Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 10 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613751--0759-2618056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4. Jahrgang Nummer 10 I IiidischllberaleZeiümg 1. Bellage 18. April 1924 Zur „Entgegnungder „Jüdischen Rundschauaus meinen Zionislen-Arttkel. Das offizielle Organ dev Zionistischen Vereinigung Deutschlands hat sich in zwei Artikeln mit meinem und Woydas Artikel über Zionisten und Zionismus beschäftigt. Was meinen Artikel angeht, so hat die „Rundschau", welche denselben bezeichnenderweise als „Angriff" auf die Zionisten darstellt, darauf verzichtet, eine journalistisch auch nur einigermaßen tovrekte Inhaltsangabe ihren Lesern vorzusetzen. Vielmehr reißt sie, ohne zu dem Grundton des Artikels tiberhanpt nur Stellung zu nehmen, einzelne Floskeln und Sätze aus dem Artikel heraus und versieht sie mit ihren Glossen. Ich verzichte einer derartigen Entgegnung gegenüber, auf jedes Wort der Replik. Der Artikel ist auch nicht für die Sächsische Straße geschrieben, sondern für diejenigen Zionisten, welche sich noch einen Rest von Objektivität bewahrt haben. Ich kann begreifen, daß es der „Rundschau" unbequem ist, einmal einen Liberalismus vor sich zu sehen, der von dem abweicht, mit dem sie ihre Leser sonst zu schrecken pflegt. Ich überlasse es ihr auch woiterhin, ihre Leser zu orientieren, wie es mit ihrem journalistischen Pflichtbcwußtsein vereinbar ist und vertraue darauf, daß die Zeit und die Ideen der Zeit mächtiger sind als die allgewaltigen Herren aus der Sächsischen Straße. Rechtsanwalt HeinrichStern, Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum E. V. ß| Die jüdische Gegenwart. Iß r. S Neunzigster Geburtstag von Eduard Sachs. Eduard Sachs, der langjährige Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Breslau und des Israelitischen Krankenhauses, feierte am 16. April in seltener körperlicher und geistiger Frische und Regsamkeit seinen 9g. Geburtstag. Wir werden in der nächsten Nummer eine ausführliche Würdigung seines segensreichen Schaffens und Wirkens veröffentlichen. Jubiläum des Danziger jüdischen Museums. Das jüdische Museum der Neuen Synagoge in Danzig beging dieser Tage die Feier des zwanzigjährigen Jubiläums. Das Museum enthält eine Kunstsammlung von über Igg antiken goldenen und silbernen Gegenstände des Thoraichmucks, die einen unermeßlichen künstlerischen und kulturhistorischen Wert haben. Das Museum befindet sich unter der Aufsicht des Rabbiners Dr. Kaellter. Von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Das amerikanische Joint Distribution Committee hat dem Reich sausschuß jüdischer Gemeinden Deutschlands erneut 100000 Dollar für das nächste halbe Jahr zur Verfügung gestellt. Einem besonderen Wunsche des Komitees entsprechend, soll in der Frühjahrs- und Sommerzeit die Kiuderfürsorge. besonders die Erholungsfürsorge, in starkem Maße hieraus berücksichtigt werden. Die Verteilung der Mittel wird in aller Kürze erfolgen, damit in der Auszahlung der Raten keine Verzögerung eintritt. Das American Joint Distribution Committee hat der Zentralwohlfahrtsstelle für ihre ernste und erfolgreiche Arbeit bei der Verteilung seine ganz besondere Anerkennung ausgesprochen. Vom Reich sind die letzten Zuschüsse auf Grund von 8 01 des F i n a n z a u s g l e i ch g e s e tz e s an die Zentralwohlfahrtsstelle für die jüdischen Einrichtungen übermit^li worden. Ter Paragraph ist am 1. slpril bekanntlich außer Kraft getreten. Die Zuschüsse für Januar, Februar und März »ungefähr 70 000» werden in derselben Weise wie bisher demnächst zur Verteilung gelangen. Tie Arbeit ans dem Gebiet der Sozial re form macht wecken. Fortschritte, vor allen Dingen wurde in der letzten Zeit die Frage der Satzungsreform und Wirtschaftsführung in den Anstalten behandelt. Die Satzungen sämtlicher Jugendwohlsahrtsanstalten wurden sorgfältig durchgearbeitet. Es soll zusammen mit dem Verband der Leiter und Leiterinnen von Erziehungsanstalten daraus hingewiesen werden, daß in Zukunft Satzungsbestimmnugen der Ausnahme hilfsbedürftiger Kinder nicht hinderlich sein dürften, so daß eine ökonomische Ausnützung der vorhandenen Einrichtungen möglich wird. Auch die Frage der Ausbildung von Anstalts - Erzieh u n g s p e r s o n a l ist in der letzten Zeit sehr gefördert worden, so haben bereits eine ganze Reihe von Anstalten zur Aufnahme und Ausbildung von Siziallehrlingen sich bereit erklärt. Fernerhin hat die Haushaltungsschule in Frankfurt unter Mitwirkung des jüdischen Frauenbundes und der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden einen im Mai beginnenden Kursus, der für die Anstaltsarbeit vorbereiten soll, eingerichtet. Eine Zusammenfassung der Mädchen, die sich auf die eine oder andere Weise in der Hauswirtschaft ausbilden wollen, bildet der Verein zur Ausbildung jüdischer Hausbeamtinnen. Es herrscht ohne Zweifel ein lebendiger Drang nach praktischer hauswirtschaftlicher und pädagogischer Ausbildung und Betätigung, so daß der Mangel an gut vorgebildetem Anstaltspersonal hoffentlich in absehbarer Zeit beseitigt wird. Bere.^t für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. hat gegen diesen Vorfall, der geradezu eine Schande für das Judentum bedeutet, beim Gemeindevorstand energisch Einspruch erhoben. Major Anker und der verband nationaldeutscher Juden. In einer Zuschrift des Vorsitzenden des Verbandes nationaldeutscher Juden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Max Naumann, an die in Berlin erscheinende Zeitung „Der Montag Morgen" weist dieser darauf hin. daß der von ihm geleitete Verband parteipolitich Neutral sei und daß eine Identifizierung der nattonalöeuschen Juden mit deutschnationalen Juden nicht den Tatsachen entspräche. Wie von der .Jüdischen Telegraphen-Agentur" verbreitet! wird, veröffentlicht der Vorstand des Verbandes nationaldeutscher Juden anläßlich der kommender. Re-ichstagswahl,en einen Aufruf, in welchem gefordert wird, der nationaldeutsche Jude möge der Partei seine Stimme geben, die „seiner persönlichen Ueberzeugung nach die beste Gewähr für eine gute, im wahren Sinne nationale Politik bietet." Gewiß soll man — so beißt es weiter — keine Antisemiten wählen, wie z. B. die Deutschvölkischen, deren politisches Glaubensbekenntnis sich in rein negativer Judenseindchaft erschöpft. „Aber nicht jeder ist Antisemit, der gewissen Persönlichkeiten und Gruppen der Juden mit Kritik gegenübersteht, der sich und nötigenfalls auch anderen eingesteht, daß es in Deutschland eine Judensrage gibt. Solche „Antisemiten" finden sich unter den Vertretern jeder, ausnahmslos jeder politischen Partei, bei den Kommunisten wie bei den Deutschnationalen. „Darum solle jeder nationaldeutsche Jude die Partei wählen, die ihm als Deutschen am nächsten steht. „Aber keiner, der ein Deutscher sein will, wähle eine Partei, deren Politik ihm „eigentlich" nicht zusagt, nur deshalb, weil er meint, als Jude in ihr am besten aufgehoben zu sein. Der Aufruf schließt: „Um Deutschland geht der Kampf! Denker an Deutschland." Soweit Herr Dr. Max Naumann und der neueste Aufruf seines Verbandes nationaldeutscher Juden. Gegenüber den in dem Aufruf gegebenen Richtlinien scheint es uns doch dringend erforderlich, darauf hinzuweisen, daß der Völkische Reichsausschuß der deutschnationalen Bolkspartei am 17. Februar dieses Jahres im Reichstag unter Teilnahme des Parteivorsitzendcn, Staatsminister Hergt. folgende Entschließung angenommen hat: „Die völkische Weltanschauung ist für die Politik der Deutschnationalen Volksnartei richtunggebend. Sie ist in unserer Geschichte und in der norürassischen, uns von unfern germanischen Vorfahren überkommenen Eigenart unseres Volkes begründet. Der völkische Staat entwickelt sich aus dem Zusammenwirken aller gesunden, artgleichen Kräfte unseres Volkes und auf der bewußten Ablehnung alles Fremdblükigen. Jüdischen und Fremdartigen in Politik, Kultur und Wirtschaft. Enschlossenes Führertum mit persönlicher Verantwortung steht dem Massen-- und Gleichheitswahn der westlichen Demokratien gegenüber. Deshalb fordern wir: 1. Deutschland ist von Deutschblütigen zu regieren! Die öffentliche Verwaltung in Reich. Ländern und Gemeinden ist deutsch zu gestalten. Nur Deutschblütige dürfen zur Wahl in eine Volksvertretung aufgestellt werden. Heerwesen, Rechtsprechung und Jugenderziehung müssen in die Hände von Deutschblütigen gelegt werden. 2. Die deutsche Familie ist von fremdrassigen Eindringlingen freizuhalten. Durch gesteigerte Aufklärung über die dem Volkstum drohenden Gefahren ist die Deutscherhaltung der Familie zu sichern. 3. Die deutsche Kultur ist von fremdrassiger Gedankenwelt zu säubern und Rechtsleben, Wissenschaft. Literatur, Presse und Kunst sind rücksichtslos zu reinigen. Sie müssen deutschem Volkstum dienen. 4. Tie deutsche Wirtschaft ist auf dem Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit aufzubauen. Die Herrschaft des jüdischen Weltkapitals und die Reste der marxistischen Wirtschaft sind zu beseitigen und durch eine dem deutschen Volkscharakter entsprechende völkisch-soziale Wirtschaftsform mit Beteiligung des deutschen Arbeiters am Werk seines Fleißes zu ersetzen." Ein altes Sprichwort besagt: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Wir fordern unsere Mitglieder auf. im bevor st ehe n den Wahlkampf nur den Parolen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Folge zu leisten. Breslau. Hier verschied am 4. April Herr Kommerztenrat Adolf Sternberg nach einem Leben voller Mühe mu» Arbeit. Der Verewigte hat sich um die jüdische Wohlfahrtspflege unvergeßliche Verdienste erworben. Seine Besetzung fand am v. April unter großer Beteiligung weitestem Kreise der Gemeinde «ms dem Friedhof Lohcstraße statt. Breslau. Verspätet, weil zurzeit kein passender Saal aufzutreiben war, veranstaltete die liberale Religionsunterrichtsanstalt II der Synagogengerneindc am 6. April im groben Saal der Lessingloge eine Purim-Schüleraufführung. Lange vor Beginn derselben war der Saal überfüllt, ein Zeichen bester Verbinduucs zwlichen Schule und Elternhaus. Nach einleitendem Prolog und Musikstück gelangte ein Purimfestspiel von S. Katz mit jüngeren Schülern zur Aufführung. Den Hauptanteil der zweiten Abteilung bildete ein Ausschnitt aus Stefan Zweigs „Jeremias", bei dessen Vorführung Hermann länger als Kbi Zedekia und Ernst Kraus als Jeremias geradezu Künstlerisches leisteten. Eine gemütliche Kaffeetafel, in deren Verlauf der Leiiei der Anstalt, Rabbiner Dr. Sänger allen Mitwirkenden and Erschienenen dankte, hielt die Besucher noch längere Zeit beisammen. , ' ' Am darauf folgenden Tage hielt dieselbe Anstalt an der gleichen Stätte ihre Schu'schluß- und Entlassungsfeier ab. Ein Lied und mehrere Deklamationen, von Schülern vorgetragen. leiteten die Feier ein. In seiner Ansprache legte der Direktor der Religionsschule unter Dank an seine Mitarbeiter dar, ivas erreicht worden sei und was erreicht werden müßte. Daran schloß sich die Verteilung der Prämien und und Dankrede Her die Anstalt verlassenden Schüler. Deklamation und Gesang beendete die zahlreich besuchte Feier. Hamburg. Die kürzlich hier abgehaltene .Hauptversammlung des hiesigen israelitischen Humanitären Frauenvereins gab ein anschauliches Bild von der unermüdlichen Tätigkeit der Hamburger jüdischen Frauen unter Leitung ihrer Führerin, Fräulein Sidonie Werner. Mit all den zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen Hamburgs — städtischen und privaten — treten unsere Hamburger Glaubensgcnossinnen bei ihrer segensreichen Tätigkeit in Verbindung. Besonders erwähnt sei das Erholungsheim in Segeberg, das auch im vorigen Jahr wieder über 400 Kinder und Erwachsene ausgenommen hat und die ihm angcgliederte Haushaltungsschule. Diese mußte zwar im vergangenen Herbst geschlossen, soll jetzt aber wieder geöffnet werden. Ferner sei des jüdischen Pavillons im Wycker Kinderheim, von dem an dieser Stelle unlängst bereits die Rede war. sowie der Mit'elstandsküche am Grindelbera gedacht. Aber auch sonst arbeiten die indischen Frauen überall dort mit, wo eS irgendwie zu helfen gilt. Königsberg. Die Nepräsentautcn-Wahlcn sind diese- Mal, ebenso wie vor drei Jahren ohne Kampf vor sich gegangen. da die beiden Parteien, die Liberalen und der Gemeinde-Verein, welcher alle übrigen Richtungen, Konservative. Mitielprrtei und Zionisten umfaßt, vorher zu einem Kompromiß gelangt waren. Die größte SchjMrrgkeit bestand darin, festzustellen, ob die ErsatzmäuiW dex. xorigen Liste vom Jahre 1921 vor den Stellvertretern in-hre Versammlung als Vollrepräsentanten einberufen seien oder ob die Stellvertreter zunächst aufrücken. Ta hierüber auch aus Grund eines Gutachtens der Rechts-Koynnission keine Einigung erzielt werden konnte, so legten sämtliche Repräsentanten und Stellvertreter ihre Aemter nieder und es wurde eine völlig neue Liste von 21 Repräsentanten und 7 Stellvertretern ausgestellt. Das Kompromiß ist auf derselben Grundlage abgeschlossen, wie dasjenige vom Jahre 1921» das heißt, die Liberalen erhalten 11 Sitze und der Gemeinde-Verein, der dieses Mal ganz besonders viel verschiedenen in ihm vertretenen Gruppen Mandate überlassen hat. die übrigen 17. Außerdem erhalten die Liberalen von den ausgestellten zwölf Ersatzmännern 6 Sitze und zwar zunächst die beiden ersten und dann in abwechselnder Reihenfolge mit dem Gemeinde-Verein die übrigen 4. Auf diese Weise haben die Liberalen begründete Aussicht, ihren Bestand während der Wahl-Periode zu vermehren. — Auch über die bevorstehenden Wahlen zum Gemeinde-Vorstand ist ans Grund des oben ermähnten Kompromisses bereits Einigung erzielt. Herr 1. Kantor Dr. Rudolf Pick hat sein Amt am 4. Zlpril er. als Nachfolger von Lewandowski angetreten. LS Aus den Gemeinden. v Berlin. In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung am 10. d. M. wurde der Gemeindevorstand auf Anregung des Herrn Hirschfeld (liberal) beauftragt, von Gemeindewegen die Schaffung einer modernen Bibelübersetzung in die Hand zu nehmen und die hierfür als Mitarbeiter in Betracht kommenden Persönlichkeiten aufzufordern. Zum Schluß wurde, nachdem alle wichtigeren Vorlagen der Vertagung anheimgefallen waren, einstimmig beschlossen, Oelgemälde der Herren Geheimrat Stern und Leopold Baöt anfertigen zu lassen, um so die Erinnerung an ihre langjährige verdienstvolle Tätigkeit als Vorsitzende des Gemeindevorstandes an der Stätte ihrer bisherigen Wirksamkeit wach zu erhalten. Das Gemeindekrankenhaus ist in den letzten Tagen ohne Vorwisien des Gemeindevorstandes wiederum über Ostern an einen Christen verkauft worden. Der Vorstand des Liberalen Liegnitz. Die hiesige Silesia-Loge hat zwei außerordentlich dankenswerte und auch allgemein anerkannte Einrichtungen getroffen. Jeden Mittwoch nachmittag vereinigt sie in ihren Räumen etwa 20 bis 25 alleinstehende Damen der Gemeinde, die mit Kaffee und Kuchen bewirtet werden und denen in jeder Weise, zum Beispiel durch deklamatorische und gesangliche Borträge, Anregung geboten wird. Am Abend desselben Tages wird in den gleichen Räumen die werktätige Jugend versammelt. Es werden Referate gehalten und den jungen Leuten Gelegenheit zu gegenseitiger Anregung gegeben, andererseits wird aber auch gesellschaftliche Unterhaltung jeder Art gepflegt. Um diese Veranstaltungen machen sich neben den beiden Vorsitzenden der Schwestern- Vereinigung der Silesia-Loge, Frau Sanitätsrat Dr. Waldmann und Frau Dr. Löwenheim, besonders auch die Mitglieder des Liegnitzer jüdisch-liberalen Jugendvereins (Jli) verdient. Werbt neue Mitglieder! I ... iL JST BESTELLNUMMER ** MERICUR 4871/73 OSTEREIER IN REICHHALTIGER AUSWAHL BERLIN W 6 LEIPZIGER. STR; 24