Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 13 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 13 Beilage 9. Mat 1924 JüdischliberaleZeiding j ♦»HM» Die jüdische Gegenwart. |»»<»»»MMM»MM»»«»»»M»»«»H»»M»»M»»»M»»M»»W» Das Ergebnis der Reichslagswahlen. Die Wahlen -um Deutschen Reichstag haben, wenngleich eine Stärkung der antisemitischen Parteien unverkennbar ist. Loch nicht ganz das Ergebnis gehabt, das die Völkischen für die neue Volksvertretung erhofften. Den 96 Deutschnatio- «dien, die sicher mit den 9 Landbündlern eine Fraktion vilben werden, und 82 Abgeordneten der Völkischen stehen immerhin 100 Sozialdemokraten. 28 Demokraten, 44 Volksparteiler, 68 Zentrumsabgordnete und 5 Deutschhannoveraner als Parteien der Mitte und 61 Kommunisten als radikale Sinke gegenüber. Dabei dürfte zu berücksichtigen fei«, daß in alle» mit jüdischen Dingen nicht in Berührung kommenden fragen die Deutschvölkischen als revolutionäre Partei gegen die Deutschnationalen stimmen werden. Welch« Regiemrngsbtlduna in Frage kommt, labt fick im Augenblick noch nicht klar übers eben. Soviel aber ist sicher. Latz eine »nttsemittsche Regierung nicht in Frage kommt. Sollte jedoch die Bürgerblock-Negierung. für die allerdings beim Zentrum und bei den Demokraten wenig Neigung zu beheben scheint. Wahrheit werden, sv werden die den Antisemitismus ablehnenden Parteien alle Mühe haben, eine antisemitische Tätigkeit der den Deutschnationalen vorbehalitntn Refforts zu verhindern oder wenigstens zu paralysieren. Sollten sich di« Deutschnationalen mit dem Landbund gufammenschließen. so bilden ff« die stärkste Fraktion des neuen Hauses. In dieser Erwartung haben sie auch bereits ihr« Ansprüche auf den Posten des Neichstggsvräfföenten geltend aemacht. Bisher bekleidete diesen Posten der sozialistische Abgeordnete Loebe-Breslau. der sein Amt mit allgemein anerkannter Objektivität ausübte. Bei einem deutschnationalen Präffdenten besteht jedoch die starke Gefahr, daß er nicht seinen ganzen Einfluß gegenüber antisemitischen Rüpeleien zur Geltung zu bringen vermag. Daß diese nicht ausbleiben werden, ist angesichts der Siegeshymnen der antisemitischen Parteien leider nur zu gewiß. Uoberhaupt — und das betrifft uns bei diesem Wahlergebnis am meisten — werden die Antisemiten eine starke Aktivität in bezug aus eine anMüdische Gesetzgebung entwickeln und werden ihren Berleunrdungen von der Tribüne des Reichstags aus größere Wirksamkeit zu verleihen versuchen. Daß jedoch antisemitische Anträge und Gesetzentwürfe durchdringen werden^ ist bei der feststehenden Zusammensetzung des Reichstags nicht zu befürchten. B. W. Wahlen in den jüdischen Gemeinden Württembergs. Auf Grund der n«uen Verfaffung der israelitischen Reli- -ümSgemeinschaft in Württemberg müssen im Mai d. Js. sämtliche Kirchenvorsteher neu gewählt werden, außerdem finden die Wahlen zur Lanöeskirchenversammlnna statt. Beide Wahlen sollen in sämtlichen Gemeinden am Sonntag, -e» 18. Mat IS., vorgenommen werden. Wahlberechtigt bei beiden Wahlen sind ohne Unterschied -eS Geschlechts diejenigen Gemeindemitglieder, die am Wahltaa das 21. Lebensjahr vollendet haben. Kulturkampf und Anttsemitismus. DaS führende Zentrumsorgan Westdeutschlands, dt« ^Kölnische Volkszeitung", wendet sich in längeren AussAHremge» gegen die Hetze der Deutschvölkischen, die sich in gleicher Weise gegen das Judentum wie gegen das Christentum richtet, und führt im einzelnen aus: »Wenn wir diese Erscheinungen historisch betrachten, io flehen wir, daß das, was heut« von de» Deutschvölkischen auS religiöse» und ethischen. auS nationale» und raffenpolitischen Gründen den Inden und dem Judentum vorgeworfen wird, Während der Zeit des Kulturkampfes den Katholiken und der katholischen Kirche vorgeworfen wurde. .. Wie heute bet den Deutschvölkischen der gesamte nationale und weltanfchavltche Kampf vielfach eingespannt ist zwischen Germanen und Semiten, sv war er vor 60 Jahren eingespannt zwischen Germanen und Ultramontanen, das heißt Anhängern der katholischen Kirche. Heute kann man in antisemittschen Organen oft lesen: die Juden arbeiten systematisch am Untergang Deutschlands. Während des Kulturkampfes hieß eS: »Der Ruin der Ratio« und des Vaterlandes ist daS Ziel des kUtramontanismuS." Ferner wird den Juden aus dem antisemitischen Lager immer wieder vorgehalten. sie hätte» ein heimliches Gesetz lden Talmud), das sie von allen Eiden, die Äe Richtjude» leisten, entbindet. — Beim Herannaheu des Kulturkampfes tu Preußen verdächtigte man üte katholische Kirche. fie rechne zu „ihrem Rechte" auch dies, „daß die - Untertanen des ketzerischen Königs von Preußen diesem Agenübex von jedem Eide, von Treue und Gehorsam auf .Grund Rechtens entbunden sind oder fein sollten und jeden Augenblick durch die Kirche entbunden werden können." PHP so könnten wir noch eine Reihe anderer Vorurteile **d Vorwürfe anführen, die heut in erster Linie den Juden, »vr Jahrzehnten ebenso den Katholiken gemacht wurden." Reichskonferenz der Gftjuden in Deutschland. ^®ra28. und 39. April fand iu Berlin eine Konferenz statt, die zur Gründung deS „Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland" führte. Au der Spitze seiner Exekutive steht Herr Josef Lin. Die Konferenz nahm ferner gtt alle» aktuellen oft jüdischen Frage» eingehend Stellung. Alb Ergebnis der Verhandlungen wurden nachstehende Resolutionen einstimmig angenommen: I. Die am 28. und 30. April 1934 im Repräsentautensitzungssaale der jüdischen (Gemeinde zu Berlin tagende ReichSkonserenz der Ostjuden i« Deutschland erkennt die Notwendigkeits eines feste» und bauernden Zusammenschlusses deS gesamten OstjudentumS in Deutschland zur Wahrung seiner rechtlichen, sozialen und kulturellen Jnteresien an. Sie erblickt in dem „Verband ostjüdischer Organisationen in Deutschland" die berufene Repräsentanz des gesamten Ostjudentums im Reich. IL Die Reichskouserenz der Ostjnden weist darauf hin. daß sich das in Deutschland lebend« Ostjudentum in keiner Weise in die politischen Verhältnisse Deutschlands vinmischt, lediglich die Wahrung seiner rechtlichen Interessen erstrebt und an der deutschen Wirtschaft produktiv mitwirkt. Die Konferenz erhebt schärfsten Einspruch gegen die gewiffenlose Ostjuden-Hetze in verschiedenen Teilen deS Reiches, deren Urheber vor keiner Entstellung und Fälschung der objektiven Tatsachen zurückschrecken. Die Konferenz erwartet, daß keinerlei Ausuahmebestiurmungeu t« Reich und Ländem gegen Ostjuden erlaffe» «erde». ui. Die Reichskonferenz erhebt feierlichen Protest gegen die in verschiedenen Ländern vorgekommenen Juden-Progrome und Berso-lgnngen, die eine Kulturschande und vin Hohn auf die elementarsten Grundsätze ^der Menschlichkeit sind. Die Reichskonferenz steht aus dem Standpunkt der Solidarität des gesamten Judentums und fordert deshalb die volle Gleichberechtigung der ausländischen mit den inländischen Juden innerhalb der^jüdischen Gemeinden. Die Reichskvnferenz erachtet es als eine heilige Pflicht aller Richtungen des Judentums, zusammen mit der jüdischen Arbeit in den Golusländern an dem Aufbau des jüdischen Palästinas entsprechend ihren Grundsätzen mit- , zuwirken. VI. Die Reichskonferenz erachtet es für notwendig, daß der „Verband ostjüdischer Organisationen in Deutschland" in engster Anlehnung an die berufenen Organisationen der deutschen Juden die Interessen der Ostjuden wahrnimmt, und dankt diesen Organisationen für ihre geleistete Arbeit. Jüdische Verschwörung gegen Frankreich. Die Pariser Zeitung „Libre Parole" vom 2. Mai polemisiert im Zusammenhang mit den Fragen des Sachverständigenberichtes gegen die Zusammensetzung der Organisationsausschüsse. insbesondere gegen die des Ausschuffes für die Goldnotenbank. In der Zusammensetzung Dr. Schacht- Sir Robert Kindersley, Präsident der Bank Lazard, erscheine, so schreibt das genannte Blatt. ,>die deutsch-jüdische Verschwörung auf der Grundlage des Eingreifens der internationalen Finanz. Alles das wird einfach hingenommen wie ein Brief von der Post." In Deutschland ist das Sachverständigen-Gutachten französisch-jüdisch, weil es angeblich franzosenfreundlich ist. In Frankreich ist das Sachverständigen-Gutachten deutch-jüüisch. weil es angeblich deutschfreundlich ist. Da finde sich noch einer zurecht! Der deutsche «Dybuk". Max Reinhardt bereitet hier die Aufführung von Sch. Anskys jiddischem Theaterstück „Dybuk" in deutscher Sprache vor. Das Stück wird im Reinhardt-Theater zu Wien ldem früheren Theater ak der Josefstadt) zur Aufführung gelangen. Der Schöpfer des Moskauer Künstler- Theaters, Stanislawski,, wird Reinhardt bei der Regie zur Seite stehen. Aus den Gemeinden. Ijj} Der Religionsunterricht in den Berliner Vororten. Warum wird es «ns so schwer gemacht? Es ist in unseren Spalten schon öfters die Frage behandelt worden, woraus die mangelhaften Erfolge des jüdischen Religionsunterrichts zurückzuführen sind. Bon fetten der jüdischen Religionslehrer ist dabei immer wieder betont worden, daß das geringe Interesse der Eltern, die ihre Kinder vielfach aus nichtigen Gründen vom Religionsunterricht zurückhalten, eine geordnete Durchführung des jüdischen Religionsunterrichts unmöglich mache. Auch die Gemeinden versuchen, sich mit dieser Einwendung weist zu entlasten. Wie verfehlt aber mitunter die Religions. schulpolitik der jüdischen Gemeinden ist und wie stark gerade auch in unseren Kreisen der Wille der Eltern ist, ihre Kinder» in den Ideen der jüdischen Religion zu erziehen, mag der folgende Brief beweisen: An die Redaktion der Jüdisch-liberale» Zeitung Berlin. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, folgende Angelegenheit einmal i» Ihrem gesch. Blatte zur Sprache zu bringen: Meine Kinder besuchen daS Oberlyzeum zu Zehlendorf. Ei» jüdischer Religionsunterricht wird dort nicht erteilt, sondern die Kinder müffen, um solchen zu genießen, zweimal wöchentlich nachmittagnoch einmal «ach Zehlendorf fahren. Die Kinder kommen n« Uhr ans der Schule, müssen »m %8 Uhr bereits wieder fort und kommen dann erst gegen 5 Uhr nach Haufer also ei« Zeitaufwand von fast 8 Stunden, »m X Stunden Religionsunterricht zu haben. Eist bereitvo« vielen Familie», die ihre Kinder zur Zeit privat oder. der erwähnten Uebelstände wegen, gar nicht unterrichte» lassen, bei der jüdischen Gemeinde angeregt worden, einen Religionsunterricht in Nikolassee einzurichten: die jüdische Gemeinde hat aber dafür anscheinend kein Verständnis. Es wird dauernd darüber geklagt, daß die jüdischen Eltern ihren Kindern nicht genügend jüdisches Wiffen vermitteln. Warum wird «S uns so schwer gemacht? Wannsee, 4. Mai 1924. Hochachtungsvoll Frau Betty Bruck. Wir halten die vorstehenden Ausführungen für durchaus treffend und sind der Ansicht, -atz diesem Uebelstand gar nicht schnell genug abgeyolsen werden kann. Sollte es sich nicht ermöglichen lassen, -atz -ie jüdischen Kinder von Wannsee und Nikolassee durch ein Abkommen mit der Potsdamer jüdischen Gemeinde einen Religionsunterricht erhalten können, der ihnen nicht den Aufwand von mehreren Stunden Fahrt aufbürdet? Berlin. Der Gemeindevorstand hat in seiner Sitzung vom 29. April einem Beschluß der FriodhofSkommtssion zugestimmt, nach dem auf dem Friedhof ein besondere- Feld, auf dem weder Aschenreste noch nichtjüötsche Frauen jüdischer Gemeind emitglieder beigesetzt werden dürfen, eingerichtet werden soll. Gleichzeitig wurde beschlossen, -aß auf dem Friedhof in Weißensee ein besonderer Urnenhain für die Beisetzung von Aschenresten angelegt werden soll. Breslau. Der Verband von Synagogengemeinden ber Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz hält am 25. -. MtS. im Gemeiwdehaufe seine regelmäßige Hauptversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht eine Anzahl wichtiger Berhandlungsgogenstände. Besonders interessiert die geplante Anstellung eines Bezirksrabbiners sowie eines Bezirkslehrers. Am 5. d. Mts. beging der frühere Stadtverordnete und Handelsrichter Max Oettinger mit seiner Gattin das Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar hat zahlreiche Jahre im Dienste der Stadt und anderer Institutionen gestanden und eine wertvolle und segensreiche Tätigkeit entfaltet. Oettinger hat auch unserer Sache volles Verständnis und regstes Interesse gewidmet. Am 9. Mai begeht der Kaufmann Isidor Rosenmann seinen 50. Geburtstag. Der Genannte bekleidet in BreSlau eine Anzahl von Ehrenämtern in Berufsunanderen Organisationen und ist innerhalb der Gemeinde seit Jahren in der Wohlfahrtspflege mit ausgezeichnetem Erfolge tätig. München. Der im Alter von 82 Jahren gestorbene Rentner und Land rat a. D. Michael Nußbaum fand im neuen ifrealitischen Friedhof die Ruhestätte. Eine große Schar Leidtragender, darunter Vertreter der Stadtgemeiwde München, Land- und Armenräte, eine Mordnung der Israelitischen Kultusgemvinde, Oberbürgermeister a. D. Geheimrat Dr. v. Borscht und Mitglieder mehrerer Vereine nahmen an der Trauerseier teil. Rabbiner Dr. Baerwald rühmte in der Gedächtnisrede die trefflichen Eigenschaften des stets hilfsbereiten, aufrechten Mannes. Oberlandesgerichtsrat Nenmeyer sprach im Namen der Israelitischen Kultusgemeinde herzliche Worte des Dankes und der Anerkennung. Kaufmann Weil beklagte für die Gesellschaft Concordia von 1838 den Verlust des beliebten langjährigen ersten Vorsitzenden und Ehrenpräsidenten. Für die München-Loge sprach Kaufmann Catmon. Unter den KränM waren Spenden von der Stadtgomeinöe München lArmenrat), von der Gesellschaft Concordia 1838 und von der Terraiugösellschaft München-Frieöenheim mit der Münchner Bau-Aktiengesellschaft. Im Stadtrat widmete Bürgermeister Schmid Nußbaum, der auch der Stadtgemeind« zahlreiche Spenden zur Linderung der Not übergeben hat, einen ehrenden Nachruf. Stuttgart. Auf dem israelitischen Friedhof ist ein Urnenhain neu angelegt worden, aus dem kürzlich die erste Beisetzung stattsand. Der Urnenhajn, für den ein besonderes Feld deS Friedhofs bestimmt ist, wird nach den sovgfälttg ausgearbeiteten Plänen hainartigen Charakter erhalten. Kalendarium für die Zelt vom s. bis lZ.Btoi. Mai 1924 Äjar 5684 Freitag 9. 5. Sonnabend 10. 6. Wochen-Abschnitt K'öoschim (3. B. M. Kap. 19—20). Haftarah: Amos Kap. 9. Sonntag 11. 7. Montag 13. 8. Taanis scheni. Dienstag 18. 9. Mittwoch 14. 10. Donnerstag 18. 11. Taauis chamtschi. Freitag 16. 12. Sonnabend 17. 13. Wochen-Abschnitt Emvr (3. B. M. Kap. 21—24). Haftarah: Ezechtel Kap. 44. Für die Redaktion unseres Blattes wird eine perfekte S4en»&ui»isiin gesucht. Nur eiue allererste Kraft kommt i» Frage. Bewerbungen mit Lebenslauf, Zeugnisabschriften und Angabe der Gehaltsansprüche sind an die Schviftleitung der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin W.8, Mauerstraße 22, zu richten. BAUMKUCHEN / PRALINEN LEIPZIGER. STR; 2%