Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 8 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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teil# wenn eS sich selbst treu bleiben wollte und hat es ruch nicht getan. Die Männer jener Zeit waren sich bewußt, -aß ihr Judentum nicht nur rein geistige ReltgionSgemeinbe, sondern historische, eigenartige SchtasalSaemeinschaft war, -ie nur dann ihre Sendung erfüllen konnte, wenn sie sich in ihrer aottbestimmten Eigenart erhielt. Die Abstreifung dieser national bestimmten Eigenart wäre Selbstanfgabe und Verrat an der Sendung gewesen, die Bekehrung der Völker zu dieser Eigenart, schon angesichts der praktischen Aussichtslosigkeit, lächerliche Utopie und törichte ^"llnd"e 8e«sowenig — das mutz noch deutlicher betont werden gegenüber mancher theologischen Apologetik — sind wir, heute wenigstens, dazu erwählt, die Lehre vom einen Gotte, u»seren Glauben als den reinsten unvortrefflichsten in der Welt zu verbreiten. Abgesehen von den buddhistischen unchinesischen Religionslehren, von der Weisheit Sokrates und der griechischen Philosophie, die unabhängig vom Judentum entstanden, verbreiten und verwirklichen auch unsere beiden Tochterreligivnen jene Lehre vom einen und heiligen Gotte. Der Streit um die g r ü tz e r e Reinheit und bessere Wahrheit mag Sache der Theologen sein und mit pro und contra ausgefochten werden, eine wirksame Wirklichkeit ist er nicht. Der Gottesbegriff eines sogenannten aufgeklärten Christen oder eines Ghandi und Tagore, ihre Ethik und religiöse Innerlichkeit ist gewiß der jüdischen nicht untergeordnet, und andererseits unterscheidet sich die Art der Verehrung der Thorarollen oder das Gefühl, mit dem mancher Jude seine Tesfillin legt, nur wenig von manchem Fetischglauben oder christlichen Kreuzesverehrung. Unsere Aufgabe ist also weder Einverleibung in unsere Gemeinschaft, noch Bekehrung der Völker zu unserem Glauben. > Wollen wir unsere Sendung richtig erkennen, so dürfen wir nicht kühne und hohe Gedankengebäude errichten, sondern müssen nur in uns hinein hören, der inneren Stimme lauschen. Eine Handlung, die der einfache Jude aus seinem religiösen Gefühl heraus als gottgewollt billigt, die er als im Dienst der Sendung geschehen ansieht, nennt er Kiddusch Haschem, eine Tat der Treulosigkeit Chillul Haschem. Ktddusch Haschem ist ihm ganz einfach uneindeutig alles, was durch Verwirklichung der sittlichen Gebote zur Ehre des Judentums dient, Chillul Haschem die vielleicht staatsgesetzlich erlaubte, aber religiös und ethisch verwerfliche Handlung, die den jüdischen Namen schändet. Heiligung des göttlichen Namens durch sittliches Handeln also ist unsere Mission, die Zurückführung, Erlösung -er Schechina durch unsere Tat, die Verwirklichung Lessen, was unsere Religion uns anfgetragen hat, hier und in unserem Leben. Unser Eein-Sollen mutz zum Sein werden, auf daß durch unser gelebtes Beispiel, nicht durch unsere Ueberredung und bewußte Bekehrungsarbeit, das Gottesreich des Friedens unser Sittlichkeit anaebahnt werde. Jeder Religion ist ihr Weg gewtefen/ieder Weg ist, wenn er zur Sittlichkeit führen kann, gleichwertig. Wir aber sind ausjesandt und auserwählt, Zeugen Gottes zu sein, der eidende Knecht des Jesajas, der seinen WegderVeroivklichung geht, unbekiimmert um die Schwere der käst, um Haß und Befeindung, der Knecht, der es auf ich nimmt, Borbild zu sein durch die Treue zu seiner verufung, sein demütiges Leiden und seine sittliche Tat. Nur aus dieser richtigen Erkenntnis unserer eigenartigen Mission heraus verstehen wir die einzigartige Bedeutung der Gesetzesfülle, der Türmung von Mizwohs und Errichtung von Zäunen, welche das tägliche Leben bis in die kleinste Einzelheit regeln. Unser Gesetzessystem war nichts anderes, alS daS Mittel, uns zur Erfüllung unserer Sendung zu stärken, gleichsam also das System der praktischen MissionsaÄeit, die sich a n u n S und n i ch t a n d t e andern — oder erst indirekt durch uns an die ander» — zu richten hat. In diesem Lichte nur kann unS unsere religiöse Bevaangenheit klar werden, auS diesem Begreifen nur können wir die Folgerungen ziehen für die praktischen MvtzrWmen zu unserem he«. Ligen Handeln st» Dienst der Mission. Es war der große und folgenschwere Irrtum des jüdischen 8 i b e r a l i S m u S, daß er meinte, nur die reine Idee, die ewigen Grundwahrheiten hervorkehren und verbreiten zu müssen. Wenn heute der Liberalismus für die jüdische Lebenswirklichkeit und die Erfüllung unserer Ausgabe fruchtbar sein will, muß er da wieder anknüpfen, wo vor hundert oder fünfhundert Jahren die lebendige Entwicklung jüdisch religiösen SeinS mit der Emanzipation oder der Kodifikation aufhörte. t . DaS mag manchem befremdlich klingen und ist doch leicht zu beweisen: Unsere zunächst nur nach innen gerichtete Ausgabe, die sittliche Selbsterziehung und Selbstheilignng kann nur durch Ueoerwindung des EinzelegorsmuS und Unterwerfung Aller unter das gemeinsame göttliche Gesetz der Verwirklichung näher geführt werden. Einzig taugliches Mittel aus diesem Wege ist Schaffung der ständig wirksamen Hemmungen gegenüber den einzelnen egoistischen Handlungen. Die bloße Beeinflussung der Gesinnung durch philosophische oder ethisch-religiöse Normen, wie den kategorischen Imperativ, das: „Heilig sollt Ihr sein!" oder das Hillelsche: „Was Du nicht willst, daß man dir tu...", ist in allen Religionen seit Jahrtausenden vergeblich versucht worden und hat doch nicht hindern rönnen, daß unsere entgottete Welt sich beute mehr denn je im Krieg Mer gegen Alle zerfleischt. Dagegen hat die normative und deskriptive Ethik -es Judentums, niedergelegt in seinem grandiosen, bis ins Kleinste das tägliche Leben regeln, den Gesetze, daS auf religiöser Grundlage Recht und Sitte erbaute, eine seit den Tagen ESraS und Nehemias nie wieder -«gewesene Kraft der Verwirklichung gehabt. Sie schuf zunächst die reine Theokratie, die den Makkabäerkriegen den Rückhalt gab? sie gab die Möglichkeit zur Entstehung des Christentums? sie schmiedete vor allem das Rüstzeug zur Erhaltung des Judentums. Hier offenbart sich — das maa nebenbei gesagt sein — die ungeheure weltgeschichtliche Tragik in der Paradoxie, daß eben jene durchgeführte Gesetzlichkeit, die das Judentum erhielt und das Mittel seiner Mission ist, es verhinderte, Weltreligion zu werden, da die Völker wohl den sittlichen Gehalt, nicht aber die gebotene Praxis anzunehmen bereit waren. Und aus der anderen Seite mußte das Christentum, das durch Abstreifung der normativen Ethik mit seiner Gesinnungsethik Weltreligion ward, in seiner Praxis bis heute wenigstens daran scheitern, daß es ein seiner Theorie und Idee adäquates Leben seiner Bekenner nicht zur Verwirklichung zu bringen vermochte eben weil ihm jene ethische Kasuistik fchlt. Im Verlaufe des Mittelalters erstarrte im Treib- Haus des Ghettos, nicht mehr befruchtet vom Leben in einer staatlichen Organisation, und einer sich frei nach allen natürlichen Richtungen entwickelnden Kulturgesellschaft beraubt, L. h. ohne Verbindung mit Boden und lebendiger Sprache, das jüdische Zeremonial und verlor mit seiner eigentlichen Natur als Regler des wirklichen Leben in all seinen Aeutzerun gen auch die innerlich verbindende Kraft. Darum mußte eS naturgemäß, da ihm jede Entwicklung dnrch die Starre der orthodoxen Auslegung abgeschnitten war, mit dem Fall der Ghettomauern, als dem Judentum mit dem eigenen Judicium auch der letzte Rest einer Scheinslaatsgewalt genommen wurde und als die tatsächliche Lebensführung der Juden mit der gesetzlich voraeschriebenen wegen der zivilisatorischen, kommerziellen und technischen Entwicklung unmöglich mehr zusammen stimmen konnte, ganz verfallen und den meisten unter uns zum Schmuckstück im AlterSmuseum werden. Um eS am Beispiel mit einem Satz zu Verdeutlichen: Die Regelung der Sklaven- und Agrargesetzgeouna, das Schuld- und Handelsrecht usw. des Mischen ReltgionSgesetzeS vermag uns, die wir keine Sklave» und meist keinen eigenen Boden hcchen, die wir in einem ganz anderen Wirtschaftsverkehr als im Altertum «r» Mittelalter stehen, die wir mit Automobilen zu tun haben und nicht mit Kameleü, die wir um Fabrik und Tailorsystem uns Gedanken mache» müffen, nicht die praktischen Normen unseres Handelns iw Ginzelfalle zu weisen. Wir brauchen, und das ist der Sinn und die Aufgabe eines wahrhaften Liberalismus, eine Erneuerung des alten religiösen, Recht und Sitte überbauenden und einbeziehenden Gesetzes auf der Grundlage unseres heutigen Wirtschaftslebens und unserer heutigen zivilisatorischen Lebensformen, die wir nicht wirklichkeitsfremd verdammen, sondern als technischen Fortschritt anerkennen, aber durch sittliche Handlungen heiligen müffen. DaS zu schaffen ist unsere Sendung, unsere heutige praktische Missionsausgabe. Vermögen wir eS oder müssen wir auf den neuen Mose warten, die überragende gottentflammte uns gesandte Persönlichkeit, die in ticfiter Einsicht das Wahre und Gerechte in Allem erkennt und anordnet, verbindlich btS in ferne Geschlechter, die daS laue Volk hinreißt und zum neuen Sinaischwur entflanmit, in dessen Schatten die Enkel aup Neue auslegen, vervollkommnen, erforschen und fortzeugeud daS Werk verjüngt «Halten werden. Ich glaube nicht, daß wir auf den neuen Propheten, den großen Reformator zu warten brauchen? der Geist, die Inspiration unseres Mose, -es Knechtes Gottes, ist noch mächtig genug, wenn wir nur richtig unsere Aufgabe begreifen und daran gehen, im Sinne -eS alte» das neue, uns lebendige Gesetz, die uns packende Form zu schaffen und in unserer Lebensgemeinschaft zu verwirklichen. Darum allein geht es. Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen, wir müffen anfange», heute und hier, wo es uns möglich, mit dem Zusammenschluß zwecks gemeinsamer Lebensführung, unterworfen der gleichen Sitte und Lebensform, fortschöpfend aus dem Alten, Bewährten, uns Ueberkommenen auf dem Grund unseres jetzigen Seins. AuS solchem erneuerten formgebundenen Mischen Leben allein kann und wird die sittliche Tat Aller erwachsen, nur so besteht die Möglichkeit, -aß die Gemeinbüvgschast aller Juden, daS dauernde Kiddnsch Haschem zur Wirklichkeit wird. Dann wird unsere Mission erfüllt sein. An dem Licht unseres Beispiels entzünden sich die anderen Völker und gewinnen gleich uns die Kraft der Verwirklichung. Und eS mag geschehen, daß die Worte aus Zweigs Jeremias ihre Erfüllung finden: Ihr selber werdet die heiligen Wecker, Umschasst ihr die Seelen zur seligen Stadt. AuS euren Trauern erhebet die Mauern, Und je tiefer die Völker euch niederbeugen. Um so höher werden sie gottwärts steige» . . . Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zetten Unendliche Straßen des Leidens entlang. Ewig sind wir die ewig Besiegten, Hörig dem Herde, cm dem wir auSrasteu, Niedrige Knechte niedrigen Fron». Doch die Städte, sie sinken, es gleiten Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne... Wir aber schreiten und schreiten und schreiten Tiefer hinein in die eigene Kraft, Die sich aus Erden die Ewigkeiten, Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.—. bat als klarsten Ausdruck -er Woltüberlegenheit und de- Außer-der-Welt-Seins Gottes den Gedanken -er Schöpfung geformt, als eines zeitlichen Aktes. >d«m das Alleinsein Gottes voraufging, wie dem Nichtmehrsein -er Welt das. Alleinsein Gottes dermaleinst folgen mir-. Die Mystik hat keine Veranlassung, an diesem Dogma zu rütteln. Aber sie ist an etwaanderem mehr interessiert, nämlich daran, -atz innerhalb der Welt, wie sie nun ist, in jeder Regung des Daseins die Schöpferkraft -es Allwesens sich allenthalben bewährt. Das ist ein Gedanke, den wiederum -ie streng tbeistische Lehre nicht abzmveisen braucht, den sie aber nicht mit grundsätzlicher Peinlichkeit zu betonen hat, weil ihr der göttliche Schöpfungscharakter der Welt auS de» dem Werbe vo« seinem Urheber eingepflanzten Wirkungsgesetzen vor allem zu erbellen scheint. Wir setzen hierbei Dbeismus und Mystik nrcht etwa als einander ansschließende Gegensätze, sondern nur als verschiedene Tönungen. alS Richtungen des «i n e n religiösen Geisies. die an verschiedene» Ideen innerhalb seiner ein besonderes Interesse zeigen. Denn Mystik ist nirgendwo eine besondere Religion, sondern wir verstehen sie am besten als -ie Auswertung -er Erkenntnis Gottes und der Erfahrung des Göttlichen im Sinne möglichst unmittelbaren innigen anschmiegsamen Lebens in Gott. Sie ist — um dem Worte unseres Ausgangs getreu zu bleiben, — in eminenter Weise der Glaube an den nahen Gott. Der Charakter dieses Gottes nun bestimmt die Weise -er mystischen Frömmigkeit je der besonderen Religionen. Wenn im Gottesb-ewutztsein des Judentums seit jeher aus der -er indischen Seele tief ein wurzelnden Ehrfurcht vor dem sittlich Guten die Idee Gottes als des Gesetzgebers und allwaltenden W-eltregenten ausgezeichnet wurde, so versteht sich, dass auch die mystische Frömmigkeit der Juden die Welt vor allem als gottgewollten Schauplatz sittlicher Betätigung und hingebender Nächstenliebe betrachtet. Das ist um so charakteristischer, als mystischer Geist von Haus aus sehr leicht der Neigung verfallen kann, in Weltverneinung, d. h. in Abkehr von dieser sichtbaren immer einen starken Rest Nichtgöttlichkeit aufwelsenden Welt sein Heil zu suchen: oder Gott, dem allwirkenden. nun auch wortwörtlich in menschlich empirischer Weis« all« Wirksamkeit zu überlassen. Diese Folgerung muss nicht aus der Wurzel dieser Idee gezoaen werden, aber sie kann es doch und ist auch sehr oft aus ihr abgeleitet werden. Betrachten wir beispielshalber die jjidisch-mrn'tlsche Bewegung, wie sie im Chassidismus zur Ausprägung gelangt, so finden wir als deren augenffälligsies und charakteristisches Zeichen eine radikale leidenschaftliche Ablehnung der Askese. In Freuden Gott dienen, das dft geradezu die Losung der chassidischen An- -achtSübuna geworden. Di« zweite von de» drei Kardinaltugenden Kr chassidischen Religiosität isi die Simcha. -ie Herzensheiterkeit, -ie Gemütsverfassung. ohne -ie wahrer Gottesdiewst unmöglich ist. Wir wollen ganz kurz an -er Darlegung dieser Kardinal. tug«nden des Chassidismus eine Auswirkung mystischer GeisteShaltuna auf dem Gebiet -es Judentums erläutern. Schiphlut. Demut, die erste der Hochstraßen zum Ziel der Seligkeit, ist ja -ie allererst« Voraussetzung jedweder Regsamkeit des religiösen Geistein uns. indem in ihr -ie prinzipielle Einsicht in die Größe Gottes und -ie Kleiinbett des Menschen zur Offenbarung kommt. Daß mystisches Gefühl geradezu auf -ieser Regung anfrulht. erhellt von selbst. „Es sollte dem Menschen gleichgültig sein, sagt -er Meister, ob er gelobt oder getadelt, geliebt oder gehaßt wird, ob er den Ruf des Weisesten der Menschheit genießt oder als ihr größer Narr gilt... Wenn nach -dam Gebet ein Mensch sich des geringsten Stolzes oder SelbstbegnügenS bewußt ist. wenn er z. B. glaubt, durch die Innigkeit seiner geistlichen Uebungen eine Belohnung verdient zu hoben. — dann möge er wissen, daß er nicht zu Gott, sondern zu sich selbst gebetet bat. Und was wäre SieS anders als verkleideter Götzendienst? Ehe ihr Gott finden könnt, müßt ihr euch selbst verlieren." — Indem aber diese Demut nur die Kehrseite einer positiven GeisteShaltuna fit. in welcher die Achtung vor der Würde des Nebenmenschen mit der Liebe zu ihm. dem Bruder in Gott, sich paart, ergießt sich die ganze Zartheit des gottmenschlichen Verhältnisses auf die Fülle der Gottesgeschövfe. »Die Seele verweilt uur kurze Zeit in der himmlischen Sphäre des Verdienstes. die längste in derieniaen der Liebe." Die chassidische Mystik hat. gewiß nicht als die unvermeidliche Konsequenz der Idee der Mystik überhaupt, wohl aber unter der Nachwirkung des jüdischen Gottesbewußtseins die Frucht inniger Hingebung und warmherziger Güte zerpflückt. Notwendig — wie gesagt — folgt diese Ableitung keineswegs aus der mystischen Grundeinstelluna. Denn indem diese den Blick vor allem in die Richtung: Mensch-Gott bannt, das kleine Ich am liebsten im göttlichen Feuer zum Zerschmelzen bringt, wird die Dringlichkeit der sozialen Forderung nicht selten verdunkelt. Mystik ist Radikalismus des Gefühls. Aber von Haus aus ist das Gefühl blind: oder sieht jedenfalls hier keine andere Richtung als die zu dem eingeborenen Thema: Gott. Ueber das selige Schwelgen in ihm kann der Mystiker alles andere, vor allem die Menschen um ihn herum, so vergessen, daß seine Seelenifrömmig'keit wie eine Virtuosität in der Selbstsucht erscheint, ganz wörtlich in dem sich selber sin Gottj Suchen. Doch der jüdische Gott hieß ihn die Riemchen suchen. Und er gehorchte. So kommt hier eine Weltfreudigkeit. eine Sincha. zustande. die geradezu an sich als Gebet, als Frömmigkeit gilt. Nichts wird von der Düsternis niederschlaaenden Sündeuaofühls gehalten. Nur deS Satans Teufelei redet dem Menschen ern. daß er nichts Gutes schassen könne, weil 'er ein Kind der Schuld sei. Daß die überschäumende Freude in Gott in der ckaksidkschen Praxis oft genug zur Quelle irdisch--aüzuirdischer Wonnen verdarb, sei gier nicht weiter verfolgt. Das isi wie vieles ein Abgleiten von erhabener Höhe, für das die Grundidee nicht verantwortlich gemacht werden kann. Zur Flamme ködert dieSincha empor in der „Hitlahabui". der Begeisterung. Sie ist das Herz, die eigentlich mystische Tuaend dieser Mystik. In dem Aufaeben in sie kommt der letzte Sinn deS religiösen Seins, daß es Leben in Gott ist. zur Offenbarung. Ihr Ende ist wie das jeder Mystik, die Ekstase, das Außer-sich-selbst-setn und Verstummen in Gott. Wer die Stimme des Schweigens ist allenthalben dieselbe. Uns fesselt nicht das Jenseitig«. daS Verftummtwerden in Gott, sondern allein der Weg. die charakteristischen Klänge und Worte, deren letzte Frucht jene heilige und selige Stille ist. Hier aber ist am stärksten die Abkehr von der Straße des rabbinischen Judentums. Nicht daß dessen Brauchtum, das der TalmydiSmuS in ein festes Gesetz geschmiedet, offiziell für -bgeschafst und überwunden erklärt wurde: wohl aber wurde alles, was die Gefahr erstarrender Routine an diesem reglementierten Leben heravfführt. mit seinem,Gefühl erkannt und — wenigstens dem Ideal nach! — beiseitegeschoben. Kein Stillestehen in einem festen Zustande religiösen Seins, sondern ein Vorwärts, ein Drängen, ein von innen her zu Gott Bestimmtwerden. Solche Ratschläge können freilich zu allen Zeiten und in allen Zonen nur die auserlesenen Geister leiten, die homines relisiosi. die das Gesetz Gottes nicht von außen M empfangen brauchen, weil sie selber die erste Offenbarung des göttlichen Willens sind. In der Geschichte der ReliMn hat sich noch immer ihr erstes Erlebnis bewährt: die 'Erleuchtung. das wahre, volle, lebendige, unmittelbare Nahefcin ist nur wenigen vergönnt: die andern müssen sich mit dem Worte weiser Lehre begnügen, das die Gottheit dnrch ihre Erwählten ihnen verkündet. Vesäretden sie sich nicht, wollen sie alle Propheten, alle Erleuchtete sein, dann hat das Schicksal cs noch immer so gefügt, daß nach kurzem Anlauf die Seelen der Menge sich als zu schwache Gefäße kür die Ausnahme der unmittelbaren heißen Wirkungskraft des Göttlichen bewiesen. Das Los der chassidischen Gemeinde zeigt in der Gestaltung des chassidischen Menschen eine tragische Bestätigung dieser Regel.