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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-23 · 15 (23.5.1924) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
15 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4. Jahrgang OtiuufotCv 1<3 V mawg;gH?': ^LLL „raraä-r-v* Ein neuester Schachzug des Antisemitismus. Von Getzeimrat Ed. König. Wer da annehu-e" wollte, daß das Vorgehen der An. grissskolonnc, die siL) jetzt Antisemiten zu nennen i-flegl. iici*3 den gleichen Ausgangspunkt besessen habe, roürde sich in einem großen Irrtum befinden. Denn ganz abgesehen von der körperlichen Rauflust, die als -,'nter dem Niveau einer prinzipiellen Auseinanderietzung liegend gar nicht in Betracht gezogen werden wll, bat auch der geistige Angriff gegen das Judentum erst eine Reihe von Wendungen durchgemacht, ehe er deinen gegenwärtigen Charakter gewonnen hat. Zuerst hat dieser geistige Angriff ja das unglaubliche, aber noch für einen Friedrich Delitzsch nicht zu schmähliche Verfahren eingeschlagen, das, was vor vielen Jahrhunderten eine Abteilung des jüdischen Volkes gegenüber Jesus getan hat, dem ganzen Volke noch in der Gegenwart auf sein Schuldkonto zu setzen. Sodann hat man, indem man sich jenes Verfahrens schämte oder es wenigstens verdecken wollte, das Dogma ausgeklügelt, daß die Judenschaft aus Rücksicht auf ihre „Rasse" zu bekämpfen sei, obgleich sie doch mit den Ariern oder Jndogermanen, zu ebenderselben kaukasischen Raffe gehört. Endlich ist man dazu fortgeschritten, die R e l i g i o n s u r k u n d e der Juden zum neuen Waffenarsenal zu machen. Ja, auch diese neueste Hauptwenbung im Verfahren des Judenhasses hat wieder eine mehrmalige Ergänzung ihres Waffenvorrats unternehmen müssen. In der ersten Zeit hat man nur das althebräische Schrifttum als nunmehriges Waffendepot benützt. Dieses Verfahren hat hauptsächlich der bekannte Antisemitenführer Fritsch (zu Leipzigs angefangen, indem er ein Buch mit dem Titel „Mein Beweismaterial gegen Jehova" veröffentlichte. Darin hat er alle Stellen der althcbräischen Bibel, in denen er einen Beiveis für Beschränktheit, Ungerechtigkeit oder überhaupt Unmoralitäk des Gottes der altisraelitischen Religion finden zu können meinte, gesammelt und in rücksichtslosester Weise auszubeuten sich erlaubt. Hat er doch, um ein einziges Beispiel zu geben, den Gott der mosaischen Religion als „einen Gott der Spitzbuben" zu bezeichnen sich herausgenommen (in der Schrift „Der falsche Gott", 1916, S. 57). Was aber enthalten die Stellen, auf die er mit dieser Aeußerung sich bezieht, in Wirklichkeit? Erstens will der Ewige die Aegypter den ausziehenden Israeliten geneigt machen (2. Mos. 3, 22s), und er stellte nachher auch wirklich die Gunst des Volkes Israel in den Augen der Aegypter her (11,3a und 12,36a). Dies sind die einzigen Handlungen, die der biblische Text dem Ewigen bei dieser Geschichte zuschreibt, und das sind doch keine Handlungen, um deretwillen er zu bekämpfen wäre. Zweitens veranlaßten die Aegypter schließlich selbst die Israeliten zum Bitten (hisch'ii; 12,36), wie dies die Nächstliegende Bedeutung dieses Kansativstammes ist, der neuerdings oft falsch mit „entlehnen" übersetzt wird, wie mein Hebräisches Wörterbuch (1922), S. 475 nachweist. Drittens haben die Geschenke, welche die Israeliten sich auf Zureden der endlich zur Freilassung des ungerecht geknechteten Volkes sich entschließenden Aegypter erbaten, durch den Gang der darauffolgenden Ereignisse sich in eine Kriegsbeute verwandelt, und so erklärt sich die Wahl des Zeitworts nissel „plündern" (3,22b und 12,36b). Hauptsächlich dieser letzterwähnte Faktor des damaligen Geschichtsverlaufs, der in dem wortbrüchigen Nachstürmen des Pharao lag, ist bisher noch nicht beachtet morden. Vollends Fritsch, der kein Hebräisch versteht, hat nun das leider von Luther für „plündern" falsch gesetzte Zeitwort „entwenden" als einen erwünschten Kriegsgaul entdeckt, auf dem er nun als Dilettant schiinpfend einherreitet. Im Laufe der Zeit merkten aber die schriftftellernden Antisemiten, daß die Beschimpfung des althebräischen Religionsbuches nicht mehr genug Eindruck auf die große Masse mache, um deren Beeinflussung es ihnen zu tun war. Denn für diese Kreise lag der jüdische Teil des Bibelbnches doch mehr in dem Hintergrund. Was tat man nun? Man ließ die Kampffront eine neue Schwenkung machen und griff die Inden vom christlichen Teil des Bibelbuches aus an. Tresen Vormarsch meint nun Artur Dinier, der hauptsächlich durch seinen Roman „Die Sünde wider das Blut" sich bekannt gemacht hat, zum glänzenden Triumph führen zu können. In dieser Hoffnung schrieb er sein neuestes Buch „Das Evangelium unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus nach den Berichten des Jöhannes nsw. im Geiste der Wahrheit neu übersetzt und dargestellt". Wird Diuters Siegeshofsnung sich erfüllen könnön? Meine Antwort meine ich in folgenden Untersuchungen geben zu können. 1. Was ist vor allem über seinen Anspruch zu urteilen, daß er „das Evangelium ans den griechischen Urkunden im Geiste der Wahrheit neu übersetzt habe", wie er S. 5 bemerkt? Nun daß er das vierte Evangelium zum ersten gemacht hat, das ist allerdings schon eine formelle Abweichung von „den griechischen Urkunden", aber brauchte nicht eine inhaltliche Aendernug der alten Berichte im Gefolge zu haben. Indes er beginnt sein erstes Evangelium, welches in allen überlieferten Texten mit „Im Anfang war der Logos" (das persönliche Gottcswort) anfängt, mit dem Satz „Im Anfang war die Liebe" (S. 9). Heißt das „ü b e r s e tz e n"? Selbstverständlich nicht. Suchen wir weiter die Antwort aus diese Frage! In Jesu Worten (Matth. 5, 22): „Wer zu seinem Bruder sagt: Raka oder Racha (d. h. leerer, inhaltloser, grundsatzloser Mensch), der ist wert, vor das Obergericht gestellt zu werden" schreibt er „Wer zu seinem Bruder sagt „du Tölpel", der ist dem Banne verfallen" (S. 62). Ebenda macht er aus „du Narr" (d. h. Tor im Sinne von Ps. 14,1 „Nur die Toren — die Beschränkten leugnen das Dasein Gottes), also aus „du Gottloser" vielmehr „du Schuft", entleert also den Begriff. Sodann in Ioh. 15,1 bietet der einhellig überlieferte Text den Satz J'esn „Ich bin der wahre Weinstock" (im ^Unterschied von dem, der z. B. den Wein im Passahmahl liefert). Aber Dinter gibt dafür „Ich bin der Weinstock der Wahrheit" (S. 159). Was für eine k a u m v e r st ä n d l i ch e U m b i e g u n g des Textes! Ans S. 167 will er den Abschnitt Luk. 22, 40—42 „übersetzen", läßt aber hinter dem Anruf „Vater" die Worte „wenn du willst, laß diesen Kelch (Bild für Leiden) an mir vorübergehen!" einfach w e g. Er legt Jesu bloß die Worte „Vater, dein Wille geschehe!" in den Mund. Ferner S. 170 wählt er beim Verhör Jesu vor dem Hohen rat den Bericht von Mark. 14,55 ff. und übersetzt ans V. 6l „und abermals befragte ihn der Hohepriester und sagt zu ihm: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?" Daraus folgt bei Markus B. 62: „Jesus aber sagte: Ich bin es." Aber Dinter verschweigt diese Aussage Jesu, springt von Mark. 14,61 zu Matth. 26,64 hinüber nnd schreibt hinter jener Frage des Hohepricsters vielmehr „Da antwortete Jesus: Du sagst es (nicht ich)". Also er hat übersehen, daß nach dem Bericht des Matthäus der Hohepriester gesagt hatte: „Ich beschwöre dich, d. h. fordere dich zur eidlichen Beantwortung der Frage „ob du der Messias seiest" auf. Indem darauf Jesus antwortete „Du sagtest es", batte dies den Sinn von „Ja, ich beschwöre es". Diese Aussage Jesu ist in ihr Gegenteil verdreht, indem Dinter zu „Du sagst es" hinzufügt „nicht ich". Endlich ans 3. 189 gibt er statt der bekannten Antwort des Jüngers Thomas „Mein Herr und mein Gott", wie sie Job. 20,28 in allen Textquellen steht, bloß den ersten Teil,, mein Herr", wischt demnach abermals ein Moment des Textbestandes unter den Tisch. Hat Dinter also „das Evangelium" aus den Urkunden „im Geiste der Wahrheit übersetzt"? Nein. Er hat bei seiner Darbietung des Evangeliums „die Wahrheit" weder im Sinne von „die Wirklichkeit" noch im ’ Sinne von „Wahrhaftigkeit" erstrebt. Er hat sogar an dem Inhalt der frohen Botschaft, der in den Textquellen übereinstimmend vorliegt, geändert, indem er, wie die oben gegebenen Proben gezeigt haben, manches w e g g e l a s s e n, manches b i n z »gefügt, manches verdreht hat. Schon danach hat er „dem deutschen Volke", dem er nach S. 5 „die reine unverfälschte Lehre des Heilands" darbieten will, eine n n - echte Gabe vorgelegt. Und hat er dies nicht auch noch in anderen Beziehungen getan? 2. Er hat ja überhaupt „D a s Gei st ch r i st e n - t u m" ans Licht bringen wollen. Denn so überschreibt er (S. 190) die ganze zweite.Hauptpartie seines Buches, in der er, nachdem er „das Evangelium neu übersetzt" hat, es „neu darstellen" will. Sehen wir zu, wie diese zweite Leistung Dinters ausgefallen ist! Das wird sich schon dann zeigen, wenn die Bahnen und Zielpunkte anfgcdeckt werden, die er dabei verfolgt und erstrebt hat. Ein Akt der Ungerechtigkeit muß nun gewiß darin gesunden werden, daß er bei der Vorbereitung auf seine neue Darstellung des EvaN¬ I.Bellag« 23. Mat 1924 geliums die Hilfe der wissenschaftlichen Bibelforschuuablehnen zn dürfen meinte. Sie arbeitet nach Dmter „zwar mit seingeschlifsenen, aber derbstosfliche» Prismen und Linsen, die der unsichtbaren Strahle» dieses kosmischen Werkes (er meint das Evangelrm» Johannis) nicht habhaft werden können" (S. 191). Nach welchen andern Direktiven meint e r die Bearbeitung der Evangelien zum Abschluß bringen zu können?. Seine erste Voraussetzung ist diese, wenn wir sie gleich in seinen eigenen geschmackvollen Worten Mitteilen dürfen: „Unter ganzen Bergen alttestarrrervt a r i s ch e n W ü st e n s a n d c s liegt in den nnS überlieferten Evangelientexten die reine Lehre öeS Heilandes begraben" (S. 199). Diesen „Schutt" i« seiner Evangelienbearbeitung weMräumen, sei ihm aber glücklicherweise dadurch erleichtert worden, -aß „sein großer Lehrer nnd Freund" H. St. Chamberlain * auch hier „Bahnbrecherarbeit" geleistet habe. Nu» allerdings mit Stemmeisen und Dynamit müßte -a gearbeitet werden, wenn aus den überlieferten Berichten über die Begründung des Christentums die Beziehungen ans das althebräische Religionsbuch heransgesprengt werden sollten. Denn der Zusammenhang zwischen diesem Buch und den Aeußerunaeu Jesu sowie den Ueberzeugungen seiner ersten Schüler ist einfach deren Rückgrab zu nennen. Gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftreten (Luk. 4,16 ff.) beruft sich Jesus auf die Prophetenstelle „Der Geist des Herrn ist ans mir" (Jes. 61,1). Er verweist auf „Mose mrd die Propheten" als auf Autoritäten (Luk. 16,31), und zum Thema seiner „Bergrede" macht er den programmatischen Satz: Meine Mission besteht nicht darin, das Gesetz und die Propheten (= Weissagungen) aufzulösen (d. h. ihrer Geltung zu berauben), sonder» vielmehr darin, Gesetz und Propheten zu erfüllen, d. h. zn vervollkommnen, die schon bei den Propheten begonnene Ergänzung und Verinnerlichung (vgl. z. B. 5. Mos. 23,1 mit Jes. 56,3- Joel 2,13) zu ihrem organischen Abschluß zu bringen. Für diesen ideengeschichtlichen Zusammenhang hat freilich ein Dinter kein Sensorinnr. Sein zweiter Hauptausgangspunkt ist die Tendenz, das „G e i st ch r i st e n t u m" in einem unerwartete» Sinne herzustellen. Für Dinter ist dabei „Geist" nicht Ideenbcsitz und Fähigkeit zur logischen Verknüpfung der Dinge. Bei seinem Reden von „Geistchristentnm" ist er vor allem von seiner Neigung zur „Intuition" bestimmt, von jener neuerdings vielgepriesenen unmittelbaren .Gewißheit, die in der wissenschaftlichen Psychologie keinen Platz hat, sondern nur im Dämmerungszustand gewisser Philosophen ihr Wesen treibt. Denn Dinter kann nicht genug vom „Schauen" (S. 201) sprechen, um sein Geistchristentum (S. 207) zu empfehlen. Für dessen Beschaffenheit ist aber ferner der spiritistische Einschlag grundlegend, der in dasselbe verwÄt ist und der Dinter zu de» Aposteln der S e e l e n w a n d e r u n g macht (S. 217). Seit Jahrzehnten, so behauptet er, „ist dieser Geist der Wahrheit in dev Geistlehre am Werke" (S. 218). Wiederum welche Zusawmenwerfung der Begriffe! Den» der „Geist der Wahrheit" ist selbstverständlich die Kraft der Wahrheit und ihr Streben, den Sieg über den Irrtum davonzutragen. Welche Verwechslung der Begriffe, wenn dieser Geist der Wahrheit in einem Atem mit der „Geistlehre" genannt wird, welche eine Wiederverkörperung oder Re'inkarnation (S. 217) der Geister voranssetzt! Und diese quellenwidrige Aufpfropfung der Seele nwan der ungslchre auf das biblische Christentum soll dessen „unverfälschte" Gestalt Herstellen! Gibt es noch eine Unnatürlichkeit, die von der antisemitischen Tendenz nicht zur Welt gebracht wird? Erst „die Sünde wider das Blut", worin Blut und Gemüt verwechselt wurde, und jetzt nun die Verquickung von biblischem Christentum mit Seelenwan dcrnngslehre! 3. Endlich mutz leider auch noch dies ans Licht gestellt werden, wie sehr bei dieser „neuen Darstellung des Evangeliums" der Antisemitismus den Griffel geführt hat. Denn da kann e r st e n s nicht oft genug von der „a l t t e st a m c n t a r i s ch e n L ü g e n l e h r e" gesprochen werden (T. 206 f. nsw.). Aber sollte man es für möglich halten, daß jemand über den Wahrheitsgehalt der mosaisch-prophetischen Religion spräche, ohne daß er den erschütternden Kampf der Propheten für die Wahrheit ihrer Verkündigung mit erlebt hätte? Denn wer von der „Lügenlehre" dieser Männer zu reden sich erlaubt, der kann doch noch nicht folgende Sätze Jesajas gelesen haben: ,<Wehe denen, die das MW ~r RL A. KLEIN automobile a Eisenacher Str. 111-112 Telephon: Nollendorf 6660—61 Hauptstr. 81-82 Unter den Linden 42 Telephon ztr. 9409 Telephon: Rheingau 0450—9456 KurfUrstendamm 1 Telephon: Lülzow 1683 Genera I-Verfretung i PERSONEN WAOEN: : 20 ps Aga 9/30 ps Presto '2/40 ps Steyr ecyi. 17/£0 Pß Dux LASTWAGEN: Magirus Vomag s. 4, ««> La W. Da 3(0

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