sie müssen zur Tat werden. Wie auch immer man daS weltgeschichtliche Geschehnis der Offenbarung auffasse, es ist tausendfach durch unsere Geschichte belegt, daß wir Juden verantwortlich bleiben für das Leben in der Thorah, für das Erleben der Thora in uns, für ihre ewige Erneuerung in jeder Generation deS jüdischen Volkes. Schmerzlich ist die Erkenntnis, daß heut das Gelöbnis der Väter, alles zu halten, was die Lehre gebietet, nur noch eine Erinnerung und kein lebendiges Gut unserer jüdischen Menschheit ist. Aber diese Erkenntnis muß zum aufpeitschenden Mahnruf werden, wieder hinzutreten zu Füßen Gottes, um die reine Stimme der Offenbarung zu vernehmen. Das offizielle Judentum lebt noch heut nach dem Gesetzeskodex, in den vor dreihundertsünfzig Jahren der spanisch-türkische Meister Josef Karo die Lehre und ihre Auslegung gegossen hat. Der Schulchan Aruch ist noch für unsere Zeit die letzte Quelle religiösen Lebens und Handelns. AVer in ihm erscheint ein ganz anderes Judentum als das, welches am Sinai offenbart, von den Propheten verkündet und selbst von Maimuni gelehrt wurde, er bildet Zeinen Abschluß und eine Einheit des religiösen Levens, aber auf Kosten der Innerlichkeit und des freien Denkens." (Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 9, S. 386). Dabei ist er in seiner Zusammenstellung zeitlich bedingt und entscheidet in Zweifelfragen oft nach dem bloßen Mehrheitsprinzip. Unbestritten ist die Bedeutung des Schulchan Aruch als einendes Band in einer Zeit der Zerrissenheit und des geistigen Niedergangs. Wo aber steht geschrieben, daß er die letzte, die unabänderliche Vollendung des Sinaigesetzes für alle Zeiten und Generationen Israels darstellt, daß er unter einer Entwicklung von zwei Jahrtausenden den unverlöschbaren Schlußstrich setzen muß? Messen wir heut das Leben unseres Volkes an dem gültigen Religionsgesetz, so kann kein Jude leugnen, daß das äußere Leben ungeahnt andere Bahnen einschlug als sie der Schöpfer des letzten Gesetzeskodex vor sich sah und voraussah, und daß das seelische Erleben in ungezähltem Einzelnen und in vielem Großen grundlegend gewandelt ist. Und dazu soll unser Gewissen dauernd schweigen? Es soll weiter fortöauern, daß Millionen Juden in den Augen der anderen Gesetzesverletzer sind und daß Millionen Juden, welche nach dem Gesetz leben, es tun auf Kosten ihres Denkens und Empfindens? Soll für das häusliche Leben, für die Feier von Sabbath und Festen, für Recht und Ehe, ein Zwiespalt zwischen Leben und Lehre verewigt werden, der hüben und drüben zur Gewissensnot werden muß? Wo sind die Führer, die uns von neuem an den Gottesberg leiten? Ich rufe die deutschen Rabbiner auf, sich ihres Führertums bewußt zu werben. Die Geistesgeschichte unseres Volkes ist die Geschichte derer, die unser Erbgut vom Sinai empfangen, fortgeführt und den Kommenden überliefert haben. Wir haben den Anspruch darauf, daß die Männer, welche kraft ihres Wissens unsere Führer sind, diese Aufgabe erkennen und sich ihrer Verantwortung bewußt werden. Ich fordere alle deutschen Rabbiner dazu auf, ihre Kollegen in der ganzen Welt zu einem Synhedrion zusammenzurufen, das durch grundlegende Abänderung des im Schulchan Aruch kodifizierten religiösen Rechts Leben und Lehre in Einklang bringe! Große Gebiete des religiösen Lebens harren durchgreifender Erneuerung. Der Gottesdienst, das Sabbathgesetz, die Speisegesetze, das Eherecht, das häusliche Leben des Einzelnen und das Leben der Gemeinde müssen in Bahnen geleitet werden, welche ein Folgen aller religiösen Juden möglich machen. Die Lehre muß lebendiges Gut aller jüdischen Menschen werden. Wir leben in einer Zeit der Erhebung aus tiefstem Zusammenbruch. Wir rufen nach unfern Führern. An ihnen ist es, auf diesen Ruf zu antworten, den ich, ich weiß es, im Namen zahlloser jüdischer Menschen heut am Tage des Sinai an sie richte. Dieser Ruf darf nicht wieder verhallen. Hören ihn die nicht, an die er in ehrfürchtigem Vertrauen gerichtet ist, so müssen ihn die jüdischen Massen ausnehmen und von sich aus ihr religiöses Leben neu gießen, wie es ihr Gewissen erfordert. Jede Generation Israels steht von neuem am Sinai. Unsere Herzen sind weitgeöffnet. Wir wollen Wahrheit in unserm Leben und Handeln, wir wollen die Einheit unseres Volkes. Möge die Stimme Gottes vernehmbar bleiben und vorwärtsweisen in eine gesegnete Zukunft! Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin. Hallel-Liede, gestaltet sich dieser Gedanke dem Dichter zum Sang: „Als Israel aus Aegypten zog, das Haus Jakobs aus einem Volke welscher Zunge, da ward Juda zu seinem Heiligtum, Israel zu seinem Reiche" — ein deutliche» Nachklana oer göttlichen Rede, mit der dem auserwählten Volke am Sinai seine Bestimmung verkündet wurde „zu sein Reich von Priestern und ein heilig Volk". Was in den zehn Bunöesworten auf dem Grunde der Tatsache, daß der Ewige Israel aus dem Hause der Knechte erlöst hat, dann an religiösen und sittlichen Gebote« ausgebaut wird, mag es auch füv alle „70 Völker der Erde" seine Geltung haben, ist doch eben der Inhalt unseres Bundes mit Gott, ist taurossenu u v fe r e Lehre oder, um das schwer übersetzbare Wort zu verdeutliche», die Weisung für Ml und Richtung unseres Weges. Go bilden das Wochenfest (dev Name schon ist dafür Zeuge) und das Passahfest eine innere Einheit. DaS erstere ist, wie die Thora es gelegentlich auch Meist, mm K h, daS Schlußfest für das letztere, was durch das Zählen der Tage und Wochen zum sinnfälligen Ausdruck kommt. Der Weg Israels endete nicht am Sinai, er nahm von ihm vielmehr erst seinen Ausgang. Es war ein Weg durch die Wüste, ein Weg voller Beschwernisse und Entbehrungen, voller Kämpfe und Zweifel und war doch ein Weg des Ewigen und darum ein ewiger Weg. Ans Ziel zu kommen im Sinne eines behaglichen Ausruhens und sorglosen Genießens nach erfolgreichem Streben mag anderen Lust seindas große Wandern mit letchtgezimmerten Hütten durch unbesätes Land dem Gotte nach, dem wi» am Passah das tohelied der Liebe, am Schowuaus das Hohelied der reue bis in den Tod singen —' das ist das „Fest unserer Freude". Vor einer wachsenden Zahl von Juden aller Länder steht heute als begeisternde Aufgabe, als gebieterische Forderung: den Weg zu Lahnen zur Rückkehv ins Land der Väter. ES ist nicht .einzusehen, Warm»

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