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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-11 · 9 (11.4.1924) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
9 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 9 I. Bellage 11. April 1924 WMllberaleZellung Hermann Cohen-Gesellschaft zur Erneuerung -es religiSsen Judentums. Ein Aufruf zu ihrer Gründung. Don Rabbiner Dr. Löwen st amm - Spandau. Zeit ist'S. daß sich das deutsche Judentum auf die Dankesschuld besinnt, die es dem Andenken Hermann EohenS abzutragen hat. Sechs Jahre sind seit seinem Tode hingegangen, und wir haben durch den traurigen Ausgang des Weltkricges.mrd die schweren Nachkriegsjahre kerne Zeit gefunden, uns seiner intensiv zu erinnern. Wenn es wahr ist, daß Dankbarkeit gegen ihre geistigen Größen ein hervorstechender Charakterzug der jüdischen Gemeinschaft ist, so müssen wir hier diese Tugeno wieder bewahren. Cohen ist die höchste intellektuelle und sittliche Persönlichkeit, die das moderne Judentum für seine eigene Vertiefung und Verinnerlichung erzeugt hat. So ist es natürlich, daß die geistige Art dieses Mannes uns zur religiösen Erneuerung aufruft. Keiner hat wie er den tiefsten Sinn des Monotheismus, Prvphetismus und Messianismus erfaßt, die selbständige Eigenart der Religion in der modernen Geistcskultur klar herausgestellt und die jüdische Gedankenwelt in ihrem höchsten religiösen und ethischen Werten für die Vergangenheit und Zukunft der Menschheit aufgczeigt. Es gilt nicht, auf die Worte des Meisters zu schwören, sondern in seinem Geiste die ungetrübte Lebendigkeit des religiösen Judentums gegen äußere Feinde und innere Gegner zu behaupten. Nicht Autorität, sondern Leitbild soll Cohen werden für unsere ewige Aufgabe, das Judentum und das echte Zeitbewußtsein immer von neuem zu durchdringen und zu hattnonisieren, wie es unsere großen jüdischen Denker für ihre Kulturepoche seit 2000 Jahren verwirklicht haben. Für diesen Zweck ist die Gründung einer Hermann Cohen-Gesellschaft in diesem Zeitpunkte des jüdischen Wiederaufbaues dringend notwendig. Seine Gedanken in die weitesten jüdischen Kreise zu tragen und in seinem Geiste die Ausgleichung zwischen Judentum und allgemeine Kultur zu vollziehen, dazu rufe ich die deutsche Jubcnheit auf und bitte, Zustimmungserklärungen an mich zu richten. Aus der Ethik des Talmud. (Wohltätigkeit und Menschenliebe.) Bon Rabbiner Dr. Albert Wolf. Dresden. In unseren Tagen, da die Feindschaft gegen das Indeniurn wieder ungeheuer groß geworden ist. und da die Dummi eit und die Unwissenheit auch den Talmud wieder als . Kronzeugen für die moralische Minderwertigkeit des Judenrms anzuführen belieben, dürfte eS angebracht fein, einiges!' ns den ethischen Anschauungen der talmudischen Weisen annführen. Diese Sätze sollen einerseits ein Rüstzeug bilden im Kampfe gegen unsere Feinde, sie sollen auf der anderen 'Seite den jüdischen Menschen zu jüdischem Leben, gemäß ' nserer alten Ethik, anspornen. Selbstverständlich kann aus der Fülle des Materials nur ein Bruchteil angeführt werden. Die Erfüllung des LcbenswcrkeS sehen unsere Weisen i l der Dreiheit Thora, Aboöa und Gemilluth Ehassadim >'emäß dem Ausspruch des Simon des Gerechten: „Aus drei Dingen ruht der Bestand her Welt: auf der GotteSlehre, auf dem Gottesdienst und auf den Taten der Menschenliebe," Spr. d. Väter I., 3. Gemilluth Ehassadim ist der Inbegriff aller Liebestätiqleit zwischen Mensch und Mensch. Maunonides sagt in i'inem Mischnahkommentar «Pca 1): SU I c Pflichten wischenMensch undMenschsinüinGe millut h >< hassadim enthalten. Und richte Dein Herz auf sie; denn Hillel. als der Heide zu ihm sprach: „Lehre mich die Thora, solange ich auf U it e in Fuße stehen kann!". antwortete ihm: „Was Dir verhaßt ist. tue auch Deinem Nebenan e n s ch e n u i ch t!" (Trakt. Sabbath. S. 31.» Im Sinne dieser Anschauung lehrt der Talmud sSukkoh D. 49): „Größer i st, wer Wohltätigkeit lZ e d a - lah) übt als wer alle Opfer dar bringt." Aber '.noch größer", wird dort weitecgelchrt. „als W o hl - rätigkeit (Zedakah) ist die LiebeStätigkcit Gemilluth Ehassadim),-" denn „die Wohltätig- Veit wird erst.vollständig durch die Liebe, die in ihr enthalten ist" (daselbst). So finden diese beiden begriffe, die den Höhepunkt der jüdischen Ethik darstellen, ihre Deutung. Zedakah heißt ursprünglich Gerechtigkeit. Und als Gerechtigkeit wird die Wohltätigkeit, wie wir sie aemeinhin üben, bewertet. Wenn wir dem Armen helfen, > .än Leben zu fristen, dann ist das ein Akt sozialer Gerechtigkeit. und wir sind durch göttliches Gebot dazu verpflichtet. Gemilluth Ehassodim ist noch etwas Anderes. Innigeres. Zedakah kann man gebieten, Gemilluth Ehassadim erfordert das Herz, die Hingabe der Person. Und darum lehren unsere Weisen a. a. O.: „In drei Dingen ist Gemilluth Ehassadim größer als Zedakah. Zedakah übt man mit seinem Gelde, Gemilluth Chassa- Sim mit Hingabe der Person und mit seinem Gelde; Zedakah gewährt man Armen. Gemilluth Ehassadim Armen und Neichen; Zedakah erweist man Lebenden. Gemilluth Ehassadim Lebenden und Toten." Wer in diesem Sinne sich zu den Menschen verhält, der genügt dem Anspruch wahrer Frömmigkeit. Im Traktat Kidduschin S. 40 führt der Talmud einen Satz aikS Jesaia K. 3 an: „Rühmet den Gerechten, daß er gut ist," und erläuternd fragt der Talmud: „Gibt es denn einen Gerechten, -er gut und einen Gerechten, der nicht gut ist?" Und die Erwiderung lautet: .^Ver güt gegen Gott und gegen die Menschen ist.der ist ein Gerechter, der gut ist; wer gut gegen Go tt, aber nicht gut gegen die Menschen ist, - er ist ein Gerechter, der nicht gut ist." Seit Paulus pflegt man dem Judentum immer vorzuwerfen, es pflege eine ScheG.frömmigkeit, die in der Außübuug der Eeremoniengebote die religiöse Pflicht erfüllt sehe, während man die Tat. die der edlen Gesinnung entstamme, vernachlässige. In keinem Vorwurf liegt wohl eine größere Verkennung des Judentums. Den oben angeführten Sätzen liegt der gleiche Gedanke zugrunde wie dem Worte des Rabbi Chanina (Spr. d. Väter III3). „An w e m die Menschen Wohlgefallen haben, an dem hat auch Gott Wohlgefallen, und an wem die M e n s ch e n nichtWohlgefall.enhaben.an dem hat auch Gott kein Wohlgefallen." Diese Auffassung, daß der Dienst an den Menschen die höchste Stufe des Gottesdienstes sei, kommt vortrefflich zum Slusdrucl an einer Stelle des Talmud, wo ganz auffällig die Tendenz hervvrtritt, die Gebote der Thora zurückzuführcn auf die einfachsten Pflichten der Menschen gegen Gott und gegen den Nebenmenschen. Im Traktat Makkoth S. 34 wird gelehrt, 613 Gebote habe Gott dem Mose offenbart. Diese habe David auf 11 Grundpflichten zurückgesührt, Jesaia gar habe sie in 6 Geboten zusammengefaßt. In 3 Forderungen habe der Prophet L'icha den Sinn der Gesetze erkannt. Wieder an anderen Stellen seien sie auf 2, schließlich auf 1 Grundgebot zurückgesührt. In unserem Zusammenhänge verweisen wir vor allem auf die 3 Forderungen öeS Micha, die die Grundelemcnte der Thora enthalten sollen. Der Satz lautet: „Es ist Dir verkündet, Mensch, waS gut ist und rvas der Ewige von Dir fordert: Recht tun, Liebe erweisen und demütig wandeln vor Deinem Gotte." Und dazu wird a. a. O. im Talmud erläuternd hinzugefügt: „Recht tun, daS bezieht sich aus di'e Makellosigkeit öeS Gerichtswesens; Liebe üben, das bedeutet Gemilluth Ehassadim (in dem öargelegten Sinn); demütig wandeln vor Gott. daS heißt, Tote zur letzten Ruhe geleiten und die Ausstattung von Bräuten." Gerechtigkeit. Menschenliebe und Fürsorge für die Hilflosen und Verlassenen, darin erblickt diese Anschauung den Sinn des Daseins. Wer noch den Toten Ehre erweist, der zeigt dadurch, daß er in Demut vor Gott seine Pflicht gegen die Menschen erkannt hat. Wer eine arme Braut auSstattet, der ehrt Gott durch die Hilfe, die er einer Verlassenen zuteil werden läßt. Und ähnlich heißt es im Traktat Sabbath S. 127: „Die Aufnahme heimailoser Wanderer ist größer als 6 f e Hingabe a n Gott." Viele ähnliche Sätze könnten angeführt werden, und es könnte durch Beispiele gezeigt werden, wie dieser Geist betätigt wurde. Wie Gemilluth Ehassadim zu den religiösen Pflichten gehört, von denen der Grundsatz gilt: „eS gibt kein Maß für sic," so ist auch unermeßlich die Zahl der Licbestatcn, die auS dem Geist des Talmud geboren sind. Gewiß gilt dem Talmud das Lernen und Forschen, das sich Versenken in die Schrift und die Beschäftigung mit den religiösen Problemen qls höchstes Glück und als höchste Aufgabe: aber er vergißt nicht, wie oft behauptet wird, das Leben, zumal dann nicht, wenn es sich um die Erfüllung von Licbespflichten des Menschen gegenüber handelt. „Man unterbricht das Studium zum Zwecke der Ucbcrführung eines Toten oder zum Zwecke der Ausstattung einer Braut" (Kethuboth S. 17). Solche Licbcstätigkeit bewirkt das Gleiche wie daS Thorastudium. Der sündhafte Trieb wird durch die ideelle Beschäftigung überwunden. So in Aboda sarah S. 5: „Heil Israel! Wenn sie sich mit der Thora beschäftigen und Gemilluth Ehassadim üben, ist ihr böser Trieb in ihre Macht gegeben,und ihr böser Trieb wird nicht Herr über sie." Diesen Weg der Licbestätigkeit hat nach einer Bemerkung im Traktat Sota S. 14 Gott selber gleichsam durch sein Verhalten gezeigt: „Wie Gott die ersten Menschen kleidete» so sollen die Menschen die Nackten bekleiden; wie Gott den kranken Abraham 'besuchte, so sollen wir Kranke durch unseren Besuch erfreuen, wie Gott den trauernden Isaak tröstete, so sollen die Menschen sich gegenseitig Trost spende» und aufrtchten; wie schließlich Gott den Mose begrub, so sollen die Menschen den Verstorbenen den letzten Liebesdienst erweisen." Und an derselben Stelle wird aus den Erzählungen von der Bekleidung der ersten Menschen und der Bestattung des Mose der mahnende Satz hergeleitet: „Anfang und Ende der Thora ist Tat der Liebe." Der Sinn unserer wie jeder Religion muß sein, das Reich der Liebe auf Erden zu errichten. Darum gibt cs nichts, daS geeigneter wäre, die Gegensätze unter den Menschen auszugleichen, als gegenseitige Hilfe. Entsprechend lehrt der Talmud im Traktat Gittin S. 61: „Man verpflegt die Armen der Ntchtjuden mit den Arme» Israels, und man besucht die Kranken der Nichtjuden wie die Kranken Israels, und man begräbt die Toten der Nichtjuden wie die Toten Israels, weil der Friede unter den Menschen auf solcher Liebes tat beruht." Das Reich der Liebe und des Friedens ist unser höchstes Ziel auf Erden. Ihm dienen wir noch den Worten unserer talmudischen Weisen durch Zedakah und Gemilluth Chassa» dim, durch Wohltätigkeit und Taten der Liebe. Iß! BUCHERSCHAU. Iß! Manfred Sturmann, Althebräische Lyrik. Nachdichtungen. Mit einer Einleitung von Arnold Zweig. 1923. Allgemeine Verlagsanstalt, München. Manfred Sturmann bietet . eine Auswahl biblischer Lyrik in neuen Uebertragungen. Wenn er sie Nachdichtungen nennt, will er damit' wohl die Kritik entwaffnen, die ein allzu freies Abweichen vom Urtext mißbilligen könnte. Aber da sich Sturmann so gut wie überall an den Gedankengang des Originals hält, unterscheidet sich seine Uebersetzung gar nicht so wesentlich von anderen. Mau merkt das Bemühen um eine schöne, schlichte Form, die moderner lyrischer Wortwahl angeglichen werden soll. Warum er dabei oft das veraltete Wörtchen „so“ (wenn), sogar im Sinne von als, anwendet, ist nicht einzusehen. Daß er sich nicht bemüht, den Rhythmus des Hebräischen im deutschen Verse peinlich genau wiederzugeben, wie es manche Uebersetzer heute versuchen, wird nicht als Mangel empfunden, da es ihm oft gelingt, einen der Stimmungsart entsprechenden eigenen Rhythmus ungezwungen tönen zu lassen. In einer glänzend geschriebenen Einleitung macht Arnold Zweig einige feine Bemerkungen über den Einfluß der biblischen Lyrik, insbesondere der Psalmen, auf die westliche Kultur. Ueber den Wert der vorliegenden Sammlung hält er mit seinem Urteil zurück. Er will nur den Ort bestimmen, von dem aus man sie beurteile# spll. „Seit einigen Jahren erinnern sich junge Dichter' didees Urguts ihres Stammes, und der neue lyrische Sprachgeiet versucht sich an ihm. Früher waren es mehr Gebete, je(rt werden es mehr Gedichte“ . . . „Das neue Hebräisch ist eine weltlichere Sprache geworden, und das alte wird von ihm mit entfärbt; aber es lebt wieder; nur der Stümper verlangt von sich alles auf einmal. Darum ist diesmal mehr vom poetischen Geist des Dichters in der Sprache und von der Freude am Bilden, die den Künstler konstituiert, weniger von der Glut des religiösen Menschen, der um Gottes Gegenwart ringt.“ Mit diesem Wort wird zart?' ein Mangel der vorliegenden Uebertragungen, besonders der Psalmen, angedeutet, und es ist wirklich nicht nötig, aus der Not eine Fugend zu machen, wenn Zweig nun fortfährt: „Heute aber, wo das Schrifttum überschwillt von den Absonderungen solcher, die „faulende Gottbezeichnungen Wiederkäuen", scheint das die redlichere und fruchtbarere Haltung zu sein.“ Fs ist sicher erfreulich,- wenn such dichterisch hegshte Juden »ich um die Findeutschung biblischer Poesien bemühen. Aber es hieße dis Bedeutung unseres der Menschheit zum Legen gereichenden Frhguts verengen, wenn wir eine besondere Ltarnmesgualität sls hauptsächlich geeignet für seine Auswertung ensehen wollten. Daß durch das neue zum heben erweckte Hebräisch das alte mit entisrbt wird, ist nicht zuzugehen. Der jüdische Dichter müßte wie der deutsche in seiner Sprache empfinden: „Will noch tiefer mich vertiefen jn den Reichtum, in die Pracht. Ist mir's doch, als bb mich riefen Väter aus der Grabes Nacht.“ Wer Psalmen nachdichten will, müßte vor allem die Fähigkeit haben, die Glut religiösen Fuhlens, welche die dichterische Form unmittelbar gestaltet hat, in seiner Weise nachzuempfinden. Es ist bezeichnend, daß unter den 44 zum Teil recht schön übertragenen Psalmen der 44., 73., 130. und 139. fehlen, Der moderne Faltenwurf der lyrischen Gewandung scheint uns gegenüber der Wichtigkeit jener Forderung etwas Nebensächliches zu sein. 8 ß) Q? g nur auf — die beliebteste längplatte -— unerreicht in Klang und Rhythmus. &am ftervorratfend g«o0e JfuawvaM tn AeftrdiMften (flotten. 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