Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-11 · 9 (11.4.1924) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
9 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613750--0744-2618040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V< jährlich M. 1,80 Linzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung t. Inland 0LS 5Lr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mttgtiedsbettrage enchalten. :r rr Chefredakteur: Dipl.-bng. Bruno Do-da. Nr. 9 ' Die „Jüdisch - liberote - Leitung" erscheint jeden Sreitag. Schristieilung und Seschüttvsteiie: Serltn, Mauerstratze22. Sernruf: Anft Merkur Nr. 8725 Poftfcftedtliontot B«riln OW7 nr.l37069 (Vereinigung für fas liberal« Judentum) nadibruck tamtldjer Ortatfial-Battrffae nur mit Oer g«no«m Cfttallananaaba „JQMfäj-Ctberala Siitung" g«statt«!! Berlin, II. Äpril 1924 Anzeigenpreise: Die 12gespaltene -loupareillezeUe 0.4S Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Gold»«k; r: u :: bei Diederholunge» Rabatt, r: :: rr Auzeigenaunahmer Dr. Richter & Co„ v.«.d.K. Berlin S 4L. Alexandrinenstrahe 05/06» (Fernsprecher t Dönhoff 438), sowie sämtliche Annoncen-Expeditione«. mmmmmBBBBBmmmBBaamammmmmm 4. Jahrgang Religion und 7 ' ' . Wenn die Stürme des Antisemitismus i'mmer wieder über uns dahinbrausen, wenn der beste Wille zur Verständigung doch nicht anerkannt wird — dann erwacht in uns eine brennende Sehnsucht, aus Zerrissenheit zur Harmonie zu gelangen und einmal die Frage der Fragen zu stellen, abzusehen von Einzelheiten, Schlagworten und Persönlichkeiten und statt dessen zu reden: von der Religion des Patriotismus und dem Patriotismus der Religion. Bon der Religion des Patriotismus — denn der. wahre Patriotisrnus ist Religion. Denn er hat es ja nicht mit Menschen zu tun, mit Zeiten oder dem geographischen Raum. Er wechselt nicht mit Kulturanschaüungen, er verschwindet nicht mit dem Glück seines Landes: wie die Religion ist er immer da. Der wahre Patriotismus ist Religion, denn wie sie klammert auch er sich vornehmlich an die Seele: au die Seele des Landes, die Seele der Menschen, die Seele der Sprache, der Kunst, der Geschichte. Aus ihr weht ihn das Ewige an,, das ihm wieder mit der Religion gemeinsam ist, das Ewige, das einen Goethe umweht, in Symphonien Beethovens wiederk'lingt. Ja,. Patriotismus ist Religion, denn er» steht und fällt wie sie mit dem Ich. Gewiß, der Mensch ist göttlich veranlagt, aber wenn er nicht „Ja" sagt zu seinem Gott, die Anlagen nicht zur Entfaltung bringt, bleibt dieser Gott für immerdar stumm. Und so, wenn der Mensch die Herztöne der Heimat, -ie von Geburt an in ihm vernehmbar, nicht selber zu stärkstem Klingen bringt, bleibt ihm die Heimat ein totes Ding. Und wie Religion sich nur vertieft und immer fester ins Innere bohrt, je wehr uns Gott zum Schmerzenskind wird, so wird das geliebte Land unserer Heimat um so fester und inniger unser eigen, je mehr Herzblut für sie vergossen wird. Ja, Patriotismus ist Religion, denn wie diese wohl qnfängt beim Bruder und Nächsten, aber stets den Blick auf die Menschen richtet, so ist dem wahnen trtrioten die Heimat nur der starke Boden und starke rund, auf dem er stehen und leben will, aber von dem aus er suchend und liebend Länder und Völker herzlich umfaßt. Und wie Religion dem wirklich Frommen etwas so Selbstverständliches ist, daß er am liebsten davon gax nicht spricht, nein, daß er nur handelt und im übrigen schweigt, so ist auch dem wahrhaften Patrioten die Liebe zur Heimat die zweite Natur. Ganz natürlich fühlt er und denkt er so, wie der.Heimatboden es ihn gelehrt. Und er, versteht nicht, daß man davon auch sprechen kann. Er kennt nur ein selbstverständliches Handeln, und außerdem kennt er nur noch ein Schwerem Ja, Patriotismus ist Religion, denn wie diese, so rührt er schließlich auch selber an ein Urgefühl der menschlichen Brust, ein Urgeheimnis, das niemand entschleiert, ein Mysterium, bei dem, wie bei der Religion, die Fragen nach dem „Woher?", ,F8ie ist's möglich?" die allergeringste Rolle spielen. Es ist da das Geheimnis und ist unser Glück, ist . unsere Tragödie, ist unser Schicksal, ist heilig für uns, ein Stück Ideal, ist unser Leben, ist unser Tod! Fst aber Patriotismus so viel, ist Patriotismus Religion, dann muß von selber die Frage entstehen: ist unsere jüdische Religion geeignet, derartigen Patriotismus zu fördern? Zu den ergreifendsten Bildern, welche Israels walte, gehören die, welche die Unterschrift tragen: »»Nach Hause" und „Allein". Gewiß kann jeder andere Maler das auch darstellen, aber vielleicht war niemand in seinem Wesen so dazu vorbestimmt, wie dieser jüdische Künstler. Liegt doch die Sehnsucht nach dem „Nach Hause" und die Klage um das „Allein" tief im Innern des Juden, stehen sie doch am Anfang seiner Geschichte! Und es liegt eine tiefe Symbolik darin, daß die ersten jüdischen Heimatsucher Blut an die Pfosten strichen — als ihr Erkennungszeichen. Denn es blieb,das Merkmal aller jüdischen Heimatsucher bis auf den heutigen Tag. Aber freilich auch für uns alle, für die die äußere Wanderung zu Ende — auch für uns ist das Bild da von dem „Nach Hause", auch wir kennen die Klage um das „Allein", denn auch wir sind zu Heirpatsuchern bestimmt — in dem anderen Vinn, in dem es auch unsere Väter waren. Denn wir betrachten uns ja als religiöse Gemeinschaft, und Religion ist „das Genrutsheim" des Menschen, wie Steinthal sagt, stellt ^as Heimweh nach -er Heimat" dar -r der inneren, Aus dem Inhalt: Dr. Gottfchalk-Berlin: Religion und Patriotismus. — I. Ledermann-Berlin: Waren wir Drückeberger? — H. A. Margolivs-Berlin: Paralipomena. — Dr. Löwen stamm-Spandau: Anfruf zur Gründung einer Hermann Cohen-Gesellschaft. * I. Landau-Berlin: Der Dichter der hebräischen Melodien. — Dr. Wolf-Dresden: Aus der Ethik des Talmud. — Joseph Grob-Wien: Scheindel Brawer in Amerika. — Clementine Krämer, München: Das Bier.* Bücherfchan. — Freunde im Ausland. — Aus der BerVeanua. — Bersammlnngskalender. Liberaler Erfolg bei dm Nepräseniantenwahlen in Leipzig. Am Sonntag, den 6. April, fanden in Leipzig die langersehnten Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Äsche» Gemeinde statt. Da in Leipzig die ostjüoische» >ler etwa Dreiviertek der Gesamtwählerschaft stellen, während die deutschen Juden nur etwas über ein Viertel der Wählerschaft ausmachen, bildete die Art der Durchführung dieser Wahlen Gegenstand langwieriger AuSeinandetzsetzungen zwischen den deutschen Juden und den Ostjuden, bis.es Hann zu einer Art Kompromiß gekommen ist. auf Grund dessen die Wahlen nunmehr vor sich gehen kovnten. Laut der Wahlordnung in den jüdischen Gemeinden Sachsens wählen die deutschen Juden und die Ostjuden in ie einem besonderen Wahlsektor. An den Wahlen beteiligten sich mit eigenen Kandidatenlisten: Die Liberalen, die Orthodoxen. der vereinigte Block der Zionisten und der gemäßigten Orthodoxie, die Poale Zion und der Block der Kommunisten und der Bund. Auf Grund der abgegebenen Stimmen verteilen sich die Mandate wie folgt: In dem deutsch-jüdischen Sektor erhielten: Liberale 17. Zionisten 5. Poale Zion 8 Mandate. In dem ostjüdischen Sektor erhielten: Zionistenblock 4. Orthodoxe 3.Poale Zion 1 Mandat. Mithin stehen den 17 Mandaten der Ltberalen insgesamt 16 Mandate sämtlicher anderen Parteien gegenüber. Die Teilnahme am Religionsunterricht. Die Vorschriften über öte Teilnahme am Religionsunterricht sind durch einen soeben erschienenen Ministerialentscheid auf die einfachste Form reduziert worden: eine Befreiung von StaetSwegen ist überhaupt nicht mehr nötig, vielmehr genügt eine Erklärung -er Erziehungsberechtigten über Nichtteilnahme des Kindes, in einfachster Form. Auch die Einschulung von Kindern aus Mischehen z. B. in kon fessionelle Schulen kann auf diese Weise künftig erfolgen. Eine arabische antizionistifche Weltorganisation. Die Palästinensische arabische Exekutive gibt bekannt. eS feien Vorbereitungen zur Gründung einer antizionistischen Weltorganisation für den Schutz Palästinas getroffen worden. König Hussein und Emir Dobullah werden der Orga nifation angehören. Die Rückwanderung aus Palästina. Wie die palästinensisch« Telegraphen-Agentur erfährt, haben während der Monate Januar und Februar 489 Juden Palästina verlassen. (Das sind ea. HO Prozent der im gleichen Zeitraum etnaewanderten Juden.' Die Ded.) Die Königin von Holland in eintt Synagoge. Mit großer Ehrerbietung wurde Sir holländische Königtn Wilhelmina, begleitet von ihrem Gatten, dem Prinzgemahl und der Kronprinzessin Juliana dei einem Besuche in der großen Atnsterdamer Synagoge im Judenviertel empfangen. Die Synagoge war besondergeschmückt: aus dem für die königlichen Besucher reservierten Sitzplätzen waren die königlichen Wappen mit hebräischen PsalmaUfjHriften.augebracht. Olerrabbtner Onderwyzer sowie der Präsident -er Gemeinde. E. B. Affcher hielten Ansprachen, worin sie die Tradition der Gerechtigkeit. Toleranz und Freiheit deniederländischen Königshauses rühmten. Zur Erinnerung an den Besuch wurden in der Synagoge zwei Gedenktafeln enthüllt. inmitten der äußeren. Auch wir sind das ^Judentum unterwegs" und auch für uns ist — der „Pfosten" da. Heften wir doch an Liesen „Pfosten" das heilige Bekenntnis unserer Religion und kündet Loch auch dieses Röllchen vom Blut — LeS Herzens, der Seele und unserer Leiber! Und wenn wir weiter noch darauf achten, -aß der „Pfosten" -ie Grenze -eS Hauses -arstellt, wir also -ie geborenen G.renzhüter sin-, so finden wir hier -en Uebergang von unserer Religion zum Patriotismus. Denn in -em Suchen nach einen Heimat können sich Relkgion und Patriotismus begegnen. Nicht -er ist ja -er religiöse Mensch, -er sich mit einem fertigen Gott begnügt, sondern der täglich, „Herz an Herzen, mit ihm ringt.^ Und nicht -er ist -er wahrste Baterlan-sfreun-, -er stolz auf-en Besitz seiner Heimat pocht, sondern -er ihre Seele< -ie er erworben, sich täglich unstündlich neu erobert. Ja, unsere Religion führt zum Patriotismus, nicht wen sie -ie Verse aufzuweisen hat: „Bete für das Wohl -er Obrigkeit", oder „Fürchte Gott, mein Sohn, und den König", oder „Suchet -aS Wohl -er Stadt, wohin ich euch geführt habe..." Und auch darin sehen wir nicht den stärksten Beweis, -atz Juden von jeher in allen Dingen, -ie -es Vaterlandes Wohl und Wehe angehen, Große- und E-leS geleistet haben. Nein, unsere Religion ist patriotisch, weU das tiefste Wese« ör- HeimatSgefühlS datiefste auch unserer Religion au-- macht. „Einigkeit und Recht und Freiheit" — -aist -er Kern -eS Baterlan-Slie-eS und: Einigkeit als oberste Forderung, weil der tiefste Ausspruch über Gott selbst,' Recht als -er heiligst^Boden für alles unö Freiheit als erste Bedingung für -aS Ebenbild Gottes — -aS sind auch Kerngeüanken unserer Religion! Uneines ist uns deshalb unmöglich: Verbitterung und Landesflucht! Beide sind, wie man jetzt sagen kann, im tiefsten Sinn unreligiös, Zeichen, -aß wir gleichzeitig geschichtSblind untulturblind sind. GeschichtSblind, weil wir uns selber verkennen, nicht wissen, daß LaS Wesen unserer Religion nur mit Geniemahstab zu messen, Genie aber» immerdar Gegnerschaft weckt! Kulturblind aber ist es darum, weil der schwerste und beharrlichste Kampf -er Kultur -er Kampf -wischen Wahrheit und Lüge ist — Las aber ist -er jüdische Kampf! „Die Judenfrage ist die Antisemitenfrage, und -ie Antisemitenfrage ist -ie Menschenfrage, also kein lösbares Problem, eine Sache ohne Ende", sagt Brunner. „Die Welt mag werden, wie lle will, -ie Menschen werden immer den Menschen -ie Seele quälen." UnreligiöS endlich ist jeLe Verbitterung ununreligiös jede Landesflucht, weil sie die Flucht ist vor dem Kampf mit Ideen un- Verbitterung im Grun-e übev kleine Menschen! „Wir wollen Palästina nicht für -ie Juden, wir wollen eS für -ie Menschheit, denn wir wollen eS für -ie Verwirklichung des Judentums", behauptet Buber. Unmeint ja -mnit -och wohl die Religion. Nun> wir sind so tief religiös verankert, daß wir auch als ReligiöS-Anationale das Judentum der Menschheit Klauben -arbieten zu können — ja mehr, auS Religion gerade, aus diesen Kerngedanken -es Ju- -entmuS zur Harmonie von Religion und Patriotismus kommen. Den« -aS Anklammern an -ie Heimaterde ist natürlich kein Hindernis, -aS Judentum in -er» Menschheit E^wirklichen, wie ja -er wahre Patriot — eben um S Landes unseiner selbst willen — für de» fchheitSstaai empfänglich fein mutz. „Die Auflösung -eS Jn-ivt-uumS", sagt Cohen, „ist der höchste Triumph -er Ethik. — DaS ethische Individuum geht unter als isoliertes Einzelwesen.. und vollzieht seine Auferstehung im Ich -eS Staates und vermittels -eS EtaatenoundeS in -er Menschheit!" Denn Liebe, so möchte man hinzufügen, ist -och kein isoliertes Gefühl. „Man kann -ie Menschheit nicht umarmen, eh' einen man geliebt allein" — aber hat man angefängen, einen zu lieben, dann muß -ieseS Gefühl bis zu einem gewissen Grade sich auch in -er Begeisterung für Völkerbund un- Weltfriede offenbaren! Und darum: sei- Grenzhüter unserer heilige» Heimat — ihr» hütet die Grenzen -eS Judentums! Lebt -ie Religion des Patriotismus — ihr lebt -en Patriotismus eurer Religion! ' Kon Rabbiner Dr. Gottschalk. 20^214

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.