Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-04 · 8 (4.4.1924) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
8 (4.4.1924)
Date
1924-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613749--0737-2618032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wrnmmmm ii um . i > p# «MM- ■' l-ff- L »«IWfiW, T» \ W i. Jahrgang Nummer 8 I.BeUage 4. April ISL4 Möglichkeiten der praktischen Durchführung jüdischer Mission. Bon Felix Makower, Ueber vorstehenden Gegenstand wünscht die Schriftleitung von mir eine Meinungsäußerung. Diesem Wunsche komme ich gern nach, aber nur unter besonderer Betonung, daß, rvas ich äußere, lediglich meine persönliche Meinung ist; ich bin mir voll bewußt, daß bisher nur ein kleiner Kleis in manchen Beziehungen ähnliche Ansichten hegt. Ein großer Fortschritt liegt darin, Laß die Schriftleitilng überhaupt die Frage einer jüdischen Mission zur Erörterung stellt. Noch gar nicht lange ist es her, daß mrter den Juden die allgemeine Ansicht bestand, eine jüdische Mission sei ein Unding, und daß man dem Judentum als besonderen Borzug anrechnete, es treibe keinerlei Mission. Was nur ein-Ausfluß der jahrhundertelangen Bedrückungen, nur ein Zeichen der Schwäche war, dessen berühmte man sich. Fast in Vergessenheit war geraten, daß in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten eine außerordentlich wirksame jüdische Mission bestand, die bis zu -er Zeit, als Jesus lebte, etwa 7 vom Hundert dev Gesamtbevölkerung des Römischen Reichs (etwa 4 bis 4,Yz Millionen, während in Palästina 700 000 Inden wohnten) aus den verschiedensten Völkerschaften dem Judentum zugeführt hatte. Nicht mchr gedacht wurde des Zeugnisses der Apostelgeschichte, -atz „tu Jerusalem Juden wohnten, fromme Männer von allen Völkern unter dem Himmel her", nicht des im Talmud Überlieferten Ausspruchs eines Rabbi Eleasar: „Gott hat Israel nur deshalb unter die Völker zerstreut, Leanit sich ihnen Proselyten zahlreich anschlietzen sollen." Noch jetzt wird man als die unter Juden überwiegende Meinung ansehen müssen, Laß eine jüdische Mission zu unterlassen sei, da sie den Grundgedanken des Judentums widerspreche, außerdem aber aussichtslos und politisch in hohem Grade gefährlich sei. Als im Jahre 1913 die Entschließungen vorberaten wurden, die der Hauptversammlung des Verbandes -er Deutschen Juden zur Annahme vorgeschlagen wurden, fand in der Borversammlung nicht einmal der Antrag eine Mehrheit, auszusprechen, Laß „wir festhalten an der Hoffnung, daß die Grundlehren der jüdischen Religion dereinst Gemeingut aller Menschen werden". Welchen Sinn aber haben die oft zu hörenden und zu lesenden Hinweise auf die Weltmission des Judentums, auf seine Zukunftsaufgaben, auf die Notwendigkeit seiner Erhaltung im Jnteresie der Weltkultur, auf die Erwählung Israels zum Lehrer, zum „Licht" der Völker und die ihm mit Rücksicht hierauf obliegenden Pflichten, wenn nicht einmal erlaubt sein soll, deutlich auszusprechen, daß -aö Judentum auch jetzt noch erwartet, weitere Kreise davon überzeugen zu können, daß seinen religiösen Grundgedanken oer Vorzug vor anderen gebührt, und daß es hofft, die so Ueberzeugten auch nach außen zu einer entsprechenden Stellungnahme veranmssen zu können? Eine Anschauung, deren Anhänger sie nicht für die verhältnismäßig beste halten und aus dieser Ueberzeugung die Kraft finden, auch anderen die gleiche Anschauung nahezubringen, mag in einer vergessenen Ecke fortvegetieren; für die weitere Weltentwicklung dankt sie ab, und der menschliche Fortschritt geht über sie hinweg. Daher scheue man sich nicht, klar auszusprechen, wie auch jetzt noch das Judentum hofft, daß einst „viele Völker sich aufmachen und sprechen: Auf, laßt uns zum Berge Jahwes, zum Tempel des Gottes Jakobs hinaufsteigen, damit er uns über seine Wege belehre und wir auf seinen Pfaden wandeln". Nilyt eine politische, nicht eine wirtschaftliche Weltherrschaft strebt das Judentum an, wie böswillige Gegner ihm andichten und ununtermchtete es wohl Dauben, aber seine sittlich-religiösen Anschauungen, bas „Reich, das nicht von dieser Welt", hofft es dereinst im Wege friedlicher Ueberzeugung auch über den engen Kreis seiner jetzigen Anhänger hinaus zur Geltung zu bringen. Erzeugt die Erhebung auch eines so auf unpolttische und nicht materielle Angelegenheiten beschränkten Anspruchs eine politische oder wirtschaftliche Gegnerschaft, so muß versucht werden, die hieraus drohende Gefahr durch unbedingte Unterlassung jeder herausfordernden Form und durch eine mit sachlicher Festigkeit gepaarte Zurückhaltung nach Möglichkeit herabzumindern,- dennoch darf das nicht dazu führen, den Anspruch unausgesprochen zu lassen, denn im tatsächlichen Erfolg würde dies dom Verzicht Gleichkommen. Die Möglichkeiten der praktischen Durchführrmg einer jüdischen Mission sind allerdings gegenwärtig noch äußerst geringe. Trotzdem muß man willen, am welches Ziel schließlich loszusteuern ist; nur so kann man rechtzeitig darauf hinwirken, daß geeignete Werkzeuge bereitgelegt, daß entgegenstehende Hindernisse beiseite geschoben werden, Enste Voraussetzung jedes Fortschritts ist, daß unter den Juden selbst der Wunsch nach Ausbreitung der eigenen Anschauungen verstärkt werde. Solange Naumanns Anker oder — Selbst Narren find mir willkommen... Am 28. Januar d. I. hat eine Versammlung des Verbandes nationaldeutscher Juden im LogenhauS zu Berlin stattgefunden, über die wir bereits berichteten. Sie erregte in der Oeffentlichkeit besonders dadurch vevechtigtes Auffehen, daß daran der deutsch-völkische Major Anker teilnahm und nach einem Dortrage des Herrn Vr. Naumann in die Diskussion eingrifs. Wozu der Verband nationaldeutscher üben E. B. den deutsch-völkischen Major nker braucht. lAuS dem Leitartikel des Chefredakteuram „Berliner Lokal-Anzeiger", Dr. S. Bre-lauer in Nr. 1 des diesjährigen Mitteilungsblattes de- Verbandes nationaldeutscher ^uden). .Alerster Redner hatte näurlich Herr Major a. D. Kurt Anker das Wort erhalten, im Krieg Nachrichtenoffizier der Obersten Heeresleitung beim Oberkommando -er Heeresgruppe Deutscher Kronprinz, jetzt et« auf eigenen Füßen stehender Vorkämpfer der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes. Ein ziemlich weit rechtstehender Mann, de« aber kein Teil dieses deutsche» Volkezu schlecht ist für den Versuch, ihu zur »ahre» Volksgemeinschaft, als dem einzig mögliche« Fundament unserer Erneuerung, heranzuziehe«, nud der mit diesem guten, ehrliche» Wille» auch vor de» national fühlende» deutsche» Jude» nicht Halt macht. Er hat sich um dieser freieren Denkart willen, auch weil er zum Beispiel in der Schulbfrage unbefangener urteilt . als viele seiner früheren Stande-- und Gesinnungsgenossen, von den Deutschvölktschen getrennt, hat sogleich nach der Revolution seinen Abschied von der Armee genommen und war stch gewiß von vornherein der Wirkung bewußt, die sein Auftreten in unserer Versammlung an den leitenden Stellen der Deutschnationalen BvlkSpartei, zu der er gehört, auSlösen würde. Trotzdem tat er, was er für recht hielt, und sprach davon, daß all« wirklich deutschen Juden bei ihm und seinesgleichen offene Türen fänden und in die deutsche Kampfesfront ausgenommen würden, wenn sie bereit seien, moralisch, ideell, materiell und eines Tages im wahrscheinlich einst nötigen blutigen Freiheitskampf auch mit ihrem Leben für Schwarz-weiß-rot einzustehen. .Und daß gar -wischen einem Major Anker und deutschen Juden jemals eine Frontgemeinschaft denkbar wäre, dafür haben sie nur Spott und Gelächter. Nun, es ist richtig, baß sowohl die Leitung -er Deutschnationalen Bolkspartei, wie das Organ der völkischen, wie gar nicht anders zu erwarten war, von Herrn Anker sofort abgerückt sind. Kann das aber an der Tatsache etwas ändern, daß dieser Mann, der keineswegs für sich allein steht in Deutschland, sondern nach fünfjähriger. mit eigenen Kräften geleisteter Arbeit vielen vaterland-freunden ein Führer geworden ist, mit seiner Person für eine Ausgleichung der Gegensätze zwischen jüdische» nud uichtsüdischeu Deutsche« eingetreten ist? Daß wir nicht gleich ganze Parteien für unsere» Standpunkt gewinnen können, daS braucht man uns gar nicht vorzuhalte». ES.wird zunächst darauf aukommen, rechts wie linkdiejenigen Männer vo» -er Notwendigkeit unserer Sach« zu überzeugen, die gute« Willens sind und sich frei genug von Partei- und anderen Abhängigkeiten fühle», um gleichgesinnten Kreisen die Hand z« reichen, a»ch wenn sie am andere» Ufer stehen. Dieses eine Beispiel wirb viele Anhänger Ankers zum Nachdenken bewege«. wird auch manche, die in anderen Lagern wirken, auf ihn und auf sein Wolle« und Denken aufmerksam machen und so unserer Sache Gehör verschaffen an Stellen, die wir ohne die Mitwirkung dieses tapferen Offiziers niemals erreicht hätten. Wozu der Major Anker de» deutschvölkischen verband national deutscher Juden E. B. braucht. lAuS einem Bericht des Major a. D. Anker, der als Zirkular vom „Stahlhelm" verbreitet worden ist). Daß ich der Einladung des Vorstandes „nattonalgesinnten Juden" zu ihrer Versammlung am 28. Januar überhaupt gefolgt bin, war von mir, ebenso wie jedes Wort meiner kurzen Rede dort (18 Minuten) genau überlegt. Ich ging hin in der Absicht, nach Möglichkeit ein scharfes Anfeinanderplatze« der nationalen Jude» mit ihre« «ichtnationaleu Rasiegenosieu herbeizusühre». Die Hauptrede des „nationaljüdischen" Herrn Dr. Naumann, so scharf national sie auch gehalten war, war nicht ohne weiteres geeignet, eine radikale Spaltung herbeizuführen. Als ich nun nach ihm als erster daS Wort erhielt, trieb ich Naumanns Ausführungen in streng logischem Gedankenaufbau, gewisiermaßen in die letzten Konsequenzen und erreichte damit, was ich wollte. Schon die Reden der nach mir sprechenden nichtnationalen Juden jZionist Klee, Oskar Cohn usw.). die vorwiegend in wütenden Ausfällen gegen mich bestanden, zeigten deutlich, wie höchst unangenehm allen nichtnationalen Juden mein Erscheinen und Reden war. So sagte z. B. Cohn: „Da sehen Sie. wie der reaktionäre» völkisch-monarchistische Herr Anker sofort NaumannS Erklärungen und Zugeständnisse ausnutzt." Als Cohn dann in seiner, alle Ueberlegung vergessende Wut sagte, man solle ssch doch recht reiflich überlegen, ob das sogenannte Deutschtum, wie Herr Anker es wolle, wert sei, daß Juden ihr Blut dafür ließen, entstand unter den nationaldeutschen Juden ein rasender Tumult: „Schuft. Lump, bezahlter Moskowiter!" riefen sie Cohn zu und gingen ihm auch tätlich zu Leibe, wogegen ihn seine Anhänger nur mühsam schützten, bis er dann aus den Saal gewiesen und gewaltsam entfernt wurde. Ob bei allen sogenannten nationalen Jude» dieser Zorn echt war, oder ob es teilweise nur geschah, weil sie sich vorher mit ihrem stürmischen Beifall zu meiner Rede festgelegt hatten, lasse ich dahingestellt. Zumal gerade die letztere Annahme den Erfolg meiner Taktik nur noch besonders unterstreichen würde. Mir scheint auf jeden Fall ein bemerkenswerter nationaler Erfola an jenem Abend festzustehen. Nicht als »ft die paar wirklich nationale« Jude« positiv viel bedeute». Aber Zwiespalt, offene Meuterei im jüdische» Lager Hab« ich erzielt, und das ist meines Erachtens von nicht zu unterschätzender Bedeutung im nationale» Sinne, de«» es bedeutet immerhin eine Schwäch»»« der feindliche» Front. Die Dölkische« treibe», wen« sie mein Auftreten »eÄ werfe». Gefühlspolittk, die zu nichts führt. Ganz abge» sehe» davo», daß ihr letztes Ziel, Ausmerzung aller Lm> gehörige» der jüdische», Raste ldenn für «ich bleibe» auch die Kinder und Enkelkinder getaufter Jude» Fremd, rassige) einfach ««erreichbar ist. Ich bi» für Realpolitik d. i. eine Politik, die manchmal „seltsame Bünduiste an» uimmt". DaS ist uugefähr die gleiche Auffassung, wie vor IIS Jahre« Gneisenau sie knndgab, indem er sagte: „Gelbst Narre« sind mir willkommen, «eu» sie cku der nationalen Sache Mitarbeiten." Dazu schreibt die in Berlin erscheinende Wochenzeitung der „Montag Morgen" vom 31. März d. IS., die den Bericht des Majors a. D. Anker teilweise abdruckt: „Die -eutschnationalen Juden können aus diesem Bericht des Majors Anker ganz deutlich herauslesen, welche Rolle man ihnen im völkischen Lager zuumtet. Sie sollen mithelsen, sämtliche deutschen Juden zu Staatsbürgern zweiten Grades zu degradieren. Iw übrigen werden sie von den Gesinnungsgenossen des Herrn Anker die Behandlung erfahren, die sie füri ihre deutschnationale Streberei offenbar auch verdienen: Sie werden mit Verachtung bestraft. Wem es von den deutschen Juden also danach gelüstet, sich für seine deutsche Gesinnung auslachen zu lassen, der gche zu den Deutschnationalen." -er Widerhall ein so geringer, werden nur wenige Wirkende sich finden. Daher zeige man der Jugend daS Ziel und erörtere es Mt ihr, damit der Wunsch erwache, dafür zu arbeiten. Der Beifall der großen Menge wird allerdings erst nach den ersten Erfolgen winken. Nächst den begeisterten Menschen schaffe man auch geeignete Bücher, solche, in denen die Lehren des Judentums und dessen Beziehungen zur Umwelt in einer den modernen Leser befriedigenden Form erörtert werden. Diese Bücher mache man nicht nur den Juden, sondern allen zugänglich und fördere ihre Verbreitung; durch Zuschüsse emnögliche man, daß sie in billigen Massenausggben erscheinen können. Wer Mische Anschauungen ü^rhaupt nicht kennt, kann sich nicht für sie entscheiden; will man, -atz jemand sich für sie entscheide, so muß man sie zurrächst in möglichst weiten Kreisen bekanntmachen. Ferner belaste man nicht die jüdisch-religiösen Einrichtungen mit mehr Absonderlichkeiten und überlebten Eigentümlichkeiten, als unbedingt erforderlich ist, um die alte Anhängerschaft zusamimenznhalten. WaS hierfür nicht notwendig, ist nicht gleichgültig, sqndevn schädlich und daher zu bekämpfen, denn es entfremdet einen Teil der eigenen Jugend und stößt Fremde ab, denen schwerlich Geschmack am Kern beizulbringen ist, solange sie ihn in solcher Schale sehe«. Gelbst dann aber, wenn all diese Vorbedingungen erfüllt sind, werden große Erfolge zunächst nicht zw erwarten sein. Einen größeren Umfang kann eine solche Bewegung nie annehmen, solange nicht der völkische Gegensich übersprungen ist. Kein Doll erträgt in seinen Grenzen dauernd mit Gleichberechtigung eine andere völkische Organisation. Und selbst den deutschen Juden gegenüber, die — abgesehen von der neu entstandenen zionistischen Minderheit — nicht völkisch organisiert und die in deutscher Kultur aufgegangen sind, besteht bei einem großen Teil der anderen Bevölkerung ein so starker stimmungsmätztger Unterscheidungswille, daß eine von Personen jüdischer Abstammung ausgehende religiöse Beeinflussung schwerlich eine Masse mvirkung haben könnte. Daher kann nur daran gedacht werden, hier und da nach und nach wenige einzelne zu gewinnen. Naturgemäß werden dies' in erster Reihe religiös Interessierte sein müssen. Selbst im Mittelalter hört man in seltenen Fällen von einzelnen Personen, auch christlichen Geistlichen, die zum Judentum übertraten trotz der daraus stehenden schweren Strafen. Warm» sollte jetzt, wo bei manchen religiösen Parteien und CIGARETTEN Qualifäfsmarke ‘V's//.,''s..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.