Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 7 (28.3.1924)
- Date
- 1924-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ADE, MEIN LAND TIROL Von Jacob Loewenberg» Die Vorstellung war su End«. Andrea* Hoftr wurde gefantfsn fortteftthrt. Und ihm nach ließen di« Splsllsute die volkstümliche Weise erklingen: Ad«( mein Land Tirol Sehluehsend schauten di« Fr«u«n «ul der Bühne, i&ust«» ballend di« Minner dort hint«r ihm und t«in«n Schergen her, und di« Zuschauer in dem ollen«n Volkstheeter em Fuß« de« Küchelberges bei M«r«n fühlten in Wirklichkeit die Ergriffenheit, di« ihr« Ortsgenossen verspielten. Anfang« leise, dann immer Unter aaschwellend sangen si« die leiste Stroph« des Liedes, und erst, als es gans verklungen, brachen sie in lautes Beifallklatschen aus. Ein Zeitungsblatt raschelte tu Boden. Einer der Zuschauer, der noch immer den Kehrreim des Liedes leise vor sich hinsuttiinte, fuhr wie aus einem Traume auf, bückte sich danach und reichte es seinem Nachbarn, Offenbar ein Geistlicher. „Lassen Sie nur. Es ist nicht der Mühe wert. Danke ■chönl“ Eia Weilchen standen sie noch schweigend nebeneinander und sahen dem sich verebbenden Menschenstrom nach. Dann fragte der Geistliche: „Sie sind hier auch zu Gast?“ „Seit Monaten schon.“ „Und wohnen in Meran?“ „In Obermaia.“ „Ich auch. Gehen wir zusammen dahin.“ „Wenn s mir nicht zu weit wird, ich will'« versuchen, wenn Ehrwürden gestatten. Es ist heute sehr heiß trotz des Februars.“ Langsam schritten sie dahin, ein ungleiches Paar. Mit lichelndem Staunen blickten die Leute ihnen nach. Der eine, der das Blatt aufgehoben, klein, stark beleibt, dunkelhaarig, von jüdischem Aussehen, der andere in zugeknöpftem schwarzem Priesterrock, lang, hager, blond. „Hat Ihnen das Stück gefallen?“ fragte der Geistliche nach einer Weile. „Gefallen? Ich weiß nicht. Aber es hat mich ergriffen. Die Stimmung darin, vor allem die Abschiedsstimmung ist echt.“ „Die wird wohl von dem Liede bewirkt. Das Stück müßte wuchtiger, kräftiger sein. Ein Volksstück, in dem dss Volk wie ein schwachmütiger Städter spricht!“ „Aber es hat doch das Volk gepackt.“ „Wie alles Sentimentale, Rührselige. Zudem, das Volk hier lebt in diesen Geschichten und Weisen. Ein Teil des Vorganges hat eich an eben diesem Berge, an dessen Fuß wir saßen, abgespielt: da braucht man nur anzurühren, Und es klingt schon. Aber was da widertönt, war schon I« ihrer Seele, hat kein anderer hineingetragen.“ „Ist es nicht mit jedem Kunstwerk so?“ Der Geistliche überhörte den Einwurf. „Ich glaube, in meiner Heimat,“ fuhr er fort, „hätte das Stück keinen Eindruck gemacht“ „Spielen bei Ihnen die Bauern auch? In meiner Heimat nicht" „In unserm Münsterland auch nicht höchstens einmal zur Fastnachtszeit einen albernen Schwank. Ich bin raunt wie viel Kunstsinn hier beim Volke herrscht. wird Theater gespielt, kunstmäßig getanzt, gesungen, allerhand Instrumente werden geübt, so daß ein Amtsbruder in dem Nachbardorf regelmäßig Kirchenkonzerte Sben kann. Und selbst in der Kapelle einer ärmlichen einen Gemeinde ist mehr Kunst zu finden als bei uns in den Kirchen der reichsten Dörfer. Wir haften zu sehr en der Scholle.“ „Vielleicht liegt der feinere Sinn hier an den Bergen, ihr Auf und Nieder hält den Menschen mehr in Bewegung und Erregung als die weite, stille Ebene. Und dann die ältere Kultur hier. Italien ist so nahe.“ „Wenn s nur so bleibt! Wenn das unglückselige Kino nur sieht auch auf das Land kommt und allen echten Kunstsinn tötet. Ueber das rein äußere Schauen geht das innere verloren. Wie stehen Sic zu der neuen Erfindung?“ •«Ich bewundere und fürchte sie wie ein bestrickendes Ungeheuer. Sie darf uns nicht bellt rschen, wir müssen sie zwingen, uns zu dienen. Freilich, wenn das Kino sich anmaßt, da« dichterische Wort zu ersetzen, dann ist es auf einem gefährlichen Irrweg.“ &e Waren allmählich im hin und her des Gesprächs, hn Bewundern der schönen Landschaft, des heiter-blauen Himmels, der ersten blühenden Mandelbäume an ihr Ziel gelangt, und ihr „AdjÖ“, „Auf Wiedersehen!“ klang herzlicher als die gewöhnliche Grußformel. Seit dieser Zeit trafen sich die beiden häufiger. Der Pfarrer Kampschultc und der Rabbinatskandidat Dr. Stein. Und bald wußte einer vom andern Bescheid« Der Pfarrer suchte Heilung von einem Lungenleidea. Dr. Stein Linderung für quälende Herzbeschwerden. Ihr täglicher Spaziergang führte eie die Gilfpromanade hinauf, jenen weg, der so allmählich in zentimeterhohen Stufen ansteigt, daß man kaum merkt, daß es aufwärts geht. Einmal lockte der Pfarrer seinen Gefährten bis auf den Tappeiner Weg. Bei der ersten Biegung blieb Dr. Stein Übirraeoht, verwundert, in tiefer Andacht stehen. Da lag das weite Tal vor ihnen« die Stadt mit ihren weißen Häusern, ihren hellen Palästen und grünen Gärten, durchzogen von der silbergrauen Passer; an den Hügeln kletterten die Weinlauben empor, und in der Ferne reckten sich die schneebedeckten hohen Berge. Als ob er ganz allein sei, summte er wie träumend vor sich hin: „Ade, mein Land Tirol!" In Wort und Weise des schlichten Verses schien ihm sein ganzes Leben gefaßt zu sein, alle Lust und alles Leid und die Wehmut des nahenden Abschieds. Des Abschiede für immer? Der Pfarrer riß ihn aus seinem Traum. „Nicht wahr, mein Freund, da hat der Dr. Tappeiner ein Heilmittel geschaffen, für das ihm Kranke wie Gesunde ewig Dank wissen müssen." .Jch habe ihm still gedankt in bewunderndem, beglückendem Schauen. Ist das hier schön! Wer das so rein genießen könnte!“ Der Pfarrer sah ihn fragend an. Der andere fuhr mit der Hand in weitem Bogen umher: „Ist das nicht ein liebes Gefühl, daß dies alles da auch noch deutsch ist. So weit die deutsche Zunge klingt, wie Vater Arndt gesungen.“ „Lieber Herr Doktor —" „ Bitte Stein, wie verabredet.“ „Also, lieber Herr Stein, wenn Sie sich da nur nicht irren. Klingt wirklich die deutsche Zunge so weit?“ „Ich habe sie noch Überall gehört, in jedem Gasthof, in jedem Laden, in Bad und Apotheke.“ „Haben Sie auch einmal tiefer gehorcht, wo und wie das Volk spricht — und denkt? Ist das auch deutsch oder ist es italienisch? Die obere Schicht und vor allem die Regierungen sollten sich überhaupt mehr daran gewöhnen, auf die Stimme des Volkes zu achten. Unsereinem liegt das in Blut und Beruf.“ Sie setzten sich auf eine Bank, schauten ins Tal und schwiegen eine lange Weile. Plötzlich, ganz unvermittelt, sagte Dr. Stein: „Um eine Einrichtung Ihrer Kirche könnt’ ich Sie beinahe beneiden.“ „Die wäre?“ „Um die Beichte.“ Der Pfarrer stand auf, sah Dr. Stein forschend an und Setzte sich wieder. „Ich verstehe Sie nicht recht,“ „Sie haben es doch gewiß selber oft genug erfahren« wie beseligend es für einen Schuldgequälten ist, wenn er sich aussprechen, sich entlasten kann und Sie ihm dann sagen können: Vergeben!“ „Wenn er es glaubt und sich dann rein fühlt, ja. Aber wer kennt, was zurückbleibt? Wer blickt auf den tiefs'en Grund der Seele eines anderen Menschen, wer auf den seiner eigenen?" Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit einem wehmütigen Lächeln fort: „Als ich als kleiner Junge zum erstenmal zur Beichte ging und mir meine Sünden mühselig zusammengeklaubt hatte: einen genaschten Apfel, ein freches Wort, ein versäumtes Vaterunser —- da war mir selig wohl nach der Beichte, Aber später — wir Geistlichen beichten ja auch — Wieder schwieg er eine Weile. Dann, wie in Erinnerung verloren, hub er an: „Da wächst man unter den Bauernjungen auf, und weil einem das Lernen leicht wird, kommt man auf die Rektoratsschule des Nachbarortes. Und eines Tages sind Vater und Mutter mit dem geistlichen Rektor einig: Der Junge soll geistlich studieren. Die Mutter glänzt schon in der Glorie ihres Sohnes. ,Use geistliche Här', das hebt sie aus allen Weibern heraus. Sie redet ihn nicht mehr mit „du“ an, wenn er die Weihen empfangen. Er steht über ihr und kann ihr den Weg zum Himmel ebnen. Und er selber? Was weiß der dumme Junge davon, was er will und soll? Ihn lockt das Hohe, Heilige, das Gebietende, das sich ihm im Priester verkörpert. Er hat keine Ahnung davon, was er auf sich nimmt. Er entsagt den Früchten, eh’ noch der Baum geblüht. Aber das Leben ist unbarmherzig. Es erspart keinem, keinem Versuchungen und Fallstricke. Und keiner, oder er lebe in einer Wüste, und auch der nicht, kann sagen: Mein Leben ist mir nicht aus meiner Hand geglitten, ich habe es gehalten, wie ich wollte, — ich bin rein geblieben.“ — Erschüttert hielt er inne. Der Gefährte drückte ihm zitternd die Hand, und schweigend schritten sie langsam bergab. (Schluß folgt.) Im Lebensmeer, Von Jehuda Ben Halevi. Nach Fünfzig noch der Jugend Sinn, Da Deine Tage abwärts eilen? -- Dem Dienste Gottes Dich entstehn. Im Dienst der Menschen aber weilen? Der Winke Vieler sein gewärtig. Nur des Befehle de« E i n z’g e n nicht? Bist immer noch nicht reisefertig «ms Ist Dein« Gier denn nicht zu stillen? Wächst Dein Gelüste über Nacht? 0 folg' ihm nicht, folg' Gottes Willen! Entwinde Dich der Sinne Macht! 0 glätte Deines Herzens Falten — Versöhne Dich mit Deinem Hort! Verlass’ Dich nicht auf Truggestalten — Des Lebens Rest — bald ist er fort. Gott zu gehorchen, zeige Mut! Für seinen Ruhm tritt in die Schranken! Dann schreckt Dich nicht des Meeres Flut. --, Du bist getrost, wenn Berge wanken; Wenn ratlos sind des Schiffes Leiter, Da ihre Kunst sich nicht bewährt; Sie zogen mutig aus und heiter« Und kehren heim bestürzt, verstört. Nichts siehst Du als das weite Meer, Und nirgends zeigt sich da ein Retter; Das Takelwerk treibt hin und her, Es wanken schon des Schiffes Bretter. Und lustig treibet der Orkan Des Meeres Wogen hoch zu Haul — Bald furcht er tief den Ozean, Bald türmt er ihn zu Berge auf. Wenn in die Höh' die Woge fährt, Gleicht sie dem Leu, bereit zum Fange, — Doch wenn ermattet um sie kehrt, Dann krümmt sic sich, wie eine Schlange. Und Welle folget rasch auf Welle, Wie Nattern, die man nicht beschwört; Es kracht! als wenn das Schiff zerschelle - Und Mast und Segel sind zerstört! Nun taumelt wild der wüste Kasten, Verwüstet sind Verdeck und Kammern; Die Lenker stehn erstarrt und rasten, Und Kinder, Frau’n und Männer jammern. Die Steuerleute sind verzagt, In Aller Busen Schrecken walten, Da jedes Mittel jetzt versagt, Und ratlos stehen selbst die Alten. Zum Splitter ward C y p r e s $’ und Zeder« Geknicktes Rohr sind S t e u'r und Mast; Sie treibt das Meer, wie eine Feder — Ihm ist wie Stroh "die schwerste Last. Zu ihrem Heil’gen alle flehen, — Zum Heiligsten flehst Du allein; Denkst, was am Schilfmeer einst geschehen, Was sich in Aller Brust grub ein. Du preisest Ihn, dess' mächtig Walten Die Fluten zwingt zum Stillehalten; Befrei st Dein Herz Du von den Falten, Gedenkt Er Dir Verdienst der Alten. Er läßt Dich neue Wunder sehen, Wenn Du Ihm singst geweihte Lieder, — Die Toten läßt Er auferstehen, Und morsch' Gebein verjüngt sich wieder! . * Und sieh'! schon legen sich die Wogen — Wie Lämmer auf der grünen Weide; Schon kommt die Nacht herangezogen In ihrem Mond- und Sternenkleide. Ich möcht' sie eine M o h r i n nennen, In ihrem Schmuck und Goldgewand; Und wie im Meer die Sternlein rennen! Wie Wanderer in fremdem Land. Im Wasserspiegel glänzt ihr Bild In wundervoller Himmelspracht; Die See erstrahlt, die Luft wird mild, Es lichtet sich die dunkle Nacht. Umarmen sich die beiden Welten? Sind es zwei Meere, die sich einen? — Dann kann mein Herz als drittes gelten, Ergießt es sich im Lied, dem reinen. (Dwttch« U«b*rtragung von 8. J. K a « m p (.) PQIV4T IAGEC [SYNDIKUS, GM« GISCH« W0/l ‘ * I •'/fW/fh, Uei ' % Oesellsfliatt tttr automatische Telefonie ts Fnipncft - Anlagen leden Umfanges von zwei Spreda steilen an ln Kam und Niete