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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-04 · 8 (4.4.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
8 (4.4.1924)
Date
1924-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. 8eM«»pret» durch die VeschLfisstelle'/.jährlich Sir. m kbtzelnunmur 0,20. Bei freier Zusendung t. Inland 0,23 sLr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis j ü n tat MUglirdsbeitrage enthalten. :: khefredakteurr Dipl..Fug. Bruno Dsyda. Die „Jüdisch. liberale - Settutift“ erscheint jeden ffrettog 8d)rtfttettim<i und G »fcbäfteftelte: Berlin, Mauerstrotze 22. Kornruß r Amt Morlrur Nr. 8725 poftfd)edtfco»tot B«ntn HW 7 Nr.13700» (V*r«lnl0una für 6a s liberal» Judentum) nacbOnuft fümt ld)«r Ortattial'B«lirü0e nur mit 5er genauen Queltenanoabe „JüMfdf-Ctbetale 3illuntN oeftatletl «uzeigeupreife: Die Ngefpatteue Skonpareillezeile 0»4S Daldmark, die Srekla«ezeile 3.00 Dsldmark; r: :: :: bei Dtederholuugen Rabatt. :: :r Auzeigeuannahme: Dr. Richler & Co^ V.«.b.K, Berlin E 42. Alexandrinenstrahe V5/SS. (Fernsprecher: Dönhoff 438). sowie sLmUich« Ännoneeu.Ezkpeditionen. Nr. 8 Berlin. 4. April 1924 mBBBBBBBBBSBm 4. Jahrgang Jüdische Mission. Au -wer Zielen MUß Religion de« Menschen führen, -u sich selbst und zum anderen Menschen. Zu sich selbst, das heißt, daß er fest und sicher in sich ruhe, aus seinem unauflöslichen Verbundensein mit Gott, auS der Gewißheit Gottes den inneren Frieden, die Ruhe des GewüteS, die Heiterkeit der Seele schöpfe, und zum anderen Menschen, d. h. nicht bloß, -aß er die Stsirre und Tiefe seiner Religiosität durch die Liebe zum Mitmenschen bekunde, sondern daß er um GotteS willen sich im Dienste des Mitmenschen empfinde. Man kann nicht fragen, welches dieser. Ziele ist das Wichtigere? Sie sind beide wichtig, beide notwendig, aus dem Zusammcntreten beider entsteht erst die echte, tiefe Religiosität. Aber es ist nicht zu leugnen, daß in der jüdischen Religiosität von den: zweiten Ziele in stärkerer Weise gesprochen wird als von dem ersten. Nicht, als ob wir für das Beglückende, das mit dem Gewinn des inneren Seelenfriedens verbunden ist, kein Organ hätten, aber er erscheint uns als zu selbstverständlich, als daß man groß von ihm reden sollte, er erscheint uns wie eine Ueberschätzung des eigenen Ich, wie ein — obgleich gar nicht mit Materiellem verknüpfter doch unberechtigter — Egoismus, stets und mit Nachdruck von dem Heil der Seele zu reden, es ist wie eine feine, zarte Keuschheit, die uns abhält, viel davon zn roden. Und um so stärker rückt darum das andere Ziel, der Mitmensch, in den Bereich unserer Sorge. So kam in das Judentum der starke soziale ZUg. und fein umfassendster Ausdruck ist der Glaube andre Sendung Israels an die Menschheit. Was ist Inhalt und Bedeutung dieses Wortes? Daß Israel Sie Thora von Gott erhalten hat nicht bloß als Weg. weiser und Wegbereiter für sein Leben, sondern als Buch des Lebens für alle Welt, daß der Sinn feines Daseins nicht sei ein Leben in Ruhe und den engen Schranken eines, wie immer gearteten, politischen Daseins und auch nicht ein Leben der Machterkämpfung und Mächtsicherung, sondern ein Leben im Dienste der Welt,- daß Israel zugleich mit der Entstehung seines Volkstums eine Ausgabe zugcwiesen erhalten habe, die Aufgabe nämlich, die Lehre von Gott dem Einig-Einzigen und seiner Forderung an den Menschen zu den Böllern der Erde hinzntragen. Diese Sendung begann mit Abraham, dem die Verheißung zuteil lvarö, daß durch ihn alle Völker der Erde gesegnet werden sollten und der in der Ueberlieserung als derjenige gilt, der zum erstenmal mitten in einer Welt von Heiden die Wahrheit von dem einen Gott mlter persönlichen Gefahren verkündete. In dem Worte: „Ihr sollt meine Zeugen sein," gipfelt ein gut Teil der prohetischen Predigt, und den unerreichten Höhepunkt gewinnt die Idee von der Sendung Israels m dem berühmten 53. Kapitel des Jesaja, das Israel zur Leuchte der Völker und zum Gotteszeugen erhebt M chul die Pflicht zumeist. um der Zukunft der Menschheit willen ihr Leid auf seinen Schultern zu tragen. Von diesem Glauben aus schöpfte man die Kraft, dem leidvollen Schicksal Israels einen Sinn 6 eben, seine Zerstreuung unter nicht bloß als daS namenlose Unglück zu empfinden, das zu sein es niemals anfgehort hat, sondern in ihr zugleich einen Plan GotteS zu erblicken. es tn dem talmudischen Satz zum Ausdruck kommt, daß „Israel unter die Völker zerstreut ist, damit überall hin die Kunde von Gott dringe." Glaube an die Sendung Israels ist von stärksten Antriebe in dem Seelenleben unb der jüdischen Gesamtheit gc- ««s khm in das Denken des Einzelnen der starke universale Zug, die auf die Menschheit, jener universale k>urch die Mächte der Geschichte ständig Juden, der von der Gemeinschaft mit ausgeschlossen war. doch nie sich in die LF einspinnen ließ, sondern ihm sww Große gab. Mit ihm kam in sein &ö8s^c\Cn^?ltc im geistigen Sinne des IT-rJA ^Q,rA)c; denn ist es nicht Heroismus höchster geistiger Art, wenn der von allen Seiten Ge- ^kele und Angespicene die Kraft und den Mut besitzt .^bhaupten, daß er die Würde der Menschheit in sich tragt, daß das Heil der Menschheit ÜÜÜ. on*.cr ^^^.ad^angig von der Treue, die nicht yach Lohn und Gewinn und Anerkennung fragt, sono^rn nur um ihrer selbst willen geübt wird? Mit ihm wurde in seine Seele die heilende und kräftigende Macht der Hoffnung eingepflanzt. denn er gab dem Juden in jedem Augenblick die Gewißheit, baß es Aus dem Inhalt: Dr. Dienentonn-Offenhach «. Mai»: Jüdische Mission. — Dr. Erwi» Gelig«a»L-Kraakfnrt a. Mai»: Praktische Misst»». — Justizrat Felix Makower-Berlia: Möglichkeiten der praktischen Durchführung jüd. Mission. O Dr. M. Wiener »Stettin: Vom Charakter der jüdischen Mystik. — Arthur Silbergleit- Berlin: Psalmen. — Jakob Loewenberg- Hamburg: Ade. mein Land Tirol. — Arvo Naoel: Len Müttern der Zwölftausend —! * Die jüdische Gegenwart. — AuS de« Gemeinde«. — Ans der Bewegung. — Berfammlungskalender. Eine neue Iointspende für Deutschland. Das American Joint Distribution Comittee hat soeben den Neichsausjchttst jüdischer Gemeinden Dentschlands davon in Kenntnis gesetzt, daß es erneut e ne Summe von 420 000 Golümark zur Verfügung gestellt hat. die zur Linderung noch bestehender Notstände innerhalb der jüdischen Wohliahrtspflege tn Deutschland für die Zeu vom 1. April bis 1. Oktober dienen soll. Bei der Zuwendung soll >m besonderen Maße dir Kindersttrsorge. weiter aber auch wichrend der Sommermonate di« Erholnugsflirsorge berücksichtigt werden. Antisemitische Zoologie. DaS Dorle^un-asverzeichniS der Universität Jena kür da? Sommerlmlbjahr 1024 enthält die Ankündigung eures Bvrlcmnaszutlus des bekannten Professors P ate über „Ai!gcmeine Zoologie und En.will lunasuch re. einjchNeßuch der politischen Folgeruriueil". Ter Zoologe ProsZsor Plate hat sich dadurch berüchtigt gemacht, daß er seine zoologischen Vvrleiu rgen mit hef.igen antisemitischen Auskällen mur.tte. Vor einigen Monat.n mußte er sich sogar aus eiue Klage der jüdischen Studenten hin wegen Bete digung vor Ge.icht verantworten. Das Gericht sprach ihn frei, was damals großem Auss.be > errcg e. Die Anküridiauna einer Vorlesung über politi che Zoologie durch Professor Plate wird allstem in dahin «deutet. daß der Kursus dazu dienen soll, um unter dem Sche n wiflenschastlicher Belehrung antisemitische Ziele zu verfolgen. Der Anglo-HedjaS'Vt-rLraq. Nach einer Meldung der „Morning-Post" vom 26. März hat König -Hussein an Namiay Macdvnald das telegraphische Ersuchen gerichtet, daß er entweder einen verantwortlichen Vertreter nach dem HediaS entsende, um die Verhandlungen über den Anglo-HedjaS-Vertrag zu Ende zu führen oder zustimme, daß ein Delegierter König HusieiuS i« London empfangen wird. Die jüdischen Schulen in der Türkei. Der Konstantinopeler ^H-Bertreter hatte ein Interview mit dem Großrabbiner der Türkei, Chaim Boierano Efsendi. in dessen Verlauf der betagte Rabiner seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab baß die türkische Regierung, im Gegensatz zu den tn dicker Hinsicht kursierenden zahlreichen Gerüchten, das Großrabbinat nicht abschaffen wird. Die Stelluna der jetzigen türkischen Regierung zu der "'bischen Bevölkerung ist eine überaus tolerante und freundschaftliche. Ter Großrabbiner gab ferner seiner Meinung Ausdruck, daß das Dekret über die Abschaffung von Schulen verschiedener Nationalitäten die von der Alliance Jsraelite und den Buei Vrith geleiteten jüdischen Schulen nicht berühren wird. Er glaubt auch nicht, daß für diese Schulen ein Verbot. Hebräisch zu lehren. herauSgegeben. noch daß sich sonst irgendwelche Unstimmigkeiten zwischen der Regierung und den Verwaltungen dieser Schulen ergeben werden. Ein neues Heinedenkmal in Hamburg. Auf Veranlasiung der Hamburger Literarischen Gesellschaft ist nunmehr das Heine-Denkmal von Lederer. daS lange Zeit im Atelier des Künstlers lagerte, nach Hamburg übergeführt worden und soll im Treppenhaus der alten Kunsthalle Aufstellung finden. Ursprünglich hatten die Hamburger die Absicht, bas Werk im Stadtpark aufzustcllen. Aber man hat inzwischen die Erfahrung mit einem anderen Heine-Denkmal gemacht. Jenes Denkmal, das Wilhelm H. aus Korfu ausgewiesen hatte, fand bekanntlich in Hamburg hinter dem Geschäftsgetriebe der Mönckebergstraße eine Zuflucht in einer schwer auffindbaren Nische. Aber das Denkmal war mit roter Farbe besudelt. Es war kein anderer Schutz möglich, als daS Denkmal mit Brettern zu umnageln. Nun wagt man eS immerhin, das bronzene Heine-Denkmal LedererS in der Kunsthalle als MuseumSgvgenstand aufzustellen. . einmal eine Wendung zum Besseren geben müsse, da ja doch Gott mit dem Juden etwas vorhabe. Wit ihm wurde Lide Gewißheit eingepflanzt, daß Geschichte nichts Sinnloses ist, sondern ein Platt Gottes, denn kann denn nur das Leben Israels einen Sinn haben? Wenn sein Leben einen Sinn hat, dann auch jedes Volkes Leben und Schicksal, denn ist nicht Gott der Vater aller Menschen, der Schöpfer aller? Man kennt das Wort des Amos: „Wie die Kuschiter seid Ihr mir, Kinder Israels. Israel habe ich aus Aegypten geführt, und die Philister von Kastor und die Aramäer von Kir." Und letztlich gab der Glaube an die Sendung Israels den Juden jene Verbindung von Eigenart und Demnt, mit der Religiosität untrennbar verknüpft ist. In den Stolz auf die Erwählung mischt sich die Demut des Bewußtseins, einen Dienst zu Haben, in das Hochgefühl dessen, der eine Wahrheit sein eigen nennt, die Demnt dessen, der weiß, daß diese Wahrheit für alle bestimmt ist. Wie steht es heute mit der Sendung Jsrae'^ nnd mit unserem Bekenntnis zu ihr? Man müö.'ö ß^ort der Frage die Gegenfrage gegeiiüberstellcii, Pwwoiel von oem Ziel der Sendung ist denn erreicht? Gewiß, der oberflächliche Beobachter könnte urteilen, daß ein yut Teil erfüllt ist,- durch Islam und Christentum ist über einen großen Teil des Erdballes die Kunde von dem einen Gott getragen, die unauflösliche Verbindung von Frömmigkeit und Sittlichkeit ist Gemeingut der europäisch-amerikanischen Kulturwelt, die Psal» men sind das Gebetbuch von Millionen geworden, und Millionen finden in ihnen den Ausdruck ihrer individuellen Frömmigkeit, Israels Priestersegen ist der Segcn der Welt geworden. Aber ist damit die Sendung Israels etwa erfüllt? Man kann kühnlich sagen uno behaupten, der beste Teil von Israels Lehre ist heute wie vor Zelten noch nicht zu den Völkern der Erde gedrungen, oder richtiger, ist von ihnen noch nicht anerkannt. Roch ist die ganze Auffassung von der Stellung desMenichcn zu Gott einzig und allein Israels Lehre, noch steht die Welt in Ablehnung zu der jüdischen Lehre von der ungebrochenen Kraft zum Guten, die Gott in den Menschen gelegt hat, zu der jüdischen Anschauung von der silt!scheu Selbständigkeit des Menschen, aas; kein Mittler zwischen Mensch und Gott stehen darf. Noch ist, abgesehen von Israel und Wenigen innerhalb der chrlstlichen Kirchen vereinzelt Dastehenden, die Welt der Meinung, daß Frömmigkeit gleichbedeutend sei mit Sehnsucht nach Erlösung, baß der Mensch mit der Erbsünde durch das Leben gehe und ohne einen Mittler nicht zu Gott finden könne, daß der Mensch nicht zu Gott kommen könne, sondern daß Gott zu ihm herniedersteigen, in ihn eirraehen müsse, daß sein Tun von der Gnade Gottes besttmml werde und nicht sein eigen sei. In all diesen Fragen ist Israels Sendung kaum um einen Deut der Erfülluna näher als vor. Zeiten. Und sind das die einzigen Fragen, auf die zu antworten Israel eine Sendung hat? Seine Sendung war und ist, die Anschauung zu vertreten und zu verkünden, daß das Leben der Menschen und der Völker nicht ans Macht gegründet sein darf^ und die Welt ist weiter davon entfernt als je. Seine Sendung ist, zu vertreten und zu verkünden, daß der ewige Frieden und der Bund der Völker ein erstrebenswertes Ziel ist, und nicht nur, daß die Wenigsten an seine Möglichkeit glauben, sie halten ihn nicht einmal für ein erstrebenswertes Ziel und ein dev Arbeit würdiges Ideal. Seine Sendung ist, zu vertreten und zu verkünden, daß in dem, was man wegwerfend Internationalismus nennt und was in Wahrheit bedeutet, Gemeinsamkeit der Mensche n über die Grenzen heutiger Staatlichkeit und Nationalität ein hoher sittlicher Wert liegt, unb die Menschen von heut lassen sich von den Jnter«- essenten der Abgrenzung der Staatlichkeit einreden und weismachen, daß er ein Unsittliches ist. Israels Sendung ist, zu vertreten und zu verkünden, daß der Geist das Beherrschende und Formende ist und daß die Ideen die Menschen verbinden, daß bas Blut mit seinen Instinkten nicht das Ausschlaggebende in der Bildung der Ethik und in dem Zusammenleben der Menschen sei, und die Welt ist stärker als je in dem Wahn befangen, daß die Rasse das Ausschlaggebende und Bestimmende sei. und daß die aus den dunklen Tiefen der Blutmischung quellenden Instinkte ihr Recht in sich tragen nnd darum zu sittlichen Idealen werden können. So stehen wir mit unzähligen Ideen, Gedanken und Gefühlen noch einsam da und fühlen uns als ihre berufenen Träger und als ver-

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