Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 15 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Walter Eidlitz, Der Berg in der Wüste, Tragödie. Bei E. P. Tal in Wien. Der junge Wiener Dichter Walter Eidlitz wagt nicht ohne Glück, die ungeheure Gestalt Mose dramatisch zu gestalten. Eidlitz folgt im Wesentlichen der biblischen Ucbcrlieferung: Moses wird als ägyptischer Prinz aufgezogen und erfährt plötzlich, daß er zu dem schwer fronenden Volk der Ebräer gehört. Er erschlägt einen Aufseher, weil er die Ebräer mißhandelt; aber das Volk furchtet sich und verleugnet, seine ägyptische Liebste verläßt ihn, er ist plötzlich ganz allein. Er flicht in die Wüste und sucht den Gott des Sklavenvolkes. Der „Berg in der Wüste", auf dem Gott wohnt, ist ein Eisberg, steinerne „Wächter" schirmen ihn, aber Moses durchdringt Wall und Bann, und nun empfängt er die Gesetze. Aber inzwischen verzagt das Volk, Rausch bricht aus, der goldene Stier wird gefeiert, Moses steigt talwärts, erblickt den Taumel, zertrümmert die Tafeln. Dann aber bietet Moses sich selbst als Opfer an Stelle des abgefallenen Volkes, er bricht eine neue Steinplatte aus dem Felsen, da glänzt plötzlich das Gesetz zum andern Male auf der Tafel, und Moses spricht: „Mein Herz hat Zeichen bekommen, mein Herz ist Schrift worden.“ Der Eidlitzsche Moses ist der große Liebende, den aber die Menschen nicht lieben, und eben weil das Volk ihn nicht liebt, vertraut cs ihm nicht. Jedoch das eine Mädchen. Zipora, die ihm in Liebe zugetan ist, hält er selbst von sich fern, weil er völlig einsam sein und jegliches Glück zum Opfer gebracht haben muß, damit das Gesetz Gottes in seinem Herzen laut werden und er das Volk erlösen All diese Geschehnisse vollziehen sich auf mehr lyrisch - musikalische, denn auf dramatisch - tragische Weise. Man hat das Gefühl, als ob der eigentliche Keim, aus dem Eidlitz’ Drama entstanden ist, ein Naturerlcbnis war: der Ocstcrrrcicher hat die Alpen erlebt, und so siedelt er Gott auf einem Eisberg an. Es ist Eidlitz gelungen, zugleich die Vorstellung zu schaffen, daß der Gott Mose — wie es Gottesdichtung schlechthin nicht entbehren kann — leibhaft vorhanden sei und auf jenem Berge wohne, und dennoch auch in der Seele des Menschen leiblos wirke: „Betäubt ist Gott in dumpfem Schlaf im Menschen." So bedeutend die Konzeption des Eisberges, so eindrücklich gerade die Gestaltung des göttlichen Gebirges gelungen ist, dennoch mangelt dieser Vorstellung die allgemeine Gültigkeit, im Gegenteil: man gedenkt der bedeutenden Hypothese, welche der in Berlin wirkende Theologe Grcßmann vorgetragen hat. Danach ist der Sinai der Bibel ein Vulkan gewesen, dessen Wolke bei Tag und Feuer bei Nacht vor dem wandernden Volke „einherzog“; und das Aufklaffen des Roten Meeres ein Beben, das einen Ausbruch des Vulkans begleitete. Im Zusammentreffen dieser beiden mächtigen Geschehnisse ist die jüdische Religion, der Glaube an den einen Jahve, aufgeglüht, Moses, der vulkanische Mensch, hat in Feuer und Rauch seinen Gott geschaut, seinen eigenen, dem eigenen Wesen gemäßen, und ihn, den strengen, ungeheuren Richter-Gott, über dem Volke aufgerichtet. Diese Hypothese, in all ihrer Kühnheit, ermangelt nicht der bezwingenden Kraft; man gedenkt des wahrhaft seelenkundigen Wortes: „Wie einer ist, so ist sein Gö*i", denn Gott schuf den Menschen nicht nur nach seinem Bilde, auch der Mensch — die Geschichte der Religionen, Kulte und Sekten weist cs —, schafft ihn unwissentlich nach seinem Bilde, und zugleich ist diese Götterschauung nicht nur in den Boden eben dieser Seele, sondern auch in den der Landschaft gegründet. Hermann Gunkel, der bedeutende Erforscher des Alten Testamentes, vergleicht Moses in herrlichem Gleichnis einem ungeheuren Gcbirgsstock, der von dem Rauch und Gewölk ferner Mythenzeit verhüllt ist. Greßmanns Deutung erhellt die Wolke um den Gebirgsstock Moses immerhin um ein weniges. Neue Ausblicke dichterischer Gestaltung erschließen sich: was Michelangelo intuitiv geschaut hat, zeigt Greßmann mit wissenschaftlichen Mitteln auf. Nur eine Dichtung, die Größe der Darstellung mit intimem Wissen um die Seele des Urgcnics vereint, kann den vielleicht endgültigen Moses erschallen. Die Gestalt Mose gewährt dem Tragiker unendliche Möglichkeiten: eine reiche, feste, zu Formelgeschehnissen gleichsam kristallisierte Fabel, gewaltige Gebärden wie das Zertrümmern der Tafeln, vor allem aber jene eigentümliche Spannung zwischen dem Schöpfer des Volkes und dem geschaffenen. Volk, wie sie aus mancherlei Zügen erhellt: der Weigerung Mose vor dem brennenden Dornbusch, die Sendung auf sich zu nehmen; dem Abfall des Volkes zum goldenen Kalb; dem Aufstand der Rotte Korah. Moses ist eine der sozialsten Gestalten in der Geschichte der Menschheit, Schaffer eines Volkes, Staatengründer, Gesetzgeber für Jahrtausende, und zugleich von letzter Einsamkeit umwittert. Ernst Lissauer. Oskar Beyer, Die unendliche Landschaft. Ueber religiöse Naturmalerci und ihre Meister. (Furche-Verlag, Berlin.) Daß dieses schöne Buch hier und daß es jetzt angezeigt wird — cs ist 1922 erschienen — braucht eine Erklärung. Die Kunstiileratur der letzten Jahre war — von Wölfflin her — wesentlich auf Stilanalyse eingestellt oder, wo sie philosophisch fundiert war, darauf bedacht, die der Kunst eigenen Prinzipien herauszustellcn. Sie durfte sich dabei in der Abgeschlossenheit eines für sich Seienden bewegen, und die Tatsache ihres Eingeordnetscin.s in einen Bezirk anderer Kulturgebietc konnte ihr gleichgültig bleiben. Diese Immanenz der Forschung, die die formalen Gesichtspunkte überwiegen ließ, scheint seit einiger Zeit durchbrochen. Die geistig-wissenschaftliche Haltung überhaupt ist großzügiger und systematischer geworden, sie verliert das Ganze nie aus den Augen, und die Beziehung der Teile zu ihm und untereinander gilt als wesentliches Problem. Zu solchem Problem wird also auch das Verhältnis von Kunst und Religion. Oh eine Systematik der Kunstarten den Begriff der „religiösen Kunst" kennen soll, ist hier gleichgültig; wohl aber sollte man sich von seiten der Religion her über ihre Beziehungen zur Kunst klar werden. . ' Und auch jüdische Religion sollte das nicht versäumen. Etwaige dogmatische Hemmungen müssen überwunden werden. Wie man liest, nimmt auch die jüdische Predigt dieses Thema jetzt auf. und in Wien erscheint eine Zeitschrift für jüdische Kunst. (Jüdische Kunst gibt es, sie braucht ja nicht nur religiöse zu sein!) Diese Zeitschrift will — vorläufig, wie sic sagt! — als jüdische Kunst alle Kunst ansehen, die von Juden geschaffen ist. Das ist bestimmt viel zu grob. Oder ist jüdische Kunst die. die irgendein „jüdisches" Motiv sich» zum Vorwurf macht? Man sieht also, daß eine Wesensbestimmung fehlt, ganz und gar fehlt, daß man sic aber doch versuchen muß. Beyers Buch kann hier heuristisch sehr dienlich sein, lind deshalb ist von ihm die Rede. Es handelt sich hier um religiöse Kunst; man kann nun die prächtig reproduzierten Bildbeigaben durchblättcrn und sich fragen, ob bei den Stimmungen, die dann entstellen, jüdisch; Religiosität anklingt, ob die sich gleichen Ausdruck gehen würde? Schleiermacher hat Religion als „Gefühl der Unendlichkeit" bestimmt, und Nalorp hat diese Definition umgekehrt und von der „Unendlichkeit des Gefühls" gesprochen. Hier läßt sich diese Formulierung fruchtbar machen: „Unendlichkeit dies Gefühls“ wächst -aus dem Eindruck eines unbestimmten Ganzen heraus, Stimmungen schweben von aller Konkretheit losgelöst, entstehen irgendwo und gönnen nirgendwo zu ihrer Befestigung sich nicderschlaßen, sind in Breite und Tiefe ohne Grenzen und Hemmung. Eine Sehnsucht entsteht, die unendlich ist und nie zur Ruhe kommen wird, weil Gegenstand und Richtung fehlen . Die Technik, die das zuwege bringt:' Weichheit der Linie, durchsichtige Dünne von Luft und Gestalt (unerreicht bei den Ostasiaten und oft bei Botticelli), Nebel, der alle festen Konturen verschwimmen läßt, der nichts deutlich zeigt, aber vieles zu ahnen gibt. Ob eine jüdisch-religiöse Kunst von gleicher Art sein und sich deshalb derselben Ausdrucksmittel bedienen müßte? Oder — man denke an hebräische Lyrik — müßte sie nicht weniger „romantisch" sein und strenger, plastischer, gegliederter, dichter, geballter, also „klassischer"? Im Rahmen einer Buchanzcige kann keine Antwort darauf gegeben werden; es sollte von Beyprs „Die unendliche Landschaft" ausgehend allein die Frage gestellt werden. Das Buch selbst aber soll noch einmal kl allem, in Gesamtausstattung. Text und Bildwerk (u. a. O-stasiaten, Rembrandt, Friedrich, Millel, Thoma, Steinhausen) gerühmt werden. Dr. Fritz Bamberger, Berlin - Halen« e«. Dr. Alfons Steiger: Katholizismus und Judentum. Berlin 1923. Verlag der Germania A.-G. 208 8. Als man vor Jahrzehnten in manchen. nichtjüdSschea Kreisen noch glaubte, daß der Antisemitismus eine nur die Juden bekämpfende Richtung sei, und sich daher kaum um ihn kümmerte, wies man unsererseits schon darauf hin, daß es im Staats- und Gesellschaftsleben kein isoliertes Unrecht gebe, daß, wenn man dem Treiben der Antisemiten ruhig Zusehen würde, sie schließlich die Axt an die Grundlagen des gesamten sittlichen und religiösen Lebens legen würden. Die Ereignisse haben gelehrt, wie recht wir leider hatten. Mit am frühesten haben religiöse Katholiken die Gefahr begriffen, die aus dem Neuheidentum qcs Rassenwahnes der Religion der gesamten christlichen Kulturwelt erwachsen muß. In diem vorliegenden Buche unternimmt ein namhafter katholischer Schriftsteller den glänzend gelungenen Versuch, nachzuweisen, wie die ganze Einstellung dieser Antisemiten alle religiösen und sittlichen Werte des Christentums umwertet, die Bibel mit fanatischem Haß begeifert und an ihre Stelle ein ausgesprochenes Heidentum setzt. Selten ist das alles so umfassend, mit solcher wissenschaftlichen Gründlichkeit und Vertiefung gezeigt und mit solcher Fülle von Proben belegt worden. Man erschrickt im tiefsten, wenn man all dies nachliest. Dem Verfasser gebührt ein doppelter Dank, einer für die Klarheit und Sachlichkeit der Darstellung und ein zweiter dafür, daß er die Selbstüberwindung aufgebracht hat, sich durch den Wust all der Schriften und programmatischen Forderungen der Apostel dieses neuen Heidentums hindurchzulesen und hindurchzuarbeiten. bei denen einem die Seele vor Grauen gefrieren kann. Dieses Buch müßte nicht bloß der Jude lesen, cs müßte in Millionen von Exemplaren verbreitet werden, damit jedem, der noch mit Ernst und Wahrhaftigkeit ein Christ sein wül, die Augen geöffnet werden. Dienemann, Offenbach a. M. Joseph Lazarus, Der Numerus Clausus in der Weltgeschichte, Der Neue Geist-Verlag, Dr. Peter Reinhold, Leipzig 1924. Preis 0,80 Mark. Der Titel ist irreführend. Der Verfasser, ein Deutsch- Österreicher, gibt nicht etwa eine Geschichte des numerus clausus und ähnlicher Beschränkungen jüdischer Geistesentfaltung, sondern er sucht den Gedanken des numerus clausus dadurch zu widerlegen, daß er dartut, was die Juden in der Weltgeschichte geleistet haben. Natürlich muß hierbei die kleine Schrift von 37 Seiten einseitig sein und kann nur einen Beitrag zu diesem Thema bilden. Sie ist als solcher Beitrag aber außerordentlich interessant und bringt viel wertvolles Material Der Gefahr, einer trockenen Aufzählung zu verfallen, ist der Verfasser mit Geschick entgangen. Die Schrift ist anregend und gut lesbar und dürfte sich auch zur Besprechung in Kursen wohl eignen. Ernst Emil Schweitzer. frei HAUS BESTELLNUMMER , MERKUR 4871/73 J BERLIN W o LEIPZIGER. ST» 24 BAUMKUCHEN / PRALINEN rir i1!1.-. ■ ■ ■ ■ »s»»■ MT Lungenu. 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