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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-16 · 14 (16.5.1924) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
14 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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4. Hahrgang Nummer 14 S. Vellage IS. Mai 1924 IWchliberaleZeilimg Die kritische Lage der jüdischen Emigrationsgemeinden. Die Annahme der Johnfon-EimvanderuuaS-Bill bnrch Repräsentantenhaus und Senat des amerikanischen Koogresses hat besonders die Lage der jüdischen Emigration-- bewegung in ein kritisches Stadium treten lassen. Bekanntlich sieht diese Bill eine Iahcrseinwanderungsquote von 2 Prozent auf Grund des Census jedes Landes vom Jahre 1800 vor. Abgesehen davon, daß ein« Quote von 3 Prozent an sich nicht viel ins Gewicht fällt, bedeutet die Zugrundelegung des Census vom Jahre 1890, als die Emigration cn» Osteuropa, also aus den hauptsächlichen jüdischen Emigra» tionsläudern. noch ganz in den Anfängen lag. geradezu schon eine Unterbindung der jüdischen Emigration nach Amerika überhaupt. Und dies in einer Zeit der Berelenlmna der jüdischen Massen in den osteuropäischen Ländern. In verantwortlichen jüdischen Kreisen hat die nene Lage Anlaß zu ernsten Besorgnissen gegeben. Der I. T A.-Bertreter ergriff die Gelegenheit der Anwesenheit des Herrn Leo Motzkin in Berlin, um ihm, der als Vorsitzender deS Ereeutio-Kvmiiees der jüdischen Welthilfskonferenz, die an der jüdischen EmigrafionS.Zentrale im hohen Matze beteiligt ist, »nd alS Generalsekretär deS Komitees der jüdischen Emigration stch befassen mutz, über die neue Wendung zu befragen. Herr Motzkin bestätigte, daß die Annahme der Johnson- Bill bei allen denen, die sich mit allgemeinen jüdischen Angelegenheiten abgeben und Tag für Tag das Bild der jüdischen Katastrophen vor sich haben, die größte Bestürzung hervorgerufen hat. Die in Betracht kommenden jüdischen Kreise und Institutionen diesseits und jenseits des OzeanS widmen seit vielen Jahren der Emigrationsfrage die größte Aufmerksamkeit. Bekannt ist der energische Kampf Louis Marshalls einerseits und des amerikanisch-jüdischen Kongresses andererseits gegen die Jmmigrationsbeschrankungen. In Europa hat schon im Jahre 1920 das Komitee der jüdischen Delegationen, das seit Beginn der Friedenskonferenzen ln Paris seinen Sitz hat. ein Memorandum an die erste Vollversammlung des Völkerbundes gerichtet, in dem ersucht wurde, aus die Negierungen der Jmmigrationsländer. insbesondere der transozeanischen Länder, in dem Sinne einzuwirken. daß wenigstens den durch Pogrome und Verfolgung zugrunde gerichteten Juden Osteuropas gewisse Erleichterungen gewahrt werden sollen. Dieses Ersuchen bezog stch »«nächst mehr ans jene Länder, die trotz ihrer sonst juöenfreundlichen Haltung gegenüber der Einwanderung hermetisch verschlossen waren, als auf die Vereinigten Staaten, die damals noch eine verhältnismäßig starke Immigration zuließen. Wallach, tatt brachte Me Grüße «ch ifftiMiilte fttt Lehrerschaft Rhet»la»d^Seftfal«ÄNeherr-et» tmt4 Me Solistin unsere» Chore», Iran V «l»1 y. welche. Me Ata* famfeil* von Brahm» i» to«schb»er Weise vortrug, «mrde Me Feier besonderverschönt. Al» Vertreter her frühere» «nd jetzigen SEer feierte Herr P. Kanfma« sei»«» Lehrer, indem er seinen Worte» de» Text j» •nute legte: »Wer in der Absicht lernt, «m m lehren, »er alter lernt t» der Absicht m» auszuüben. de« gelingt es a» lerne», m lehren und airSzuÜben". Allgemeine» Beifall ftwte» feeaUI diese Worte an» dem Munde seiner frühere» Schüler. T»e Vertreterin de» Schülerbnnbe». An«, Katzenstet«, sprach dem Gründer und Freund« de» Verein», de» langjährigen Ehrenvorsitzenden, in «arme» Worte» ihre» Dank anS. Herr Oberkautor Stiobel sang «U tiefe» Empfinde» den Psalm „Gott ist mein Hierauf ergriff der Jubilar selbst da» Wort »nd führte t» bewegte» Worte» ans. daß dieser Tag für ihn ein Dag der Sammlung und Prüfung sei. ob er allen Anforderungen in seinem Berufe gerecht geworden. Er bat da- Elternhaus um volles Verständnis für die religiös« Erziehung der Kinder, damit ein frommer Glaube deS Daseins harte Not versöhn«. Er dankte dem Vorstande fitr das Wohlwollen trnfc die Geneigtheit seiner öqoooooooooöööööSdoooooO^ An unsere Mitglieder und Abonnenten! I« diese« Tage« beginnen wir damit, die «och ansstehenden Beitrüge für das 2. Vierteljahr 1924 durch Postnachnahmen eins «ziehen. Wir bitte« dringend, die vorgelegte» Nachnahmen restlos einznlSfe«, damit in dem Bezug der Zeitung keine Unterbrechung eintritt. Insbesondere unsere Jugend mache« wir darauf aufmerksam, daß von de« Mitgliedern der „JUS" ei« Betrag von Mk. 1.— zuzüglich Mk. 0.50 Spesen für de« Bezug der Zeitung erhoben wird! Bereinigung für das liberale Judentum E. B. D i ck m a n n, Generalsekretär. cxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx> Seit diesem Appell, der auch in den Publikationen des Völkerbundes erschienen ist, sind Jahre vergangen. Hin und wieder sind kleine Erleichterungen erfolgt, wie z. B. für beschränkte Gruppen in Kanada. Im allgemeinen ist jedoch bas Problem auch noch vor Annahme der Johnson-Bill ein hartes geblieben. Nach deren Annahme gar sieht sich öaS Judentum, das zum Wandern gezwungen ist. vor eine Katastrophe gestellt. Unwillkürlich richtet es die Augen auch auf die internationale Emigrationskonferenz, die auf Initiative der italienischen Regierung etnberufen worden ist und in Rom am 15. Mai stattfindrn wird. Es ist nur natürlich und gerecht, daß zu dieser Konferenz, obschon sie sich sonst «ach Staaten zusammensetzt, auch die jüdischen Organisationen etugeladen worden sind. Die Heren Aberson und Dr. Tiom. ktn werden die Organisationen vertreten, denen ich durch Mitarbeit nahestehe. An sich hat zwar die römische Konferenz rein emigrationstechnische Ziele, die sich auf die Jneformatton, Rechtsschutz. Beföröernngsfragen beziehen. Allein da burch die Einwanderungsbeschränkungen der überseeischen Länder außer den Juden auch andere Nationen, wie z. B. Me italienisch« betroffen sin-, so ist eS wohl wnhrfcheinltch, baß auch das Problem der Einwand ernngSmöglichkeiten unwillkürlich zur Sprache kommen wird. Vielleicht wird hei -teser Gelegenheit den Jnrmigrationsländern rnchegelegt werden, bestimmte Beschränkungen aufznheben oder abzuschwächen, vielleicht werden auch neue Jmmigrationsländer festgestellt werden. Jedenfalls kann ein gemeinsames Vorgehen der tmmigrationsbedürftigen Länder von Nutzen fein. In diesen Tagen wird in Paris eine Beratung von Vertretern des EmigrationSdirektorinms und der Jüdischen Weltkonferenz ip Gemeinsamkeit mit den Vertretern des Komitees .der jüdischen Delegationen stattfinden, und eine gemeinschaftliche Marschroute für die zu machenden Vorschläge ansarbeiten, ehe die genannte Delegation nach Rom sich begibt. Ueberhaupt dürfte das Problem der jüdischen Wanderung auf den mehrfachen Konferenzen der aufgezählten zentralen Mischen Organisationen, die nacheinander in diesem Sommer stattfinden, einen sehr weiten Raum einnehmen. Denn die nnigrationStechnischen, wirtschaftlichen und politischen Fragen sind vielfach miteinander verquickt. Wj Aus den Gemeinden. sFortfetznng aus dem Hauptblatt.) Aachen: Herr Abraham Grüne bäum, der bewährte Religionslchrer unserer Gemeinde, konnte am 4. Mai auf seine fünfundzwanzigjährige. segensreiche Tätigkeit t» Aachen zurttckblicken. Gern ergriffen die Gemeinde, Freunde und Schüler diese Gelegenheit, ihre hohe Befriedigung darüber kund zu geben und der allgemeinen Empfindung dnrch eine erhebende Feier offiziellen Ausdruck zu verleihe«. Unter feierlichen Klängen des Harmoniums begab sich -er Jubilar, begleitet von seiner Gattin, an den für ihn geschmückte« Platz. Der Snnagogenchor — unter Führung seines bowShrten Dirigenren, Herrn Heidelberg — sang „Die Himmel rühmen" in achtenswerter Art. Hierauf trug eine elfjährige Schülerin, Elli Kamm, einen, vom Vater selbst Verfaßten Prolog t» herzlichster Weise vor. Herr Justizrat Dr. Franken, erster Vorsitzender der Gemeinde, feierte den Jubilar alvollgültige» Muster eines Lehrers und Beamten, -er in idealster Hingebung. in wahrer Frömmigkeit, durch Menschenliebe und Bescheidenheit —, durch reiches Wisse» «nd geistige- Borwärtsstreben seinen Lehrerbernf in JSrael erfüllt hat. — Die Glückwünsche der Repräsentanten überbrachte deren Vorsitzender, Herr Landgerichtsrat Dr.Rosenthal. HerrRabS. Dr. Jaulus dankte dem Jubilar für die Dienst, die er al» sein ,FSeggenosse" in fünfundzwanzigjühriger Amtszeit zn« Segen des Judentums vollbrachte. Auch die Chewra gstuilntz chasodim feierte Herrn Grünebaum in beredten Worten durch deren Vorsitzenden, Herrn Weißbecker, daß er die religiösen und humanitären Ziele des Vereins stets gefördert, — daß er in Trauerhäusern die Tiefgebeugten dnrch religiösen Zuspruch getröstet, daß er am Morgen der Erste war, der das Gottesbaus betrat, am Abend der Letzte, der eS verließ. — AlS Vertreter der Lehrerschaft sprach der Ortskolleae. Herr Wünsche, - iem-r Freunden und Schülern für di« rührenden Zeichen der Wertschätzung. Eine heilig« Stimmung mnfatzte die Zuhörer, alS ein Fraueuchor «Israels Segen" tu zarter, vollendeter Form vortrug, «nd es schien, alS wen« die Worte ,Ä>er Herr segne «nd behüte Dich" Herzenswunsch der gesamten Gemeinde feit Noch selten hat eine JubilLums-Feier in hiesiger Gemeinde mit solch' anfrichttger Teilnahme stattgefundeu. alS diese- »jährige OrtS-Jubilämu de» Herr» Grüuebanm, — der schönste und beste Beweis, daß er auf Grund seiner aufrichtig religiösen Gesinnung, verbunden mit einer hochherzigen Toleranz sich allgemeiner Beltovchett nicht allein in seiner Gemeinde, sonder« auch in der ganze« Bürgerschaft erfreut. Altdorf sBadenj. Der langjährige Gemeindevorsteher Isaak Laug ist gestorben. Er hat sei» Amt 43 Jahre lang bekleidet. Köln. An der hiesigen Unbversttät «erbe» Nr diesem Sommersemester zum ersten Male Vorlesungen über da» Judentum gehalten. Prof. Dr. Schestelowttz wind über ^Weltanschauung de» Judentums" lesen und Privatdozentin Dr. v. Ranke über „Hebungen gut Geschichte deS Judentums im Mittelalter". Mannheim. Die von der hiesigen Gemeinde veranstalteten Vorträge begegneten dem größten Interesse, wovon der stacke Besuch Zeugnis ablegte. Die Vortragsreihe soll deshalb im kommenden Winter fortgesetzt werden. In den Kreisen der Gemeindeverwaltung plant man den Erwerb eines eigenen Verwaltungsgebäudes im Zentrum der Stadt, in welchem auch den vielfachen Wünschen der Vereine nach einem Lesezimmer und weiteren Räumen für Vereinszwecke Rechnung getragen werden soll. München-Gladbach. Das geistige Leben in der Gemeinde stand in diesem Winter auf besonderer Höhe. Der Dank dafür gebührt mit zuerst der Initiative des Gemeindevorstandes. Der Vorstand selbst veranlaßt« eine Reihe von Vorträgen des Rabbiners Dr. Gelles, dir gut besucht wurden. Daneben sorgten die erst vor kurzem gegründete Walter-Rathenau-Loge sowie der „Verein jüdischer Bürger München-Gladbachs" für geistiges und geselliges Leben in der Gemeinde. Rhoden. Von antisemitischer Seite wurde der Gemeindefriedhof geschändet. Ilcht zum Teil wertvolle Grabdenkmäler wurden demoliert. Für die Ermittlung der Täter hat die jüdische Gemeinde eine Belohnung von 600 Goldmark ausgesetzt. Wyk aus Föhr. Das Heim für tuberkulös gefährdete jüdische Kinder wird voraussichtlich am 16. Mai eröffnet werdet. Der Pflegesatz beträgt für sechs Wochen ungefähr 126 Mk. Anfvageu sind a« den Israelitischen HnmanÄSren Franenvereiu Hamburg, Husumer Str. 1, zu richten. FEUILLETON. Neben Ahasver. Von Doris Wittner. Er war eines Rembrandtschen Pinsels wert. Wie er so da saß auf der Tcratecktcn Bank in dar grün umbuschten Einsamkeit des böhmischen Kurortes« mit dem mächtigen Haupt, der elfenbeingelben Stirn und den weißen seidigen Schläfenlocken, wirkte er weltverloren und erhaben. Etwas toh der brennenden Größe Moees au! dem Berg der Gesetzgebung umloderte ihn. In seinem Auge wohnte die Zeitlosigkeit des Wissens, und um seinen Mund lagerte die Ewigkeit dee Schmerzes. Und er hieß Jostaa ObstteQer. In dem böhmischen Kurort waren viele seiner Stammes- und Glaubensgenossen zusammengestrßmt. Wie vielfach in der Welt, haßten sie sich auf einer engen, ihrer Rasse eigens vorbehaltenen Bodenspanne dicht zusammen und füllten ihr Wohnviertel mit Lira, Verzweiflung und Gebet Fusg »Be wusea Ausgestoßene, durch den Zorn der Kriege und Staatsumstürze Landesvertriebene. Die Sprache der Politik und der Diplomatie nannte sie mit hüflkh glUtendras Fremdwort: „Evakuierte." Und ob sie nun asm Gehrten, Polen, Litauen oder den innersten Pteviasam Rußlands stemmten: ihr Schicksal war das Reiche* heimatlos und herdlos waren sie alle. Aber schließnch, was hieß das anderes als eine erneute Bestätigung »ehrteusend|lhrigsr Gewöhnung? Nach geraumer Zeit waren Me immer und überall „evakuiert'' worden. In den Ländern, die che Geburt der Sonne schirmten, wie in denen, wo das Gestirn des Tages erlosch. Unsichtbar trugen sie immer den Wanderstecken in ihrer Hand, und in ihren Blicken flackerte Unrast Dm letzte Jahrzehnt hatte furchtbare Erfahrungen unter sie geworfen. Gewiß. Aber doch keine neuen, die nicht ihre Väter und Vorväter auch schon gekannt und durchschritten hätten. Hunger, Verbannung, Entrechtung, Austreibung, Schmach und Greuel: bei Jehova! alles das war schon gewesen, von Aegypten und Babylon an. Vielleicht kam es von dieser selbstverständlichen Gewohnheit des Zermalmt- und Zertretenwerdens, daß der Schar der Opfer nicht immer die würdevolle Gebärde eignete, die man eigentlich von der Hoheit des Grams erwartet hätte. Trauer adele und heilige, wähnt der, der nicht trauert In dem Juden viertel des böhmischen Kurortes war nun von Adel und Heiligkeit nicht viel zu schauen. Heftig geführte Gespräche gellten mißtönend gegeneinander; ab und zu schmatzte eine Ruhepause, die der Atzung, der Genugtuung des Leibes, diente. Dann schollen wieder die aufgeregten, kreischenden Stimmen. Und mit der Dämmerung warfen sich die Körper gen Osten, in ehrfürchtigen Schauern vor dem Höchsten, dem, dessen Name nicht unnütz geführt werden durfte, und von dem es kein Bild gab, dem, dessen unerforschlicher Wille ihrer aller Qual gebot ... Jostia Obstteller aber hatte kein Teil an diesem Tun. Und Josua Obstteller ward gemieden von all seinen Brüdern. Jemand Fremdes setzte sich auf die Bank, worauf der greise Jude Zuflucht gesucht hatte. Josua rückte nicht zur Seite. Es schien, als gewahre er die Nähe eines Fremden gar nicht. Sein schwarzer Kaftan, der ehemals ansehnlich gewesen sein mochte, schimmerte. Das Messer der Zeit hatte ihn blank gewetzt. Weicher Sommerwind stahl sich mit schmeichelnder Schelmerei in das winterlich erbleichte Haar, das unter dem schwarzen Käppchen hervorquoll. Schwere Lider aber deckten die Augen Josua Obsttellers, diese Augen, hinter denen Träume und Gesichte, Vorposten der Seele, standen. Und diese Lider hoben sich nicht. Wußte Josua Obslteller vielleicht doch, daß ein Fremdes neben ihm atmete? „Woher kommt Ihr, ehrwürdiger Mann? Schürchtern zirpte die Frage durch die Luft. Da rührte sich eine Hand, die gemeißelt war von dem großen Bildner Schmerz, eine Hand, aus deren steinern weißem Gehäuse das Blut sich längst erschrocken geflüchtet hatte. Und zu dieser lebenverlassenen Hand trat eine Stimme, die schwer war von Ferne, ein Gefäß, klingend von Fremdheit. „ „Ich komme aus der Zeit und schreite in die Zeit. „Was ist die Zeit?" Wieder schwebte die Frage wie Grillenzirpen durch Mittsommertag. | „Zeit ist der Fluch, den, Adam hinter sich her schleppte, als er die Schwelle des Paradieses überschritt. Alles, was atmet, muß werden, sein und vergehen nach den Gesetzen des Stundenglases. Und der Mensch kennt den Fluch, weiß um sein eigenes Gesetz der Vergänglichkeit, fühlt den Wurm in seinen Knochen, noch ehe er nagt. „Und Ihr? Wer seid Ihr, daß Ihr seiner zu spotten scheint?“ , „Ich bin — das Leid. Das Leid, das größer ist als die Zeit, denn es ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich war und ich bin, und ich werde sein. Mir rinnt kein Sand. Wie ein wildes Triumphlicd klang c'as seltsame Bekenntnis. „Und wieso kommt es, daß Ihr Kleid und Sprache und Abzeichen des Volkes tragt, das dorten lärmt und klagt und Psalmen singt?“ „Weil ich die Seele des Volkes bin, das dorten lärmt und klagt und Psalmen singt. Auserwählt wurde dieses Volk, als Leid gestaltet, die Zeit zu besiegen. Israel ist das Leid, der Pilger aus Ewigkeit zu Ewigkeit. „Euer Name und Beruf in der Welt? „Heute heiße ich Josua Obslteller, morgen werde ich vielleicht Isaak Lustgarten heißen. Was verschlägt s? Vielleicht hieß ich einstmals Kartaphilos, und vielleicht werde ich dereinst Elia Himmelfahrt heißen. Mein Beruf? Vielleicht war ich einstmals ein Schuhmacher von Jerusalem oder der Türhüter eines Römlings, bin heute vielleicht ein Trödler und morgen ein Sterndeuter. Was verschlägt's? Mein Beruf ist, Wanderer zu sein." Die Stimme fragte nicht mehr. Auch dann nicht, als längst die Dämmerung gesunken war und der Schaltern iß des Greises langsam hinausschritt aus dem engen Kaum in eine wesenlose Weite. Vielleicht ging „Josua ObstteUer jetzt umher unter seinen Volksgenossen, die seiner nicht achteten, und deren er nicht zu achten brauchte, weil sie ja in ihm waren. Wo er auch weilte, er ließ sie nicht, sie ließen ihn nicht. Den Fremden auf der Bank fiel ein Frost an. Hatte eine Gruft sich geöffnet, oder warum roch es plötzlich nach Moder, nach Blut und Tränen? Er schloß die Augen. Da war der feindliche Hauch verweht. Und die Erkenntnis flog dem Fremden zu: er hatte auf einer Bank mit Ahasvern» gesessen. Tönende Leere sang ringsum. Gegen «inen erblassenden Nachthimmel aber zeichnete sich die drohende Silhouette des ewigen Wanderers ab ... In dieser Nacht ward in einer böhmischen Grenzschenke der jüdische Althändler Josua Obstteller ermordet. In dem Judenviertel des böhmischen Kurortes aber kam nächsten Morgen ein neuer Sonderling an, den die Masse mied, weil er eigene Wege suchte. Er ward als Isaak Lustgarten gemeldet.

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