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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-21 · 6 (21.3.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
6 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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f IMchÄeraleZeidm Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^4 jährlich M. IM Einzelnummer bei freier Zusendung im Inland . VLS Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im MUgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Zeitung'* erscheint jeden Sreitag SchrMleliirna und Sssehdttsstette: 6er. in, (Dauerftrofce 22. fern ruf: Amt iDerhur flr. 8725 Poltfcttecfcfcontot Benin nw 7 nr.l 37069 (Vereinigung für Oos liberale Judentum) Nachdruck fflmt Icher Original-Beitrflge nur mit der genauen Quellenangabe ..Jüdisch. Liberale Leitung« gestattet! Anzeigenpreise: Die lSgespaltene Nonpareillezeile 0.4V Goldmard. die Reklamezeile 1.SV Gold mark; :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt, r: rr rr Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co.. G.m.b.H» Berlin S 4L. Alexandrinmttrahe 95/96, (Fernsprecher: Dönhoff 438), sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen. Nr. 6 Berlin. 21. März 1924 4. Jahrgang Ae Krise des Zionismus. Die Zeit der Entscheidung. Bon Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin, Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Aus Palästina kommen ernste Nachrichten. Außen- und innenpolitisch beginnen die Blütenträume nationalen Ueberschwangs zu welken. Die Araberfrage wächst sich zu einer ernsten Gefahr *aus. König Hussein, der jetzt noch mit dem Titel des geistlichen Oberhauptes der Moslem geschmückt werden soll, pocht energisch an die Pforte des heiligen Landes. Die Verbindung mit ihm wird seine Stammesgenossen nicht gerade bescheidener in ihren nationalen Ansprüchen machen. England, mit Recht bemüht, die Gegensätze auszugleichen, wird dennoch nicht in der Lage sein, den nationalen Ausbau der jüdischen Minderheit in dem Umfang durchzusühren, wie es zionistischerseits erhofft wurde. Auch die Parteiungen in der zionistischen Leitung, das Ausscheiden nicht unbedeutender Persönlichkeiten aus der Bewegung (man denke an Jabotinski usw.) schwächen die Einheitlichkeit in der Führung. Rein wirtschaftlich stehen Zeiten härtester Kleinarbeit bevor. und es wird großer Anstrengungen und Opfer bedürfen, um wenigstens einen Teil des kolonisatorischen Programms durchzuführen, das notwendig wäre, um die Iuöenfrage der Lösung näherzubringen. Der Schreiber dieser Zeilen hat immer den Standpunkt vertreten, daß es politisch und historisch, von lüöischem und nichtjüdischem Standpunkt aus gesehen, cine Utopie ist. Palästina als Stätte nationalen Wirkens, als sogenanntes nationales Zentrum der Juden auszugestalten. Zu einem Zentrum gehört eine Peripherie, und die Peripherie fehlt. Es fehlt der geschlossene Kreis derer, die die Lösung der Judenfrage durch Einigung auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet wünschen und erhoffen. Mit einer jüdischen Gemeinschaft, deren Endziel es ist. die Juöenheit als politisch-wirtschaftliche Einheit zusammenzuschmieden, haben die meisten Juden nichts zu tun, hat vor allem das Judentum nichts zu tun. Man kann also ein abgesagter Gegner des Nationaljudentums sein und mutz dennoch bedauern, daß es in Palästina so kommt, wie oben geschildert wurde. Wer auch nur einen Funken jüdischen Gemeinschafts- und Gemeinbürgschaftsgcfühls in sich trägt, weiß, daß m Palästina nicht eine fremde, sondern eine eigene .Sache entschieden wird. Und zwar aus zwei Gründen: Einmal scheint die Hoffnung wenigstens einem kleinen Teil entwurzelter Brüder wieder Boden unter den schaffen, viel weiter entfernt, als es enthusiastischer Ueberschwang glauben machte. Vor allem aber ist jetzt schon ganz deutlich sichtbar, was wir immer gefürchtet haben, daß nämlich all die Schwärmer H2f»etut öie das Judentum sich in nationalen Zukunftshoffnungen erschöpfte, jetzt N mit leeren Händen und mit leerem Herzen dastehen und aenau so „entludet" werden, wie sie es teilweise waren, bevor sie dem nationalen Judentum in die Arme fielen. Ich habe es immer bedauert, daß die nationale Verbrämung des Palästinawerkes es weiten Kreisen gemelnschaftsbewußter Juden unmöglich machte, an diesem Werke mitzuarbeiten. Wäre dieses Werk als gemeinschaftliche Kolonisationstat aller Juden aufgezogen worden und hätte man sich zunächst einmal damit begnügt. Juden dort seßhaft zu machen, anstatt in "E? ""öligen Fehler zu verfallen, alles erst theoretisch-nationalistisch zu fundieren und zu zerspalten, JJfftott praktische Arbeit zu leisten, so hätte es keine Palastina-Frage im deutschen Judentum gegeben. Daran aber kann kein Zweifel sein, daß wir mitbetroffen werden durch die Katastrophe, die jetzt in den Herzen der zahlreichen Juden vorgeht, denen der Boden ihres Judentums unter ihren Füßen zu schwanken beginnt, je mehr die „nationale Heimstätte" wieder in grauen Nebel zurücksinkt. Diese am Judentum Verzweifelnden müssen wir lefct immer wieder darauf Hinweisen, daß das liberale Judentum niemals den Boden jüdischer Gemeinsmaftspolitik und jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins verlassen hat und verlassen darf. Scheinbar sind unter uns zu lange nurdie Fragen individueller Religiosität in den Vorderarnnd gestellt, die gemeinsamen Fragen des Welt^isschgliens vernachlässigt worden. Wir sind eben nicht eine Menge einzelner, sondern eine religiöse Gemeinschaft. wir müssen nicht nur Misch fl* ^.~ ~ lAl » I Aus dem Inhalt: Heinrich Stern-Berlin: Die Zeit der Entscheidung. — Bruno Woyda-Bcrl n: Der Zionismus in der Praxis. — I. Elbonen-Berlin: Stephen S. Wise. Dr. M. Holzman-Berlin: Zur Geschichte der Einteilung un-d Deutung des Zehnworts. — Andreas Latzko: Ein Duell. * Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Aus der Bewegung. — Bücherschau. yttwimynun h i) ynrnirynmn H^ywinit^ymTOTry wnaiy »w la r!| mpi ry iwirrny nimn y» Ein skandalöser Fehlspruch. Am 18. März abends gelangte nach mehreren Vertagungen die Anklage der Frau Gelieimrat Nathenau gegen den Herausgeber des Pamphlets „Die Weisen von Zion" den früheren Hauptmann Müller v. Hausen, vor der Sechsten Strafkammer des Landgerichts 111 zu Verhandlung. Müller v. Hausen hatte der deutschen Ausgabe des Pamphlets ein Kapitel hinzugefügt, in welchem die Behauptung ausgestellt wurde, daß an dem Hause des verstorbenen Geheimrats Emil Rathenau an einem Fries 60 abgeschnittene Königsköpfe auf Opferschalen angebracht worden seien. Weiter wurde behauptet. Emil Rathenan habe als Mitglied der Loge „Zur ausgehenden Morgenröte" auf den Sturz des Hauses Hohenzollern hingearbeitet und habe die 60 abgeschnittenxn Königsköpfe als Symbol der untergehendcn Monarchie anbringen lassen. Der Sohn des Geheimrats Emil Nathenau. Reichsminister Walter Nathenau, hatte, kurz bevor er als Opfer der völkischen Verschwörung gefallen ist. gegen Hauptmann Müller v. Hausen Strafantrag gestellt. Da der Prozeß bei der Ermordung Walter Nathcnaus noch schwebte, hatte Rechtsanwalt Dr. Fritz Grünspach für Frau Geheimrat Rathenan. die Witwe Emil Rathenaus, Strafantrag gestellt. Eine frühere Verhandlung hatte danrit geendigt, daß der Angeklagte die inkriminierte Behauptung zurücknahm. Später widerrief er das und warf dem Gericht Protokollfälschung vor. Die beiden Sachverständigen. Professor Bangert und Professor Borrmann, begutachteten, daß der Fries an dem Rathenau-Hause nach einer alten venetianischen Vorlage gearbeitet war. Der Gedanke, es könnten „abgeschnittene Königsköpfe" sein, märe absurd. Staatsanwaltschaftsrat Jäger führte aus. daß die Tat des Angeklagten sich als eine so hetzerische und ehrabschneidende darstelle, daß eigentlich eine Freiheitsstrafe am Platze wäre. Nur in Anbetracht des Alters des Angeklagten beantrage er die Verhängung einer Geldstrafe von 000-Mark. Nach längerer Beratung kam das Gericht zu folgendem Urteil: Da es sich um eine Beleidigung eines Verstorbenen handelt. so mußte festgestellt werden, daß eine Behauvtung wider besseres Wissen aufgestellt worden ist. Bei der völlig einseitigen politischen Einstellung des Angeklagten könne ihm nicht widerlegt werden, daß er tatsächlich und womöglich heute noch an dem Fries eine Zusammenstellung von 60 abgeschnittenen Königsköpfen und damit eine Verhöhnung des monarchischen Gedankens erblickt. Demnach muß der Angeklagte freigesprochen werden. Das Gericht sieht aber in dem Fries eine rein künstlerische Darstellung eines Ornamentes ohne jede Symbolik. In der Oefsentlichkeit hat dieses Urteil ungeheures Erstaunen erregt. Ein Teil der Berliner Presse, der bereits das Urteil brachte, gibt der Befürchtung Ausdruck, daß laut dieser Begründung eine einseitige politische Einstellung des Verleumders genüge, um ihn straflos ausgehen zu lassen. Pogrome in Rußland? Die russische Telegraphen-„Agentur verbreitet folgende Depesche: „Die in der ausländischen Presse hartnäckig auftamhenden Gerücht« über angebliche Judenpogrome in der Ukraine sind vollkommen aus der Luft gegriffen. Es scheint, daß es sich um eine Machinatton der rumänischen Regierung handelt, da all« diese Nachrichten hauptsächlich aus der rumänischen Presse stammen. In Rußland glaubt man, dies sei ein Versuch der rumänischen Regierung, auf die öffentliche Meinung einzuwirken im Hinblick auf die in Wien bevorstehende russisch-rumänische Konferenz, in welcher die Zukunft Bessarabiens behandelt werden wird." Das Grohrabbinal der Türkei. Nach einer Meldung der „Morning Post" beabsichtigen die maßgebenden Kreise der Türkei, der Aufhebung des Kalifats diejenige deS Großrabbinats und des Patriarchats folgen zu lassen. empfinden, sondern als Juden handeln. Es ist die Schuld vorvergangener Generationen des deutschen liberalen Judentums, daß sie der religiösen Erkennt» nis ebenso fremd gegenüberstanden, wie der religiösen Gemeinschaftsarbeit in Haus, Schule, Gotteshaus und Gemeinde. Nachdem man in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts den Nahmen für jüdische Arbeit in dem Aufbau der deutschen jüdischen Gemeinden geschaffen hat. — eine Arbeit, die leider viel zu oft unterschätzt wird —. hat man sich damit begnügt, diesen Rahmen zu vervollkommnen, aber verabsäumt, das Bild in den Rahmen einzufügen. obne welches er leer bleiben muß. So sind die jüdischen Gemeinden zu Derwaltnngsapparaten geworden, und erst seit kurzem wird die Verwaltungsarbeit gewürdigt als das, was sie sein muß. als notwendige Grundlage, nicht aber als Selbstzweck jüdischen Gemeinschaftslebens. Es ist in diesen Blättern oft dargelegt worden, und ich wiederhole es: Wir fordern Fovtentwicklung der religiösen Formen, die Erziehung der Jugend im Geiste jüdischer Wissenschaft, vor allem aber die Belebung des jüdischen Hauses im alten Geist, aber in neuer Schale, nicht aus Beauemlichkeitsgriinden, nicht, um uns zu „assimilieren", d. h. um Eigenes abzustreifen, sondern weil wir der Ueberzeugung leben, nur aus diesem Wege sei die indische Gemeinschaft zu erhalten. Denn wir wollen die jüdische Gemeinschaft als solche erhalten und eine Bewegung, welche Judentum und Judenheit liquidieren will, wie es ausgesprochenermaßen die „nationalöeutschen Juden" tun wollen, steht für uns außerhalb der Diskussion. Für uns ist das Judentum, ist die jüdische Gemeinschaft keine Konkursmasse, die aus mehr oder weniger anständige Weise ausgeschüttet werden soll, sondern ein lebendiges Gut. das wir zu überliefern und sortzupflanzen haben, ein Zusammenschluß aller jüdischen Menschen, dem sich keiner entziehen darf. Wer dieses Gefühl der Verbundenheit mit Gegenwart und Vergangenheit. in sich träat, empfindet lebendig die Einheit der jüdischen Gemeinschaft, auch wenn er den politisch-wirtschaftlichen Zusammenschluß ablehnt. Dieses Gemeinschaftsempfinden beseelt heute auch die Anhänger des liberalen Judentums. Wir leisten jüdische Gemeinschaftsarbeit, wenn wiv rm Gotteshause beten, wenn wir mit unseren Kindern die häuslichen Feiern unserer Religion begehen, und wenn wir an den sozialen und charitativen Aufgaben des Judentums innerhalb und außerhalb der Gemeindegrenzen Mitarbeiten. , _ , Aus dieser Aussassunq vom Wesen indischer Arbeit und jüdisch-liberaler Arbeit insbesondere, ergeben sich nun entscheidende Fragen, die wir an Freunde und Gegner zu richten haben. Unsere Freunde, d. y. die, die sich Liberale nennen, müssen prüfen und entscheiden. ob ihr Liberalismus so ausschließlich auf Abwehr und innerjüdischen Kampf gestellt ist, daß er zusammenbricht, wenn in der Organisation diese Betätigungsmöglichkeiten zurücktreten oder wegfallen. Die Bekämpfung des Judenbasses, die bei uns in Deutschland in so ausgezeichneten Händen liegt, können wir vertrauensvoll dem Zentralverein überlassen. Die Fehde mit dem gesetzestreuen und dem Nationaljuden wird sich beschränken müssen auf die unbedingte Wahrung religiöser Parität einerseits, und andererseits auf die energische Zurückweisung jeden Versuchs, das deutsche Judentum zu nationalisieren und die Gemeinden ihres Charakters als religiöser Gemeinschaft zu entkleiden. Dagegen sollte man die Geßnnunasreibereien beenden — Weltanfchanungsgegenfatze lassen sich durch Wortstreit nicht überbrücken-- und durch praktische Aufbauarbeit für die eigene Weltanschauung werben. Mit einem bloßen Volksvevsammlungs- und Wahlzettel-Liberalismus ist uns nicht gedient; wir verlangen innere Arbeit. Ein Liberalismus also, der von dem Programm lebt: „Wir bekämpfen 1. . . ., 3. ..8. ..muß endgültig als abgetan gelten; es heißt jetzt: „Wir wollen . . ." Aber auch an unsere Geaner, insbesondere vom zionistischen Lager, tritt die entscheidende Fra^e heran: Wollt tbr euch vom liberalen Judentum durch Parteiphrasen abdrängen lassen und so der Mitarbeit an der religiösen Fortentwicklung verlustig gehen? Denn es mag einmal ganz offen ausgesprochen werden: Bo« denen, die sich unter Ser Flagge des Zionismus zusammenfinden, sind nur verhältnismäßig wenige überzeugte und folgerichtige Nationalinden mit der Abstellung auf das politisch-wirtschaftliche Endziel. Die große Menge der Zionisten ist zum Zionismus 4'

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