Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 11 (25.4.1924)
- Date
- 1924-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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über alle Wandlungen philosophischer Systeme hinandiese Arbeit des Meisters deutscher Philosophie in bas Bewußtsein der Masse eindringe. Sagt man nicht heut im verächtlichen Sinne, -aß der Gedanke vom ewigen Frieden ein jüdischer Gedanke ist, um ihn so. in Mißkredit zu bringen, und Latz er nur aus der ^schwächlichen" semitischen Rasse entspringen konnte und daß jeder echte Deutsche diesen jüdischen Einfluß verabscheuen und zurückdrängen müsse? Kant zum Bundesgenossen zu haben, wird wohl doch in alle Ewigkeit eine Ehre bleiben, und Kants deutsche Gesinnung anzuzweifeln, wird wohl auch dem verbohrtesten Deutschvölkischen nicht in den Sinn kommen. Nicht eine Zeichnung und Darstellung Kantischer Philosophie ist hier beabsichtigt und gewollt. Das Gedächtnis des Großen sollte geehrt werden dadurch, daß man die Spuren seines Geistes aufzeigte, von seinem Einfluß sich Rechenschaft ablegte und seine Selbständigkeit ihm gegenüber betonte.. Wieviel man aber auch immer dazu sagen mag, wo man zustimmend bleibt und wo man ablehnt, wo man dem Einfluß Raum gibt und wo man das Eigene selbstbewußt gvgenüberstellt, immer soll solch ein Gedenken abschließen mit der Erinnerung an das alte Wort des Talmuds, in dem die Freiheit und Weite jüdischen Denkens zum Ausdruck kommt: „Die Frommen aller Völker haben Anteil am ewigen Leben" und mit dem Segensspruche, den man einstens wörtlich sprach, so oft man mit einem Weisen, gleich welchen Bekenntnisses, in Berührung kam: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott. König der Welt, der Du auf einen sterblichen Menschen von Deiner Weisheit einen Teil übertragen hast." Kants Humanitätsidee Zum 200. Geburtstag des Philosophen am 22. April d. I. Von Privatdozent Dr. A n e r. Das 18. Jahrhundert hat uns Deutschen die Idee der Humanität gebracht. Wenn im 17. und dann später wieder im 19. Jahrhundert das Volk seelisch-kulturell in Schichten zerfiel, die einander nicht verstanden, so zeichnete sich die zwischen beiden liegende Periode durch einen Gemeingeist aus, der alle Bildungsstufen erfüllte. Gelehrte wie Künstler, Theologen wie Laien, hoch und niedrig, arm und reich — alle waren einig im Glauben an die Bestimmung und Fähigkeit des Menschen zum Guten. Unter den Dogmen der Kirche, deren Autorität sich der Geist des Zeitalters entzog, ward zuerst an dem der Erbsünde gerüttelt. Die alte pessiunstische Melodie von dem hoffnungslosen Sündenelend des natürlichen Menschen, von seiner zwangsläufigen Tendenz zum Schlechten, sofern kein besonderer Gnadenbeistand ihm zuteil werde, hatte die Macht über die Gemüter verloren. Man fühlte in sich ein sittliches Kraftbewußtsein, und so tönte durch Dichtung und Philosophie, Predigt und Journalistik das Hohelied der Menschenwürde. Damals erlebte der deutsche Mensch den Heraustritt seiner Seele aus dem Zustand der Unmündigkeit und sah sich emporgetragen von dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit, an den der sonnige Optimismus jenes Geschlechtes unbedingt glaubte. Wir schauen heute von den Niederungen des Materialismus, den uns das 19. Jahrhundert beschert hat, und den wir zwar theoretisch, doch noch nicht praktisch, lmr wenigsten in der Politik überwunden haben, schauen von der Dekadenzstinrmung der Neuromantik, mystizierender und okkultistischer Tageswellßn mit Wehmut zurück zu der Gebirgskette am entschwindenden Horizont, die man die deutsche „Aufklärung" nennt. Uever dem gesamten Massiv sehen wir einzelne hochragende Gipfel sich erheben. Es sind jene gewaltigen Denker und Dichter, die man geistesgeschichtlich unter dem Name» des deutschen Idealismus zusammenfaßt. Unter ihnen der Mann, an den wir in diesen Apriltagen — gerade im Blick auf die Not untäglich erlebte Würdelosigkeit der Menschheit — mit tiefem Lernwillen gedenken sollten: Immanuel Kant. Alle jene Großen waren Kinder ihrer Zeit, so oft sie auch in Fehde zu ihr standen; aus ihrer Atmosphäre sind.sie heraufgewachsen und haben kraft ihres Genius zur Reife gebracht, was an Gedanken, Ahnungen, Empfindungen, Triebkräften in ihrer Epoche gedieh. So fand Kant die Humanitätsidee im Gesamtbewußtsein seiner Zeit; aber sie schien ihm verschwommen, zu überschwenglich und darum kraftlos. Da wurde er ihr Klärer, Bertiefer und Verfestiger. Gerade dadurch ist er es geworden, -aß er sie aus ihr richtiges Maß zurückführte. Von den „Träumen eines Geistersehers" (1766) ab, vor allem in -er gewaltigen Kritik -er reinen Vernunft" (1781) wies er die Hoffart des menschlichen Scheinwissens, die alle Welträtsel gelöst wähnt, in die Schranken zurück. In einem einzigen Briefsatz an seinen Schüler und Fveund Tieftrunk hat Kant einmal die Grundgedanken seiner zermalmenden Erkenntniskritik folgendermaßen zusammengefaßt: „Gegenstände der Sinne können wir nie anders erkennen als bloß, wie sie uns erscheinen, nicht nach dem, was sie an sich selbst sind; ingleichen übersinnliche Gegenstände sind für uns keine Gegenstände unseres theoretischen Erkenntnisses." Wie -er Erdgeist dem Menschlein Faust das niederschmetternde Wort zuruft: „Du Gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!", so hat Kant den menschlichen Erkenntnisstolz geöemütigt. Genau so aber wehrte er alle selbstgefälligen Illusionen ab, denen sich seine Zeit in moralphilosophischer Hinsicht hingab. Auch hier galt es, vor einer Ueberschätzung des Menschen zu warnen und einem leichtzufriedenen Geschlecht die unerbittliche Wahrheit einzuhämmern, daß menschliches Können, wie im Intellektuellen. so auch im Ethischen, eng begrenzt sei. Dem Menschen hafte, so lehrt ,^>ie Reliaion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" (1793), ein radikaler Hana zum Bösen an, den Kant als den natürlichen Trieb definiert, die Neigung über die Pflicht zu stellen. Er wagt es, in dem überwundenen Erbfünöenöogma diesen verborgenen Sinn zu entdecken, und bat damit, nach Goethes bitterem Wort, seinen Philosopbenmantel den Christen zu Gefallen beschlabbert. Allein dies Urteil hat ihm unrecht getan. Der Kantische Bußernst war keineswegs Akkommodation, sondern wie der Rigorismus seiner ethischen Forderungen überhaupt pietistiiches Erbteil von den Eltern her und darum ganz echt. Uebrigens hat Goethe später in der Epoche seiner Vollendung selbst von einem angeborenen Bösen geredet und nur für wenige Exemplare der Menschheit eine Hinaufbildung zu wahrer Humanität für möglich gehalten. Man darf sagen, daß der alte Kant sogar optimistischer dachte, da er an eine Humanitätserziehung in weiterem Umfang glaubte. Auf der Grundlage einer nüchternen Betrachtung des Menschen der Wirklichkeit erhebt sich der Kantische Humanitätsalaube. Mag der empirische Mensch eingespannt sein in das Joch der Notwendigkeit, so daß all sein Wollen und Tun abhängig von bestimmenden Ursachen scheint, für die Idee des Menschen mutz unbedingt die Freiheit des Wirkens postuliert erden. Wie die Anschauungsformen des Raumes und der Zeit und gewisse Verstandesbegriffe, mittels Dinge der Ewigkeitswelt zu (28,22). Also nach der Bibel hört das Glauben auf. wo das eigene „Erleben oder Erfahren" angoht. und doch will jener Sprecher der angeführten neueren Säße das Glauben in einem Erleben und Erfahren bestehen lassen. Demnach ist das religiöse Glauben von diesem modernen Schriftsteller zu einem absolut anderen Seelenvorgang gemacht worden, und dies wird ja am Schlüsse jener neueren Sätze auch ganz unverhohlen ausgesprochen. Denn der Glaube wird dort auch ein« „unmittelbare Gewißheit" genannt. Dann aber wäre das Glauben eine im Subjekte selbst wurzelnde Annahme, und dann wäre das Glauben des religiösen Menschen ein m ihm selbst geborenenS Meinen: eine erbärmliche Art von „Gewißheit. Sie erinnert an die Löcherigen Brunnen, die kein Wasser halten" in jener ergreifenden Stelle bei Jeremia (2. 10—18). Andere meinen noch auf einem andern Woge ein Surrogat für das Glauben der Väter gefunden zu haben. Denn schlagen wir noch einmal M. Rades Wochenschrift auf. so lvfen wir: „Das Wollen und Streben auf geistigem Gebiete ist Zuversicht. Glaube" (1900. S. 496k.). Es ist der Ausspruch eines eifrigen Wortführers der Modernen, Arthur Bonus, ^er was ist darüber zu sagen? Nun. nach der ganzen Bibel ist der Glaube die Zustimmung zum Zeugnis eines andern, das Miteintreten für die von diesem erlebte Offenbarungsrunde. Der zuletzt angeführte moderne Satz aber meint »Zuversicht. Glaube" als ein aus dem eigenen Drang des Subjektes hervorgehendes Hinausstreben über die Gegenwart und Sichhinetnrecken in die Zukunft oder daS Jenseits. Denn der angeführte Satz ist der Abschluß folgender Wortreihe: „Das Leben ist vom Atom bis zum Propheten primär Wollen. Drängen, Begehre«, Streben. Nur als Mittel im Dienste dieses StrebenS bildete auf seiner höchsten Stufe daS Leben sich die Fähigkeit des Denkens und „„SchauenS"" an. Das Wollen und Streben auf geistigem Gebiete ist Zuversicht. Glaube." Wer denkt da aber nicht sofort an Schopenhauer? Wer hört nicht das Thema seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung" bei jenen Worten anklingen? Indes, man weiß doch auch, daß in diesem Grundthema Schopen- Auers ein Grunöirrtum enthalten war: Di« physikalischchemischen Prozesse, di« gegenseitige Anziehung und Abstoßung der Moleküle, und in der organischen Welt der Drang und die Zielstrebigkeit des Lebensprozesses sind von Schopenhauer mit dem Wollen verwechselt worden, das ja aus dem bewußte» Borstellen eines Zweckes und der bewußten Wahl der zu dessen Erreichung führenden Mittel —• ein Irrtum, der auch in Ed. von SartmannS enerregendem Werke „Die Philosophie des Unbewuß- , ^ne Rolle spielte. Deshalb hat Schopenhauer im Tue! seines Hauptwerkes den Willen vor das Borstelle» gesetzt. Diesen Grundirrtum hört man aber nun auch bei der Betrachtung der oben zuletzt zitierten Worte von A. Bonus aus der Gletchsetzung von „Wollen, Drängen, Begehren. Streben" heraus, und von diesem Standpunkt aus schließt er jene Wortreihe mit dem Satze: „Das Wollen und Streben auf geistigem Gebiete ist Zuversicht. Glaube". Die Religiosität steht da also in direktem Zusammenhang mit den physiologischen Vorgängen des menschlichen Organismus. Das Glauben ist da nur ein Emporschwibben in der Wellenbewegung des Lebensprozesses. Wie kann dieses „Begehren, Drängen, Streben" ferner auch mit «Zuversicht un>d Glaube" zusammengebracht werden? Man meint es. indem ein solcher „der Zukunft entgegeneilender Glaube" als „schöpferischer Wille, als Kraft und Leben und Streben" bezeichnet wird (in M. RaüeS Wochenschrift 1902, S. 1108). Also das Glauben ist darnach des Menschen eigene Initiative, und in bezug auf solchen Glauben spricht man von „Gewißheit?" Ja. und zwar so: „Solcher Glaube gewinnt seine Gewißheit, die eben nicht sachliche Gewißheit, sondern persönliche, wollende (!) und schassende Zuversicht ist, nicht aus dem Gewordenen. Festen. Verhärteten. Bereitsgreifbaren, sondern aus dem noch flüssigen, lebendigen und lebenschaffenden Ringen und Wollen und Streben und Werden im eigenen Innern." Nicht wahr, ein prächtiges Exemplar zur Veranschaulichung des Satzes vom Wunsch als dem Vater des Gedankens! Wenn man von der „Gewißheit" solchen Glaubens spricht, so erinnert das doch gar zu lebhaft an die Operation, daß jemand seinen eigenen Schopf erfaßt und stch selbst auS dem Sumpfe herauszieht. m. Finden denn aber diese modernen Rezepte für die Ummodelung des religiösen GlaubenSaktes auch viele Liebhaber? Man sollte es vicht erwarten, und doch ist eS der Fall. Erstens zieht schon die Neuheit der Aufstellung die große Masse an. Zweitens gibt eS ja Leute, die so konsequent sind, daß sie meinen, wie die Verkehrsmittel und die Beleuchtungsappavate und foviele andere Bestandteile unserer äußeren Kultur. so müßten sich auch die Formen und Grundlagen unseres geistigen Daseins ändern. Drittens stimmt die erwähnte Ummodeluna des GlaubenSbegriffS auch -» dem geistigen Milieu ihrer Geburtszeit. Denn die Vertauschung des GlaubenSakteS mit „erlebe» oder erfahren" wurde durch die imponierenden Errungenschaften der experimentellen Wissenschaften begünstigt, und dte Berpflanzuna des GlaubenSaktes auf daS Gebiet des StrebenS oder Wollens — war sie nicht ein Pendant zu Schopenbauers „Wille zum Loben" und Nietzsches „Wille zur Macht?" Jedenfalls ist es eine leider nicht zu leugnende Tatsache, daß deren wir das Chaos der ErscheinungSwelt ordnen, fo ist dem Menschen das sittliche Vernunstgefetz etneboren; e« ist nttö* jedem Eirnelereuivlar angeboren, aber dem Begriff Mensch" inhärent. Dies Gesetz fordert, nach Grundsätzen zu handeln, deren allgemeine Anwendung das Heil der Menschheit bedingt. ES ist der kategorische Imperativ, dessen Vorhandensein im menschliche» Gewissen die Moglichchkeu seiner Erfüllung bedeutet. „Du kannst; denn du sollst." Hat Kant solche Anlagen im Individuum erkannt, so konnte er -er Sozialethik der Menschheit nicht in hoffnungslosem Pessimismus gegenüberstehen. Der Gemeinspruch: „damag in -er Theorie richtig fei», taugt aber nicht für die Praxis" dünkt ilym irrig. Öfut Unterschied von dem späteren Hegel, der alles Wirkliche für vernünftig hielt, sah Kant in der Wirklichkeit viel Unvernunft, die einer Korrektur auf Grund vernünftiger Theorie bedürfe. Ihn empörte jede Erniedrigung des Menschen zum bloßen Objekt, und er bekämpfte die „FriedenS"verträge, die Menschen wie Waren von einem Staat in den anderen schieben. Heilig sind ihm die Menschenrechte. Erstlich das Recht der Freiheit, kraft dessen ein jeder seine Glückseligkeit auf seine Weise suchen darf, wofern er dadurch nur nicht der Freiheit anderer Abbruch tut. Sodann das Recht der Gleichheit, welches besagt, -aß jedes Glied im Staatswesen dahin muß gelangen können, wozu es Talent und Fleiß befähigen. Drittens das Recht deT Büraers auf Teilnahme an Ser Gesetzgebung. Eine solche Organisation der Gemeinschaft herzustellen, die auf diesen Grundrechten des Menschen basiert, ist »ach Kant Sinn und Ziel der Geschichte. Gekrönt wirdie- Verfassungswerk durch einen freien Bund freier Völker. Der Krieg als Mittel der Auseinandersetzung zwischen den Staaten wird freilich nach Kants Urteil so schnell nicht verschwinden; aber seine moralische Verwerflichkeit muß erkannt werden. Sie besteht darin, -aß er nur erkennen lehrt, wer der Stärkere ist, nicht, wer das bessere Recht auf feiner Seite hat. Nur in allmählichem Fortschritt vollzieht sich dte Annäherung an jedes Ideal. Die Besonnenheit historischen Denkens hat Kank vor utopistischem Schwärmertum bewahrt. Er will die Vernunftreligion. deren einziger Gottesdienst im sittlichen Handeln bestehe; aber der Weg dahin führt nach seiner Meinung durch das von ihm innerlich abgelegte Kirchentum. Er will den Vernunftstaat und den vernunftgemäßen Völkerbund; aber der Weg öaüin geht ihm über den preußischen Staat Friedrichs des Großen. Er nennt seinen Jdealstaat „Republik", versteht aber darunter nur eine Trennung der gesetzgebenden und der vollziehenden Gewalt. Eine wahrhaft konstitutionelle Monarchie ist ihm auch eine Republik. Wokl hat er die französische Revolution enthusiastisch begrüßt und ist im Gegensatz zu manchem Zeitgenossen auch durch ihre Greuel an ihrem inneren Recht nicht irre geworden; aber er hat sein Volk vor jeder Gewalttätigkeit gewarnt. Der deutsche Idealist steht die Idee langsam, aber sicher und zielbewußt ihren Weg nehmen durch die Geschichte hindurch. Die Schwärmer, sagt Lessing, haben meist richtige" Gedanken, aber sie können ihre Zeit nicht erwarten. Kant konnte warten. Das hebt seine HumanitätSidee' über alles Schwärmertum hinauf, gibt ihr Festigkeit und achtunggebietenden Ernst. Dem gegenwärtigen Geschlecht sind unter den Leiden des letzten Jahrzehnts die Schwingen der Hoffnung auf eine Höhergestaltung des Menschßeitslebens gelähmt worden. Rur in der nüchternen Form des Weisen von Köniasberg vermag es die Idee der Humanität festzuhalten. Das ist Kants Dienst an dem heutigen Geschlecht. das alte biblische Bild vom Glaubensakt. wonach er ei» Miteintreten für die Aussage eines Zeugen war. gar sehr in den Hintergrund zurückgestoßen wird. Das Glauben toll — dies ist die Quintessenz der neuen Bewegung in bezug aus den Glaubensakt — nach der jetzt weithin wogenden Anschauung nicht mehr der religionsgeschichtlichen Kenntnisnahme Nachfolgen, sondern soll ich selbst produzieren. Das Glauben soll eine freischwebende Größe sein. Es soll ein undefinierbares, dämmerlichtartiges Ahnen, eine von der jetzt viel erwähnten, obgleich psychologisch nicht feststellbaren Intuition geborene „unmittelbare Gewißheit", oder ein neuschöpferischer Akt des mit dem Begehren vermischten Wollens sein. Nun alles zu seiner Zeit und an seinem Orte! Bei« Aussprechen von Urteilen Wer die und jene nouauftauchende Kunde durste der Ausdruck ,-glauben" eine neu« Schattierung seines Sinnes annehmen, aber mit welchem Rechte modernisiert man diesen Begriff auch beim Besprechen von biblischen Aussagen? S i e haben sich nicht geändert. Also muß ihnen gegenüber auch die menschlich« Seele noch jetzt dieselbe Funktion vollziehen, wte einstmals zu den Zeiten der Propheten, und wte z. B. auch in jüdischen Schriften die als Freunde Gottes erwähnt werde«, ,^ie sich im Glauben ihm und seinem Gesetz unterworfe« haben" (Syrische Baruchavokalypse 54,6). Dies hat i« Grunde auch Rabbi Simlai gemeint, indem er sagte: „Alle 618 Gebote sind von Habakkuk (2.4) auf den einen Satz „Der Gerechte wird in seinem Glauben leben" reduziert worden. Ja, dies wurde auch von dem jüdischen Philosophen Philo (zu Alexandria) mit folgenden ergreifenden Worten vertreten: .Das allein wahre und sichere Gut ist der Glaube an Gott: Trott des Lebens. Fülle guter Hoffnungen, Leidenlosigkeit. ein Strom von Gütern, Absage an die schlechte Gesinnung" usw. ausführlich zittert in meiner Geschichte der alttestamentliche» Religion, kritisch bargestellt" 1924 bei „glauben" im Sachregister). Bon diesem Urteil Van« die wissenschaftliche Forschung auch noch jetzt nicht abgehen. Denn, wte ich. nachdem dte vereheliche Schriftleitung mir in diesem Blatte liebenswürdig das Wort erteilt hat, zu bemerken mir erlaube» darf: Meine gan»e Betrachtung des althebrätfchen Schrifttums. die den Gegenstand meiner akademischen Berufsarbeit bildet, vollzieht ssch nach wissenschaftlich-kritischer Methode, und wer meine Arbeiten beachtet, wird merken, inwiefern die Kritik zu einer Einschränkung der überlieferten Aussagen führt, für die der^religiöse Glaube mit e tntreten will. Aber eine Umbiegung des Glaubensbegriffs, um den Glaubensakt zu erleichtern, d a S läßt die wissenschaftliche Forschungsmethode nicht zu. Hiermit meine ich zum ersten Male eine wichtige Direktive auSgv' fprochen m haben.