Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-14 · 5 (14.3.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
5 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613746--0709-2618001
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

EIN DUELL Von Andreas Latzko.*> Die Burg des Freiherm von Györöky wurde um das Jahr 1500 von einer vorbeiziehenden Türkenhorde zerstört. Jahrhundertelang hüpften nur hungrige Ziegen über die vermoosten Mauerreste, und die „Geier Siebenbürgens**, die einst keinen Kaufmann hatten ungerupft passieren lassen, waren eine bescheidene k. u. k. Offiziersfamihc, geworden. Seit Menschengedenken hatte sich kein Györöky richtig. satt gegessen, war das herrische Blut der Ahnen, durch die engen Röhren des Dienstreglements gepreßt, in Trägheit und Servilität geronnen, als endlich unverhofft der Erlöser erschien. Ein deutscher Geologieprofessor, der. aus völkischer Anhänglichkeit zu seinen sächsischen Stammesbrüdern, einen Sommer lang die Täler Siebenbürgens durchwanderte, hatte den alten Burghügel, wie der Arzt eine kranke Brust, beklopft, und war mit ganzen Säcken voll Geröll und Schutt nach Hause gefahren, um wenige Monate später an der Spitze einer imposanten Autokolonne zurückzukehren. Unter den Gästen, die er mitbrachte, saß verlegen und mißtrauisch der letzte Györöky, in der abgetragenen Uniform eines Infanterie-Oberleutnants. Er hielt, genau wie die Bauern der Umgebung, den kleinen Professor für einen kompletten Idioten, folgte verständnislos den langwierigen Verhandlungen in der verrauchten Dorfkneipe, betrank sich schön langsam — schlief ein — und dachte erst recht zu träumen, als er wachgerüttelt und von dem mächtigen Geldmagnaten Herr Präsident tituliert wurde. Sein Mißtrauen wuchs noch beim Anblick des umfangreichen Schriftstückes, das er unterschreiben sollte, damit es, wie m-n ihm erklärte, mit fortlaufenden Nummern von 1 bis 100 000 versehen, als Aktie vervielfältigt werde. Seine Erfahrungen mit Dokumenten, die oben eine hohe Ziffer trugen und unterschrieben werden mußten, waren die denkbar ungünstigsten, und der Gedanke, hunderttausend Papiere mit seinem Namenszug versehen in die Welt hinausflattern zu lassen, war ihm ungemütlich. Vergebens bemühten sich die anwesenden Bankdirektoren und Justizräte, ihm den Unterschied zwischen Wechseln und Aktien klarzumachen; er lehnte es, als ein echter Györöky, entrüstet ab, über derlei Dinge, die nur Juden etwas angingen, belehrt zu werden. Zum Glück ließ der kleine Professor, einer Eingebung folgend, das Wort „Vorschuß“ fallen, und damit war das Interesse' des bockbeinigen Präsidenten sofort geweckt. Er ließ zunächst diskret durchblicken, daß ihm eine Reiseentschädigung nicht ungelegen käme, und nannte nach längerem Zögern, sichtlich selbst erschrocken über seine Kühnheit, die Summe von eintausend Kronen. Die Tatsache, daß — ganz gegen seine Erwartung — niemand sich entrüstet zeigte über seine Forderung, bestärkte ihn zunächst in der Ueberzeugung, fasend hineingelegt worden zu sein, und erst als er mit nicht HHtMjAr Äebn zehn Stück einwandfreien Tausendkronenscheinen in der Eisenbahn saß, begann es ihm allmählich zu dämmern, daß aus der Narretei des kleinen Professors am Ende doch noch was werden könnte. Lange hielt diese Schüchternheit freilich nicht an. Er lernte die Macht seiner Unterschrift an Hand eines Scheckbuches kennen, und machte sich mit Eifer daran, alle gebotenen Möglichkeiten rasch auszunützen, von der heimlichen Angst getrieben, der schöne Traum könnte eines Tages doch noch in peinliches Erwachen münden. Mit der Kraft eines lange zurückgedämmtm Stromes flammten alle Leidenschaften in seinem Blute auf! Die jahrhundertelang unterdrückte Herrschsucht seiner Ahnen, der alte, gewalttätige Stolz erwachte, wie das erstarrte Leben im Märchenschloß Dornröschens. Aus den auf gerissenen Flanken des Burghügels strömte verläßlich wie eine alte Quelle die Dividende; und der,letzte Györöky nahm, von allen Sklavenketten befreit, das Leben genau an der Stelle wieder auf, wo es seine Ahnen, von der Not gezwungen, unterbrochen hatten. Auf einem der nahen Gipfel wurde die alte Festung, streng nach den Plänen der Familienchronik, mit allen ihren Kasematten, Wassergräben und Zugbrücken neu auf gebaut; Geschütze neuester Konstruktion glotzten durch die Schießscharten; stramme Söldner, in den farbigen Kostümen des Mittelalters, standen mit Hellebarden und Musketen vor den Toren Wache. Der neue Schloßherr ließ sich von seinen ehemaligen Regimentskameraden die kräftigsten, bewährtesten Unteroffiziere der ausgedienten Jahresklassen zuschicken und hatte so bald eine Garde geworben, auf die er sich verlassen konnte. Er war reich, stark *) Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Rudolf Mosse, Berlin, dem Almanacb 1920 entnommen. und mächtig, und sah nicht ein, warum er lieh durch das unverschuldete Unglück, einige Jahrhunderte zu spät zur Welt gekommen zu sein, in seiner Freiheit sollte beengen lassen? Wer es nicht zufrieden war, sollte kommen, und ihn bezwingen! So durchzog er an der Spitze seiner verwegenen Schar mit fliegenden Bannern die Umgebung, Heß alles mitgehen, was ihn irgendwie reizte, jeden verprügeln, der ihm nicht auswich, und wer so einfältig war, ihn gerichtlich belangen zu wollen, bekam von den Hütern des Gesetzes die Auskunft, er möge die Vorladung dem Schlofiherm von Neu-Györök selbst zustellen, dann werde man ihm auch sein Recht verschaffst. Seit nämlich der Baron die Drohung: jede Amtsperson unter Granatfeuer zu nehmen, einmal wahrgemacht hatte, gab es, soweit die Geschütze der Festung reichten, keinen Richter mehr in Siebenbürgen. Im Lande nahm man die tollen Streiche des neuzeitgemäßen Raubritters anfangs mit nachsichtigem Lächeln hin. Hurtige Librettisten dichteten eine Operette um den Baron, die Ansicht*-' kartenindustrie und die illustrierten Zeitungen stürzten sich mit Eifer auf seine Festung, ein Journalist hatte sich sogar als Söldner anwerben lassen, um das Leben in der „Armee“ des neuen Potentaten genau beschreiben zu können. Nur die wenigen, die das Unglück hatten, in den Aktionsradius des freiherrlichen Lebenswandels zu fallen, hatten keinen Grund zu lachen. Mit der Zeit allerdings wurden die ewigen Reklamationen und Beschwerden auch höheren Orts unangenehnj vermerkt, aber man konnte sich trotzdem nicht lächerlich machen und die Wehrmacht der Monarchie gegen den Baron von Györöky mobilisieren! Selbst als er die Kirchen umzingeln ließ und die Bräute, wenn sie ihm gefielen, vom Altar weg entführte, unter Berufung auf das „jus primae noctis“ seiner Ahnen, das er selbstherrlich wieder einzuführen erklärte — selbst gegenüber diesem unerhörten Sakrileg erwies sich der Staat, trotz Intervention des Erzbischofs, völhg machtlos, und die geprellten Ehemänner brauchten für den Spott nicht zu sorgen. Als man endlich — dem Drängen der hohen Geistlichkeit folgend — den Versuch unternahm, den Baron durch Sperrung seiner Geld« mittel kirre zu machen, da richtete der Schloßherr alle Kanonen auf das mächtige Hüttenwerk zu seinen Füßen, und in dem so entbrennenden Duell zwischen Kirche und Großkapital blieben die Aktionäre Sieger. Wohl wurde der Baron streng verwarnt, und die schärfsten Repressivmaßregeln wurden in Aussicht gestellt. Aber für die Privatehre einiger Ehemänner ein Millionenwerk wirklich in Trümmer zu legen, das ging doch nicht an. Vor allem — so wurde amtlicherseits versichert — wegen der vielen tausend Arbeiter, die man nicht für Monate obdach- und erwerbslos machen wollte! . . . So behielt der Baron, mit Ausnahme der unmittelbar Geschädigten, die Lacher wieder auf seiner Seite, und das einzige greifbare Resultat der aufregenden Staatsaktion war: daß der Vorschlag einzelner Zeitungen, Schloß Neu-Györök außerhalb der Schußweite zu zemiereft und auszuhungern, den Baron dazu veranlaßte, bei den staatlichen Konservenfabriken für viele Millionen Lebensmittel zu bestellen. Ein Auftrag, den „mit Dank zu quittieren und pünktlichst zu effektuieren“, die Leitung der betreffenden Werke natürlich nicht ermangelte. Nach diesem letzten entscheidenden Sieg gab es für den Freiherm von Györöky überhaupt keine Schranken mehr, die er noch respektierte. Wer sich seiner Willkür nicht unterziehen wollte, konnte nichts Besseres tun, als das Weite suchen. So ließen sich denn auch Beamte mit hübschen jungen Ehefrauen schleunigst in eine andere Gegend versetzen, und den Eingeborenen blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, da sonst ihre Frauen -— einmal entführt — es vorzogen, auch nach erfüllter Pflicht als vorübergehende Schloßherrin. hinter den Wassergräben der Festung vor dem eheherrlichen Zorn Schutz zu suchen. Auf diese Weise kamen die Söldner des Barons der Reihe nach zu einem Familienleben, und auf dem neuerrichteten Kinderspielplatz in der Mitte der Burg wimmelten bald scharenweise die Patenkinder des Freiherm. Der „Eisenkönig“, wie man den Baron nach der Quelle seines Reichtums und seiner Macht getauft hatte, regierte als ungekrönter, aber unbeschränkter Herrscher. Wer irgendwie gegen ihn sündigte, den hohe er sich mit seinen Söldnern mitten in der Nacht aus dem Bett, ließ ihn auf dem Schloßhof öffentlich züchtigen und dann auf einen Esel gebunden nach Hause treiben. Den Esel durfte der Geprügelte als Schmerzensgeld behalten. So hatte der Baron seine Macht befestigt, hielt alle Dörfer und Städte in einem Umkreis von vielen Meilen in steter'1 Angst, und wenn irgendwo bei Fackelschein und Trommelwirbel die Besatzungstruppen von Neu-Györök vorbeirasten, dann verkroch sich alles, in die Keller, Polizisten und Gendarmen nicht ausgenommen. Da geschah es eines Tages, daß der Baron im VorbeureStai ein allerliebstes, rabenschwarzes Frauenzimmerchen erblickte, und zwar — zu seiner Ueberraschung — gar nicht wert vom Schloß, auf einem Terrain, das er für vollkommen abgegreat gehalten hatte. Es war die Frau des Ortsrabbiners Samuel Levy, eine Jüdin also, was alles erklärte, denn mit Juden wollte der Baron, seit er selbst Geld genug hatte, überhaupt nichts mehr zu schaffen haben. Frau Levy fand er jedoch einer Ausnahmebehandlung würdig und stürzte sich mit dem Gefühl: Neuland entdeckt zu haben, in das unbekannte orientalische Abenteuer. Samuel Levy, ein ganz kleines, mageres Männlein mit fadenscheinigem Spitzbart und listigen Aeuglein, war unter seinen Glaubensgenossen als besonders pfiffiger Kopf berühmt. Die wiederholten Aufklärungsritte des Barons vor seinem Hause waren ihm nicht entgangen, und so zeigte er sich überraschend gefaßt, als, bei seiner Rückkehr von einer Gastpredigt in der Nachbar gemeinde, das Nest leer stand. Die Beete im Vorgarten waren freilich von Pferdehufen zerstampft, die Mauern vom Feuer der Fackeln geschwärzt, alles in den Zimmern durcheinandergeworfen wie nach einem harten Kampf, und das Dienstmädchen erzählte schluchzend und händeringend von der unerhörten Brutalität, mit welcher die Häscher des Barons ihre arme Herrin aus dem Zimmer geschleift und in die Sänfte geschleudert hatten. Allein dem Scharfblick Samuel Levys konnte es nicht entgehen, daß in dem aufgerissenen Schrank seiner Frau just das schönste Festtagskleid und die feinsten Wäschestücke fehlten, und diese kleine Beobachtung half ihm, den erlittenen Verlust männlich zu tragen. Er schleuderte seiner „entführten“ Gemahlin den vorgeschriebenen rituellen Fluch nach, nahm sein Samtkäppchen und machte sich — ohne den Warnungen und Bitten seiner Getreuen Gehör zu schenken — unverzüglich auf den Weg nach dem Schloß. Eifrig trippelnd mit seinen kurzen Beinen war er, Gebete murmelnd, in knapp zwei Stunden vor dem Festungsgraben angelangt, fand aber die Brücke hochgezogen und wurde durch das Sprachrohr mit infamer Höflichkeit aufgefordert, vorläufig draußen Platz zu nehmen, da der Schloßherr augenblicklich dringend beschäftigt sei. Der Rabbiner nickte nur verständnisvoll, ließ sich mit seinem Gebetbuch auf einem Baumstumpf gegenüber der Brücke nieder und wartete geduldig. Bis gegen Sonnenuntergang ließ man ihn so sitzen, dann erst sauste die Zugbrücke nieder, die mächtigen Torflügel öffneten sich schwankend, und an den geharnischten Schildwachen vorbei schritt der kleine Samuel Levy mutig hinein in die Ritterburg. Freiherr von Györöky empfing den kuriosen Gast in der geräumigen Ahnengalerie, faul in einen ungeheuren Armstuhl gelehnt; aus dem herrlich gehämmerten Pokal, der vor ihm stand, stieg der beizend-scharfe Dunst uralten Tokayers. „Womit kann ich dienen, Herr Levy?" — fragte er den Rabbiner in heiterster Gönnerlaune. Samuel Levy duckte sich demütig, rieb die Handflächen gegeneinander, und sagte endlich, mit einem leisen Flackern in der Stimme: „Ich fordere Genugtuung, Herr Baron!" Der Schloßherr schnellte empor, brach in ein schallendes Ge^ lächter aus und fragte, die Hand an der Brieftasche: „Wieviel wünschen Sie, Herr Levy?“ Ein kurzer stechend-grüner Blick aus den listigen Äugen, dann erscholl demütig die Antwort: „Herr Baron belieben zu scherzen! Ich weiß, Sie sind ein perfekter Kavalier und werden mir die ritterliche Genugtuung gewiß nicht versagen." Baron Györöky schnitt eine feierliche Fratze, leerte den Humpen Tokayer auf einen Zug, stand auf und machte ein tiefes Kompliment: „Also schön, wir werden uns schlagenI Sie sind der Beleidigte, Herr Levy, ich bitte Sie, die Waffe zu wählen! Ich habe Haubitzen und Mörser und gezogene Kanonenrohre, Pistolen, Rapiere und krumme Türkensäbel." — Der Rabbiner erhob abwehrend beide Hände: „Wozu nehmen Sie sich so viel Mühe, Herr Baron? Das alles kenn* ich nicht! Wenn Sic mir Genugtuung geben wollen, so werde ich mir natürlich die einzige Waffe wählen, die ich von Jugend auf zu handhaben gewöhnt bin.“ Der Baron verbeugte sich wieder bis zum Boden: „Und die wäre?“ Samuel Levy lächelte verschmitzt, legte seinen winzigen Zeigefinger auf die eigene Stirne und sagte, devot die Schultern hochziehend: „Mein Verstand*“ (Schluß folgt.)' Dieser Nummer liegt ein Prospekt Üetr. kostenfreien Der« fand unserer Zeituua zu Propaaanöazwecken bei. mmasmaaMammsamsmBUBiSBBBsmBsmmmmamammm # tz»«i. »'<» ♦»: I i CMCCtCCNMNCCMCCa erscheint jetzt wieder regelmäßig wöchentlich in verstärktem Umfang. Die Jüdisch-liberale Zeitung 0 . Werbt neue Abonnenten, sorgt für ansgedehnteste Verbreitung! XCflf tlttD $YemW Gewinnt Eure Bekannten für die Ideen des positiven Liberalismus! Eeid selbst nicht säumig in der Bezahlung der geringen Beiträge! Tn Eurer Hand liegt die Zukunft des Organs der liberalen Juden Deutschlands! *>>>>>>>>•>>>>>>>>>•>>>> >>>•>>>>>•>>>>•••••• •.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.