Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 12 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ftftcfiHfl«! Zeitenlauf ein .Qvfifteaicl, welches über dem flüchtigen Zeitenlauf ein .^rüstczicl, »welches alle Erscheinungen der Bergänglichtrit immer wieder sich untcrvrdnct. welchesich immer wieder dadurch bildet und durchsetzt, daß e» alle Erscheinungen und Kräfte sich ein ordnet, die Einzelkräfte zu seinen funktionellen Elementen macht und für sie die Herrschaft. Regel -er Geltung, kurz das Ziel darftelll. SA entsteht der di« Einzelheiten bestimmende WtllenStatbestand, in welchem die einzelnen Tensen-e« zu einem letzten dauernden Inhalt und Wert des Seins Zusammenwirken. Raum und Zeit, ihre eontinuierliche Eigenart, Begriffe und Lausalität find die erklärenden Voraussetzungen für Wünschen. Wollen und Wert. Die Werte aller Art — sittliche, ästhetische, religiös«. selbst der primi tiv-egoi st tsche Wert des Lebens — sind w zu erklären und bedeuten die zum Gefühl der Lust führenden Ausbalancierungen der Bewußtseinsinhalte zur Bildung eines dauernden Zielzustands. Die Wertidee ist also kein Gefühl. Sie benutzt die Erkenntnisse und kau« selbst wieder nach ihren Zusammenhängen mit anderen Vrumtztfeinsinhalten erkannt werden, ist aber kein bloßer Begriff. Sie ist nicht anzuschauen, weil sie nicht ein konkretes Einzelding, sondern psychisch ist. Sie ist eine, auch begrifflich zu erörternde Willensfunktion. Ueber den GotteSbegriff. die religiöse W e cttd e e insbesondere, kann nun nicht mehr gesprochen werden, ohne die Grenzen dieser Zeitschrift zu überschreiten. Es ge- »üge die allgemeine Darstellung Gottes als Wectidee! Ich Werlasse dem philosophisch denkenden Leser, zu prüfen, ob diese Werterklärung für die Religion nicht mehr Aufklärung alS die Gefühlsphrase schafft. Von hier aus läßt sich leicht «rryügen, ob ein naturwissenschaftlicher Allvegriff dem Gottesbegriff gerecht wird, oder ob nicht vielmehr die psychische Eigenart des Wertbegriffs als Wsllensfunktion gewahrt werden mutz. Bon hier aus läßt sich ferner erwägen, ob die Sittlichkeit unabhängig neben der Religion steht, oder in welchem Zusammenhang die Religion mit ihr steht. Auch die Nachbarschaft zwischen Religion und Kunst zu erfassen, ist von dieser Grundlage aus möglich. Ueber Religion und Erkenntnis, Wissen und Glauben (was heißt Glauben?), habe ich zwar nicht mit ausdrücklichen Worten, wohl aber der Sache nach in den Andeutungen über Erkennen und Wollen das unbedingt Notwendige gesagt. FEUILLETON. Die Mutter. Von Clementine Krämer. Der Reichl-Christian deutete auf sein gestärktes Vorhemd- Oien, das ihm bei jeder Bewegung aus der Weste rutschte und das übelriechende Wollhemd sehen ließ: dies habe er durch die Wohlfahrtspflege erhalten. Er sprach das Wort „Wohlfahrtspflege" in einer Art von wegwerfendem Münchener Hochdeutsch, ungefähr so; „Wollfarrtspflegge". Der Rosenthal-Ferdinand wies dagegen auf seine recht Ordentliche Joppe und Stiefel und bemerkte, daß es immer darauf ankonune, wie man mit den Leuten zu reden wisse und fiberhaupt, an wen man sich wende. Er z, B. gehe mit Vorliebe zu den Frauen. Der andere brüllte vor Lachen, drehte damit absichtlich diese Worte nach dem Erotischen. \ Nein, nein, wehrte der Ausgelachte ab, oh nein, so sei #a 'hiebt gemeint, in dieser Beziehung — er hob das Wort Ädseser" ebenfalls lachend hervor — sei dort nichts zu holen bei den WohUahrtsdamen, die in allen Städten die gleichen Gesichter hätten. Seine — er meinte die, bei der er gerade gestern gewesen — würde auf keiner Schönheilskonkurrcnz acneh Preis erhalten mit ihrer großen Hornbrille und dem Vorgeschobenen Kinn — „eine ganz dicke Alte" . . . Aber er wisse mit ihnen umzugehen, d i e wolle er sehen, die c r nicht dumm zu machen verstehe; doch dazu gehöre eine Art Verstand, die der Rcichl nicht besäße — überhaupt kein Goj. Der Reich! aber protestierte: bei den Katholiken sei es nickt so wie bei den Juden, da könne sich kein Mann an die Frauen wenden in diesen Dingen, die schickten einen gleich »um Herrn Pfarrer. „Gott soll behüten," sagte der Rosenthal halblaut. Ueber das jüdische Wort, das gefallen war, das Wort Goj. brauchten sic sich nicht zu verständigen, cs war dem christlichen Gauner verständlich wie dem jüdischen. Sie näherten sich dem Stadtinnern, und junge Leute eilten geschäftig an ihnen vorüber, ihrer Arbeitstätte zu. „Die ham's gut, die wissen, wo’s hing’hören," bemerkte der Rcichl Der andere nickte: gewiß — aber wenn man gerade aus dem „Kittchen" komme, sei das Anfängen zu mühselig. Der Reicht sagte, daß er das letztemal als Kohlenträger habe Wiederbeginnen wollen, da sei ihm aber gleich am »weiten Tage eine saudumme Geschichte passsiert; da wäre also eine Geldtasche im Keller gelegen, die habe er natürlich ohne weiteres eingesteckt — wer könne sich ausdenken, daß man dabei aufkommc, aber durch den Kohlengeschäftsinhabcr »ei das Dienstmädchen, dem das Geld gehört habe, ihm auf die Spur gekommen, und da — na ja — da wäre ihm sogleich wieder auf sechs Monate geholfen gewesen. Es gehe überhaupt oftmals dumm her, gerade da, wo man keinerlei Gefahr ahne, da packten sie einen, und ein andermal wieder könne man ai1'"- -B'F’mc* — V ' iiirv‘1 V.r- Taschcndicoötani vj-iibl, direkt v.y der. Au:--.:, cr> ..Polyp und dir . . „Am gescheiter >.cn war' halt ein Pciz' — unterbracht Rosenthal aus seinen Gedanken heraus. Rcichl ist einverstanden: gewiß, cs ist was dran, und man kann ihn leicht und rasch veräußern, da solle er nur dann ihn machen lassen, da kenne er sich aus; in dem Wirtshaus im „Tal" habe er schon seine Schmuser. Und nun überlegen sie miteinander: Also das große Kaufhaus hat vier Ausgänge. Der Rosenthal als der Elegantere fragt nach einem Pelzmantel, probiert verschiedene; wenn dann auf den einen die Wahl gefallen ist, zieht er seinen falschen Tausender aus der Tasche. Den Mantel — sagt er — wolle er gleich anbehalten. Pie Kassierin betrachtet den Schein, dreht ihn hin und her, sieht auf zu dem Käufer und entschuldigt sich, er möge sich einen Augenblick gedulden, sie muß den Schein erst prüfen lassen, der Herr könne ja selbst einen falschen eingenommen haben, ohne es zu wissen, nicht wahr? — Daraufhin nickt er — Rosenthal —, ohne sie anzusehen. „Weißt," lacht er zu dem Rcichl, „so wie's nur die ganz Großartigen machen, die, wo z großartig san, als daß 's einer Kassierin ins G’sicht schaun, die ganz Großartigen unn — mir; awer mir tun’s net aus „schlechtem G’wissen'*, wie die ganz g’scheiten Kriminalpsychologen sag’n, mir tun’s . . „Freist" — unterbricht der Reich! und holt sich eine Zigarette aus der zerfransten Westentasche, „mir teans, daß mer’s G’friß net so g’nau sicht z'wegen die Zeugenaussag’n hint’- nach, gell ja?" Die noblen Brüder nicken einander zu und lachen sich in die verschmitzten Augen. „Du" — stößt der Reich! den Rosenthal an — „Wenn's g’Ungt, nacha trink’n mir an Schambanier mitanand und essen Weißwürscht dezua. Wievüli Weißwürscht käst du auf oan Sitz fressen? — I hab a mal a Wett’ g’macht . . Der Rosenthal unterbricht: sie wollten jetzt von „Tachles" reden. — Dies ist auch so ein Wort, das dem nicht jüdischen Gauner ebenso geläufig ist wie dem anderen. Es hieß, sie wollten nicht mit Dummheiten die Zeit vertrödeln, sondern vernünftig ihr Vorhaben durchdenken. Während also die Kassierin den Schein prüfen läßt — überlegt nun der Jude weiter, schaut er sich ein wenig um, erst an der Kasse selbst, bleibt dort vor den zum Kauf ausgestellten Oelbildern stehen, entfernt sich unversehens eia wenig kommt noch mal einen Schritt näher zur Kasse — vielleicht entschuldigt sich das Weibsbild, daß sie ihn solange hinhalten müsse — dann geht er langsam einen Schritt weiter; schon ist er an dem bestimmten Tor, der Reich! steht draußen, in weniger wie einer Sekunde ist der Mantel ausgezogen und — der Reichl damit verschwunden. Der Rosenthal steckt noch zur größeren Sicherheit seinen weichen Hut unter die Joppe und zieht die Sportsmütze über den Kopf, und bis die drinnen so weit sind . . . Wenn sie nicht Pech haben, ist dieses ein guter Plan. Sie sind an dem Kaufhaus angekommen. Aber es ist noch zu früh am Tage, das Gewühl noch nicht groß genug. Sie müssen mindestens noch eine Stunde warten. So spazieren sie in der Stadt umher. Vor einem Gebäude bleibt der Reichl stehen: „Was is denn dös für a Kirch’n? Die kenn' i gar net, bal schauets aus als wie Sankt Lukas.“ Es wäre die Synagoge, erklärt ihm der andere. ,,D' Judcnkirch’?" fragt Rcichl erstaunt. Das solle er sich merken, erklärt der Rosenthal, daß jede christliche Kirche ein Kreuz habe, wenn dieses fehle . . . „Gehst du eigentlich zur Beicht?" erkundigt sich Reichl. Der Gefragte belächelt den Unkundgen: „Bei uns werd nix In diesem Augenblick komm er. Leute aus dem Gotteshaus; was kann das heute für ein Feiertag sein? Ferdinand Rosenthal' fragt einen kleinen Jungen danach. „Doch Pcssach" - sagt der und blickt vorwurfsvoll aus seinen braunen Judenkinderaugen — daß das ein Erwachsener nicht weiß! ... Pessach! — da saßen sie daheim in dem kleinen schwäbischen Judendorf, daher er stammt, gestern abend um den Tisch — der alte Großvater, und Vater und Mutter und die Clara, und der Siegfried und der Benedikt, und er hört die Stimme des Kleinen fragen: Me-nischf.anne ha lailo hasch — worin unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten? ... „Du, ’s werd Zeit," stößt ihn der Reichl an. Aber gehört nicht mehr dazu, ihn kennen sie nicht mehr daheim, denkt cs weiter in dem Ferdinand. Noch gellt ihm des Großvaters grausiger Fluch in den Ohren: „Nicht gedacht soll deiner werden . . Auf einmal fragt er den Kumpan, ob er noch eine Mutter habe. „I scho, i," erwidert der, er habe sie noch gar nicht lange besucht draußen in der Heil- und Pflegeanstalt, sie habe die „Kpalepsie", wäre überhaupt völlig „verdraht". Seine Mutter — sagt der Jude — sei „sogar" aus einer sehr guten Familie, ’hr Vater wäre Vorbeter gewesen und Lehrer Rcligionslehrer — und lebe noch bei seinen Eltern Aber der Reichl interessiert sich gar nicht für die Familiengeschichte seines derzeitigen Compagnons. Also sic müßten jetzt an die Arbeit, fürs Hinausschieben wäre er nicht, davor habe er geradezu einen Aberglauben, einmal nämlich — aber nein, diese Geschichte erzähle er ihm ein andermal — er vergäße schon nicht darauf — doch jetzt also los. Der Rosenthal fährt sich mit der Hand über die Augen: „Also los!" wiederholt er, und sie gehen auf das Kaufhaus zu. „Rosenthal!" — Flat da nicht einer seinen Namen gerufen? — Und dann: „Ferdinand!" — Das ist — wer steht denn d? . ihm? — Richtig, das ist das ist — ach, das ist „d; ja du — der Stein." Es ist der Gerson Stein aus seinem N . imatdorf. „Wie geht’s?" fragt der und streckt dem Roscnthal die Hand hin, „was Neues?" Ob er keine Neuigkeiten wisse von daheim. Und nur, um selbst nicht gefragt zu werden, überhastet sich der Ferdinands jetzt sängen sie dort wohl tüchtig, und esesummt: „Ein Lfimmeein, ein Lamme lein." Nicht für alle seien cs frohe Pessachtage . . Wieao? — ob bei ihm — dem Gerson — nicht alles in Ordnung wäre? Oh doch, Gottlob — bei ihm schon; seine Frau sei ins Wochenbett gekommen vor acht Tagen mit dem zweiten Buben, auch seine alten Eltern wären soweit wohlauf, —, „Bei mir daheim?" — fragt Ferdinand. Der andere nick't ernst. Der Großvater? Oh der — der gehe nach wie vor jeden Morgen in die Synagoge. Eter Vater? Auch sein' Vater wäre gesund. Nun weiß der Rosenthal — die Mutter! — Aber er kann nicht fragen, nicht das, was er ahnt — schon weiß — aussprechen. „Ist die Mutter krank?" „Sehr" . . . Der Ferdinand ist so bleich geworden, als habe er sich in seinen eigenen Schatten verwandelt. Es wollen Tränen aufsteigen, sie verlöschen aber von selbst wieder und fließen nicht über den Rand. „Wann?" fragt der Sohn endlich. Heute, gerade heute vor einer Woche war die Beerdigung. Dann haben sie nicht gesungen gestern abend beim Seder — denkt Ferdinand Rosenthal . . . Der Stein hat bedauert, daß gerade er der Ueberbringer dieser Botschaft sein mußte, und ist gegangen. „Gehn mir jetzt in d’ Arbeit, oder net?" fragt endlich der Reichl, der ein wenig zurückgetreten war. „Hast net g’hört, daß mei Mutter . . .?" „Scho, awer deßzweg'n muaß ma doo leb'n; i sag dir; allweil besser dod als wia narrisch." Der Ferdinand nickt in Gedanken. — Das letztemal, als er daheim war, da hatte sie ihm noch gesagt zum Abschied, wenn er keinen anderen Lebenswandel beginne — nie mehr wolle sie ihn dann Wiedersehen, nie mehr werde sie ihm die Hand auf den Kopf legen, ihn zu segnen — ach, das hatte sich nun erfüllt . . . „Also, was is?" fragt der Reichl neben ihm, „magst oder magst net?" „I mag net," sagt leise der Ferdinand, läßt den anderen stehen und geht davon. 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