Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-21 · 6 (21.3.1924) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
6 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613747--0717-2618010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

4. Jahrgang Nummer 6 IMchliberaleZeitzW i.&ibge 21. mar) 1924 Zur jüdischen Frauenstimmrechtswoche. Wie bereits in unserer vorigen Nummer angekündigt wurde, findet in der Zeit vom 22 bis 29. d. M. im Deutschen Reich eine jüdische Frauenstimmrechtswoche statt. Sie verfolgt den Zweck, der Forderung des jüdischen Frauenbundes, auch den jüdischen Frauen das aktive und passive Wahlrecht zu Len Körperschaften der jüdischen Gemeinden zu gewähren, endlich zum Siege zu verHelfen. Die Vereinigung für Las liberale Judentum E. V. und die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" sind seit jeher für diesen berechtigten Wunsch eingetreten. Betrachten sie doch in religiösen Dingen die entscheidende Mitwirkung der Frauen als selbstverständlich Sie begrüßen deshalb die Veranstaltung des jüdischen Frauenbundes und wünschen ihr einen vollen Erfolg. Wo immer den Liberalen in den jüdischen Gemeinden die Möglichkeit gegeben sein wird, gegen rückständige Gesinnung, Unverstand oder Festhalten an erstarrten Formen für die Gleichberechtigung der Frauen in den jüdischen Gemeinden einzutreten, soll uns das eine Ehrenpflicht sein. £cr jüdische Frauenbund hat zur Klarlegung seiner Anschauung folgendes Flugblatt herausgegeben: Was wir wollen. Welche Stellung habt Ihr jüdischen Frauen in Eurer Gemeinde? Welche Rechte gibt man Euch? Ihr fühlt Euch als treue Gemeinöemitglieöer. Ihr helft in der Unterstützungsarbeit der Gemeinde und bringt mit Freuden Opfer dafür. Ihr unterstützt die Einrichtungen und Anstalten der Gemeinde durch Mitarbeit und Spenden. Ihr zahlt Eure Steuern. Aber die Gemeinde bewertet alle diese Leistungen nicht in gerechter Weise. Sie enthält Euch noch immer Euer wohlbegrttndetes Mitgliedsrecht vor und macht trotz früherer Verspre- . chungen keine Anstalten, Euch an den Wahlen des Vorstandes und der Repräsentanten teilnehmen zu lassen und geeignete Frauen für Aemter in diesen Körperschaften vorzuschlage.n. Man glaubt. Eure Rechtsansprüche immer noch mit dem starren, schier unverrückbaren Judengesetz von 1847 ablehnen zu dürfen. Wir bestreiten die verfassungsmäßige Geltung dieses Gesetzes über die Neuordnung der staatlichen Verfassung hinaus: Wir bestreiten seine Anwendbarkeit auf das Wahlrecht der Frauen. Denn die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine Grundlage unserer demokratischen Staatsverfassung geworden., In diesen Tagen ruft das Reich alle seine Bürgerinnen zur Wahlpflicht, aus! Wollen die jüdischen Gemeinden diesen selben Frauen immer noch bas Wahlrecht versagen! Die Gemeinden in dem gewiß nicht fortschrittlichen Bayern haben kampflos den Frauen das aktive und passive Wahlrecht gewährt: in Frankfurt a. M. sitzt eine streng gläubige Frau im Vorstand! In einigen anderen Gemeinden wählen die Frauen, auf viele, viele andere aber wirkt das bisher ablehnende Verhalten der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands beispielgebend. Die jüdische Gemeinschaft braucht mehr als je unsere Mitarbeit. * Einmütig kämpfen wir jüdischen Frauen und mit uns jüdische Männer für unser Recht! Nicht aus Machthunger. Nicht aus theoretischer Frauenrechtlerei. sondern aus der Ueberzeugung heraus, daß zur kulturellen Entwicklung unserer Gemeinden Frauenarbeit notwendig ist. daß wir. gerade weil wir Frauen sind, in den Aemtern der Gemeindevertretung Rechtes und Gutes wirken können. Jüdischer Frauenbund. Unter Leitung von Frau Beate Guttmann fand in der Lessing-Loge'öie Hauptversammlung des jüdische« Frauenbundes, Ortsgruppe Breslau statt. Die Vorsitzende gab eingangs einen kurzen Ue-berblick über Lue im letzten Jahre geleistete Arbeit und erwähnte mit besonderem Dank die von der Beratungsstelle geleistete Arbeit sowie die segensreiche Tätigkeit der Gemeindeschwester und der Iugendvflegerin. Sie gedachte des verstorbenen Vorstandsmitgliedes. Frau Regina Reißer, die dem Vorstand seit seiner Gründung angehört hat. Frau Emmy c * ft ,c *n berichtete über die Kinderfürsorge. Jedes lüdische Kind in Breslau, das gesundheitlich und moralisch gefährdet ist, untersteht der Kinderfürsorge, sofern es nicht in geschlossenen Anstalten untergebracht ist. Außerdem werden von dieser Stelle auch andere Kinder betreut, indem mr ihre Erholung. Kleidung und Ernährung Sorge getragen wird. An kinderreiche Familien werden regelmäßig Lebensmittel verteilt. Im letzten 'Jahre sind 260 Kinder zur Erholung fortgeschickt worden. Frau Vogelstein regte an. in der Provinz dafür Propaganda zu machen, daß, gut situierte Familien während des Sommers bedürftige Großstadt- Kmder zu sich in Pflege nehmen. Frau Johanna Eohn berichtete über die Leiden und Freuden des Kleirvkinderheims. das im Juli 1923 den Verlust seiner langjährigen Leiterin. Frau Dr. Schlesinger, zu beklagen hatte. Durch Auslandsspenden und durch Mithilfe einiger Gönner sowie durch die Einrichtung von Paten- und Pflegschaften, die die Logen und Wohlfahrtsvereine und Einzelpersonen übernahmen. konnte das Heim erhalten werden. Kehn Kinder konnten bisher adoptiert werden. Die Rednerin machte darauf aufmerksam, daß in Deutschland mehrere Vermittlungsstellen zur Adoption eingerichtet sind. Frau C a s s i r e r gab Bericht über den Mädchenklub, der im Beruf stehende Mädchen an drei Abenden in der Woche in seinen eigenen Räumen aufnimmt. Die Mädchen können dort an Kursen teilnehmen, lesen. Handarbeiten, musizieren und werden auch durch Darbietungen erfreut. Zu Chanukkah und Purim werden Feste gefeiert. Da die Räume des Clubs mittags als Mittelstandsküche dienen, konnMn die jungen Mädchen im Winter abends noch ein warnEs Gericht erhalten. Frau Bial berichtete über das Erholungsheim für im Beruf stehende Frauen und Mädchen und den Rentnerinnenbund. Im Sommer war ein Abkommen mit dem jüdischen Kurhospital in Warmbrunn und Salzbrunn getroffen worden. Die Mittel hierfür und für Zuwendung von Lebensmitteln an allein stehende Damen durch diese Zlbteilung des Frauenbundes kamen durch die Joint-Spende und durch großherzige Stiftungen zusammen. — In den Räumen des Mädchenklubs tagt an drei Abenden der Woche der Rcntnerinnenbund. ^Frau Guttmann dankte den Gemeindekollegu.'.ien sMie allen Vereinen und Mitarbeiterinnen in den verschiedenen Kommissionen für die Förderung, die sie der Bundesarbeit haben zuteil werden lassen. Die folgende Vorstandswahl ergab Wiederwahl des Vorstandes und Zuwahl von Frau Erna Kamm. Im Anschluß hieran fand unter Leitung von Frau E m m y B og e l st e i n die erste Tagung des Provinzialvcrbandeö des jüdischen Frauenbundes für Schlesien und Oberschlesien" statt. Tie Vorsitzende gedachte in warmen Worten des verstorbenen AusschußmitgUedes, Frau Rabbiner Else Kaatz: Hindenburg. Dann gab Frau M e y e r st e i n, Breslau, den Bericht über die Arbeit des Provinzialverbandes und spezieü über das Adoptivwesen. Im Kinderlandheim Eharlottenbrnnn. zn dessen Erhaltung die Provinzvereine durch Spenden mit beigctragen haben, fanden Kinder aus den jüdischen Gemeinden Schlesiens und Obcrschlesiens Ausnahme. Besonderer Dank gebühre der Friedensloge in Ratibor, die die erste Patenschaft für ein Kind des Kleinkinderheims übernommen. hat. Frau Ca s s i r e r. Breslau, referierte über die Tuberkulose-Fürsorge. die sie als eine Aufgabe bezeichnet,:. hie dem jüdischen Frauenbund besonders am Herzen liegt. Es ist bekannt, wie erschreckend diese Krankheit im Kriege und in der Nachkriegszeit durch mangelhafte Ernährung und schlechte Wohnverhältnisse zugenommen hat. Dabei wäre es möglich, bei rechtzeitigem Eingreifen die Krankheit im Keim zu ersticken und sie sogar ganz auszuhctlen. Dazu gehören aber Erholungsheime in Licht und Sonne. Der jüdische Frauenbund versucht, gegen diese Botksseuchc anzukämpfen. In Wok auf Föhr besteht ein vom Staat Hamburg errichtetes Kinderheim, in welchem dem jüdischen Frauenbund ein Pavillon zur rituellen Bewirtschaftung für tuberkulös infizierte Kinder zur Verfügung gestellt ist. Auf der im Februar in Berlin stattgefundenen Tagung des jüdischen Frauenbundes wurde den Vertreterinnen aus Frankfurt, Breslau, Lübeck, München und Hannover die Aufgabe mitgegebcn, weite Kreise für die Tuberkulose - Bekämpfung zu interessieren. um Möglichkeiten zur Unterbringung von tuberkulös Erkrankten zu schassen, und wenn irgend möglich, ein geeignetes Heim für den Bund ausfindig zu machen. Daran anschließend sprach Frau Hulda Saenger, B r e s lau. .über die Frage der hauswirtschaftlichen Ausbildung für junge Mätzchen, die gegenwärtig im Anschluß an die segensreich avbeitem>e jüdische Mittelstandsküche erfolgt. Die Schülerinnen erhalten freies Mittagbrot und eignen sich so viel Kochkeuntnisse und Erfahrungen an. daß sie zur Leitung für Ferienkolonien und dergleichen genügend vorgebildet sind.. Frau G o l d s ch m i ö t. Beuthen. teilte mit, daß die Schwester-Loge in Beuthen zusammen mit anderen gut situierten Frauen 160 bis 200 Bedürftigen Freitische gewährt. Die Insassen des Altersheims wie auch alte Leute außerhalb des Heims, die in Familien und rituell geführten Restaurants verpflegt werden, wurden außerdem lausend mit Lebensmitteln versorgt. .Frau Weidmann, Liegnitz, berichtete über die gemeinsame Arbeit der LicMitzer Frauenloge und des dortigen israelitischen Frauenvereins. Frau Hahn, Neiße, sprach die Bereitschaft ihrer Ortsgruppe 'aus. Patenschaften für Frauen und Kinder zu übernehmen Frau Bujakowskt. Gleiwitz und Frau Rechnitz, Ratibo.r, gaben gleichfalls Berichte, die zeigten, daß die soziale Frauenarbeit viel Segen gestiftet hat. Frau Goldschmidt. Beuthen." berichtete noch, daß ein Antrag au! Gleichberechtigung der Frau in der Gemeinde in Beuthen bereits genehmigt ist. Mit den ersten einleitenden Schritten zur Schaffung 'eines Tuberkuloseheims wurde Frau Friedländer. Oppeln, betraut. Anschließend an die Hauptversammlung des Provinzialverbandes fand ein zahlreich besuchter Teeabend statt, bei dem nach künstlerischen Darbietungen Frau Ollendorfs einen Vortrag hielt über: Die Fra« i« der Gemeinde. Die Rednerin führte etwa folgendes aus: Der jüdische Frauenbund vertritt die moderne Auffassung der Gleichberechtigung der Frauen. Das Stimmrecht ist ein Recht der Allgemeinheit. sowohl Frauen wie Männer müssen zu diesem natürlichen Rechte kommen. Die Gleichgültigkeit und Stumpfheit in öffentlichen und in politischen Dingen bet vielen Frauen wird sicher im Laufe der Zeit mit dem Wachsen des Verantwortlichkeitsgefühls, das ihnen das Stimmrecht bringen mutz, schwinden. In Sachsen und in Bayern ist das gleiche Wahlrecht in den jüdischen Gemeinden bereits eingeführt. In Preußen besteht trotz der Weimarer Verfasiung das veraltete Gesetz von 1847 noch weiter. Die Grundsätze der Demokratie gelten ja aber auch für die Religionsgemeinschaften. und sowohl die liberalen wie die zionistischen Parteien im Judentum haben das Programm des gleichen Wahlrechts aufgestellt. Die Frauen sollen dazu beitragen, die Einigkeiten der Gemeinde zu fördern: die Parteien können und sollen nicht abgeschafft werden, aber der Kampf der Meinungen soll ein unpersönlicher und von allen Kleinlichkeiten freier werden. Die Rednerin richtete an die Andersdenkenden die Bitte, in der Stellungnahme der Liberalen nichts Aggressives, sondern nur den heißen Wunsch zu sehen, dem Verfall des Judentums vorznbeugen. und an dem Wiederaufbau des Judentums mitzwirken. Frau O l l e ü - dorff wies an der Hand von Zahlen die großen Verluste des Judentums nach. Die enorme Zunahme der Mischehen, deren Nachwuchs uns zumeist verloren acht, der Rückgang der ehelichen und die Steigerung der unehelichen Geburten, die früher bei den Juden fast nie vorkamen veranschaulichen den Mangel an Verantwortungsgefühl sehr vieler Juden. Dies Verantwortungsgefühl müßte jedem Manne und jeder Frau sagen: Im Mittelpunkt des jüdischen Lebens steht die Gemeinde! Die Frau hat ja jetzt schon in vielen Arbeitszweigen der Gemeinde Gelegenheit zur Mitarbeit, aber bisher fast nur als „Ehrendame", die nicht die Ehre hat, eine Pflicht erfüllen zu köpnenl Die Frauen bitten daher nicht um ihr Wahlrecht, sondern sie fordern eS und, wo es notwendig werden sollte, werden sie darum kämpfen. Sie brauchen das Recht als jüdische Frauen, wie als Frauen überhaupt, um der menschlichen Verantwortlichkeit willen und um der Verantwortlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Sie verlangen das Recht innerhalb der Gemeinde als Staatsbürgerinnen, denn der Staat hat den Gemeinde» die Autonomie gegeben, damit sie die damit »verknüpfte» demokratischen Grundsätze verwirklichen. Diese GerechtiGckeit predigt-schon die jüdische Ethik. Selma Lagerlöf in ihre« „Kamps um das Stimmrecht der Frau" hat gesagt: ,^at derm der Staats der bisher von Männern regiert, worden - tft, Kampf untz Streit vermieden und im menschlichen Ansda» so viel erreicht? Dasselbe kann die jüdische Frau fragen." Und was will denn die Frau für sich? Aus der traditionellen Wohlfahrtspflege, die für die Juden ebenso Pfltchti ist. wie das Gebet, soll bewußte soziale Arbeit gemacht werden, deren Wesen es ist, die Armut nicht zu unterstützen, das hieße, sie aufrecht erhalten, sondern sie zu verhüten. Ma» soll nicht dem Augenblick dienen, sondern dem späteren Judentum einen ewigen festen Untergrund gehen. - Zur Begründung des Frauenstimmrechts in der Gemeinde hat Rabbiner . Dr. Baeck u. a. einmal gesagt: es sei Sache der Frau, die religiöse Kultur auszugestalten. Hier ist eist Arbeitsfeld der jüdischen Frau in der Gemeinde. Der Besuch des Gotteshauses ist nicht nur dürftig, sondern auch bedürftig. Der Aufenthalt im Gotteshause soll nicht nur eine religiöse und ethische, sondern auch eine ästhetische Erhebung sein. Auch die Mitarbeit der Frau in den Schultommissionen, besonderin den kleinen Provinzgemeinden, ist von allergrößter Wichtigkeit. Der- Religionsunterricht ist bisher bas Stiefftnh der Gemeinden gewesen, obgleich er das Lieblingskind fem müßte. Daran anschließend betonte die Rednerin die Pflicht der jüdischen Mutter, anstatt immer nur die geistige Ausbildung zu betonen, auf die seelische und körperliche Erziehung der Kinder mehr Gewicht zu legen. Hier sollen Lehrer und Eltern zusammenwirken, in der Frage -eS Religionsunterrichts. Mr nicht nur eine Disziplin, sonder« auch einen Komplex wichtiger Fragen umfaßt. AMvkel könnten die Frauen gegen den Ansturm des Judenhasses i tun. wären sie wissender und interessierter an allen Fragen unserer Rechte wie unserer Pflichten. Friedrich Wilhelm Förster hat einmal als stärkste Waffe uns Juden genannt: „Werdet jüdischer, dann werden wir christlicher werden." Das Wbrt spät" möge nicht auch für die jüdische Gemeinschaft verhängnisvoll werden, wie leider für das deutsche Vaterland. Im Zeichen der Harmonie und des allseitigen Verstehens sollen die Parteien in den Gemeinden zusammen arbeiten und den jüdischen Frauen die Möglichkeit verschaffen. das Glück, das sie geben können, anszuteilen zum Segen der Gemeinde und zum Segen des Judentums. Frau Vogel st ein dankte der Rednerin und eröfsnete die Diskussion. Iusttzrat Peiser begrüßte die Anwesenden im Namen der Gemeindekollegien und versprach, die Durchsetzung des Frauenwahlrechts persönlich unterstützen zu wollen, da es sich um eine Kulturfrage handelt. Rechtsanwalt Jacobsohn betonte weniger das selbstverständliche Recht der Frau in der Gemeinde, weil die Diskussion hierüber fast entbehrlich sei. Nur durch aktive Mitarbeit könne die Frau die Liebe zum Judentum haben, die sie, ihren Kindern mitgeben muß. Er erwähnte als Beispiel die als gleichberechtigt in der Palästinaarbeit stehenden Jüdinnen. Mit der Gleichberechtigung der Frau solle nicht die Rivalität zwischen ihr und dem Manne, sondern eine gute Kameradschaft entstehen. Rabbiner Dr. Simoufohn vertrat die Ansicht, daß auch die konservatiH-WMe Richtung, vom halachischen Standpunkt aus nicht üstWMgt ablehnend der Durchführung des Frauenstimmrechts gegenüberstehe. Aber es gebe eine Frage des jüdischen- EÜWftndens und dös jüdischen Wesens. „Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit", d. h. „Eines schickt sich nicht für alle". Die Frqit soll zwar, in einer großen Anzahl von KomEssionen arbeiten,, wie es auch schon heute der Fall ist, aber vor allem liegt ihr Pfltchtenkreis im Haus und bei ihren Kindern. Frau Peiser: Wenn man die geleistete Arbeit der Frauen des Frauenbundes sieht, so muß man zugeben, daß es ein Recht der Frau ist, in der Gemeinde mitzuarbeiten. Fr^ru Weichmann -Liegnitz wies darauf hin. daß dir Bomvertigkeit der Frauenarbeit allgemein anerkannt und nicht mehr zu bestreiten sei. Herr Brienitzer: Die Worte von Frau Ollendorfs sind Steine zum Wiederaufbau des jüdischen Gemeinwesens. Die Frau, die mitarbeitet, bringt einen festen Willen in die Arbeit mit und ihre Gleichberechtigung ist eine Selbstverständlichkeit. Rabbiner Dr. B o g e l st e i n: In dem jetzigen Zusammenbruch mutz uns die Mitarbeit der , Frau helfen. Die Frauen sind imstande außer der Tagesfronarbeit noch seelische Dinge zu erhalten und dies wird sie fähig machen, in der gemeinsamen Arbeit mit dem Manne etwas zu leisten, was über den Alltag hinausgeht. Im übrigen ist die Entwicklung über die. die Gegner des Frauenstimmrechts sind, hinweggegangen, und die Gleichberechtigung der Frau ist nicht mehr zu schaffen, sondern nur noch f e st zu st eilen. Frau Fuchs-Heß: Die Frau gehört ins Haus, aber die Gemeinde hat die Aufgabe. das Leben des Hauses zu regulieren, darum ist.es nötig, daß die Frau sich außerhalb des Hauses um jüdische Dinge, die das Haus beeinflussen, kümmert. Die Frau mutz als andere Individualität der Gefährte SeS Mannes sein. Die Vorsitzende stellte fest, daß alle Redner für die Gleichberechtigung der Frau gesprochen haben, nur hat Herr Dr. Simonsohn einigen Zweifeln Ausdruck gegeben. Sie erteilte Frau Ollendorfs das Schlußwort: Die Rednerin führte noch aus. daß die Frau nicht die Parteien beseitigen will, sondern den Kampf. Sie entgegnete Herrn Dr. Simonsohn, daß die Frauen nicht die jüdischen Formen und Auslegungen am höchsten schätzen, sondern das jüdische Leben. Die Frau muß in der Gemeinde an jeder Stelle Mitarbeiten können. Wenn sie Religionslehrerin sein darf, wenn die Gemeinde ihr diese höchste Arbeit anvertraut, so muß sie auch däs Recht haben, den Boden zu dieser Arbeit mit vorzubereiten. Dann wird ihr jüdisches Bewußtsein wachsen, bei der Erziehung ihrer Söhne wird sie aus ihrem religiösen Wissen und Empfinden endlich dahin, wirken, daß die Ansicht von der doppelten Moral schwindet, daß die jüdischen Söhne künftig als reine Männer vor die Tore treten können. Die Gegner der Gleichberechtigung sagen, daß es noch nicht bewiesen ist. daß die Frauen durch das Wahlrecht Interesse an jüdischen Dingen bekommen werdenT' Sie haben bis jetzt ja kein Interesse ohne Wahlrecht gehabt, der Beweis wäxe also für beide Ansichten zu erbringen. Frau Ollendorfs bat um Anahme folgender Resolution: „Die Versammlung richtet an alle jüdischen Frauen di« Aufforderung, an allen jüdischen Angelegenheiten tätigen Anteil zu nehmen. Sie fordert volle Gleichberechtigung für die Frauen in den jüdischen Gemeinden, weil nur die Gleichberechtigung den Weg zur Erfüllung aller jüdischen Frauenpflichten eröffnet." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. — Frau Vogelstein schloß die Versammlung mit Sorten herzliche« Dankes an die Rednerin und an die Gäste.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.