Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 16 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4, Jahrgang Nummer IS S.D«ilL8« SO. Mai 1924 IMchllberEZeilmV | jj j Me jüdische Gegenwart. Eine jüdische Universität in Danzig? Das Projekt einer jüdischen Universität in Danzig hat in btn letzten Wochen die Oeffenilichkeit bewegt und in Danzig -weisellos eine» kleinen Sturm im Wafferglase bervorgerufen. Eines Tages tauchte in der Dunstiger Presse die Nachricht auf, ei« Warschauer Ftnanzmann. Dr. Doktorowicz. plane di« Errichtung einer jüdischen Universität tat Freistaat Danzig. und -war sei in Oliva bereits ein Platz dafür bestimmt. Diese Meldung begegnete nicht nur i« christlichen» sondern auch in sonst gut unterrichteten jüdische» Kreise» starkem Zweifel, da die ganze Geschichte etwas phantastisch anmutet«. Ein Brief Profesior Einsteins an eine hervorragende jüdische Persönlichkeit Danzigs ließ dann aber erkenne». Laß an der Sache tatsächlich etwas Wahres sei. Man war also genötigt. <t« dem Plan ernsthaft Stellung D» nehmen. ^Die Danziger Presse zeigte unverhohlen ihr Mißfallen. indem sie ihre ablehnende Haltung mit Wohnungsnot, Ge- Dhrdung der Technischen Hochschule und ähnlichen Dingen «otküerte. Daß die beiden völkischen Blätter Danzigs die Angelegenheit umgehend aufgriffen, ist ja selbstverständlich, «ud verdient daher weiter keine besondere Beachtung. Immerhin sei der Kuriosität halber erwähnt. Laß die eine Zeitung den Inden riet, sie sollten ihre Universität in Polen machen «nö nicht das Olivaer Schloß, das doch zweifellos als Gebäude gemeint sei U), verschandeln, während das avder« völkische Blatt feststellte, es sei ganz in der Ordnung, daß die Juden an jüdischen Universitäten studierten und die deutschen Hochschulen den Deutschstämmigen überließen. In diese mehr oder minder erbauliche Presse-iskussion traf die Stellungnahme des Senats, die in Form eines Antwortschreibens an den Völkerbundskommissar auf dessen Anfrage gehalten war und als besonders charakteristisch hier im Wortlaut wiedergegeben sei. In der Presse erschien folgende Mitteilung: Aus Pressemeldungen des Auslands hat -er Senat erfahren. daß der Völkerbunds-Ausschuß für geistige Zusammenarbeit beschlossen habe, eine jüdische Universität in Danzig zu begründen. Im Februar hat der Hohe Kommissar des Völkerbundes dem Senat einen Schriftwechsel zwischen dem Genfer Völkerbunds-Sekretariat und einem Dr. H. Doktorowie aus Warschau zur Kenntnis gebracht, der sich mit der Begründung einer jüdischen Universität in Oliva befaßte und um eine Aeußerung gebeten. Die Stellungnahme des Senats ist, wie auch in dem Antwortschreiben an den ^ohen Kommissar zum Ausdruck gebracht ist. die folgende: »Die Freie Stadt Danzig besitzt in der von ihr unterhaltene« Technischen Hochschule eine Universität, die nur zum kleinen Teil von Danziger Staatsangehörigen besucht wird und an der zum größeren Teil Angehörige anderer Staate» ein gern gewährtes Gast recht (!) genießen. Durch die Gründung einer zweiten Universität i» unmittelbarer Nähe Danzigs würde unsere Hochschule geschädigt werden können. Unter de» Studierenden unserer Technischen Hochschule befinde« sich auch Studierende mosaischen Glaubens» und zwar zu einem Prozentsatz, der nicht bloß vom Senat, Sondern auch von den Studierenden nicht israelitischer Her- vrnft alL hoch angesehen wird. Wenn jüdische Staatsangehörige der Repnblik Polen oder anderer Oststaaten der Meimrng And. daß an den Universitäten in Polen und in hindere» Oststaaten de» Studienbefliffenen mosaischen Glaubens bisher nicht das ihnen erforderlich erscheinende Entgegenkommen bei der Aufnahme entgegengebracht worden fei. so wird es ihre Sache fein, t« diesen Staaten für fei« Atzpderrma dieser Praxis »u wirken Die Freie Stadt Danzig aber «nß es im Interesse der Homogenität ihrer Einwohnerschaft und ans Gründen der Sicherheit und der Gesundheit ablehnen, daß aus dem Boden ihrekleinen Staatswesens eine zweite Universität begründet wird, die lediglich für Angehörige einer, Religion bestimmt ist." Der Senat hat am Schluffe seines Schreibens den Hohe» Kommissar gebeten, im Interesse Danzigs schon jetzt bet de« Auftauchen des Projektes dahtn wirken zu wollen» daß «S nicht weiter verfolgt wird, da die Bevölkerung der Freien Stadt ein solches Experiment ablehnen und mit alle» Mitteln bekämpfen (l) würbe. Der Senat glaubt, dem Beschlüsse des Bölkerbunös-AuSschuffes für geistige Zusammenarbeit keine größere Bedeutung beimessen zu müsse» und wird auch weiterhin Len oben gekennzeichneten Standpunkt gegenüber einer jüdischen Universität einnehmen. Es ist zweifellos, daß der durchaus rechtsorientierte Senat im wesentlichen von antisemitischen Erwägungen sich hat bestimmen lassen» wie ia auch an der hiesigen Technischen Hochschule eine durchaus judenfetndltche Richtung am Ruder ist. (Hierüber wird ein andermal Näheres zu sagen sein.) Die Feststellung dieser Tatsache kann aber nicht hindern, nunmehr a-uch vom jüdischen Standpunkt, und zwar vom Standpunkt der Danziger Juden, zu prüfen, ob es. richtig war. die Angelegenheit in der Weise aufzuziehen, wie es geschehen ist. Wie ging die Sache denn vor sich? Ein Herr in Warschau plant angesichts des Numerus clausus an den polnischen Hochschulen eine jüdische Universität in Europa und beschließt, in Danzig einen geeigneten Platz aussuchen zu lassen. Seine Vertrauensmänner finden in Oliva eine Stelle, die ihnen gefällt, und der Stadtrat von Oliva stellt angeblich nur die Bedingung, daß binnen drei Jahren aebaut und das Baumaterial sofort abgelagert werden müßte. Gleichzeitig entwirft ein Ingenieur einen Plan des Gebäudes, und auf dem Papier ist somit alles in Ordnung. Wenn zur Errichtung einer jüdischen Universität lediglich ein Platz und ein Baumeister notwendig wären, so wäre die Sache allerdings sehr einfach. Tatsächlich handelt es sich doch aber nicht um ein architektonisches, sondern zunächst einmal um ein politisches Problem. Nun. Herr Doktorowicz hatte auf dem Papier sein Haus fertig und wandte sich dann erst an den Völkerbund, gleichzeitig an Einstein. Letzterer antwortete mit dem an rhm bekannten Interesse für jüdische Fragen und der an ihm ebenso bekannten unpolitischen Etnstelluna natürlich freudig zustimmend: der Völkerbund verwies den Gründer an die Kommission für geistige Zusammenarbeit. Diese fragte Herrn Doktorowicz, im Namen welcher Organisation er eigentlich spräche. Im Namen der von der Wissenschaft ausgeschlossenen jüdischen Jugend, war die Antwort. „Und wie denken Sie sich die Zusammenstellung des Lehrkörpers?" — „Die Mitwirkung der bedeutendsten Vertreter des Judentums wird uns nicht versagt werden, aber auch Nichtjuden sollen als Dozenten und Studenten willkommen sein." (Die Bezeichnung .jüdische" Universität ist also offenbar von beiden Setten aus Gründen der Propaganda gewählt worden.) Darauf sollte eine Kommission aus Vertretern aller möglichen Staaten gebildet werden, merkwürdigerweise war das Land dabei vergessen, auf das es ankam. nämlich Danzig. Erst später wurde ein Danziger Vertreter von Einstein zur Mitwirkung eingeladen. Der Völkerbund ging korrekter vor: er sandte die Akten nämlich seinem Kommissar in Danzig mit der Bitte um Anfrage bet der Danziger Regierung und Rückäutzerung. Der Danziger Senat erteilte die oben wiedergegebene ablehnende Antwort. Und somit dürfte das Projekt trotz Bauplatz und Bauplan für Danzig erledigt sein. Denn es ist kaum anzunehmeu. daß der Völkervund gegen den Wille» der Danziger Regierung die Errichtung der Universität zulassen wird. Dazu kommt ein Weiteres: Selbst wenn der Danziger Senat weniger antisemitisch wäre, hätte kamn der Bescheid, höchstens die Begründung anders gelautet. Ein Staat von der Kleinheit Danzigs, der wirtschaftlich schwer genug »m seine Existenz ringt, der nicht weiß, wie er die Studenten der Technischen Hochschule unterbringen soll leben erst erging ein erneuter Hilferuf der wohnungslosen Studenten), ein solcher Staat wird es a priori immer avlehne». neben seine Hochschule eiue zweite, i« größtem Ausmaß geplante setzen zu lasse«, i« große« Menge« Zuzug von wirtschaftlich unselbständige« Existenzen an erhalte«, die wenig Steuern einbringen. aber Wohnungen brauche«. Gewiß, eine Universität bringt starke geistige Befruchtung, aber welches Interesse kan« der Danziger Senat daran haben, daß ein jüdisches geistiges Zentrum in Danzig au sich schon einigermaßen geladen ist? Mit anbereu Worten: es ist nicht recht etnzusehim, wie man den Danziger Senat für die jüdische Universität zu gewinne» hoffte, und darauf kam es in allererster Reihe an. Daß eine jüdische Universität die Danziger Juden höchstwahrscheinlich endgültig zur nativnalen Minorität stempeln würde, sei nur u«Henbei erwähnt. Zusammenfaffend muß gesagt werde», daß hier wieder einmal vorzeitig Lärm geschlagen worden ist. anstatt abzuwarten. bis die Sache spruchreif war. und dadurch einem an sich wertvollen Unternehmen nur geschadet worden ist. Bet nüchterner Erwägung und Kenntnis der Danziger politischen Verhältnisse mußte sich der tatsächliche Verlauss der Angelegenheit voraussehen lasse«. E. L. Die Haltung der Schuhpolizei während des Berliner Pogroms. Wie wir kürzlich berichtet haben, Hatten sich die Mitglieder des Vorstandes des Bundes jüdischer Frontsoldaten am 16. Mat wegen der Bildung bewaffneter Haufen zu verantworten. Wie erinnerlich, wurden die Fronibundmitglieder wegen Notwehr freigesprochen. Im Termin kam zur Sprache, daß ein Teil der Schutzpolizei für den antisemitische» Pöbel Stellung genommen und die jüdischen Frontsoldaten gröblich mißhandelt hatte. Hierzu meldet die jüdische Telegraphen-Agentur" folgende Einzelheiten, für die wir der Korrespondenz die Verantwortung überlasse« müsse». * Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen gemeinde zn Berlin e. V. Synagogenverein Levetzowstraße. 1 Montag, den 2. Juni 1924, abends 8 Uhr pünktlich im Cafe Gärtner, NW, Holsteiner Ufer 28 (a. Bahnh. Bellevue) Mhcßaulmg Segen die Entfernung der «rgel ans der Synagoge levelzowslr. gez. Berju gez. Gewerberat Flotke Vors, der Nordwestgruppe Vors, de» Syoagogenrerehn Liberale Inden erscheint in Bassen! fk&tntfmn o. 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