Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 15 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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4. Jahrgang Nummer 15 BWHraaaBJ5«s. sgga» IübischliberaleZeillMg 3. BeUage 23. «ai ISST Der Jüdische Sprechsaat. Reform auf Abbruch. Orgel tans — Orgel rein. Berlin NW., den 16. Mai 1921.» An die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung". Berlin W. 6 Manerstr. 22. Ein schwerer Schlag droht den liberalen Juden Berlins, besonders den Einwohnern des Moabiter, Bellevue- und Hansa-Viertels. „Aus der Synagoge Levetzowstrahe soll die Orgel entfernt werden!" — Wie mir mitgeteilt wurde, ist eine Mehrheit im Gemeindevorstand für einen solchen Beschluß vorhanden. Dafür scheinen auch liberale Gemeindevorstandsmitglieder stimmen zu wollen Dies ist eine Berbengung vor der konservativen Richtung, die sich der Liberalismus unter keinen Umständen gefallen lassen darf. Nachstehend die Tatsachen: 1 Die Orthodoxie hat unbedingt das Recht, ein würdiges Gotteshaus in unserer Gegend zu verlangen. Das wird keiner, auch wenn er noch so linksliberal ist, bestreiten. Um hier einen Ausweg zu finden, wurde der Bau des Gotteshauses Agricolastratze beschlossen. Es fanden Verhandlungen betr. Beschaffung der Geldmittel statt, und auch der Synagogenvorstand und Synagogenverein Levetzowstrahe versprachen ihr Möglichstes zu tun, um bei Beschaffung dieser Mittel behilflich zu sein. Hierdurch wurde die Frage der Entfernung der Orgel aus der Levetzowstrahe, die schon seit langer Zeit die Gemüter der Judenschzst der hiesigen Gegend beschäftigte, gelöst. Der alte Gemeindevorstand bestätigte auch dem Synagogenvorstand Lcvetzowraßc auf eine schriftliche Anfrage ausdrücklich, daß eine Entfernung der Orgel nicht in Frage käme. Jetzt wird die Angelegenheit auf ein neues Geleis geschoben. Der Besuch der Synagoge Kottbuser Ufer läßt sehr zu wünschen übrig, und da in dieser Gegend sehr vier liberale Juden wohnen, soll der Versuch gemacht werden, durch Einbau einer Orgel den Besuch zu heben. Auch das kann man verstehen. Aber warum soll das auf Kosten der Synagoge Levetzowstrahe geschehen? Glauben etwa die Herren des Gemeindevorstandes, die Stimmung unter den Besuchern der Synagoge besser zu kennen als Herren, die in der in Frage kommenden Gegend seit Jahren wohnen? Haben die Inhaber der etwa 2800 Plätze, die die Synagoge seit Jahren besuchen, kein Recht? Will man sie wie Schulkinder behandeln? Denn man höre und staune, man will auch einem Teil der Besucher die Plätze nehmen, ihnen neue Plätze in Betsälen anweisen, um die freigewordenen Sitze konservativen Juden zuzuweisen! Daß diese Anrecht auf ein würdiges Gotteshaus haben, ist anfangs schon gesagt worden; aber nicht ans Kosten der Liberalen. Der Gemeindevorstand behauptet, er treibe Gemeindepolitik, wenn er die Synagoge Prinzregentenstratze baue und die Synagoge Kottbuser Ufer eine Orgel bekäme, weil alsdann die Liberalen eine Synagoge gewinnen und auch den Orthodoxen geholfen ist. Ist das Gemeindepolitik, wenn man die Juden einer Gegend gegen die Juden einer anderen Gegend ausspielt. Gelten die Juden des Moabiter und Hansa-Viertels weniger als die Besucher der Synagoge Kottbuser Ufer? Ist das Gemeindepolitik, wenn man den Juden einer Synagoge Plätze nimmt, die diese schon seit zehn Jahren besitzen, und wenn man den Ritus einer Synagoge im „Tauschwege" ändert? Wie stellt sich denn der Gemeindevorstand die Regelung des Gottesdienstes vor? Glaubt er. daß sich der liberale und der orthodoxe Ritus miteinander verbinden lassen? Oder daß sich die eine Richtung von der anderen den Gottesdienst aufoktroyieren läßt? Wenn das der Fall wäre, dann wäre es nicht erforderlich, in der Synagoge Kottbuser Ufer eine Orgel einzubauen; denn sonst hätten ja die liberalen Juden der Gegend Kottbuser Ufer, die das Bedürfnis haben, einen Gottesdienst m besuchen, die Synagoge öfters gefüllt. Wenn man schon Aenderungen vornehmen will, dann ist zunächst objektiv die Frage zu klären, wo die größere Notwendigkeit besteht, entweder die Synagoge Agrieolastraße oder die Synagoge Prinzregentenstraße zu bauen, oder der Synagoge Kottbuser Ufer eine Orgel zu geben. (Man kann ja auch das eine tun und braucht das andere nicht zu lassen. Die Red.) Die Beantwortung dreier Frage kann natürlich nur unter Hinzuziehung aller in Frage kommenden Interessenten geschehen. Die Erregung in unserem Stadtviertel ist sehr groß. Der Gemeindevorstand sollte doch nochmals mit sich eingehend zu Rate gehen, bevor er einen endgültigen Beschluß faßt. Eine derartige Provokation und Hinteuansetznng der liberalen Interessen läßt sich das liberale Judentum auf keinen Fall gefallen. Es soll dies keine Drohung sein, sondern meine Ansicht, die ich mir nach Anhörung vieler liberaler Juden gebildet habe. Die Besucher der Synagoge Levetzowstrahe und die liberale Judenschaft Berlins werden wissen, w a s sie z n tun haben. Der Gemeindevorstand sollte sich doch ohne weiteres nicht auf derartig gefährliche Experimente cinlasfen, die erneut nur Verärgerung Hervorrufen, besonders auch in der Frage der Zuteilung der Synagogenplätzc. Eine Frage, die schon oft geling böses Blut erzeugt und die schon sehr vst zum Austritt aus der Gemeinde geführt hat. Tenn auch der Gemeindevorstand dürfte wohl schon des öfteren die Bemerkung gehört haben: „Wofür bezahlen wir eigentlich indische Steuern?" Mit vorzüglicher Hochachtung M. B e r j u. Anm. der Red. Die vorstehenden Tatsachen klingen so ungeheuerlich, daß der Gemeindevorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin das größte Interesse daran haben dürste, diese Gerüchte durch eine umgehende eindeutige Stellungnahme zu entkräften. Wir tonnen nicht annehmcn, daß der Gemeindevorstand die Absicht hat, den liberalen Besuchern der Synagoge Levetzowstrahe ihre Plätze zu nehmen, wo uns ungezählte liberale Gemeiiideiiiitglieaer bekannt sind, die sich glücklich schützen würden, wen» sie dort endlich einen festen Synagogenplatz bekommen würdet!. Will man die Einführung des Parochialsvstcins damit beginnen, daß man die Besucher einer der größten Berliner- Synagogen in der wichtigsten Frage der Ausgestaltung des Gottesdienstes nicht allein nicht hört, sondern sogar überhöht? Wenn sich die Notwendigkeit heransgestellt hat, in die Synagoge Kottbuser User eine Orgel cinzubancn, dann muß dies unabhängig von der Frage der Gestaltung des Gottesdienstes in anderen Gemeindesynagogcn geschehen. Wir sind gern bereit, eine großzügige Sammelaktion für die Umgestaltung der Synagoge Kottbuser Ufer in ein liberales Gotteshaus in die Wege zu leiten. Vorerst aber hat der Gemeindevorstand das Wort! * ©er Hamburger Wohltäter — oder: In Wulles Bahnen. Berlin, den 18. Mai 1924. Titl. Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Berlin W. 8 Manerstr. 22. Unsere wandelnde Heiratsannonce, sie ahnen richtig: das Hamburger Israelitische F a m i l i c n b l a t t" bespricht in Nr. 20 vom 15 Mai das Ergebnis der Neichstagswcchlen. Bei den Kommunisten scheitert es. Da fallen Worte, die ich, wenngleich einer anderen Partei angehörend, als Jude nicht unwidersprochen lassen kann. Wenn da von der „Etablierung einer semitischen Ecke im Reichstag" die Rede ist. so handelt es sich bei dieser teils dem Handels-, teils dem Antisemitenstand entlehnten Wendung schlechthin um eine Geschmacklosigkeit. Aber über den Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Und ein „Familienblakt" braucht davon nicht viel. Wie aber soll man vom Standpunkt der Prvpheteureligion die folgenden Worte werten? „. . . . wir werden den Inden als Wohltäter seiner Brüder preisen, der eine Radikalkur gegen diese nnbelommlichen Glaubensgenossen a. D. mit dem Sowjetstern weiß." Abgesehen davon, daß das zweideutig ist, — vor Tische las mans so in der „Großdeutschen", im „Beobachter", bei Hammer-Fritsch, Knüppel-Kunze und Wotan-Wnlle, am Vormittag in den Anpreisungen der Kammersäger. Und dann wird's „Or- ' ganisation C." „Und gegen dies e unzärtlichen Verwandten hilft kein Abwehrkampf.. kein Abreden und kein Drohen." Was für eine Radikalkur will also unser Heiratsbote, der Familicnblättler, angewandt sehen? In Verbindung mit der uns vorgesührten Szene von „unter Führung ► von Iuüenstämmlingen" im Reichstag aufgeführte» Rüpeleien wirds beinah eindeutig. Man kann nur unterstellen. daß der Leitartikler Fritz Neuländer, verantwortlicher Redakteur des „Israelitischen Familtenblattes". sich über die Bedeutung und Wirkung der Ausführungen. Me er te niederschrieb, nicht völlig im klaren gewesen ist, ja, sie vielleicht selbst nicht ganz verstanden hat. Dann mutz ihm diese- Verständnis aber im Namen unserer schon am Sinai gewonnenen religiösen Erkenntnis gerade von denen nahe» gebracht werden, die so wenig kommunistisch angehaucht sind wie ihr ergebenster Felix Weinstein. Zum Abbau der jüdischen Gemeindebeamten. Bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 zogen auch Tausende von jüdischen Soldaten mit ins Feld. 12 000 deckt die Erbe und hie dem Tode entronnenen bilden ein Heer von Krüppeln. Sic sind, wie auf niederträchtige anttsemitische Hetze immer wieder geantwortet werden muß. die lebenden Zeugen dafür, daß die Juden an Pflichterfüllung nicht hinter ihren christlichen Kameraden znrückgestanden haben. hat das jüdische Bürgertum allen Anlaß, den guten Ruf -er jüdischen Kriegsteilnehmer hochzuhalten. klm so unbegreiflicher erscheint cs daher, daß eine Rettgionsgemeinde mit sozialen und humanitären Aufgaben wie die Berliner jüdische Gemeinde, die ein Wohlfahrtsamt, Krankenhäuser usw. unterhält, in MKachtung der elemew tarsten moralischen Verpflichtungen 'üdische Kriegskrüppel, die ihre Glieder auf dem Schlachtfelds haben lassen müssen, mit auf eine Abbauliste fetzt, trotzdem der Stand der Gemeinde-Finanzen viel besser als in Friedcnszeiten ist. Zu dem Dank des Vaterlandes (8,80 Mark pro Monat für ein verlorenes Bein) kommt der Dank des Arbeitgebers: „Die Vernichtung der Existenz." Denn erfahrungsgemäß stellt kein Arbeitgeber freiwillig Kriegskrüppel ein. noch dazu solche im vorgerückten Alter. Wir wären dem Gemeindevorstand sowie den Repräsen«. tauten überaus dankbar, wenn sie uns eine Antwort dahin znkommen ließen, wie sic sich den Dank des Vaterlandes, den sie in allen Synagogen am 5. August 1914 uns mit in- Feld gaben, vorstellen? Anm. der Red.: Wir haben uns auf diese Zuschrift hin, die uns ans Kreisen der Beamtenschaft der ftidischen Gemeinde zu Berlin zuging, sofort mit dem Herrn Personaldezernenten der Berliner jüdischen Gemeinde in Verbindung gesetzt. Er hat uns gegenüber die Erklärung abgegeben, daß die auf der Mvauliste stehenden jüdischen Kriegskrüppel auch weiterhin von der Gemeinde solange das volle Gehalt beziehen, bis sie eine anderweitige Beschäftigung gefunden haben. Das Scheitern des Reichsverbandes» An die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung". In einem Artikel über den Preußischen Landesverband jüöischer Gemeinden hatte ich das Bedauern ausgesprochen, dah jetzt der Reichsverband nur auf der Grundlage der Landesverbände geschaffen werden könne, „nachdem früher die damals günstige Zeit für eine weniger partikularistische Form des Zusammenschlusses durch allerlei Quertreibereien vereitelt worden ist. nicht ohne Mitschuld der damaligen Behörden der Berliner jüdischen Gemeinde." Von mehreren Seiten sind diese Worte irrtümlich so aufgefaßt worden, als habe damit die von maßgebenden Vertretern des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes im Gegensatz zu dem Preußischen Landesverband vorgeschlagene Lösung befürwortet werden sollen. Dies war — wie ich aus einen mir ausgesprochenen Wunsch feststelle — nicht gemeint: ich selbst habe in der Vorbesprechung vor der Gründungsversammlung entschieden die Gründung des Preußischen Landesverbandes befürwortet. Die Worte des Aufsatzes sollten vielmehr auf eine frühere Zeit Hinweisen. Damals hatte der Verband der Deutschen Juden für daS ganze Reich ein zu jener Zeit noch aussichtsvolles Vorgehen in denselben Formen vorgeschlagen, die später mit Beschränkung auf Preußen eingehalten wurden; leider aber gaben damals die Behörden der Berliner Jüdischen Gemeinde jenem Vorschlag keine Folge. Felix Makower. Werbt neue Mitglieder! PRIVAT AMT LAGER SYNDIKUS FILIALE PFÖRTNER wmm GES. GESCH Gesellschaft für automatische TeieMe K «»“ü-SüfSEüSfS7 ERfaSsa