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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-21 · 6 (21.3.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
6 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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©tr Liberalen müssen den Mischen Wanberuntz». und Kolonisationsströmungen wieder ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Gerade diejenigen, die vom deutschen Standpunkt aus eine Zuwanderung von Ostitiden nach Deutschland auf oaS entschiedenste ab« lehnen müssen, werden von jüdischen Gesichtspunkten auS die notleidenden GlaubenSbrüder nicht im Stich lassen dürfen. Es ist aus diesem Grunde besonders erfreulich, wenn seit kurzer Zeit ein Projekt erörtert wird, das den Juden Osteuropas in einem völlig neuen Sinne einen Judenstaat schaffen will. Unzweifelhaft bilden die Juden Rußlands eine nationale Minorität. Kür sie wird eine ausgedehnte jüdische Kolonisation auf oer nördlichen Krim und den nachbarlichen Distrikten in der Ukraine vorgesehen mit dem Ziele, aus diesen Gebieten ein abgegrenztes autonomes jüdisches Staatsgebilde zu schaffen. Man glaubt, daß die Schaffung einer jüdischen Republik auf russischem Territorium daeinzige Mittel sei, die Judenfrage in Rußland, deren Vorhandensein nicht abgeleugnet werden kann, einer Lösung näher zu bringen. Das Joint Distribution Committee, die hervorragende Hilfsorganisation, hat sich bereits für die Durchführung dieses Planes ausgesprochen. Gleichfalls soll die Sowjetregierung dem Projekt wohlgesinnt sein. Wenn diese Lösung auch vom jüdisch-liberalen Standpunkt aus nicht ideal genannt werden kann, so ist sie doch in kolonisatorischer Hinsicht eine Hilfskonstruktion, die ernsthaft geprüft werden mutz, um so mehr, als durch die Revolution in Rußland die jüdische Frage dieses Landes in politischem Sinne gelöst worden rst. die ökonomische und kulturelle Lage der jüdischen Massen in Rußland sich jedoch außerordentlich verschärft hat. Auch die zionistische Bewegung wird zu diesem Projekt Stellung zu nehmen haben. Wenn das jüdische Problem Rußlands auf diese Weise gelöst werden würde, so hatte der Zionismus einen Teil seiner Existenzberechtigung verloren. Wenigstens in den Augen derjenigen, die, wie z. B. die Nichtzionisten beim Keren Hajessod, weniger aus grundsätzlichen Erwägungen als auS philantropischen Gesichtspunkten an einem Teil der zionistischen Tätigkeit Mitwirken. IV. Noch glimmt hier und dort die Begeisterung, die zionistischer Ueberschwang angefacht hat. Doch klar zeigt sich bereits in der Praxis, was Utopie, was im Bereich des Möglichen. Mögen die Zionisten erkennen, was sie gefehlt haben, damit nicht in den politischen Wirvnisien das Judentum Schaden nehme. freunde im Ausland. Stephen S. Wise. Sonnt« vormittag in New York. Nach 11 Uhr. wo ganz New Nork sich auf dem Wege aum Gottesdienst befindet. an der Untergrundbabnstation Columbus Circus, dem großen Berkelirsaentrum am Südrand des Central Park, ein starker Menschenstrom, der nach Carnegie Hall, dem größten öffentlichen Saal, gewissermaßen der Philharmonie der amerikanischen Metropole, eilt. Dort hält am Sonntag vormittag die fttee Synagoaue allwöchentlich ihren Gottesdienst, der sich eines riesigen Zustroms von Teilnehmern iedes Alters und jeder Klasse. Inden und Nichtiuden, erfreut. Es ist der bedeutende Ruf ihres Predigers Stephen S. W i s e, der diese suggestive Kraft auSübt und die Tausende ausammenführt. die. gefesselt und ergriffen seinem Wort lauschen, belehrt und aum Guten angeregt seine Predigt verlassen. Alle Gaben, die des Redners Glück ausmachen, stehen ihm au Gebote. Er beherrscht sein Thema, führt eS gedankenreich und geistvoll durch: eine tewveramentvolle Sprache, lebhafte Gestikulation. ein gehaltvolles Organ unterstützen den Inhalt der Rede. Nicht nur was er sagt, sondern wie er es sagt, übt aus den Hörer seine Zauberkraft aus. eine Wirkung, wie lle von de» Lerübmtesten Predigern ausging. Heiliges Feuer erfüllt ihnetwas von der Glut der alten Propheten, wenn er die erhabensten ideale des Judentums verkündet. Rücksichtslos geißelt er Mtßstänbe. wo immer sie auch herrschen mögen, in flammender Begeisternna ruft er aum Guten auf — so sehr das einzeln« auch Stückwerk sein mag im Vergleich aur Idee von Liebe und Gerechtigkeit, es vergeht kein Gottesdienst, in dem er nicht irgendein gutes Werk anregt und seine Mahnung sofort in die Tat umsetzt. Die Free Svnagoaue gehört aum groben Bunde der amerianischen Reformgemeinden (Union ok American Hebrew Congregations), steht dort freilich auf dem radikalsten Flügel. Wie ihr Name besagt, wollte sie sich völlige Freiheit, völlige Unabhängigkeit nach ieder Richtung wahren. Dabezieht sich zunächst aus die dvamatiick« Stellung. Dr. Wise wollte eine Gemeinde von Wabrhettiuchern um sich scharen. Die amerikanischen Resormgemeinden sind wie alle großen Organisationen der Gescktchte allmählich eine starke Bindung eingeaangen. sie baden sich auf ein Programm sestgelegt und die Beweglichkeit verloren, das Revolutionäre. das Prophetische abgestreist. Für Wis« aber beißt Liberalismus Bewegung, geistiges Ringen. Kampf gegen Erstarrung und Leblosigkeit. Er scheut sich nicht, seinen Standpunkt zu wechseln, wenn er ihn als falsch erkennt, schreckt nickt davor zurück, die Jrrtümer offen elwaugesteherr. denen er während seiner Lauflahn zum Opfer gefallen ist und. die er aufgeben gelernt bat. Daher sollte die» Kanzel der Free Synagoaue der fteten Meinungsäußerung geöffnet fein, und es ist von ihr aus manches Wort gesprochen worden, das lebhafte Erörterung und starken Widersvrnch hervorgerufen hat. Die Freiheit der Gemeinde besteht auch darin, daß sie ihren Kultus sich selbst geschaffen bat. Die ist die einzige Gemeinde in New N-ork. die ihren Gottesdienst nur am Sonntag und nicht m einer Synagoge hält: sie hält sich an das in den Reformgemeinden eingeführte Union Praner-Boot. wählt aber die L'turgie frei aus und bedient sich für die Bibelvorlesuna nickt, wie die anderen Gemeinden, einer Torarvlle. Seit einem Jahre etwa ist sie mit der Central Synagoaue vereinigt, die nack dem Mutter anderer Gemeinden eingerichtet ist. und dadurch in ihrer Erscheinungsform weniger isoliert, ihre grundsätzliche Stellung aber hat sich nicht geändert. Die Gemeinde und ihr temperamentvoller Rabbiner gehören nach wie vor zur Opposition innerhalb des großen Gemeindeverdandes. Grundlage der Opposition bildet vor allem die ickavfe Betonung der v r o v b e t i s ck e n Forderungen auf sozialem Gebiete. Die Gemeinden haben einen vlutokratischen Charakter angenommen, sind trotz der häufigen Wiederholung der prophetischen Lehren von Liebe, Recht und Gerechtigkeit, wie die großen christlichen Kirchen, gegenüber den schweren so-zialen und sittlichen Mißständen duldsam, fast könnte man sagen stumpf geblieben. Demgegenüber hat der jüngst verstorbene Emil G. Hirsch in Chicago seine wirkungsvolle Stimme immer wieder aum Protest erhoben, und in demselben Geist wirkt Stephen S. Wise. Recht und Gerechtigkeit. Siele und Wohlwollen. Befreiung der Menschen von der schweren Rot des Lebens. Aufräumung mit alten Vorurteilen. Herstellung gesunder Lebensverhältnisse. das ist das sozial« Programm der Free Ermaaoaue: für diese Ideale führt ihr Führer seit nunmehr 20 Fahren in der Hauptstadt einen unermüdlichen Kampf. RüMckts- und surchtlos vertritt er seine Grundsätze, ohne nach Beifall oder Mißfallen au fragen. Vom Erfolg seines Wirkens zeugt nickt nur das ständige Wachsen seiner Gemeind«, sondern die Gründung einer Reibe anderer Gemeinden mit ähnlicher Teudeuz. Die Free Synagoaue acht im Gebiete der sozialen Fürsorg« neue Bahnen und hat sich, selbst bei ihren Gegnern, die Anerkennung erworben, daß ihre soziale Arbeit die intensivste und wirkungsvollste von allen jüdischen Gemeinden New Aorks ist. Din anderer Punkt, in dem St. Wise anders eingestellt ist als die Mehrzahl feiner Berussgenossen. ist die Beurteilung der osteuropäischen jüdischen Einwanderung. Das offizielle amerikanische Resormiudentum. das vor etwa hundert Jahren im Anschluß an die starke Einwanderung aus Süd- und Westdeutschland, vorzugsweise auS dem durch seinen Partikularismus berühmten Bayern, entstanden ift. f?Qt -bie westliche Orientierung als Richtschnur erwählt und sich zur russischen Einwanderung nicht gerade verneinende Ausdruck derselben Wahrheit in Form eines Befehls", und dieses verbietet die körperliche Darstellung des geistigen Gottes, des Ewigen. (Nebenbei bemerkt. zeigt auch dieie Deutung des ersten Satzes, wie unberechtigt die Annahme ist. daß die „ersten fünf Gebote den Kultus regeln".) Auch andere Gebote wurden nicht richtig aufgesaßt» oder cs wurde der Juden Auffassung und Betätigung verkannt. Beides war beim Sabbathgebot der Fall. Dieses — nach Augustinus — dritte Gebot lautet im katholischen Katechismus: „Gedenke, daß du den Sabbath heiligest",' im lutherischen: „Du sollst den Feiertag heiligen". Die Erklärung dieses Gebots iw großen Katechismus enthält manches Ausfallende. So behandelt Luther „Jüdische Feier" und „Christliche Feier" gesondert. Er beginnt zwar die Besprechung mit den Worten: „Feiertag haben wir aeuannt nach dem hebräischen Wort Sabbath. welches eiaent- 'l-ich heißt feiern, das ist müßig stehen von der Arbeit." Weiter aber sagt er: „Nun bat Gott im alten Testament den siebenten Tag ausgesondert und aufgesetzt zu feiern und geboten, denselbigen vor allen andern heilig zu halten. Und dieser äußerlichen Feier nach ist dies Gebot allein den Juden gestellt, daß sie sollten von groben -Serken stillstehcn und ruhen, auf daß sich beide. Mensch und Vieh. wieder erhellen und nicht von steter Arbeit geschwächt winden. Wiewohl ne es hernach all zu enge sponutcn und gröblich mißbrauchten . . . gerade alS sollte das Gebot damit erfüllet sein, daß man aar lein äußerlich L.ert täte, welches doch nicht die Meinung war. sondern endlich die. daß sie den Feier- oder Ruhetag heiligten. wie wir Horen werden. Darum aeku nun dies Gebot nack dem groben Verstand uns Christen nichts an. Denn es ein ganz äußerlich Ding ist wie andre Satzungen des alten Testaments . . . Ater um einen christlichen Verstand zu fassen für die Etnsältigen. was Gott in diesem Wc&ot von Iltis fordert, so merke, daß wir Feiertag halten, u-'ckt um der verständigen und gelehrten Christen willen, denn diese bedürfen 'S nirgend, sondern erstlich auch um leiblicher Urigch und Notdurft willen, welch« die Natur lehrt t/ud fordert für den gemeinen Haufen. Knechte und Mägde, io die ganze Woche ihrer Arbeit und Gewerbe gewartet, deß sie stch auch einen Taa einziehen, zu ruhen und sich zu ergutcken. Darnach allermeist, daß man sich an solchem liiuhetagc lweil man sonst nicht dazu kommen kann) Raum und Zeit nehme, des Gottesdienstes zu warten also, daß Iran zusammenkomme. Gottes Wort zu hören und au handeln. darnach Gott zu toben, zu singen und zu beten. Solches aber .sage ich) ist nicht also an Zeit gebunden wie tet den Juden, daß es müsse eben dieser oder jener Tag sein (denn es ist keiner au sich selbst bester als verändere). Sondern es sollt woül täglich geschehen, aber weil es der Haufe nicht abwarten (beobachten) kann, mutz man ja aum wenigsten einen Tag in der Woche dazu auswählen. Weil aber von alters her der Sonntag dazu gestellt ist. soll man's auch dabei bleiben lasten, auf daß es in einträchtiger Ordnung gebe und niemand durch unnötige Neuerung eine Unordnung macke." Ist es nun. um von anderm abzuseben. nicht sehr auffallend. daß Luther nickt zuvörderst über die allgemeine .Bedeutung des Salbaths (der Feder), und zwar — unter Hinweis auf die Worte „damit ruhe dein Knecht und deine Magd wie du" iDeut. 5. 14) — über die soziale und darauf — unter Hinweis auf: „Aber der siebente Tag se>i eine Feier dem Ewigen, deinem Gotte"*) (Exod. 20, 10 und Deut. 6. 14) — über die religiöse Bedeutung des Tages gesprochen hat und sodann erst auf die Art des Feierns einaeigangen ist? Und mußte- Luther nicht, daß di« Juden lange vor Christi Geburt am Sabbath .Zusammen kamen, um Gottes Wort zu hören", und baß die Kirche diese Art der Feier den Juden verdankt? Auch unser fünftes Gebot hatte in den Katechismen der beiden Kirchen ursprünglich einen verschiedenen Wortlaut. Während des Petrus Cantsius Lumma äoetrmao Cbrisiiavas vom Jahre 1554 es genau nach der Vulgata bietet: Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du langlebig seiest in dem Land«, das der Herr, dein Goit. dir geben wird, stimmt später der katholische Katechismus mit dem lutherischen fast gang überein, in dem es lautet: *2)» sollst Urnen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir s wohlgebe und du lange lebest a u f E r d e n." Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, daß diese kürzere Fassung, die sich zuerst in des Paulus Brief an die Evbeser (6. 3) mit der Bemerkung findet: „Das ist das erste Gebot, das Verheißung hat", zu der tadelnden Mißdeutung Anlaß gegeben hat, daß hier dem einzelnen Menschen sogar für seine Ehrfurcht vor den Eltern ein Lohn verheißen wird, während der Wortlaut der Bibel nur an die wohltätigen Folgen denken läßt, die das aesittete Familienleben für daS Staatslebcn (zunächst in, Lande Palästina) bat. Des Augustinus neuntes und zehntes Gebot lauten im katholischen Katechismus: „Tu sollst nickt begehren deines Nächsten Weib. Tu sollst wicht beaebren deines Nächsten HauS, Acker. Knecht. Magd. Ochs. Esel, noch alles, was fein ist" (nach Deuter. 5. 18). und bei Luther: .Dm sollst nickt begehren -eines Nächsten HauS- Du sollst nicht be- *) In seiner Bibelübersetzung lautet dieser Satz allerdings wie in der Vulgata abweichend vom Urtert: „Aber am siebenten Tage ist der Sabbath des Herrn. betneS Gottes. Wohlwollenverbalten. Demgegenüber Sake« ©tfe tnib seine Freunde diele Engherzigkeit bekämpft und die (Einheit deS Judentums betont. Heute, wo nenn Zehntel der amerianischen Judenbeit östlicher Herkunft ist. beginnt Me Stimmung zu wechseln, die Anerkennung der Rust« zu wachsen. Endlich hatte Wise den Mut. stch unmittelbar nack Theodor Herzl's Auftreten der ztonlkttfch« Bewegung auzuschlietzen und stck fiel« jener Zeit ununterbrochen rm» Zionismus zu bekenne«. An de» Kreise« -er Führer der Reiormbeweguua bat man gerade diesen Schritt als verrät an der Reform betrachtet, wähend Wiie tm Geaenßatz -«r Reform die Zusammen-aehörrakeit aller jüdischen Richtung« betonte und in feiner unermüdliche» Fürsorge für die «vfr rechteten und verfolgten eingesicherte Heimstätte für schutzlose Juden erstrekte. Er hat aus diesem Grunde. «« die schnellere Erschließung Palästinas zu erreichen, stch auch vom politischen Zionismus Weismanns loSgesaat und der BrandeiS»Gruppe anaeicklosien. Sein stetes Eintreten für die als Anden Unterdrückt« ließ ihn an -er Begründung des amerikanisch-südlichen Kongreßes teilnebmen. desien Präsident er gegenwärtig ist. Der Kongreß hat weder in Amerika noch in der Welttnd«- heit jene Bedeutung erlangt, die sein« Begründer ev, hofften« aber die Organisation hält ein wachsames Au-e Liter die politischen Ereignisse -er Welt, um überall, »ft Juden Unrecht geschieht, wo Juden unverschuldet leide«, helfeneinznareisen. Die gleiche 'Richtschnur des (£{»» tretenfür das Recht der Bedrückten leitvt Wiie auch in seiner politischen Tätigkeit, sie machte ihn zu einem beredten und energischen Fürsprecher der demokratisch« Partei, bei -er man immer noch am ehesten Verständnis für die sozialen Uebel finden kann: sie machte ihn zu eine« begeisterten Verehrer Woodrow WilionS. der ein Hobe- Ideal politischer Reinheit aufgestellt, -er. auch wen» er seinen Gegenspielern in Paris nicht gewachs« war. selbst dort daS Beste erstrebt und die Heber» zengung stch gewahrt bat. durch eine Beteiligung der Vereinigten Staaten am Völkerbund die schlimmste» Auswüchse des Vertrages von Versailles beseitig« zu können. AlS glühender Fretheitsschwürmer glaubte Wise während -eS Kriege-, Deutschland „alS Hort -er Reaktion" bekämpfen zu müssen, infolge -er Ereignisse der letzten Jahre bat er umgelernt. Er tritt heute dafür ein. das Deutschland getane Unrecht wieder gitt'irwach«. und beteiligt ssck mit der ganzen Kraft seines "mflusseS und -er Därme feines Herzens für die Hilfsaktion in Deutschland. Vom Umfang und der Vielseitigkeit seiner öffentlichen Wilrksamkett kann sich niemand eine Vorstellung macken, der nicht einmal in seiner Nähe daS hassende Tempo feines LelenS beobacktet bat. Sein Einfluß und feine Inanspruchnahme lassen sich etwa mit -er Friedrich Naumanns auf der Höhe seiner Laufbahn vergleichen. „Es wächst der Mensch mit seinen größer» Zwecken". Die Ausbreitung der Free Synagoaue brachte die Frage deS Nachwuchses an Führern für dieie Gemeinden au akuter Bedeutung, und die Gemeinde entschloß sich, ihrem tatkräftigen Rabbiner die weitgehendste Unterstützung bet der Einrichtung einer Bildungsstätte für Rabbiner. Jngendpfleger und soziale Arbeiter au gewähren. So entstand im Herbst 1922 daS Jewifh Jnfttrure of Religion, das nach der Art der HoMckule für die Wissenschaft deS Judentums in Berlin eingerichtet ist und Lehrern wie Schülern völlige Freiheit der Meinung und des Standpunktes gewährt, von ihnen nickts fordert als lauteres Streben nack Wahrheit. DaS Institute tft von den in Amerika bestehenden Anstalt« nicht gerade freundlich begrüßt worden. eS wirb stch aber behaupten, da eS einem sachlichen Bedürfnis entspricht uns seine Stellung über den Parteien ihm die Sympathie» weitester Kreise erwirbt. Die Eröffnung des JnfttNttes wurde von feinem Begründer mtt einem Akt hochherziger Fürsorge begleitet, mit einer vornehmen Unterstützung der notleidenden ähnlichen Anstalten Mitteleuropas ohne Unterschied der Richtung. Am 17. März 1924 vollendet Stephen S. Wtse sein fünfzigstes LebenSiabr. Seine Gemeinde vollzieht zur Foier des Tages die Einweihung deS neu errichteten Serrl'che» Gemeindehauses, in dem auch das Institute würdige Räume besitzt. Diese Weihe bildet die Krönung deS bisherigen Werkedes verdienstvollen Mannes. Möge dieser Tag der Beginn einer neuen Reibe wertvoller Schövfungeu des unermüdlicken Kämpfers für Fortschritt und Reckt sein! Möge eS ihm an Kraft und an Freudigikeit nickt fehlen! Berlin. I. Elbogen. gebren deines Nächsten Weib. Knecht. Magd. Vieh oder alles, was sein tst" (meist nach Er. 20. 17). Ueter die vergeblichen Versuche, die Teilung unseres zehnten CeboteS zu rechts er ttgen. braucht hier nicht aesvrochen zu werden. Hinaeaen ist LutberS Erörterung der beiden Teile, die er im großen Katechismus zusammen behandelt, bemerkenswert. Da heiß, eS: ^Ötefe zwei Gebote sind fast den Juden sonderlich gegeben. wiewohl sie uns dennoch auch zum Teil betreffen. Denn sie legen sie nicht aus von. Unkeuschhett und Diebstahl, weil davon droben genug verboten ist. Hielten'S auch dafür, sie hätten iene alle aeharten. wenn sie äußerlich die Werke getan oder wicht getan hätten. Darum bat Gott diese zwei btnauaesetzt. daß man's auch halte für Sünde und verlöten, des Nächsten Weib oder Gut zu begehren und auf irgend eine Weise darnach zu trachten.... Summa . . . Darum haben sie nun (sage ick) diese Gebote also gedeutet. wie eS auch recht ist (wrewohl eS auch ettvaö weiter und höber geht), daß niemand dem andern das Seine als Weib. Gesinde. Haus und Hoi. Acker. Wiese. Bieü denke und sich vornehme, an fick zu br-tnaew. auch mit amtvm Schein und Behelf doch mtt des Nächsten Schaden. Denn droben im siebenten Gebot ist die Umuaend verboten, da man fremdes Gut an sich reißet oder dem Nächsten vorentbält. dazu man kein Reckt haben kann: hie aber ist auch gewebrei. dem Nächsten, nichts abauivannen (aLivenftig zu machen), ob man gleich mtt Ehren vor der Welt dazu kommen kann, daß dich niemand zeihen noch tadeln darf, als habest du'S mtt Unrecht erobert". Man irrt wohl nicht, wenn man annimmt, baß diese Darlegung Luthers dazu geführt hat. daß manche Kreise, nur um das Verbot nicht *4»8 Innere der Gesinnung hineingreife»" zu lassen, unter Mißachtung des urtertlicken Wortlauts (besonder- Deut. C. 5, 18) unser zehntes Gebot als rin Verbot deuten, „stch mit Unternehmungen zu befassen. deren Zweck «S sein würbe, stch des Eigentums deS Nächsten mit einem S ch e i n des Rechts zu bemächdtgen." Schließlich bleibe nicht unerwähnt, daß Luther wie im großen Katechismus nach feinem ersten Gebot so in beiden Katechismen „nach diesen Geboten allen" die „Drohung und Verheißung" einschärft, die in der Bibel sich nur aus u n s e r z w e i t e s Gebot bezieht. „Dieser Zusatz", sagt er. „wiewobl er zuvörderst zum ersten Gebot angehängt ist. so ist er doch um aller Geboie willen gesetzt, als die sich sämtlich darauf beziehen und darauf gerichtet sollen settr^. »Seine Einordnung am Schluß der Gebote", sagt tr ift einer KatechiLmuSpredigi, „soll dazu bienen, alle zusammenzufüaen in ei» Kräuzleiu".

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