Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 6 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613747--0722-2618015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BÜCHERSCHAU Prinzipielles zu einer Sinndeuhmg jüdischer Kultur. Bemerkungen zu Friedrich Mückles „Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland“.*) Von Dr. Fritz Bamberger. Es gibt Geschichte als Materialsammlung; ganz „objektiv“. Und dann kann man Geschichte schreiben als Anknüpfung bloß für eigene Reflexionen. Zwischen diesen beiden Extremen liegen noch einige Möglichkeiten; auch die, wo nach Gesichtspunkten, die dann als Prinzipien der Auswahl wirken, berichtet wird. Und dann gibt es noch eine Art, Geschichte zu schreiben: ohne alle einengenden Schemata, die man von außen heranbringt; nicht konstruierend und ohne auf Endzwecke und Steigerungen hinzuarbeiten, sich in den Gang der Geschehnisse verstehend einzufühlen, die geschichtliche Bewegtheit mitzuleben und so ganz schauend und hingegeben diese Dynamik nachzuzrehen. Die Historie, die man so gewinnt, die soll ein treues, unverbogenes, „richtiges“ Abbild des Geschehens sein. Sie ist längst — vor Mückle — von Historikern schlicht geübt und von Geschichtsmethodologen analysiert worden. Sie erfordert nichts als einen offenen Sinn und für die Darstellung die Kraft künstlerischer Gestaltung. So etwas will' auch Mückle geben oder eigentlich noch mehr: Geschichtsmetaphysik. Denn seine Intuition will noch tiefer gehen, ganz zurück auf das „U r p h ä n o m e n“, aus dem die geschichtliche Lebendigkeit herauswächst und aus dem sie stets neu sich speist. Goethes Anschauung ist das. Das Prinzip, das der Naturforscher Goethe als tiefstes Lebensprinzip, als die Urtatsache herausgebracht, das, so meint Mückle, hat über die Wissenschaft vom organischen Leben hinaus seine Geltung auch für das Geistige. Das braucht nicht falsch zu sein, oder Mückle wenigstens darf man nicht vorwerfen, Wissenschaften und ihre Methoden vermengt zu haben, weil Goethe «s war, der zur Aufhellung des Vitalen sich geistiger Kategorien bedient hat. Dieses Zuriickgehen aber auf den metaphysischen. Quellpunkt des Geschichtlichen ist ein Griff über das Geschichtliche hinaus, eine Setzung, die sich nachher an den Sachen rechtfertigen kann, mit der anzufangen aber nichts anderes bedeutet als dies: zuzugestehen, daß es ein bloßes Nachziehen historischer Linien nicht gibt — oder doch daß es zu nichts nützt; daß jede sinnmüßige Deutung des ‘ Geschichtlichen dessen reine Immanenz verläßt, außerhalb ihrer ansetzt und außerhalb ihrer bleibt. Das wären Mückles „geschichtsphilosophische Grundsätze“ auf Prägnanz und Konsequenz hin durchgedacht. ♦ Und nun Anwendung und Ausführung, bystole und Diastole, männlich zusammenfassende Energie und weiches, sich verlierendes und aufgebendes Auseinanderfließen sind die Emanationen, in denen das Urphänomen sich Gestalt gibt, sind die Formen also, in denen das Leben, verläuft. Imperialistisches Machtstreben und sehnsüchtiges Erlösungsbedürfnis sind «die -‘ Antriebe, die das Geschehen vorwärts treiben. Beide Tcndenzen wirken, um das Chaos zu überwinden, in das der Ativon Geschichte und Mensch hineingestellt sind. Es ist der Beginn und das fruchtbare Prinzip, das immer wiederkehrt und dabei immer wieder sich zum Anfang bildet. Nur diese zwei Möglichkeiten gibt es, sich seiner Verworrenheit und des Angst und Beklemmung gebenden Gefühls zu erwehren: es beherrschen oder in der Vereinigung mit der hoch über ihr ruhenden Harmonie es weit hinter sich zurückzulassen. Als Polarität, als Zusammenklingen, als Ueberwiegen der einen über die andere dieser Möglichkeiten stellt sich für Mückle der Ablauf der jüdischen Geschichte dar- Ueber ihren Anfängen liegt die dumpfe, Dämonen und Geister gestaltende Angst vor der Ungegliedertheit und erdrückenden Kraft des Weltstoffes. Die instinktkräftigen Menschen der Heldenzeit reagieren mit der heroische» Gebärde eines ungebrochenen Machtgefühls. Nach seinem Ebenbilde schuf er ihn: der Mensch seinen Gott. Jahve ist Imperator. Schon gibt eine da uhd dort auflodernde Sehnsucht nach Erlösung den Gegenton an, da verfällt diese Zeit in rationalistischer Auflösung. Ein neuer Typus kommt mit den Propheten hoch. Anders verteilt wirken m ihm die gegensätzlichen Kräfte des Urphänomens. Wieder bildet eine Periode zivilisatorischer Verflachung den Abstieg, bis im Christentum schließlich ein neuer Gipfel erstiegen wird. * Die Einzelheiten dieser zusammenfassenden Schau Uber Jahrhunderte geschichtlicher Entwicklung interessieren uns diesmal nicht. Wir stellen prinzipielle Methode und Ausführung dem Vorsatz des Buches gegenüber. Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland: Der Geist der jüdischen Kultur also ist für Mückle gegeben in dem Vorherrschen der einen Bewegungsrichtung von den zweien, die möglich sind; sein Charakteristikum ist imperialistische Expansion und deshalb die jüdische Kultur die gerade Fortsetzung der babylonischen, die in Raum und Zeit hinein beherrschen will. Jüdische Kultur ist sozusagen der Wille zur Macht, Form geworden in Religion und deshalb durchhaucht von den Schauern der Frömmigkeit; das messianische Ideal das Streben nach Weltherrschaft, das religiöse Verklärung gewonnen hat. Wir wehren uns, aber dann auch können wir •) Rikola Verlag 1923. wieder zustimmen, wenn wir lesen, daß das Wesen des jüdischen Geistes zu weltumgestaltender Tat auirufender Wille sei. Die beiden Kategorien, mit denen hier die Historie bewältigt werden soll: Systole und Diastole, Machtstreben und Erlösungsbedürfnis, sind sogar formal, weit und vieldeutig. Aber das ist nicht einmal das wesentliche: das sind doch nur Anlässe, Antriebe, Motive, Richtungen, Intentionen, die ihren Gegenstand suchen, durch ihn erst bestimmt werden, Wert oder Unwert erhalten. Was hier gegeben wird und mit den gekennzeichneten Mitteln auch nur gegeben werden kann, ist Kulturpsychologie. Etwas anderes ist Kulturmorphologie : Sinndeutung der Kultur. Geschichte hat eine subjektive und eine objektive Seite. Die subjektive weist auf die seelischen Reaktionen, die objektive führt auf den Kulturgehalt. Aus dem Geschehen wächst etwas heraus, das sich selbständig macht und dann nach eigenen Gesetzen einen Sinn in sich hat. Den es für sich zu betrachten gilt als ein eigentümliches System von Wertsetzungen, unabhängig davon, wie es geworden. Unser Einwurf soll gleich noch deutlicher werden: Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland. Das Problem, das in diesem „und“ steckt, um dessentwegen das Buch geschrieben, muß unter den Tisch fallen. Mückles Antwort muß die sein: E in Urphänomen liegt allem Leben, allem Geschehen, also allen Kulturen zugrunde. Ihrem Wesen nach sind sie identisch, derselbe Wechsel von Systole und Diastole treibt sie, und alle Verschiedenheit ist höchstens eine solche von Akzent und Nuancierung. Weil sie dasselbe sind, deshalb verschmelzen Kulturen und wirken aufeinander ein. Wieder greift hier die funktionale Betrachtung über ihre Grenzen hinaus. Gewiß, der seelische Rhythmus, psychische Aktion und Reaktion, mag in Völkern und Menschen, die Kulturen schaffen, der gleiche sein; die Verschiedenheit dessen, was sie erarbeiten, wird davon nicht berührt. Spengler hat die einzelnen Kulturen als monadenhaft streng geschiedene Organismen untersucht, jede von einer Struktur, die gerade ihr eigen. Das gibt zwar apologetische Schwierigkeiten, aber der Gedanke, aus der extremen Fassung herausgelöst hat einen wahren Kern- Mückle hat eine Kulturpsychologie geschrieben, feinsinnig und verständnisvoll deutend die jüdische Seele in ihrem geschichtlichen Leben enthüllt; das Buch aber über den Geist der jüdischen Kultur ist immer noch nicht geschrieben. Anthroposophische Schau und religiöser Glaube. Von Liz. Dr. Heinrich Frick. Stuttgart 1923, Verlag Strecker & Schröder. 160 Seiten* ln dem in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach langen Zeiten der seelischen Verflachung und Verödung wieder hervortretenden Sehnen nach Religion spielt die sogenannte Anthroposophie eine gewisse Rolle. Wir Juden haben nun leider so viel mit uns und unseren Nöten zu tun, daß wir weder Zeit noch Wille finden, uns mit scheinbar fernliegenden Dingen auseinanderzusetzen. Dabei wäre es nicht unnötig, sich mit der brscheinuug der Anthroposophie zu befassen; denn Kenner versichern, daß sie in akademischen Kreisen starke und wachsende Anhängerschaft gewinnt, und daß viele auf diesen Irrweg sich verlocken lassen- Das Wesen der Anthroposophie besteht darin, daß ihre Anhänger glauben, es sei möglich, durch eine strenge methodische Schulung sich von den Fesseln des Leibes zu befreien und in sogenannter leibfreier Schau den wahren Sinn des Weltgeschehens und Erkenntnisse höherer Welten zu gewinnen. Das ist eigentlich die alte Genesis, und so gewinnt für uns das Wort des Talmuds, das einstens dagegen geprägt wurde, eine unerwartet neue Bedeutung: „Wer Betrachtungen anstellt über das, was jenseits des Himmels, was unterhalb der Erde, was vor der Erschaffung der Welt und was nach dieser Welt ist, der wäre besser nicht geboren worden.-“ Der Verfasser des vorliegenden Büchleins zeigt nun. wie diese Anthroposophie das Sittliche gegenüber der Schau zum minderen Wert herabsinken läßt, und zeichnet in schöner Klarheit den Unterschied von Schau und Glauben. Ist das Ganze auch durchaus vom christlichen Standpunkt aus geschrieben, man kann auch als Jude mancherlei da lernen. Besonders gerühmt sei die Deutung des Schlusses von Faust II. Teil. Dienemann-Offenbach. Dozent Dr. Albert Lewkowitz: Religiöse Denker der Gegenwart* Vom Wandel der modernen Lebensanschauung. Berlin 1923. Philo-Verlag. 104 Seiten. Man mag noch so sicher im Judentum wurzeln, mit seiner Lehre verwachsen sein, mag persönlich noch so sicher in seinem Bewußtsein von Gott ruhen, man kann doch dabei nie die Verbindung mit den religiösen Strömungen der Gegenwart entbehren. Und je weniger man das Judesein nur als eine Sache des Blutes und der Nationalität, sondern als eine Sache der Ueberzeugung und des Stellungnehmens zu den wichtigen Problemen des Lebens empfindet, um so notwendiger wird diese Verbindung. Gerade in unseren Tagen sind — leider zumeist außerhalb des Judentums — eine solche Fülle von Kräften am Werk, um Wesen, Sinn. Grundlage. Recht und Entstehung des Gefühls- und Ideenkomplexes klarzulegen, den man Religion und religiöse Erfahrung nennt, daß wir Juden in schlimmster Weise ins Hintertreffen kämen und uns selbst ausschalteten, wollten wir uns einfach damit begnügen, unsere religiöse Lehre in ihrer Gesamtheit als ein Gegebenes hinzunehmen und den Ursprüngen und Verzweigungen des Phänomens Religion nicht besonders nachzugehen. Von jeher empfanden unsere Denker das als ihre Aufgabe und ihr Ziel, hier die Verbindung des Judentums mit den Strömen des Zeitdenkens, mit dem Ringen und Kämpfen und Suchen der Besten aufrechtzuerhalten. Wobei es darauf im wesentlichen ankommt, ist, sich nicht sklavisch unter die Denkformen der Zeit zu beugen, sondern indem man ihr Berechtigtes zu begreifen sucht und anerkennt, worin sie unser Wissen und Erkennen fortschreitend gefördert haben, das Eigenartige des Judentums ihnen gegenüber zu wahren und vor der selbstischen Gewißheit des Judentums aus ihnen ihre Schranken zu weisen. In hervorragendem Maße wird das vorliegende Buch dieser Aufgabe gerecht- Unmöglich, Einzelnes hier wiederzugeben; man kann sich eineu Begriff von der Fülle des Gebotenen machen, wenn man erfährt, daß man eingeführt wird in das Denken von Männern wie Nietzsche. Darwin, Bergson, Simmel, Hermann Cohen, Rickert, Encken, Troeltsch. Wundt, James, Rudolf Otto, Scholz. Mit einer seltenen Belesenheit, mit tiefer Gründlichkeit und selbständigem Urteil werden wir eingeführt in die Arbeit dieser Männer, die sie zur Aufhellung des Phänomens Religion geleistet haben, der Verfasser versteht es, in knappsten Worten und kürzester Darstellung jeden einzelnen dieser Denker vor uns erstehen zu lassen, so daß das Buch im besten Sinne ein Abriß der modernen Philosophie und Reiigionsforschung ist. Und niemals wird das Selbstbewußtsein des Juden außer acht gelassen, eine Erfahrung von Gott, ein Wissen um Gott und seine Verbindung mit dem Sittlichen, ein Wissen um Sinn und Recht der Sittlichkeit unerschütterlich zu besitzen. So zählt das Buch denn zu den besten seiner Art und legt Zeugnis ab von der feinen Beherrschung des Stoffes durch den Autor. Die Sprache ist edel und schwungvoll, aber es ist kein Buch für dem der nicht an und für sich Interesse für philosophische Fragen hat und mit den Problemen der Philosophie und der Art ihrer Behandlung nicht einige Vertrautheit hat. Dienemann-Offenbach a M „Religiöse Strömungen“* Das Bewußtsein von der Kraft des religiösen Lebens gewinnt in unseren Tagen trotz des Wirrsals, der Zerrüttung und Verrohung, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, immer mehr an Boden; Zeugnis dafür legt eine Legion von religiösen Schriften ab, die jetzt fortwährend erscheinen- Uns liegt eine Broschüre vor. die den Titel unserer Ueberschrift führt. Der Verfasser. Mi'a Radakovic (Jena 1921) bemerkt, daß Religion ihrem Wesen nach nicht darauf angelegt sei. sich auf einem einzigen Weg zu ihrem Ziele hin zu entwickeln, daß sie vielmehr stets das ganz individuelle Verhältnis des Einzelne» zum Unendlichen ist und sein wird und darum der persö»- lichkeitsbedingten Auswirkung in allerlei Formen rncht ent- behren könne. Wenn cs jetzt gilt, einen Weg zu finden zu höherem Verstehen und zu neuem Schaffen, so lastet auf der Religion eine schwere Aufgabe, „denn sie muß nicht allein Ja sagen können zu dem härtesten Geschehen — sie muß auch von diesem Ja aus eine Brücke finden hinüber zu dem Erlösungsbedürfnis der Seele. Auch des Judentums — was uns besonders interessiert — wird verschiedentlich gedacht- So wird darauf hingewiesen, daß es eine interessante Lösung des Zwiespaltes sei, den Anspruch des Fähigeren mit der Gleichheit des Besitzes auszuglcichen, wie es im jüdischen Halljahre angestrebt worden. Wenn siebenmal sieben Sabbatfahre vorbeigegangen sind, geht im Halljahre das Land wieder au seinen früheren Eigentümer zurück, denn der Herr spricht: „Das Land ist mein und ihr seid Fremdlinge und Gäste vor mir.“ Ebenso werden die Schulden erlassen, und alle leibeigenen Knechte werden frei. (Siehe 3. B. M. 25,8 usf.) — „Ein Etwas von diesem Gedanken lebt auch heute noch im Almosenzehent der orthodoxen Judenschaft. — Weiter spricht der Verfasser von der religiösen Bewegung im Bolschewismus und meint, daß für den Fanatismus in der Durchführung die religiöse Umwelt der russischen jüdischen Führer der Bewegung nicht unwesentlich gewesen sei. Damit im Zusammenhang stehe die Hinneigung zur Mystik, die im Judentum ein gutes Jahrtausend zurückreiche und in den vielen Jahren der Bedrängnis und Ermattung providentiell war, ohne den gewaltigen Optimismus und die überirdische Hoffnung, wie sie nur der Glaube an ein allgegenwärtiges und allmächtiges Geheimnis gibt, meist überlebt werden können. Die auf Erden vergeblich ersehnte Ruhe fand der Gequälte, Verachtete im Reiche der Mystik. Der Verfasser verweist auf die gewaltige moralische Energie, die der jüdischen Rasse eigen sei, und ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit und die Stärke und Tiefe, mit der sic ethische und religiöse Dinge erfasse- „Ist doch die Einführung des: Du sollst! in den Ideenkreis der Völker, der Imperativ der Pflicht — — ein Erbe aus dem Alten Testament.“ Die Vorurteilslosigkeit des Verfassers wirkt gerade in dieser Zeit sehr erfreulich. Spanier-Magdeburg. Wischer Verlag sucht zwecks Veröffentlichung in seiner Zeitschrift, evtl, auch in Buchform Manuskripte über WIM Skizzen ans dem Leben nur " und Romane. Manuskripte (nur Er st drucke Kommen in Frage) mit Veröffentlichung, bedingungen uni. A.W. 914 an die Expedition diese» Blatte». ■jjjG aR ETr^ MM-MMff-MMM-HM'kM Bö GOLD-ffHIM 0005