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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-28 · 7 (28.3.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
7 (28.3.1924)
Date
1924-03-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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mvm >!l«->—wwwn—p> / mmmmmmmmmmmmmmmmmmmm/rnrn Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. Bezugspreis buch die Veschäftsstelle vl4 jährlich M. 1,90 Einzelnummer 0,20. Bei jreier Jusmdüng i. Inland 0,29 ^ür die 'Mitglieder der Vereinigung ist der De-uz-prel» un Mttgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda- Die „Jüdisch - liberale - Leitung" erscheint jeden Sreitag Öcbr ftleruna und Ö^fcbäftsfteUe: 6er in, Mauerftratze22. Sornrukr fimt Merkur flr. 8725 Postscheckkonto- Berlin nW7llr.l37069 (Vereinigung für das Uberoie Judentum) Nachdruck fflmt Ichor Original-Beiträge nur mit der genauen Quellenangabe „löblich- Cibetale Leitung" gestattetl Anzeigenpreise: Die ISgespaltene Nonpareillezeile 0.40 Goldmark, die Neklamezeile 1.50 Goldmark; :: :: :: bet Wiederholungen Rabatt. :: :: rr Anzeigenannahme: Dr. Nichrer L Lo^ G.m.b.H, Berlin S 42. Alexandrincnstraße 95,96. (Fernsprecher: Dönhoff 438). sowie sän.tliche Annoncen-Expeditionen. Nr. 7 sm Berlin, 28. März 1924 4. Jahrgang Rettgionsphilosophifche Besinnungen. Von Ludwig Marcuse. „Unsere überkluge Zeit, die alaubt äu wen-ia. aber das kommt daher, daß man früher zu viel glaubte." Strindberg. Als der reifste Europäer des 19. Jahrhunderts wie gus persönlichstem Verwundetsein in die Welt schrie, daß Gott tot sei, brach der Menschheit eine neue Epoche an. Philologische Kritik hatte in der Aera vorher die heiligen Schriften zersetzt und hatte sie als ganz irdischmenschliche Arbeit entdeckt. Psychologisierende Reflexionen hatten den Wahrheitsgehalt der Religionen subjektiviert und so die überirdische Gottheit als verkappte menschliche Seele demaskiert. Das Weltbild der mechanischen Naturwissenschaften, das Weltbild der Berechenbarkeit, der menschlichen Endlichkeit war zum Papst gekrönt worden. Man war sich einig; scharrte alle unlösbaren Fragen ein und hatte sich (außer einigen zurückgebliebenen Unmodernen) in diese Situation eingelebt. Man hatte mit dem Dogma auch die Religion abgesetzt. Da aber kam Nietzsche: er litt namenlos an dieser entgötterten Welt: sein Leiden wurde schöpferisch. Die Umrisse des neuen Typus Mensch wurden in seinem Leben und seinen Visionen sichtbar. Gott blieb tot; aber die Sehnsucht nach ihm trieb in die Zukunft vor: Gott war, tot; aber was anders konnte der Vorwärtssturz der Menschheit in Nietzsche bedeuten, als Gottes Auferstehung in fernster Zeit. In seiner Sehnsucht lebten die religiösen Bedürfnisse wieder auf, und sie machten die Menschen wieder sichtig für die Unabweisbarkeit der ungelösten religiös-philosophischen Fragen. Auch in der Epoche der Birch-Pfeiffer und der Moleschoth hatten ja Erscheinungen wie Büchner, wie Hebbel und Kierkegaard verkündet, daß das Herz der Menschheit noch schlug. Aber sie warben isolierte Ausnahmen gewesen. Die Religion war unter den genügsamen Atheisten schon zum alten Eisen geworfen worden: ihre Quellen waren nicht nur restlos subjektiviert, sondern auch getrübt, und hier als Feigheit, Müdigkeit, Selbstsucht, Selbstbetrug und Schwindel gekennzeichnet worden. Auguste Cowte hatte Religion ebenso wie ihren philosophischen Ausdruck chic Metaphysik, für Erzeugnisse eines überwundenen Menschentums erklärt: jetzt unter den Schauern der Metzscheschen Dithyramben und unter den Visionen aus der J-nfernokrise Strinöbergs wurde man sich wieder in weitesten Kreisen der ewigen, mit dem Menschen mitgesetzten (da in seinem Wesen begründeten) religiösen Impulse bewußt. So hatte das resnltatlose Denken des letzten Jahrhunderts doch wenigstens am kin de siede ein verlorengegangenes Resultat wieder zu rückgewonnen: die Erkenntnis, daß jede Frage in längerer oder kürzerer Gedankenkette zu Gott führt, und daß jedes tiefste Erlebnis sich mittelbar oder unmittelbar auf Gott bezieht. Der die sieben Welträtsel durch ein paar billige logische Schlüsse gelöst zu haben wähnte, ist zum Gespött geworden. Die Tyrannis der reinen Wissenschaft (die Herauswerfung Gottes aus der Welt) ist restlos mißglückt. Ein unveräußerlich starkes Gottesbewußtsein und Gotteserlebnis beherrscht unsere Zeit. Nun die Inventur ausgenommen wird zwischen Zerstörtem und Unzerstörtem im Religiösen, erkennt man, daß zwar interessante Tatsachen von Priesterbetrug und Papstpsychopathie aufgedeckt worden sind, daß durch historisch-psychologische Betrachtung Dogmen, Legenden und Kulte, religiöse Charaktere und Wunder auf Irdisches zurückgeführt werden konnten: daß aber auch noch so viel menschliche Entgleisungen, noch so viel Entmaskicrungen und Motivierungen die echten Wurzeln des Religiösen nicht antasten können. Als unauflöslich bleibt bei aller Ursachenforschung und Ursachenfindung das Rätsel des religiösen Erlebnisses zurück, ebenso eine unauflösliche Letztheit wie es etwa das Erlebnis der Liebe ist, und durch kein Dekret von Aus dem Inhalt: Dr. Lnhwiq Marense-Berlin: RellgirmSphilosophische Besuunuigen. — Dr. M. Spanier- Magdeburg: Liberales Judentum. * Dr. Samuel FnchS-Luxembnra: Zur talmuditejcn Evolu'ioiisidee. — Dr. Walter BrinU'.er--Dresden: Judentum und Feuerbesuitiung. — Jcl-nda bau Halevi: Im Lcbeu^.uecr. — Jacob Lociveubera-Hambrrrg: Ade, mein Land Tirol. Aus Len Gemeinden. — Ans der Bewegnug. — LcrsamMluugslalender. Die neue Verfassung der württembergischen israelitischen Religionsgemeinschaft angenommen. Stuttgart. (ITA.) In einer dreitägigen Tagung hat die Landesversammlung der israelitischen Religonsgemein- 1'chaft Württemberg die neue Verfassung in zweiter und dritter Lesung durchberaten und angenommen. Die Annahme erfolgte einstimmig. Die neue Verfassung tritt nach erfolgter Genehmigung deS Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens schon am 1. April 1924 in Kraft. Auf der Tagung hielten Referate die Herren Ministerialrat Dr. Hirsch, Lkech.sanwalt Dr. Lepman. Dr. Wolf und Dr. Gumbel, Rabbiner Dr. Bergner und Hauptlehrer Preßburger. Der Vorsitzende der Landesvecsammlung. Herr Fabrikant Julius Rothschild, dankte den Referenten für ihre unermüdliche Arbeit. (Wir werden auf die neue Verfassung demnächst in einem ausführlichen Artikel zurückkommen. Die Red.) Die panislamiüsche Bewegung. Die „Vossische Zeitung" bringt unter der Ueberschttft: „Husseins Kampf gegen den Zionismus" aus London folgende Nachricht: Der König der Hedschas. Hussein, bat als ersten Att seines Kalifats die Einberufung eines panislamitischen Kongresses nach Mekka angekündiat. Dieser Kongress soll über die Mittel und Wege beraten, um den Kampf der Araber in Palästina aegen den politischen Zionismus zu organisieren und finanziell zu unterstützen. Der Papst und die Palasünafrage. Am 24. März wird in Rom das geheime Konsistorium stattfinden, bei dessen Eröffnung der Papst eine Ansprache hallen wird. Der gut informierte vatikanische Berichterstatter der „Stamva" schreibt in bezua auf diese Ansprache: Drei Fragen sind es, die in diesem Augenblick den Vatikan vor allem beschäftigen: die mögliche Annäherung der englischen Christen an Rom. der eventuelle Kontakt mit der slawischen Orthodoxie und die politisch-religiöse Lage der Heiligen Stätten. Diese dritte Frage wird jeden Tag wichtiger und ernster, so dass sie unaufhörliche Aeusserungen und Forderungen seitens der katholischen Behörden verlangt. Einmal müssen diese Forderungen zu einem konkreten Resultat führen. Es ist aber noch nicht sicher, ob diese Fragen ganz offen in der Ansprache berührt werden, da solchen offiziellen Kundgebungen eine lange diplomatische Arbeit oorauszugehen pflogt. Jedenfalls ist es aus tausend Symptomen klar, dass sich etwas Entscheidendes im Vatikan vorbereitet. Die Agudas Iisroel und die Krim-Kolonisation Das Proiett der jüdischen Massensiedluna in der nördlichen Krim, auf das wir in der vorigen Nummer unseres Blattes hinwiesen, hat auch in führenden Kreisen der Agudas Jisroel Interesse hervovgerusen. Das Wiener Agudas-Organ .^Jüdische.Presse" beschäftigt sich im Leitartikel ihrer letzten Nummer mit dem Projekt einer autonomen jüdischen Provinz in der Kttm und zeigt sich demselben nicht abgeneigt. Die Zeitung glaubt aber nicht, dass man das nötige Kapital für eine solche Riesenarbeit wird aufbringen können. ES wird hierzu die finanzielle Beteiligung der gesamten jüdischen Wett notwendig sein. — Das Blatt meint indessen, man müsse das Projekt mtt dem nötigen Ernst behandeln, da hier eiu Problem von ungeheurer Tragweite der Lösung harrt. Der rasende Dinier. ° Der Sünder wider die Liebe. Artwrr Dinter. zeigt die Geburt eines neuen Werkes an. Er bat .Das Evangelium unseres Herrn und Heilands Jesus EhttstuS" aus den griechischen Urtexten übersetzt und hat dabei, wie es in der buchhändlerischen Anzeige heisst, „alle iüdischen und dogmatischen Fälschungen" ausaemerzt. Wir werden auf daS ausgemerzte Evangelium des Doktor Dinter. Gernegross airs Eisenach, in Kürze zurückkommen. Denkern zu vernichten, als wäre das Religiöse nur noch ein Rudiment ans früheren Zeiten in unserer aufgeklärten Zeit. Und welches sind die echten Wurzeln des Religiösen? Eine Stimmung, trübe oder aufjauchzend, die poetische Verdichtung einer Lebenssituation, die nüchterne Zergliederung eines Gesteins kann bis zum religiösen Erlebnis ausschwellen. Der Kern dieses Erlebnisses, ist eine non jedem Weltinhalt freie Religiosität, welche inhaltslos, weder trübe noch aufjauchzeud, mehr ist. Dieses religiöse Kern-Erlebnis, ich möchte sagen: die religiöse Zelle ist in allen inhaltlich noch so verschiedenen Religionen gleich. Es ist die Gemeinsamkeit, die den eifernden Propheten Jesajas mit dem demütigen hl. Antonius verbindet; den stolzen, weltbcherrschcnden Papst mit dem Klausner in abgelegener Einsiedelei; den schwerttragenden Mohammed mit dem Liebe predigenden Jesus; den in die eleusinischen Mysterien eingeweihten Athener mit dem braven sonntäglichen Protestanten. Jeder stammt aus einer anderen Welt; jeder lebt in einem anderen Rhythmus; jeder will zu einem anderen Ziel: das tiefste von allem Sokin entleerte Erlebnis ist das gleiche Erschauern, das die Athcnerin vor der Schlange des Erechthens und das Wilhelm i. beign Teüeum nach siegreicher Schlacht befiel. Das religiöse Erlebnis, das in den verschiedensten Jntensitätsgraöen auftreten kann und sich ans mannigfaltigste Art vermischt mit den verschiedensten Weltinhalten tatsächlicher, philosophischer und künstlerischer Natur, ist selbst, in seiner Nacktheit, eine unauflösbare Wirklichkeit für sich, wie Liebe oder Sehnsucht, wie Zorn oder Eitelkeit. Doch liegt es in einer anderen seelischen Ebene als Liebe oder Zorn oder Eitelkeit. Es hat den anderen seelischen Phänomenen gegenüber die formende Kraft des künstlerischen oder philosophischen Erlebnisses. Aber es ist weder poetische Schau noch philosophische Intuition. Der Glaube, also: die Transcendenz und Allgemeingültigkeit des religiösen Erlebnisses, welches schon Poesie und Philosophie in sich ausgenommen hat, gehört nicht zum religiösen .Kern. Nur das Erlebnis seiner selbst als Fragment gehört zu diesem religiösen Kern. Dev aber läßt sich nur athmosphärisch, nur durch Einfühlung in gewaltige religiöse Genies, durch Erzeugung des Religiösen in sich selbst und durch den Versuch der Uebertragung des Unaussprechlichen in Worte darstellen: Versinken der Welt; Ausschweben des Jchs; Gefühl wunschloser Geborgenheit; Eintritt in reinere, hellere Welträume; sanftes Eftrgehülltwerden; das Unendliche stürzt in uns hinein; alle Grenzen verflüchtigen sich; das rein-religiöse (d. h. im Religiösen verbleibende) Erlebnis bleibt im Genuß dieser unendlich fiifteu Situation. Es ist das reine Erlebnis der Unendlichkeit. Aber Mensch-fein heißt: Grenzen, Formen bauen; die Ströme des Lebens kanalisieren; das religiöse Erlebnis kann nur tarnte Momente, Sekunden überleben. Dann wird es zur Religion; dann wird cs von der unheilbaren Krankheit der Menschheit befallen, Gott in Endlichkeiten einschließen zu müssen. So trägt die Religion von vornherein den Todeskeim der Vergänglichkeit in sich, da sie das reine, ungebundene Gotteserlebnis schon überschritten hat. Die religiöse Grundstinrnrung ist eins: die Religionen sind verschieden; je nach dem Vorwiegen dieses oder» jenes Welt-Ereigrttsses; dieser oder jener Weltdeutuug; und dieser oder jener Symbolisierung der religiösen Erlebnisse im Kult. Das religiöse Erlebnis muß sich an außerreligiöse Elemente Mützen, um zur Religion zu werden: an Erlebnisse mMUedanken; so ist es nnterschiedbegründend für Religionen, ob sie zu Gott gelangen als End- und Beruhigungspnnkt einer Gedankenreihe (wie Aristoteles, Thomas und Kant), oder ob sie zu Gott gelangen durch das Lissaboner Erdbeben wie Goethe. Eine stark religiöse Natur wird allerdings alles in dieser Welt (vom winzigsten Staubkorn bis zur höchsten Manifestation der menschlichen Seele) religiös mrßkleiden, religiös durchzittern; aber auch für Naturen minder starker m nr*4iameMr*mimMaa^gmirTTI

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