Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 14 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Oeh Reich komme! Eu chiliastischer Roman ans der Zeit Rembrandts und Spinozas von Felix A. Theilhaber. Berlin 1424. C. A. Schwetschke & Sohn, Verlagsbuchhandlung. 8. 171 Seiten. Preis gebunden 4,30 M. „Miniaturen aus dem Amsterdam des Jahres 1650“ wäre der passendste Titel ftfr dieses Buch, das sich weder einer Stilart noch .einer Kunstrichtung einordnen läßt. Es ist nicht Roman, denn dazu fehlt die Einheitlichkeit der Handlung, der Floß der Entwicklung, das Anschwellen und Abebben, der Anfang und das Ende; es ist nicht Geschichte, denn die Vorgänge sind erdichtet, die Worte der handelnden Personen von der Phantasie des Verfassers ihnen in den Mund gelegt; und ea ist nicht Drama, da die Gespräche mit Briefen und stellenweise auch mit Schilderungen abwechseln. — Ganz fern ist es dem Expressionismus, da kein Teil des Gestalteten aus sich heraus lebt, da keine Persönlichkeit Handlung erschafft und Gewolltes zur Tat werden läßt. Und ebensowenig kann von naturalistischer Wirklichkeitsphotographie und schürfender Kleinmalerei wie von der verwandten Blitzlichtbeleuchtung eines liebevoll vertieften Impressionismus die Rede sein. Und doch steht es diesem am nächsten; aber es läßt kalt wie eine Folge von Kinobil-dem, denen die sensationelle Spannung fehlt. Es fordert zum Vergleich heraus mit Strindbergs historischen Miniaturen; aber zu seiner eigenen Ver-Urteilung, denn in keinem einzigen seiner 24 Kapitel nähert es sich der bedeutungsschweren Rundheit und farbenprächtigen Geschlossenheit der Strindbergschen Geschichtsbilder, Obwohl gerade die Zerrissenheit und Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Abschnitte nur durch edel geformte, in sich ruhende Bedeutsamkeit eines jeden erträglich, ja sogar möglicherweise besonders fruchtbar würde. Und so halte ich die Form des Buche« schlechtweg für verfehlt. Daß -es trotzdem manchem Leser etwas geben kann, liegt <an der Größe des gewählten Vorwurfs, an der Bedeutsamkeit «der handelnden Menschen, an der fesselnden Bewegtheit jenes vom beginnenden Frühkapitalismus und den Stürmen humanistischer Aufklärung durchrüttelten Zeitalters. Und welchen Juden besonders packte nicht immer wieder jede Darstellung des in der Weltgeschichte unerhörten Vorgangs der Rückkehr vieler hunderte seit langen Jahrzehnten getaufter, in der christlichen Welt zu vielen Ehren angestiegener Marrannenfamilien zum Judentum. Zu einer ihnen durch Bildung und Erziehung gänzlich fremden, in ihrer heiligen Sprache nur selten verständlichen, von starren Formen streng beherrschten, übereil in der Welt geächteten und verfolgten Religio ns- und Volksgemeinschaft. Aber es ist ein Wagnis, sich an eine so große Aufgabe herlanzutrauen. Zumal in Kolbenheyers Spimozaroman „A rno D e i“ ein stilistisch und darstellerisch schwer übertreffbares Vorbild vorhanden st. Offenbar wollte Theilhaber im Gegeneatz zu dem Entwicklungsroman Kolbenheyers. der das Werden und Wachsen der Persönlichkeit Spinozas, bespiegelt von dem farbigen Hintergründe des Amsterdamer Lebens jener Tage abschildert, die Erlösungssehnsucht der jüdischen Menschen jener Tage gestalten, die Messiashoffnung, den Glauben tan den falschen Propheten Sabbatai Zwi, und darum gab er •einem Buch den meiner Ansicht nach viel zu anspruchsvollen Untertitel: Ein chiliastischer Romani Es gelang ihm nicht, die Judengemeinschaft Amsterdams in ihren verschiedenen Persönlichkeiten von den Rabbinen Menass* ben Israel und lAboab, den Kaufleuten und Dichtern Beimonte, Acosis und Pereyna bis zu dem Arzt Roccamora und dem abtrünnigen Sonderling Spinoza zu einer Einheit zusammenzuschweißen und zum Helden zu gestalten. Das Sehnen und Erleben, das Handeln und Leiden dieser Geeamtperstalfchkeä, deren einer extremer Exponent nur Spinoza wäre — das wäre ein lockender Vorwurf für einen Meister der Schilderung und Sprache, das gäbe ein k&stBches Heldenbuch, einen wahrhaften Roman . . . Dazu langt aber die weit mehr wissenschaftliche de künstlerische Begabung Thedlhaber« nicht, die daher im Historischen zuverlässig und interessant bleibt, es aber zu keiner Einheit bringt. Schoo die Kapitel vom Untergang Rembrandts fallen ganz aus dem Rahmen dies übrigen und stehen lediglich im losen Zusammenhang der Gleichxeitigkedt Aber auch alles übrige erhebt sich nicht Aber den Rang einer fesselnden kurzen Skizze, ohne sich zwanglos zum großen Mosaik zusammenzusfügen. Eine kurze Wiedergabe des Inhalts ist daher unmöglich, von Handlung, Entwicklung und Fortschritt des Ganzen kann keine Rede sein. Darum möge als Stilprobe eine, den liberalen Leser besonders interessierende Stelle des 17. Kapitels, die Spinoza in den Mund gelegt ist, zum Abschluß dieser Betrachtung hier ihren Platz finden. „Das Streben nach Wahrheit ... ist ein Gottsuchen. Der ganze Inhalt der jüdischen Geschichte ist ein Kampf um diese Erkenonis ... Es sind schon oft Gesetze beseitigt worden. Mußten unsere Väter nicht auch die Opfergesetze schon früher fallen lassen? Hat man nicht ganz spät die Einehe eingeführt? Das beweist die Tatsache, daß jede und auch die jüdische Religion wandelbar ist in ihren Vorstellungen und Geboten . . Erschüttert ist die Vernunft worden, dies göttliche Geschenk, dies göttliche Licht, Sie wird toten Buchstaben, welche menschliche Schlechtigkeit und Unzulänglichkeit verfälschte, unterworfen! Ist es nicht ein Verbrechen gegen den Geist des göttlichen Wortes, wenn man das Denken und Forschen als verderbt, blind und schädlich hinstellt? . , .Muß denn jedes Wort in der Bibel wörtlich aufgefaßt werden, selbst wenn die Ueberliefernden sich nicht so und so oft verschrieben und geirrt hätten? . . . Keine Nation hat so viel gedacht und kein Volk der Erde so viel geschrieben, gesprochen, so viel Herzblut dahingegeben, um Gott zu erkennen. Aber wir sind auf einem falschen Weg. Wir haben, um unser Volk zu erhalten, die Vernunft in Fesseln gelegt, Zäune aufgerichtet, damit unser Haus erhalten bleibt. Aber die Zäune sind mauerartige Gebäude geworden, die Grenzen besetzen, über die es kein Hinaus gibt. Und die Zäune, die wir gezogen, haben dem Wissen und dem Forschen Fesseln angelegt und den Flug ins Weite benommen. Maimonides ging zu weit, als er die Theologie unter die Herrschaft der Vernunft stellen wollte, und seine Gegner irrten. Die Vernunft ist das Reich der Wahrheit, die Theologie aber das Reich der Frömmigkeit und des Gehorsams. Die Offenbarung mag uns die Art und Weise des Gehorsams oder die Lehren der Frömmigkeit und des Glaubens bezeugen. Dazu soll die Offenbarung dienen, weil die letzten Rätsel der Welt nicht offenstehen und das natürlich« Licht der Vernunft nicht das Letzte Problem erkennen läßt . . Dr. Erwin Seligmann-Frankfnrt a. M. Nichtjuden über den Kulturwert des Judentums. 1. Folge. 1924. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Max Hickl, Brünn- Wien. Als erster Band der von Rudolf Seiden herausgegebenen Sammelbroschüre.Judentum—Judenvolk—Judenland" erscheint gerade zur rechten Zeit das vorliegende Bändchen. Es sind nicht die schlechtesten Namen der Wissenschaften und Künste, die sich in ihm über Juden und Judentum äußern und uns in dieser Zeit der Massenverhetzung das Bewußtsein geben, daß •jbotxdem und aHsdem“ geistige Kräfte wirksam sind, um eine gerechte Beurteilung auch Juden und ihren Leistungen zuteil werden zu lassen. Schriftsteller wie Bloem, Conrad, Frhr. v. GkÄchen-Rußwurm, Carl Hauptmann, Salus und der Tiroler Kranwitter, eia Künstler von Weltruf: Ferdinand Gregori, und Leuchten der Wissenschaft, wie Kinkel, Möller, Tönnies, äußern sich in begeisterten Worten über kulturelle Bedeutung und Kulturwert des Judentums. Daß einige von ihnen die national jüdischen Bestrebungen besonders begrüßen, was dem Herausgeber offenbar recht erwünscht ist, ändert nichts an der grundsätzlichen Bedeutung ihres Urteils. Dr. jur. Julius Woyda-Bremen. (Ata d. R 4. EtnM der sch6nsten Kapitel de« Heftchen«, einen GelogenheitsbcMrag 4m verewigten Carl Hauptmann, veröffentlichen wir mit freundlich« Genehmigung de« Verlage« Max Hickl-Brfinn im Feuilleton der hantigen Nummer. Die Broschflre wird in Deutschland von M. W. Kaufmann- Leipzig, Brflhl 8, auigeliefert.) M. D. Georg Langer: Die Erotik der Kabbalah. Prag, 1923. Verlag: Dr. Josef Flesch. 167 Seiten. An diesem Buche ist ein Gutes, es gibt auf einigen Seiten in gedrängter Kürze eine geschickte und brauchbare Zusammenstellung der kabbalistischen Lehre von den Sephiroth, Derlei Darstellungen sind nicht überflüssig. Das 19, Jahrhundert hatte in seiner einseitig-rationalistischen Einstellung für das Schöne 'n den Gedanken v r Kabbalah gar kein Organ gehabt, und es ist schon berechtigt, wenn da eine Ehrenrettung vorgenommen wird. Nur soll man sich vor der Ueberwertung hüten. Schlimm aber, wenn diese Ueberwertung noch verbunden ist mit der Verzerrung und Uebersteigerung gewisser in der Kabbalah vorhandener Motive. Das vorliegende Buch kreist um den Gedanken, daß „Eros der Bote ist, durch den uns Gott die Thora noch vor der sinaitischen Offenbarung geschickt hat." Was hesolcher Betrachtungsweise herauskommt, ist beispielsweise der folgende blasphemische Satz: „Der Gedanke des sexuellen Aktes in seiner höchsten Reinheit ist der geheime Urgrund der Thora und der Offenbarung Gottes." Das Freudsche Svstcm scheint dem Verfasser eine zweite Thora geworden zu sein, alles führt er auf verdrängte Sexualgefühle zurück. Nicht einmal dir. Buchstaben des Alphabets bleiben ungeschoren, :iuch sie spiegeln unbewußt sexuelle Gefühle wieder. Wie? Ja, wenn man das wissen will, muß man's schon nachlesen. Daß bestimmte Ritualhandlungen nur für den Mannn geboten und erlaubt sind, erkläre sich daraus, daß eine mann-weibliche und eine mann-männliche Erosrichtung miteinander ringen und in ihnen der gelegentliche, ins Ethische gewandte Sieg der zweiten Richtung widerstrahle. Ueber ,derlei Träumereien braucht man sich nicht zu ärgern, man kann auch lachen. Aber ein rechter Zorn muß über einen kommen, wenn man wieder Redewendungen begegnet wie der von „Hans Blühers vornehmem Rassenantisemitismus". Dazu kämpft man unermüdlich gegen die Niedrigkeit und Gemeinheit der Gesinnung, die den einzelnen nicht von seinem Charakter, sondern von seiner Rasse aus beurteilt, damit jemand dann noch eine Art solcher Einstellung als „vornehm“ halb entschuldigt 1 Diese eine Wendung schon richtet das Buch. Dienemann-Otienbach a. M. Werbt neue Mitglieder! Der Berliner Auflage liegt ein Prnsvett der Kunstgemeind« de« Mittel, standes bei. in welchem dieselbe zur Teilnahme an eine« vorstellungs-SHUs» für fast sämtliche ersten Berliner Theater ei'ladet. Die Preise find außergewöhnlich billige, nämlich Parkettplätze M. I.öv, 2.26, 8.00. An zwei unserer Synagogen sind die M«ua*orenstf t» Hem zu besetzen. Es handelt sich um eine Synagoge nach neuem und eine Synagoge naefi altem Ritus. Geeignete Kandidaten mit ausgiebigem, gui geschultem Stimmmaterial, besten musikalischen Kenntnissen, insbesondere der Fähigkeit, mit Chor resp. auch mit Orgel vorbeten zu können, gründlicher Kenntnis der hebräischen Sprache und der Liturgie sowie Routine im Vorlesen aus der Torah, wollen sich mit beglaubigten Zeugnisabschriften bis zum 25. Mai 1924 beim Unterzeichneten Vorstand schriftlich melden. Für beide Stellen ist außerdem der Nachweis zu erbringen, daß die Befähigung zur Erteilung von Religionsunterricht oder zur Tätigkeit in den Gemeindebüros vorhanden ist. * Berlin, im Mai 1924. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. 1 iad Har »bürg Hotel und Pension K Henoit Emst Astest! v imals „Bellevue" iTacbtvole Z mmer mit ftießt-udem Wasser Vur/.iigliche Verpfh ruh;! — Telefon Nr. 15. - Garacro :'or Max Ohrenstein Freienwaldea.0. Größter nnd ältester B: deort dcr.Prov, Brnn “erhurg Fernruf: Nr. 1 nnd 113 “ Sommerfrische Kurhaus u. Villa Helene nebst 4 Logierhänsern, vollständig renovie t. Eigene Konditorei. Täglich Konzerte u. Reunion*. Verpflegung gut ut.d reichlich Pension m. Zimmer von Mk 6,5) an. 20 verschließbare Antogaragen Autoverkehr: l1/, Stunde von; eriin. H.ilinverkehr: Stettiner Bahnhof über Eberswalde. Rudolf Trapp Hergestsllt unter Aufsicht des Rabbinats der Kaschruth-tvommission der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. 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