Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 11 (25.4.1924)
- Date
- 1924-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Lqugoprets duich die Geschäftsstelle r/i lihrlich M. Einzelnummer 0L0. Bei freier Zufendmtg i. bnland 0LS §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgttedsdeitrage euchatten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl.-Sng. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Seitung“ erscheint jeden Srchttag. SchrtMeilung und SeschüttssteNe: Berti», €Douerftrofie22. fernraf: Amt (Derhur Nr. 8725 DoftfdiMfckonto* Berlin nw7m.l370M (Vereinigung fOrta« liberal« JuDentum) nacbbruck fSmtilcber OrtglnaMSeltrAge nur mit vor genauen Quellenangabe „JUDlfd). Liberale Leitung" gchstaltet 1 Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparewezeve 0.48 Goldmark, die Reklame-eile 3.00 Soldmark; :: :: -ei Wiederholungen Rabatt. :: rr :r Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co» G. Berlin S 4L, Alexandrinenstrahe 05/66, (Fernsprecher: Dönhoff 438), sowie sämtliche Annoneen-Lzrpedttioneu. Nr. 11 Berlin. 25. April 1924 4. Jahrgang Immanuel Kant Gedanke» eines liberale» Juden an Kants 200. Geburtstag. Bon Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach. Wenn in Liefen Tagen die europäische und insbesondere die deutsche KulturwelL bei der 200. Wiederkchr von Kants Geburtstag sich Rechenschaft ablegen wird von dem Einfluß, den Kant auf das Geistesleben der Welt ausgeübt hat, und wie die Welt von heut zu ihm sich stellt, was sie als unzerstörbare Erkenntnis festhält, und wo sie über ihn oder Wer die Folgen seiner Lehre hinauszustreben sucht, so wird der, denkende Jude das alles mit einer besonderen Note begleiten. Nicht, weil in Kants Werken gelegentlich einmal eine Stellungnahme zu dem Problem des Judentums zu.finden wäre, daS wäre gleichgültig und längst Wertzoll, sondern deshalb, weil kaum einer so wie Kant in Grundfragen des Religiösen das Denken beeinflußt hat, und das Religiöse ja das Lebenselement des Juden ist. Im liberalen Judentum mag man sich im Besonderen Rechenschaft davon ablegen, weil das, was heute als liberales Judentum empfunden wird, — nicht ist, sondern empfunden wird — in seinem geschichtlichen Zusammenhang hinaufreicht in jene Tage, in denen in der beginnenden Emanzipation der Geister zum ersten Male wieder Nach langen Zeiten das Judentum mit einem lebenevfüllten,' in seinem Selbstbewußtsein sich sicher fühlenden philosophischen Denken sich auseinanoerzusetzen hatte, von ihm beeinflußt wurde, seine Spuren in sich aufnahm, und das war eben das kantische System. Das liberale Judentum empfindet sich' selbst als das prophetische Judentum, es knüpft mit Bewußtsein an dieses an, und zwar in dem Gedanken, daß das projchetische Judentum das Sittliche gegenüber dem Zeremoniellen in den Vordergrund rückt. An und für sich ist das ganz richtig empfunden, nur kann man an der Tatsache nicht vorWer gehen, daß eine große Menge der sich als liberal empfindenden Juden das nun so auffaßt, als sei das Zeremonielle überhaupt als erledigt zu erachten und das Sittliche der alleinige Inhalt des Religiösen. Zu einem Teil ist diese Entwicklung durch die protestantische Theologie gekommen, deren einer Flügel das prophetische Judentum in dem Sinne erfaßt, als sei es die Absicht der Propheten gewesen, alles Kultische und Zeremonielle völlig zugunsten des Sittlichen als alleinigen Gottesdienst zu beseitigen. Aber es sind doch nicht die Einflüsse der protestantischen Theologie allein, die diese Haltung so vieler Juden hervorgerusen haben, denn erstens weichen derartige theologische Auffassungen und Auseinandersetzungen selten Gemeingut der Masse, und es ist ferner die Frage, unter welchen gedanklichen Voraussetzungen ist denn eigentlich die protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts zu jener oben skizzierten Auffassung gekommen? Hier nun liegen die starken Einflüsse des kantischen Systems auf die geistige Haltung des Jahrhunderts. Als Kant das Gottesbewußtsein zu begründen ui.ternahm, tat er es in der Weise, daß er das Bewußtsein von Gott aus dem moralischen Bedürfnis der Menschen hervorwachsen ließ. Das moralische Bedürfnis des Menschen war ihm die Bürgschaft Gottes. Es ist leicht einzusehen, wie eine solche Lehre von den JWen als etwas ihnen Verwandtes empfunden werden mußte. Es lebte ja seit den Tagen der Propheten in dem Bewußtsein jedes Juden, daß Frömmigkeit, Bekenntnis zu dem einen Gott und Sittlichkeit untrennbare Begriffe sind und nun wurde das jetzt noch durch die Wucht des großen philosophischen Systems bekräftigt, wurde als philosophischer Gedanke Ausdruck der reifsten Bildung. In der Tat ruht in dieser Betonung des Sittichen als einem Hauptinhalt des Religiösen, in der Strenge der Erfassung des Pflichtgebietes, in der Unbedingtheit der sittlichen Forderung eine starke Verwandtschaft jüdischer Religiosität und kantischer Philosophie. Und kantische Philosophie wurde so geradezu zur Philosophie des Judentums. Man sah dabei nicht die tiefgehenden Unterschiede in der Begründung und Verwurzelung des Zusammenhangs. rnau sah nur., daß hier vom - Philosophischen her eine Hauvtlehre des Judentums begründet war und fühlte sich nun in der Richtung dieses Gedankenganges weitergedrängt. Man sah. daß in dem philosophischen System das Zeremonielle als unwesentlich jQK Aus dem Inhalt: kU^ättMWlWNW« Dr. Dieuemann-Ojsenbach: Gedanken eines liberalen Juden an Kants 200. Geburtstag. — Dr. Aner-Berli«: Kants Humanitätsidee. — Dr. Marenle» Berlin: Kant und Hermann Cohen. — Prof. Cafsirer-Hamdurg: Hermann Cohen und die Renaissance der Kantischen Philosophie. Geheimrat König-Bonn: Glauben oder Meinen? — Maria Reuse Danmas: Der Jüngling. Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinde«. — Freunde im Ausland. — Bücherscha«. — Bersammlnngskaleuder. Biisogozisiiao^ Schließung des Auswandererlagers in Danzig. Mit Ende des laufenden Quotenjahres für die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, d. i. 30. Juni 1924, wird das Danziger Auswandererlager geschlossen. In diesem Lager befindet sich noch immer eine Anzahl russisch-jüdischer EMsrante«. die seinerzeit infolge der drakonischen AuswetznngkMrtznahmen der polnischen Regierung das polnische Trrrttvrinm verlassen mußten, bevor sie sich »och die Einreisedokumente nach den überseeischen Ländern verschaffen konnten, Die Emigranten standen unter Aufsicht des Jea- Komitees. das für ihren Unterhalt gesorgt Hat. Nunmehr wurden die Emigranten aufgefordert, sich inbetreff ihrer 'weiteren Lage mit ihren Angehörigen in Amerika in Verbindung zu setzen. Auch die Unterstützungen für außerhalb des Lagers lebende Emigranten werden ab 1. Juli eingestellt. Rumänische Humanität. Die rumänische Regierung hat die bereits erteilte Einreisebewilligung für Transporte notleidender jüdischer Kinder aus Deutschland wieder zurückgezogen. Transporte christlicher Kinder aus Deutschland werden anstandslos hereingelassen. Die Palästinawandenmg im März. Jerusalem (ITA.). Die Palästinensische Telegraphen- Agentur erfährt, daß während des Monats März 404 Juden und 72 Nichtjuden Palästina verließen. In diese Zahl sind äuch Touristen eingeschlosien. 566 Immigranten kamen im März in Palästina an. Im Januar und Februar verlieben 489 Juden Palästina. Neuorganisation -es Schweizer israelitischen Gemeindebundes. Die Neuorganisation des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes ist nunmehr erfolgt. Der Delegiertentag, welcher am 13. April in Baden (Aargau) tagte, beschloß einstimmig ein neues Statut. Danach ist Zweck des BundeS: Wahrung und Förderung der allgemeinen Interessen Ser Juden in der Schweiz, insbesondere Verkehr mit de« Behörden der Schweiz wie auch mit den jüdischen Organisationen des In- und Auslandes. Damit ist der Aufgabenkreis des Bundes sehr erweitert, der sich nunmehr auch der Abwehr des Antisemitismus widmet. Die Bibliothek Nebukadnezars. AuS Bagdad wird gemeldet, daß in der Nähe der Stadt der Oxforder Profesior Landdon eine sensationelle wissenschaftliche Entdeckung gemacht habe: er hatte die Bibliothek Nebukadnezars gefunden. Professor Landdon, der den Lehrstuhl für Assnrologie an der Universität Oxford bekleidet, machte einem englischen Pressevertreter interessante Mitteilungen über seinen Fund. Seit zwei Jahren leitete er die archäologische Expedition in der Umgegend Bagdads. Durch einen Zufall gelangte er dieser Tage auf die Spur von Keilschriften. Auf einem Spaziergang erblickte er einen quadratförmigen Stein, der mit Keilschrift bedeckt war. Daraufhin unternahm er an der Stelle energische Nachgrabungen. Die Ausgrabungen förderten nun eine herrliche Bibliothek von mehr als 1000 Keilschrifttafeln zutage. Das Alter der Bibliothek wird auf 4—5000 Jahre geschätzt und dürfte aus der Zeit des Königs Nebukadnezars stammen. Der Fund geschah in der Nähe eines Hügels, der unweit Bagdads liegt und wo Professor Landdon die verschollene summirische Bibliothek, die einst die Zierde und der Stolz der Stadt Kisch war. vermutete. und erledigt betrachtet war und empfand sich dadurch selbst gerade zur Erhöhung des Religiösen in dieser Richtung rveitergeführt. So kam es, daß im Judentum des 19. Jahrhunderts, nicht in seiner theologische» Führung, aber in seiner Laienwelt, sich in imm« steigendem Maße der Uebergang zu einer Denkweise vollzog, nach welcher Frommsein identisch war mit Sittlichhandeln. Das moralische Handeln wurde immer wehr zum alleinigen Ausdruck der Frömmigkeit erhoben. Es verflüchtigte sich auf diese Weise der gesamte Inhalt des Zeremoniellen, es schwand aus dem Bewußtsein die GläubigLeit, das heißt der Glaube an die P e r s ö n l ich k e i t Gottes, und man konnte doch noch dabei sich einbilden, ein religiöser Jude zu sein. Um es nochmals zu sagen, die kantische Theorie von dem Herauswachsen des Gottesbewußtseins aus dem moralischen Bewußtsein wurde so sehr als geläuterte ungereinigte Anschauung empfunden, daß sie sich in daS Bewußtsein der Gebildeten an die Stelle des religiösen Judentums einschob, und man dabei noch die Empfindung hatte, eine Stufe emporgestiegen zu sein. So entstand jener Typus, den wir, man muß das offen sagen, gerade unter liberalen Juden häufig finden, die strenge moralische Persönlichkeit, die aber jedem Bekenntnis, jeder zeremoniellen religiösen Bindung abhold ist. Gerade je «ehr man diese Entwich! miß ati. Kants Einfluß hervührend empfindet, und je mehr man überzeugt ist, daß kantische Philosophie Wüst» lierbares Besitztum geworden ist, desto mehr wird eS nun notwendig fein, das Bewußtsein des modern^ Juden , aus der Verquickung mit einer - bestimmten philosophischen Anschauung loszulösen und das Eigene des Judentums in seiner alten Schlichtheit und. Selbstsicherheit zu benennen. Im kantischen System wächst Gott heraus aus dem moralischen Bedürfen des Menschen, wegen der sittlichen Zwecke der Persönlichkeit und zu ihrer Behauptung und Verwirklichung muß tyt Mensch eine sittliche Weltlenkung und damit Gott fordern, das heißt der Ausgangspunkt ist dort der Mensch und sein Bedürfen, und Gott blaßt zur moralischen Idee ab, und im Judentum kan« nie und nimmer davon abgegängen werden, daß Gott der Heilige ist, der, von dem alles Sittliche des Menschen abgeleitet ist und dem alles zuzustreben .hat. Und nie und nimmer kann der Persönlichkeits? charakter Gottes in Wegfall kommen. Es ist geradezu eine Schicksalsfrage für. den Bestand des liberalen Judentums, ob es gelingen wivd, die breiten Massen zu dieser Gläubigkeit zurückzuführen. Es gibt kein Judentum ohne Religiosität mtö keine Religiosität ohne Gläubigkeit. Im Kantischen ist alles Sittliche ein von Menschen sich selbst gesetztes Gesetz, sein kategorischer Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Wollens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", war ein autonomes Gesetz, und im Judentum bleibt bas Sittengesetz ein von Gott gesetztes; jüdische Religiosität bewegt sich in der ewigen Spannung von Autonomie und Heteronomie, man mag noch so sehr den Wille« Gottes in den eigenen hineinnehmen, um die sittliche Tat als eine frei aus sich geschöpfte erstehen zu lasse«, es bleibt doch dabei, daß Gott der Gesetzgeber ist, und daß alle sittliche Forderung eine Offenbarung Gottes ist. In kantischer Zeit verstand uran unter Sittlichkeit noch in der Hauptsache das gerechte Handeln gegenüber dem Nebenmenschen, in dieser Form ist der Begriff des Sittilchen in das allgemeine Bewußtsein übergvgangen, wir aber müssen uns davon Rechenschaft ablegen, daß Sittlichkeit viel mehr ist als nur das einwandfreie Verhalten gegenüber dem Nebenmenschen, daß alles-sittliche Handeln in, Verbindung steht mit der Grundeinstellung der. Seele zu der Frage nach dem Wesen des Menschen, ob er aus eigener Kraft gut sein kann oder nicht, zu der Frage nach dem Wert des Levens, der Welt und der Kultur, daß Sittlichkeit aus der Einstellung zu diesen Fragen hervorwächst, und daß das gerade die Fragen sind, die vom Jüdischen her anders beantwortet' werden als vom Christlichen aus, so daß es in der innerlichen Verwurzelung nicht eine aflge.meine Sittlichkeit, gibt, sondern eine jüdische und eine christliche Grundeinstellung der Seele. Und auch in der Frage des Zeremoniellen werdenwir uns von dem kantischen Einfluß losmachen müssen. Bleiben wird immer das von Kant wie von den Propheten empfundene Ueberwieaen des