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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-02 · 12 (2.5.1924) · page 12

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
12 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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BUCHERSCHAU Lesefrüdüe. Von Dr. M. Spanier- Magdeburg. \Vusichen jetzt im Zeichen Kant. In allen wU»en*chaltlichcn Kreisen wird am 22. April dieses Jahres der 200. Geburtstag dieses großen Königsberger Weisen gefeiert werden. Auch seine Beziehung zum Judentum wird von berufener Seite erneut eingehende Erörterung finden. Hier sei hingewiesen auf Karl Vorländers Werk: Immanuel Kants Leben (Leipzig 1921), dessen zweite Auflage dem Andenken Hermann Cohens, der am 4. Oktober 1918 das Zeitliche gesegnet bat, gewidmet ist. (Aus dieser einfachen Tatsache ersieht man die vorurteilsfreie Gesinnung des Verfassers.) Zu den Freunden Kants zählten u. a. Moses Mendelssohn, Markus Herz und Isaac Euchcl. Als Mendelssohn am 20. August 1777 Königsberg wieder verlassen hatte, schrieb Kant am selben Tage an Herz: ..Einen solchen Mann von so sanfter Gemütsart, guter Laune und hellem Kopfe in Königsberg zum beständigen und inniglichen Umgänge zu haben, würde diejenige Nahrung der Seele sein, deren ich hier so gänzlich entbehren muß, und die ich besonders mit der Zunahme der Jahre vornehmlich vermisse.“ Trotz alledem konnte Kant, der „Allgermanc“, sich von eingefleischten Vorurteilen nicht lossagen, denn in bezug auf Leasings Nathan urteilt er. daß er ,.keinen Helden aus diesem Volke (nämlich dem jüdischen) leiden" könne. Sein Lieblingsschüler war Marcus Herz, der Gatte der berühmten Henriette Herz, der in Berlin zur Verbreitung der Kantischen Philosophie wesentlich beitrug, Euchel, dem Mitarbeiter Mendelssohns, suchte Kant vergebens zu einer Lektorstelle des Hebräischen zu verhelfen. Er mußte ihm selbst als Rektor den ablehnenden Bescheid zugehen lassen, da statutengemäß selbst zu diesem Amte „das eidliche Bekenntnis zur christlichen Religion“ gefordert wurde. Am 3. März 1784 verehrten sie ihm, dem berühmten Manne, eine goldene Medaille, verfertigt von dem Medailleur Abrams o n in Berlin. Es verbreitete sich später, wie Vorländer bemerkt, „das törichte Gerücht, die .Berliner Judenschaft' hätte die Medaille auf ihn prägen lassen." Man kann sagen, daß der weitherzige Geist sich nicht auf der Wachtparade weist, der Geist von Potsdam ist nicht der Geist von Weimar. Wir lasen vor kurzem eine sehr interessante Schrift von Felix Prichatsch „Geschichte des preußischen Offizierkorps'' (Breslau 1919), die unserem eigentlichen Interessengebiet fernab liegt, nur einmal wird der „ersten Juden“ gedacht, die im Befreiungskrieg von 1813 befördert wurden, aber dennoch ist die Lektüre in verschiedener Beziehung lohnend; aber Esra würde sagen: Hamaskiel nicbin. Einer, der den Haß der Furien in sich verkörperte, der die Juden mit Stumpf und Stiel ausrotten wollte, war Eugen Dübring, der, fast 90jähxig, blind und taub, einsam und verlassen, in Nowawes vor zwei Jahren gestorben ist. Theodor Lessing kennzeichnet ihn in einem lesenswerten Schriftchen, betitelt „Dührings Haß" (Hannover 1922). Dühring, sagt Theodor Lessing, lief durch die Welt wie ein offenes Schwert. Jeder schnitt sich. „Ganz unsinnig schwoll sein Widerwille gegen Lessing" -- — „Unsinnig gegen Heine, dein einen Ritualmord nachzuweisen, er allen Ernstes unternahm. Oie Juden nannte er „Mosaiker und Hebr&iker“; . ■„iudsch^war sein verneinendstes Beiwort. Man konnte ein ttfMrWf1 'sMbstgeprägter Schimpfwörter ztrsammettstellen! -“-—Theodor Lessing möchte dem verbissenen Gelehrten gerecht Werden; er stellt Dühring „zum mahnenden Vorbild" hin. „Es ist die Verlassenheit und der Lebenstrotz, die Armut, der Mut, der Zorn, die Würde unserer Edlen, die wir abermals in deutsche Erde betten.“ Es ist eine alte Geschichte, die ewig neu ist und bleiben wird. So manches glänzende Talent, manches aufslrcbsame Genie ist durch die Ungunst der Verhältnisse, durch Mißachtung und Verkennung verkümmert worden. Mit freudiger Genugtuung können wir aber auch das Gegenteil verzeichnen. Man lese die schönen Lebenserinnerungen von Bruno H. Bürgel „Vom Arbeiter zum Astronomen“ (Berlin 1922). Auch dieser prächtige Mann stand „hart an der dunklen Klippe, von der aus so viele unbekannte Männer der Zeitlosigkcit hineinspringen. Da nahte der Retter in dem Astronomen und Direktor der Berliner „Urania“ Dr. M. W. Meyer. Bürgel schreibt p. 81: „Dr. Meyer stammte aus Braunschweig und war eines armen Glasers Sohn. Leuten, die in Polizistenart nach der Religion fragen, sei gesagt, daß er kein Jude war, obgleich seine Ablehnung alles dessen, was zopfig ist, sein scharfer Verstand, seine Menschenfreundlich, keit, sein universell-freiheitlicher Geist diese Vermutung nahelcgcn.“ Jüdische Liebeslieder (Volkslieder), übertragen und erläutert von Arno Nadel. Mit einer Notenbeilage. Verlag: Benjamin Harz, Berlin-Wien, 1923. VVcr des Jiddischen nicht kundig ist, hat es nicht leicht, die viclgcrühintcn ostjüdischen Volkslieder wirklich kennen zu ernen. Befremdende Aeußerlichkeiten der Sprache scheuchen auruck Da hat nun Arno Nadel, selbst dichterisch und musikalisch hoch hgabt. dreißig Liebeslieder den großen Hauptsamm- DnÄ?n '.on Ginshurg-Marek, J. Z. Cahan und dem Wilnaer ..nnkes (1913) entnommen, eine hochdeutsche Uebertragung den Originalen gegenübergcstellt und seine in das Wesentliche icdes Gedichts einführenden Bemerkungen im Anhang angefügt, ln einer Notenbcilagc findet man zu fünf Liedern die von Nadel „bearbeiteten" Melodien. Die U-cbcrlragungcn sind gewandt und taktvoll. Sic folgen dnu lex! zumeist sehr treu, — zu treu auf Seite 1: Würde sie wissen, wer das ist, Würde sie u ihm winken, Hätte sie ein Gläschen Wein, Würde sie zu ihm trinken. Es ist nur eine Ausnahme, wenn Nadel statt de« naheliegenenien ohne Grund Literatendeutsch ein führt zu der Ich Schell dem log vun main Geboren. Besser wollt ich verloren geworen! Besser wollt ich varloren geworen, Eider ich hob dir derkonnt! Ich fluche dem Tag, an dem ich erstand, Besser, ich wäre von Anfang verloren. Besser, ich wäre nicht geboren. Ehe ich dich jemals gekannt. Hie Strophe Aincr is kainer, Wos di Oigcr. sehn, \Vi glicklich is die Stund Wos mir baisamen gehn imerlrägt Nadel: Einer ist keiner, Wie ihn die Augen sehn, Wie glücklich ist die Stunde. Die wir beisammen gehn! und bemerkt dazu: „Die ersten beiden Zeilen habe ich vielleicht nicht ganz richtig verstanden. Aber was «oll das bedeuten: Einer ist keiner, was die Augen sehn?" Nun, das ist eine scherzhafte Begründung des Beisammengehens mit dem Hinweis auf den populären Rechtsgruwdsatz, daß eines Zeugen Aussage nicht gilt, vgl. 4. Buch M. 35, 30; 5. B. M. 17, 6. An einer Stelle seines Buches sagt der Autor, sein Versuch, die Volkslieder zu analysieren, sei „ein eigentlich subjektiver und kein philologischer". Darin hat er durchaus recht. Wo er Philologisches berührt, irrt er meistens. Mit dem Hinweis auf eine eigenartige jiddische Wortfügung meint er: „Das ist ja gar nicht das Deutsch des 12, und 13. Jahrhunderts, wie es etwa sein soll, das ist schon damals ein Judendeutsch gewesen, — schon damals, als die Juden «n-fIngen, in der ihnen gemäöesten Sprache der andern Völker zu singen, haben sie diese Sprache im Nu auch schon verwandelt und daraus eine Judensprache, eine halborientalische Sprache gemacht, die sie mm in ihren heutigen Ghettos noch immer mit sich herumtragen." Der Verfasser hätte wissen müssen, daß das Jiddisch nicht im 12. und 13. Jahrhundert und nicht im Nu sich bildete, daß vielmehr eine ganz langsame Entwicklung in relativer Abgeschlossenheit die neue Mundart formte und daß die aus Deutschland vertriebenen Juden in ihrem neuen Milieu auch slavischc Kultureinflüsse in beträchtlichem Maße auf ihre Sprache einwirken ließen. Seite 98; „Daß aber das Wort als Wort dem Jiddisch- Sprechenden so gut wie nichts bedeutet und daß ihn nur die Weise angeht, sehen wir wohl nirgends so gut wie in der Zeile: Wie a Mutter mit a kleines Kind, a’s Kind!, wo durch ein Apostroph ein ganzes zweisilbiges Wort ersetzt wird: „a’s" für „a klaines“. „Wind a Wind" und „Kind a’s Kind“ sind selbstverständlich das Ergebnis der gesungenen, nicht der gedichteten Zeile. Dennoch wäre ein ähnliches Beispiel wie „a’s" in einer andern Sprache schwer zü finden. Möglich allerdings ist es auch, daß hier „a’s“ für „asa" (deutsch: solches) steht.“ Die ganze Bemerkung ist hinfällig, da die zuletzt erwähnte „Möglichkeit" allein hier in Frage kommt. So wertvoll und anregend die subjektiven Aeußerungen eines Arno Nadel sind, der cs vortrefflich versteht, den dichterischen Quellpunkt manch schönen Liedes aufzuweisen, so wenig kann man ihm in den verallgemeinernden Aeußerungen über den Wert der jiddischen Lieder beistimmen. Was die Siebzehnjährige in seiner Sammlung (Nr. 23) von ihrem Gelilcbten spricht, könnte ihm für das Jiddische gelten: Gckrogen hostu bai mir Chain: Die ganze Welt sogt, as du hist mies und orm. Bai mir bistu thaier un schein! Mag man die vielen Superlativs lächelnd hinnehmen, mag man den gemütvollen Verehrer seines Mammeloschen Schönheiten entdecken lassen, die man auch anders beurteilen kann — vor echter Liebe hat man immer Ehrfurcht —, aber zurückweisen muß man die scharf kontrastierenden Vergleiche zwischen dem deutschen und jüdischen Volkslied, die oft in breiter Ausführlichkeit gegeben werden. Zunächst ist jiddisch doch nicht jüdisch überhaupt. Was wir hier kennen lernen, sind keineswegs zersungene Reste uralter Sangesübung, sondern anscheinend verhältnismäßig junge Produkte der Sangesfreude ostjüdischer Gruppen mit Assimilation slavischcr Kulturelentente. Das deutsche Volkslied hingegen ist seit Jahrhunderten literarisch bezeugt und kontrolliert. Ich erinnere nur an die instruktiven Aufzeichnungen der Limburger Chronik, an die vielen Liedersammlungen des 16. Jahrhunderts, an die wissenschaftlich kritische Durcharbeitung und Mehrung des reichen Schatzes im 19. Jahrhundert, an die ästhetische Sonderung in echte Volkslieder, volkstümliche Lieder, Gesellschaftslieder. Gassenhauer ctc. Sprechen wir vom deutschen Volkslied im allgemeinen, so denken wir zumeist an eine Auslese edelsten Volksguts aus einer Entwicklung von Jahrhunderten. Es wäre nach beiden Seiten ungerecht, wenn man mit dem deutschen Volksliede ein „jüdisches Volkslied“ ganz anderer Art und Prägung vergleichen wollte. Bevor wir uns auf mehr oder weniger geistreiche Vergleiche einlassen, wollen wir wünschen, daß das Interesse an den ostjüdischen Liedern, das ein Büchlein wie das vorliegende in weiteren Kreisen sicherlich wecken kann, auch dahin führe, daß eine gründlich: wissenschaftliche Sonderung und Bearbeitung des Materials von sachkundigen Forschern in die Wege geleitet werde. Dr. M. Spanier, Berlin. 8. J. Agnon: Der Verstoßene. Jüdischer Verlag Berlin 1923. Ein interessantes und wesentliches Experiment ließe sich mit dieser kleinen zarten Legende anstcllen: Man trage einmal einen in Deutschland oder sonst in Westeuropa lebenden und verwurzelten Nationaljuden, von dem man eine innerlich ehrliche Antwort erwarten darf, ob er die Vorgänge der Erzählung als vertraute und innerlich selbstverständliche, die geschilderten Menschen als Nahestehende und Seinesgleichen empfindet. Ich bin vom Nein überzeugt. Ein östlicher, sicherlich nicht alt-jüdischcr, nirgendwo im heiligen Schrifttum verspürbarer Hauch von Wehmut und Schwermut umlagert Welt und Geschöpf der Agnonschen Legende. Etwa so verständlich und so vertraut, wie dem Gebildeten unter uns ein zartes chinesisches oder polynesisches Märchen, das wir als feinsinnig, an tief Menschliches rührend und wahrhaft seelenvoll empfinden. Ich meine, gerade diese Fremdheit, diese kulturelle Ferne und nur tief-mcnschliche Nähe gibt dem kleinen Büchlein den Reiz und Wert, Denn weder ein großes Schicksal wird hier erlebt, noch eine gewaltige Natur gestaltet. Nur einfachste Vorgänge, in wenigen Worten gesagt, spielen sich ab: Ein chassidischer Rabbi, ein Zaddik, kommt in ein östliches Städtchen, dessen Vorsteher Rationalist und Feind der chassidischen Sekte ist. So vertreibt er den Zaddik mit seinen Jüngern, die mühsam in dem winterlich verschneiten Dorfe der Nähe ein Unterkommen über den Sabbat finden, das sie mit ihrer inneren Seelenfreude verschönen. Den Vorsteher aber trifft der Fluch des Zaddik, daß seine Tochter stirbt und deren Sohn, ein Engel, eine Heranwachsende Leuchte des Talmud, trostlos dahinsiecht, zerrissen von innerlichem Zwiespalt, bis ein Zufall ihn der heimlichen chassidischen Gemeinde zuführt, zu der er sich in der Todesstunde offen bekennt. Mehr geschieht nicht. Aber doch ist das alles in eine höhere Sphäre gehoben, nicht durch die dichterische Gewalt des Schreibers, nicht durch den Schwung der Darstellung, sondern durch die Anmut und Weicheit, die religiöse Inbrunst und starke Gläubigkeit, die jeden Satz durchtränkt. Mag sein, daß die Zitate aus dem Hohenlied, die das Ganze durchflechten, diesen Eindruck verstärken, das Wesentliche sind sie nicht: die Stärke des Büchleins liegt in der Selbstverständlichkeit, mif der das uns so fremde östlich-jüdische Leben, ohne Verklärung und Verschönerung, mit der nackten Tatsächlichkeit seiner Goltes^nbrunst uns dargestell wird. Dr. Erwin Seligmaon-Frankfurt a. M. Johannas Leipoldt: War Jesus Jude? 1923, Leipzig- Erlangen, A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung, 74 Seiten. Der Verfasser, Professor für neutestamcntliche Theologie in Leipzig, beantwortet die Frage des Titels seiner Schrift, indem er zunächst nachweist, daß Jesus der Volkszugehörigkeit nach Jude gewesen sein muß. Er glaubt auch, daß die Nachricht, daß er eiy Abkömmling Davids gewesen sei, richtig ist. Dem Referenten kommt dabei die ketzerische Frage, ob Leipoldt nicht weiß, daß nach den Angaben des neuen Testaments Josef von David stammt, aber nicht der Vater Jesus’ ist, Er sucht dieser Frage zuvorzukommen, indem er die Stammbäume bei Matthäus und Lukas für unwesentlich erklärt. Andererseits aber sind ihm Worte und Berichte im Neuen Testament zweifelsfreie Zeugnisse. Im zweiten Teil sucht der Verfasser die Frage vom kulturellen Standpunkt aus zu beantworten und nach mannigfachen Untersuchungen kommt er zu dem Resultat, daß wir die Wurzeln des Evangeliums kaum außerhalb des jüdischen Volkstums zu suchen haben. Aber zu diesem Resultat kommt Leipoldt, wie es scheint, nur mit großem, innerem Widerstreben. Referent möchte sich nicht darüber verbreiten, was der Verfasser durch seine Unkenntnis des Talmud an Fehlern in seine Schrift bringt. Es ist ja eine leider nur zu bekannte Tatsache, daß die evangelischen Theologen zum größten Teil über eine Zeit reden, dessen Hauplquclle ihnen nur sekundär zufließt. Aber cs wäre doch zu wünschen gewesen, daß jemand, der über Pharisäer schreibt, El'bogens Buch gründlich studiert hätte: „Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch". Dann würde er wahrscheinlich eine bessere Kenntnis seines Arbeitsgebiets erlangt haben, als wenn er diese, wie es scheint, zu einem großen Teil aus Webers „Jüdischer Theologie“ entnimmt. Einige Einzelheiten seien besonders hervor gehoben: Nach der Meinung Leipoldts ist die Weltanschauung Jesus’ durch eine Welt von der der Pharisäer geschieden (Seite 24). Markus 12, 28—34, scheint das Gegenteil zu beweisen. Daß FIiIIc 1 seinen bekannten Satz über die Nächstenliebe nur „gelegentlich" und nicht aus seiner Weltanschauung heraus tut, möchte ich beinahe als eine kleine Boshaftigkeit auffassen. Wie verschiedenartig der Verfasser urteilt, wenn, es sich um Juden oder Griechen handelt, zeigt der Vergleich von folgenden Sätzen: S. 24. „Aber nur einmal und nur von einem Evangelisten wird ein solches Wort Jesu zu einem Pharisäer überliefert." S. 54. Die Anschauung „ist freilich auch unter Griechen nicht allgemein. Aber schon die Tatsache, daß sic vorkommt, ist bedeutend.“ Eine Bemerkung auf Seite 28 beweist, daß Leipoldt sich nicht vorstellen kann, daß die Juden den vicrbuchstabigcn Gottesnamen nicht aus Ehrfurcht unausgesprochen ließen, sondern er glaubt, daß sie sich als Knechte und ihn als den Herrn ans eben. Gerade hier sicht man wieder einmal, wie schwer es ist, vorgefaßte Meinungen zu zerstören. Seite 50 wird davon berichtet, daß gewisse Völker ihren Gott ironisieren. Da es sich nicht um Juden handelt, bemerkt Leipoldt dazu: „Wenn ein Gläubiger seinen eigenen frommen Besitz ironisiert, so dürfte das ein Beweis großer innerer Gewißheit sein.“ Referent kann diese Schlußfolgerung nicht zu der seinigen machen, er möchte vielmehr den Schluß entgegengesetzt ziehen. Seite 58 wird berachoth falsch zitiert «id Seite 73 Hosea 6, 6, das Wort chesscd mit Barmherzigkeit, statt mit Liebe oder Gnade übersetzt. Ebenso ungenau ist die Meinung Leipoldts, daß die Rabbinen nicht aramäisch, sondern hebräisch gesprochen Hätten. Zum Schluß noch zwei Bemerkungen, die immerhin zeigen, daß Leipoldt sich bemüht, gerecht zu urteilen. Seite 4: „In der Rasrenreinbcit liegt das Heil nicht, es gibt auch keine alleinseligmachende Rasse. Noch sind an verschiedenen Stellen der Erde reine Rassen vorhanden: durch besondere Kulturleislungen zeichnen sic sich nicht aus, solche werden vielmehr von gemischten Rassen hervorgebracht. Auch die Israeliten und Juden müssen als Mischlinge angesehen werden.“ Seite 35. Anmerkung: „Für ungeschickt lieh halte ich es, vom Händlergeist der Diasporaiuden als etwas spezifisch jüdischem zu reden. Ein Vergleich des alttestaroenHichen Jacob etwa mit Homers Odysseus bewahrt vor Irrwegen- Ebenso die Erinnerung an den jüdischen Hcldenkampf gegen Vespasian und Titus. Robert Hirscfcield. Die jüdische Abwehr. Antiapologetische Bestimmungen von Samüel Meiseis. Verlag: Die Neuzeit, Wien 1924. (Broschüre, 31 Seiten.) Verfasser redet das Wort dem Offensivkrieg, da er in der Defensiv Stellung gegen den Antisemitismus nichts Neues, kein lebendiges Schaffen, sondern nur Gemcinplätzliches erblickt. Meiseis spricht überzeugungstreu und warmherzig. Man kann die Schrift mit ihren kurzen 27 Essays, die sich in Kapitel gruppieren, als einen geschickten Beitrag zur Lehre über den Kampf für das Judentum begrüßen, Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Beuthen, Oberschi. S. Rothschild. Emanzipationsbestrebungen der jüdischen Großgemeinden des Großherzogtums Hessen im vorigen Jahrhundert. 1924. Verlag Julius Mannheimer, Worms, 48 8. Zu jeder Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Juden bedarf cs des quellenmäßigen Einblicks in eine Fülle von Einzelheiten in den verschiedenen Gemeinden und Gegenden. Aus den vielen Einzelzügen setzt sich dann das Bild der Gcsamtgeschichtc zusammen. Der verdiente Geschichtsschreiber der Wormser Gemeinde, ihr alter Lehrer, dessen treuer Eziehung ganze Geschlechter ihre Liebe zum Judentum verdanken, gibt in dem vorliegenden Heftchen Einblick in die Art, wie die rheinhessischen Gemeinden einen zähen Kampf um die Abschaffung drückender und entwürdigender Gesetze führten, des sogenannten Moralitätspatfcntes und des' Eides more judaico. Man liest das Ganze mit dem wehmütigen Gefühl, daß man zwar gegen derlei Entrechtungen nicht mehr hier anzukämplen habe, daß aber an der Notwendigkeit des zähen Kampfes um lausend Einzelheiten der ungestörten politischen 1 un:! sozialen Sicherheit sich wenig geändert hat. Dr. Guggenheim, Ottenbach a. M. Drucklehlerberichtigung. ln der Besprechung des Sturmannschen Buches „Althebräische Lyrik“ in Nr. 9 unseres Blattes muß es statt 44 in der ersten Beilage dritte Reihe von unten 51 heißen. Werbt neue Mitglieder!

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