Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 9 (11.4.1924)
- Date
- 1924-04-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Audi einer. Im „Jsurul da« dib.iii" Hadtt lieb *** Budapest ataamaad« GcicbtehUi Im Dom wird eine Messe gelesen zu Ehren des *ukünftigen Erben des verwaisten Thrones. Die Kirche ist bis zum letzten Platz gefüllt. Ganz nahe am Altar betet mit besonderer Wärme der ehemalige Kriegsminister, Feld« marschall Samuel Hazay, der jüdischen Ursprungs ist und letzthin noch Kohn hieß. Plötzlich kommt eine Gruppe Antisemiten dazwischen; es sind „Erwachende Ungarn" und sie schreien „Juden hinaus!" Die Hälfte der Anwesenden entfernt sich, aber Hazay betet weiter. Nach wenigen Minuten bricht eine neue Abteilung von Hakenkreuzlern in die Kirche ein mit dem Ruf: „Hinaus mit den getauften Juden!" Die andere Hälfte der Gläubigen geht weg. Hazay bleibt immer in derselben stillen Andacht. Aber da kommt eine dritte Gruppe von Agitatoren, deren Führer mit ganzer Lungenkraft schreit: „Alle, die von einem jüdischen Vater oder einer jüdischen Mutter stammen, müssen hinaus!" Da steigt Christus von seinem Kreuz herab, tritt an Hazay heran und flüstert ihm sanft ins Ohr: „Komm, Samuel, jetzt ist's Zeit, daß auch wir hinausgehen." Das Bier. Von Clementine Krämer. Sie haben den ganzen Nachmittag Kreisel gespielt, die drei kleinen Münchener Volksschüler: Der Hegner Sepp« der Feuerer Hansl und der Julius Rappaport. Jetzt aber dunkelt es und sie denken ans Heimgehen. Stecken bloß noch „so" die Köpfe ein wenig zusammen und unterhalten sich im unverfälschten Dialekt ihrer gemeinsamen Vaterstadt. Es handelt sich ums Bier. Der Hansl sagt, wenn er des abends dem Vater sein Maß hole, dann trinke er allemal einen großen Schluck davon, manchmal auch zwei. Danach quirle er es noch geschwind ein wenig mit dem Hausschlüssel, „daß 's v/idder ausgleicht sich und schäumt. Der Sepp übertrumpft il n: er — o er — er trinke fast die Hälfte heraus und lasse dann an der Wasserleitung Wasser zulaufen, da schäume es schön von selber wieder. Ob dies der Vater des Sepp denn nicht merke? fragt der Julius. „Ausgschlossen" — nimmt der Gefragte das Maul voll. „Aus—ge—schlossen". Wieso denn merken? Manchmal fluche er blos auf das dünne Gesüff, von dem man bald nicht mehr imstande sei, sich einen ordentlichen Rausch zu kaufen. Der Rappaport steht betreten da. Er hat Herzklopfen vor Erregung darüber, daß man den Vater, den eigenen Vater, auf diese Weise betrügen könne. Auf einmal gibt der Hansl dem Sepp einen Stoß und sagt dann zu dem Dritten gewendet: „Gel, du magst ’s Bier net?" Und ohne die Antwort abzuwarten, macht er | geringschätzig weiter: „Das kenn i scho, du magst es net, v* du bist a Jud." Der Angeredete will etwas zu seiner Verteidigung sagen, aber die andern lassen ihn nicht zu Wort kommen. „Die Juden", sagt der Hansl wieder und macht eine wegwerfende Handbewegung, „die mög'n alle 's Bier net; unn s* Schweinern mögen 's aa net — dös hat mir me! Vadder hei wer g'sagt." Der kleine Julius konnte, gar nicht loskommen von dieser furchtbaren Vorstellung: so seinen eigenen Vater betrügen — Wasser zum Bier zulaufen lassen! Er fand das schrecklich, er fand das unheimlich. Er lag schon in seinem Bett und rief zu der großen Schwester hinüber: „Du, Buben von meiner Klass' . . ." Aber er kann noch lange keine Ruhe finden. „Schlaf jetzt!" herrscht ihn die Schwester an. Den andern Tag auf dem Heimwege von der Schule sagt auf einmal der Rappaport Julius an den Hegner Sepp hin: „Du, baß auf, also z'weg'n am Bier, wennst du aufkommst, was meinst, wie die de! Vadder haut; unn üwerhaupts — dös sag i dir — gehst du zu Grhnd, wennst du . . ." „I laß' mi scho net derwisch'n", unterbricht der Sepp« „und weißt was — dös geht ja di an Dreck an" und er rennt davon. „Grüß di Gott, Sepp." Ein Junger Student stößt den verrußten Metallarbeiter in der Elektrischen an. Der sieht erst einen Augenblick fragend auf. „Ah, da schaug her, bist du — saxendi — dös ist ja der Rappaport Julius, gel ja, wir war'n mitanand in der Volksschul?" „Dös glaubst", lacht der Gefragte, „Du schaust noch grad so aus wie dortmals." „Bloß a bißl rußiger", bemerkt der Arbeiter. «No, wir war'n aa net allweil die Sauwersten« wir ham's daheim oft die Knie mit Benzin waschen müssen, daß der Dreck weggangen is“, sagt der Student. Auf einmal fragt aus einem kleinen Nachdenken heraus der Hegner Sepp: „Du, wo steigst du aus?" „Am Marienplatz". „1 geh' u Stückl mit dir, i hab’ dir was zum sag’n." Sie gehen einen Augenblick still nebeneinander her. Dann beginnt der Sepp: „Du, baß' auf, du bist allweil an anständiger Kerl g'wesen, Rappaport." „Wieso?", lacht der. „I hab dir zum danken — also — i sag „Vergelts Gott." Der Student wird fast verlegen, wieso denn „danken?" Wieso denn „Vergelts Gott?" . . . Der Arbeiter fährt fort: „Du, und z.u die Hakenkreuzler hättens mi aa woll'n, awer i hab' g'sagt, leckt's mi —, bloß z'weg'n am Rappaport' haw i g'sagt, unn „zweg'n am Bier haw i g’sagt" „Du?" dämmert es dem Julius, „weil i g'sagt hab', in der Volksschul', daß du de im Vadder kei Wasser dazu lauf'n lassen sollst, gell ja? Dös war aus wer auch eine Gemeinheit." „Servus", nickt der Arbeiter, wird rot unter dem Ruß auf den Backen und geht seiner Wege. Scheindel Brawer in Amerika. Eine Szene aui der TräneninseL Von Josef Grob. Das war ein glücklicher Einfall von Scheindel Brawer. Keinem, überhaupt einem Juden, selbst dem geschei;sten, ist es noch gelungen, sobald die „Quote" einmal überschritten war, ins gesegnete, freie Dollarland einzuziehen. Unbarmherzig wird jeder Ueberzählige zurückgeschickt. Selbst kleine Kinder werden, wenn einmal die „Quote" komplett ist, von ih^en Müttern und Mütter von ihren Kindern gerissen. Das „freie" Land Amerika kennt keine Machinationen. Ordnung muß sein! Und doch spielte sich vor kurzem auf der Landungsinsel Amerikas eine Szene ab, die gewiß auch in diesem freien Staate eine Seltenheit ist. Eines schönen Tages versammelten sich die Beamten, Schiffskapitäne und Mannschaften am Landungsplatz, und eine feierliche Stimmung herrschte rings umher. Die vielen Wartenden, die gekommen waren, ihre angekommenen Angehörigen abzuholen, wunderten sich nicht wenig beim Anblick dieses feierlichen Bildes, harrten mit Ungeduld, um zu erfahren, wem eigentlich dieser Paradeaufzug gelten möge, welche große Persönlichkeit den Vereinigten Staaten Amerikas die Ehre ihres Besuches zq schenken sich herbeiläßt. Plötzlich entblößen Beamte, Schiffskapitäne und Mannschaften ihre Häupter, bilden Spalier, und durch die unter strammster Haltung spalierbildende Straße zieht die alte Jüdin Scheindel Brawer aus Polen in Amerika ein. Fügt man noch hinzu, daß Frau Scheindel Brawer weder schreiben noch lesen kann, was an sich allein schon, selbst wenn die „Quote" noch nicht komplett ist, nach dem amerikanischen Gesetze ein triftiges Landungshindernis ist, so erscheint dieser feierliche Einzug einer polnischen Jüdin noch mehr verwunderlich, weshalb die Notwendigkeit entsteht, diese Landungsgeschichte in ihrem ganzen Umfange hier zu schildern: Vor einiger Zeit beschloß die alte polnische Jüdin nach Amerika auszuwandern. Sehr leicht fiel ihr dieser Entschluß nicht, und vor dem Kriege, wenn man ihr ganz Amerika zu schenken versprochen hätte, wäre sie dazu nicht zu bewegen gewesen. Erstens „sind dort die Steine sogar trefeh" — würde Scheindel Brawer gesagt haben, zweitens: wie könnte sie die heiligen Ruhestätten ihres geliebten Mannes, ihrer teuren Eltern und ihrer einziggeliebten Tochter verlassen? Von den Schrecknissen des Krieges jedoch, von Not, Hunger, Kälte und Pogromen, elend und gebrochen, entschloß sich Scheindel Brawer, da sie in ihrem polnischen Heimatstädtchen sowieso niemanden mehr hatte, nach Amerika zu fahren, um so mehr, als sie dort vier Söhne hat, alle wohlhabende Männer, große Geschäftsleute und schon lange amerikanische Bürger und Patrioten, die für große Summen viele amerikanische Kriegsanleihen kauften. Ziemlich lange dauerte es, bis es den Kindern in Amerika gelungen war, ihre Mutter Scheindel Brawer zu diesem Entschlüsse zu bewegen. Sie schrieben sich die Hände wund« schilderten ihr, wie sinnlos es sei, auf die alten Tage einsam und verlassen zu bleiben, während sie dort in Amerika alle ihre Kinder, vier Söhne, Schwiegertöchter und liebe, lachende, puppenschöne Enkel hat, die sich so sehr nach der lieben alten Großmama sehnen. Scheincka) Brawer ging — zufolge ihrer Unkenntnis der Schriftsprache — zu den Nachbarn, ließ sich die einander folgenden verlockenden Briefe vorlesen« und auch die Nachbarn redeten ihr warm zu, den Bitten der lieben Kinder Gehör zu schenken und zu ihnen zu fahren. Eines schönen Tages begab sich Scheindel Brawer auf den „heiligen Ort , verabschiedete sich gebrochenen Herzens von ihren lieben Toten, bat sie alle schluchzend vielmals um Verzeihung, daß sie sie verlassen müsse, und nach einigen Tagen befand sich Scheindel Brawer unter den vielen Passagieren auf einem der großen Auswandererschiffe. Als Frau Brawer im „Kessel- Garten", der Landungsstelle, ankam, ließ man sie warten, einen Tag, zwei, und noch länger. Sie hörte wohl unter den Reisebekannten oft das Wort „Quote" a.ussprechen, worüber lange Dispute entstanden. Was geht aber Scheindel Brawer „Kwote oder S c h w o t e" an, sie Weiß, daß sie vier Söhne in Amerika hat, alle vier reich und amerikanische Bürger, und sicherlich werden sie alle vier, heute oder morgen, kommen, um die mit großer Sehnsucht erwartete Mutter abzuholen. Als sie aber nach einigen Tagen erfuhr, daß man schon mehrere Emigranten bereits zurückgeschickt hat, trotzdem die meisten von ihnen ebenso wie Scheindel Brawer Kinder in Amerika haben, welche ebenfalls wohlhabend und Staatsbürger sind, da wurde die alte jüdische Mutter nervös und begann unter hysterischen Begleiterscheinungen jämmerlich zu schreien, so daß alle Beamten vom „Kessel-Garten" zusammenliefen. „Was heißt das — mich nicht hereinlassen?" Ich will zu meinen Kindern, zu wem soll ich hingehen?" — und Scheindel Brawer ist infolge der großen Aufregung schwer erkrankt. Sie wurde in das Spital gebracht, wo sie in hohem Fieber lag und tagelang ununterbrochen stöhnte: „Lasset mich zu meinen Kindern, ich will meine Kinder sehen . . ." Es ist 12 Uhr mittags. Draußen rieselt ein kalter Regen. Menschen, die sich zur Abholung ihrer Angehörigen zur Landungsinsel begeben, stehen mit aufgespannten Schirmen und in Regenmäntel gehüllt, das Boot erwartend« das die freigegebenen Einwanderer bringen sollte. Endlich erscheint das historische Landungsboot, auf dem sich diese Glücklichen, die die Erlaubnis erhalten, im Reiche des Dollar einzuziehen, befinden sollten. Die Tore öffnen sich breit, die Beamten, in zwei Reihen aufgestellt, nehmen die Hüte herunter und verneigen sich tief und ehrfürchtig vor dem Landungsschiff, auf welchem sich aber nur eine einzige Person befindet. Die Jüdin Scheindel Brawer aus Polen .... Scheindel Brawer kam auf einen guten Einfall. Sie kann weder lesen noch schreiben, auch die „Schwote, Kwote" ist schon längst komplett. Und doch wird die alte Scheindel mit großer Parade in das Land, wo ihre Kinder, lauter reiche Leute, patriotische Bürger, leben, mit großer Ehrfurcht eingeführt. Achtundvierzig Stunden, bevor sich das eiserne Tor Amerikas vor der polnischen Jüdin geöffnet, ist eine alte Mutter vor Sehnsucht und Schmerz, ihre lieben Kinder nicht sehen zu dürfen, im Spitale auf der Träneninsel gestorben ... Auch der Tod scheint noch nicht das Schlimmste zu sein, weil durch ihn die alte polnische Jüdin Scheindel Brawer nach Amerika hineingelassen wurde .... In der nächsten Nummer beginnt zu erscheinen: DERJÜNGUNG Eine Geschichte aus der ägyptischen Knechtschaft Von Maria Rente Daumas Diese jeife Erzählung schildert die Leiden Israels unter der Herrschaft Pharaos und Moses Wachsen zur Mission. Die Schriftstellerin versteht es auf seltene Art« den historischen Stoff psychologisch zu durchdringen und dem .Menschen von heute zugänglich zu machen KARL A. 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