Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 5 (14.3.1924)
- Date
- 1924-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Das Geld. ' Von Rabiner Dr. Ernst Appel. Binsien a. Rhein. DaS Esterbuch erzählt: Haman. -er (»mtfrfri** KSnlgl AhasveruS. war von Zorn un>d Rachsucht qegen den Juden Mordechai erfüllt, weil dieser sich weiaerte. vor dem hoch, gestellten Staatsbeamten das Knie;ur beugen. Haman will wegen dieses Vergehens nickt nur an dem einen Manne, sondern an allen Juden des persischen Reiches Mache nehmen. Er gebt zum Könige und sagt: „Da ist ein Volk, das zwischen den Völkern in allen Provinzen deines Reichezerstreut und abgesondert lebt. Ihre Gesetze sind von denen jedes anderen Volkes verschieden, und die Gesetze des König» befolgen sie nicht, so daß es für den Könia unangemessen ist. sie gewähren zu lassen. Wenn es dem Könige reckt ist. so werde schriftlich angeordnet, sie zu vertilgen. Zehn, tausend Talente Silbers will ich in die Hände der Schatzbeamten darwägen. damit sie diese in die Schatzkammer des Königs bringen. Da zva der Könia seinen Siegelring von feiner Hand und übergab ihn Haman. dem Sohne des Hamdatha. dem Agagiter. dem Widersacher der Inden. Und der Könia wrack zu Haman: „Das Silber sei dir übergeben und ebenso das Volk, das» du mit ihm verfahren magst, wie eS dir gur dünkt." So wenig sympathisch uns auch die Sinnesart eine» Königs ist. der ohne lange Ueberlegung dem Wunsche e'neS Höftings vielt tausend Untertanen zu opfern bereit ist, so'- siebt doch in sittlicher Beziehung sein Charakter weit über dem Hamens. Der König, der außergewöhnlich leichtgläubig ist itn' den lügenhaften Reden Hainaus ein so blindes Vertrauen schenkt, in großmütiger Weise ans den ihm von seinem Günstling angebotenen hohen Geldpreis. Haman dagegen, der zur Befriedigung seines Racheakühls vor keinem Mittel zurückschreckt, der da meint, mit Geld alles erreichen, ja sogar das Leben vieler Tausende von Menschen kaufen zu können: Hainan ist der Typus des ka'ien. hochmütigen Geldprotzen. Seine zehntaui'nd Talente Silbers sind das Schreckensbild des Mammonismus. Das Geld ist ein Tauschmittel aus dem Weltmarkt. Ursprünglich vollzog sich iw Handel durch den Austausch von Gütern. Mit dem fortschreiten der Knftnr erwies ssck diese form des Handels als ungenügend, und man muhte dazu übergehen, einen Gegenstand zu finden, in dem man den Wert der einzelnen Güter allgemein gültig auszudrücken vermochte. Dieses-Mittel war das Edelmetall, vor allem das Silber. So kam es. daß in der hebräischen Sprache das Wort Keief „Silber" und „Geld" bedeutet. Zunächst wurde das Silber gewogen, erst später in form von Münzen mit Prägung versehen. Dadurch, dag das Geld der Wertmesser für alle Güter wurde, musste es bald als das kostbarste irdische Gut gelten, nach dem die Menschen trachteten. Solange Palästina ein re ncr Aararstaat war. war in ihm die Ucberhanduhme des Reichtums einzelner gering: besonders da durch weise Gesetze Vorkehrungen getroffen wurden, dass der Grundbesitz sich nicht in der Hand einiger weniaer ansammeln konnte. Als aber se t der Negierung des Königs Salomo rege Handelsbeziehungen zu den umwohnenden Völkern entstanden, da zeigten sich auch bald die üblen Begleiterscheinungen des grossen Geldbesitzes in der Hand weniger. Ein römischer Dichter sagt ein^"' eals das E ien ist das Geld." Er meint, dass, so gross auch immer die Schädigungen seien, die das Eisen in form von Krieaswaisen den Menschen zuftige. das Geld noch viel schlimmere Wirkungen haben könne. Wir werden ^"'em Aussprrche vollkommen znstimmen. wenn wir daran de ike r, wie oft das Geld die Menschen -im Völkerlcben und in einzelnen fällen zu Mördern und Verrätern, zu Dieben und Lügnern gemacht bat Welch gewaltige und überwält gende Mackst das Geld besitzt, lehrt auch ein anderer Svruch eines römischen Weisen, der gesagt bat: „Ein mit Gold beGdeneS Kamel vermag selbst die höchsten Mauern zu übersteigen." Solche und ähnliche Worte weiser Männer aller Zeiten und aller Volke'- sprechen ö'e Erfahrung aus. die wir wohl auch schon selbst gewonnen haben, dass der Besitz ein gefährlicher Dämon werden kann, der die '-eleu rer" cket. de" mit dem Edelsten, was der Mensch sein einen nennt, oft ein frevelhaftes Sviel treibt. , Und was lehrt die Gerichte und im besonderen die israelitische Geschichte? Der Hauptgrund für den Verfall der römischen Ncvublik laa in dem fokalen Ge-"" - und Arm. und auch die «irechnch"« Demokraten a'yoen hieran zugrunde. Im israelitischen Staate gab es eine Reihe wert"^ller Gesetze, die den Zweck hatten. >- Bereicherung aus der einen und der voNssänd^'n "^rarmnng aus der anderen Seite vorzubeugen, so z. B. die Vorschrift vom Erlass» und Jobeliahr. Aber trotzdem setzen wir. wie schon unter der Regierung. Salomos mit der Bereicherung der Gossen die Verarmung der Bolksmassen SaNd in Hund ging, wie da- Geld schuld war an dem schö^'-chen LuruS der Begüterten und die Sucht, den eigenen Besitz zu erhalten Und zu vermehren, zur Unterdrückung " Volksmasse führte. Das war ja auch der Hauptgrund, weshalb da- Reich mit DalomoS Tode in das nördliche Zebnstämmereich und das fssdliche Reich Juda zerfiel: ein Zwiespalt. der zum Unterggnae beider Staaten bcigetragen hat. Aber weder im Nordrrich noch im Südreich hat man die Lehren der Geschickte beachtet. In beiden Staaten verstummen nicht die Klagen der Pro über die soziale Nn"erecht!akeit. ü-ex den groben Abstand des Ln^us der Reichen von der Not des Volkes. Es ist nickt etwa der Besitz als solcher, den die Propheten verwerfen; wird es doch in der Bibel als ein idealer Zustand gepriesen, dass ein ftder unter seinem We'nstocke und unter seinem Feiccnbaume wohne. Was sie vielmehr he^'m^fen. das ist tzer mühelose Erwerb des Reichtums, der Missbrauch, der mit ihm getrieben wird, die falsche Schätzung des Besitze'! als Matzstab des gesellschaftlichen Ansehens und bas ver'ck""ender!'tz? Wohlleben weniaer gegenüber dem kärglichen Dasein der grossen Menge. Zur Bekämvfuna dieser Schäden baden die Propheten keine volkswirtschaftlichen Theorien aumestcllt. Sie fordern nur tm Namen Gottes Neckt und Gcrechtiake't nick bloss an der GerichiSstätte. io.ndern auch im bürgerlichen Leben: nicht bloss im juristischen, sondern auch im cth schen Sinne. Das Geld an und für stch ist weder gut noch böse. Es hängt von den Menschen ab. ob es zum Segen oder zum fluche wird. Ein Haman gebraucht seinen Neichtum zur- Vernichtung der Menschen wohl, e n edler Mensch wird seinen Besitz znm Wollte anderer verwenden, um ihnen leibliche und oeistige Nahrung zu spenden. Die zehntausend Talente Silbers sind in der Hand eines Haman Zn fluch, in der Hand eines Edeldcnkenden ein Segen. H'jels V'rocko du sollst ein Segen sein! I | Die jüdische Gegenwart Der Antisemitismus in den Schulen. Eine Anzahl hervorragender Berliner Pädagogen hatte sich ans Einladung des Zcntralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Aussprache über „Schule und Antisemitismus" in Berlin eingefunöen. Als erster Redner führte Studiendirektor Dr. Henning aus. es sei leider eine Tatsache, dass der Antisemitismus in die höheren Schulen eingedrungen sei, ungeachtet de'en. dass 19M die indisch, n Schüler der oberen Klassen mit grosser Begeisterung für Deutschland als freiwillige in den Weltkrieg gezogen sind. Nicht weniger als 15 frühere jüdische Schüler Dr. Hennings sind im Krieg gefallen. Dr. Henning beklagte, dass durch Hineintragen des Antisemitismus in die Schule die Beziehungen des Lehrers zu seinen Schülern nud der Schüler zu ihren Mitschülern einen hässlichen Zug erhalten. Ein Lehrer habe sich gerühmt, in seiner Klasse würden Juden nie lange bleiben, er würde schon daftir sorgen, dass sie möglichst bald ausscheiöen Oft werden aber auch die Kinder schon im Elternhaus verhetzt. Prof. Dr. H i l d e b r a n d t sicht den Hauptgrund für das Eindringen de? Antiftnuftsmus in die Schule in der Politisierung der höheren Schulen. Er verlangte einen Zusammenschluss der Iugendvcrbände aller Richtungen. Iran Studiendirektorin Gerhardt wies darauf hin. dass heute das Deutschtum im AuSlandr ähnliche Leiten durchmachen müsse wie die deutschen Juden. An dem Beispiel Spaniens könne die Schule zeigen, wie die Austreibung eines Volkstelles die ganze Wirtschaft eines Landes zu zerstören vermag. Ein Vertreter der völkischen Richtung führte dann ans. das völkische Problem, das heute die brennendste TageSfraae ist. könne in der Schule nicht übergangen werden. Geheim rat Dehn icke versuchte, das Anwachsen des Antisemitismus in den höheren Schulen dadurch zu erklären, dass die deutsche Jugend zurück will zu dem Bismarckschen Ideal des „gesunden Nationalgeistes", während die Mehrhit der jüdischen Schüler auf der Seite des Interuossona'-smns. Pazifismus und Kommunismus stehe. Der Schulrcfvrmer Professor Oe streich trat diesen Ausführungen entgegen und verlangte ein direktes Enigegenwirken gegen den Antisemitismus in den Schulen. Der einzige Jude unter btn Vortragenden. Mittelschullehrer Stern, schilderte als Vater die Leibe« jüdischer Kinder in antisemitisch verseuchte» Schule». I» manchen Gegenden Deutschlands geht der Judenhass in de» Schulen bis zu dem durch Vereinbarung festgesetzte» .Brauch nichtjüdischer Schüler, mit jüdische» Schüler» nicht Mt sprechen. So wirkt die Verhetzung de- Elternhauses auf die ohnedies zur Grausamkeit geneigte Jugend. An der dt» Mitternacht stch hinziehenden Aussprache beteiligten stch Redner verschiedener Richtungen. DaS preussische Kultusministerium und di« ftettttct Numerus elausus-Bewegung. Wie bekannt, hat die letzte Versammlung de- Berliner Studentenparlament» mit 56 gegen 23 Stimmen beschlosten, von der Behörde statistische Erhebungen über die Konfession der Studenten zu verlangen mn auf der Grundlage dieser Feststellungen de» Numerus clausus für jüdische Studenten zu fordern. Aus die Anfrage eines Berliner Journalisten bei« Kultusministerium wurde ihm erwidert, dass dem Ministerium von dem Antrag der Studentenschaft auf Einführung des Numerus clausus bis zur Stunde amtlich noch »ichtS mitgetcilt worben ist. Selbstverständlich — wurde weiter gesagt — ist dieser Wunsch der Studentenschaft schon deswegen nicht durchführbar, weil er im Widerspruch mit der Reichsverfgssuna steht. Diesen überspannten Wünschen komme eine wettere praktische Bedeutung nicht zu. Die Gesellschaft zur Förderung der «iffenschaft de» Judentums E. V. Sielt kürzlich in Berlin ihre General- Versammlung ab. Der Borsttzende, Prof. Dr. Sobern» heim, berichtete über die Arbeiten im vergangenen Jahre. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse konnte die Zeitschrift aufrecht e halten werden. Besonderer Dank gebührt dem American Joint Distribution Committee für seine' grosse Hilfe tm vergangenen Jahre, durch die eS der Gesellschaft hauptsächlich möglich war. ihre Arbeittzn fortzuietzen. Das Werk von Elbogen „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwickln»«" ist in zweiter Auslage ictzt fast fertiggestellt und wird in kürzester Zeit erscheinen. Das Buch wird gegenwärtig vom Be-ckag Dwier in hebräischer Ueberlegung herausaegeken. Heft I ist bereits erschienen. Das Werk von Caro „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und der Neuzeit". Band I. sowie Cohen „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" soll im neuen Jahre nen hcransgeacben werden. An Band I. 2 der „Germania Inftaica" werden die Arbeiten wieder ausgenommen. Der Druck der Mecksilta wird, nachdem mannigfache Hindernisse beseitigt sind, in nicht allzu langer Zeit beendigt sein. Sifte D-cnteronominm. den Dr. Hvrovitz s. Zl. bereits zu bearbeiten begonnen hatte, wird von Dr. Louis Finkelstein in New Park für die Gesellschaft weiter bearbeitet. Der bisherige Vorstand sowie die bisherigen Ausschussmitglieder wurden von der Generalversammlung du-ch Zuruf wiedergewählt. Bros. Dr. M. Sobernheim wurde wieder - zum Vorsitzenden gewählt. * Vom jüdischen Frauenbund. In einer vor kurzem in Berlin stattgefundenen Vorstandssitzung des jüdischen Frauenbundes wurde die Schaffung emer jüdischen Adoptionszcntrale beschlossen. Die Leitung wurde Iran Moos- Heim-Barmen übertragen. Die bisiherigen AdopttonSstellcn des I. F. (ausser Barmen noch in Hannover und Dortwund), die iüdische Kinderhilfe und die iüdischen Sammelvormundschaften sollen selbständig Weiterarbeiten. In einer Sitzung der Tube kulo'e-Kommission wurde die Hoffnung ausgesprochen, ausser dem Kinderheim in Wyck auch noch eine Heilstätte für Jugendliche im. Anschluß an ein interkonfessionelles Tuberkulose-Heim eröffnen zu können. — Ferner wurde die Gründung einer sozialethischen Kommission angeregt, und es wurde über die. Auswertung der Erziehunaskonferenz. besonders im Hinblick ans AusbildungSmöglichkeiten weiblicher Jugendlicher in Erziehungsheimen (hauswirtschaftlich und pädagogisch) beraten. Schwere Not unter de« Flüchtlinge« in Danzig. Im Auf- Gage des Danziaer Emigrations-Komitees erlässt Nabbmer Dr. Kaelter einen Aufus an die iüdischen Landsmannschaften aller Länder, den schiver notleidenden iüdischen Emigranten in Danzig durch Geldspenden zu Hilfe zu kommen. (Fortsetzung der Rubrik ..Die jüdische Gegenwart" in der Beilage.) WM Hauran. Aber wir sehen zugleich jüdische Werkmeister. Steinmetzen tätig. Diese aber stehen auch vollständig im Banne hellenischer Kunst und scheinen ihr Mütchen an der iüdischen Ortlwdorie zu kühlen, indem sie skrupellos ficmralen Schmuck anwenben. selbst vor stilisierter menschlicher Figur nicht Halt machend. Aber gerade hierin sehen wir einen 'weiteren Beweis kür die ftblende diat'onalknnst. die. wäre sie vorhanden gewesen, iedes fignrale Ornament hätte verbieten müssen, acnau wie der Islam (für den ja gleichfalls das 2. Geb.'t Mosis bindend ist) dieses durch Arabesken und geometrische Gebilde ersetzte, als er feine Moscheen err'chiete. Also Lehnkunst lei allen iüdischen Sakralbauten. Nach vielen Iahrlmuderten erst entstehen die Synagogen der gotischen Epoche. Dass nun. wo das-Volk versprengt, jeder nationale Zusammenhang dahin war. ein selbständiger Stil zur Unmöglichkeit werden musste, tst einleuchtend. Es fehlte auch :n den trüben Zeiten des 1. Jahrtausends n. Ehr. jedwede Möglichkeir indische Baukünstler zu bilden. So kommt es. dass zur Erstellnna der Synagogen abermals nichtindische r.st'eisier hcrangezogen werden. Aber aleichwohl ist beachtlich, dass in die'en 'väGomanilchen und gothischen Gotteshäusern s? tens der Auftraggeber strenge auf ein Motiv aeachtet wird das dem Innenraume lein typisch südliches Gcvräge verleihtden A m e m o r. Das um einige >Ltttwn erhöhte Vertrete:pult das naturmasslich auf alte vrncntalisch^ Vorbilder zurückgrciit und aller Wahrschein- ,UK[' bereits in den zahlreichen antiken Synagogen Gaul aas ebenso seinen Eckrerplatz batte als es uns nach nellen^ aus der berühmten Basilika in Alerandrien ülcnietert ist. ist leider neuerdinas in seiner Wichtigkeit starr untcritutzt worden davon noch später. <.!Ul- ^lc Entwickluna jüdischer Kunst im Dienstc des Kultus io kurzen Evoche in gvthiicher Zeit folgten fthummc Jahrhunderte Die weniaen, damals erstandenen Synagogen fielen der Vo:könnt zum Opfer oder siwd in Kirchen verwandelt worden. Praa und Worms wei'en di, elnzic.cn Nebercktelbiel aus jene: Zeit auf. — Nicht besser ergmg es in Spanien Die beiden herrlichen Synagogen emer humanen, für die dortigen Juden 'lucklichen Ter,ooe. sind nach kurzem Bestände in neT&m Ihre ungewöhnliche Pracht i.1 r 11' 111,1 ,tlncre.. Kunsthistoriker sie neben der «a r.'??."Ennen. wenn ne Die maurische Kunst behandeln m werden, dass auch hier N-chtz kralban/«.^,rorcr\ ^?6wohl ist einer dieser Sa- ««v» Ä. at" ääää Die Annahme nun. dass mit der aothischen Episode die Geschickte der iüdischen Sakralbaues abgeschlossen und dieser erst im 19 Jahrhundert wieöererwcckt worden sei. habe ich vor säst zehn Jahren durch meine Entdeckungen in Nordwestböhmen widerlegen können. Prag, die Mutter in Israel", von dcm schon Lnbber in wenig freundlicher Weise erwähnt.'dass dort „die Juden der besten Nester eines" hätten, war es Vorbehalten, die synagogale Bantradition n'cht nur weiter zu pflegen, sondern — wir kennen allerdings nur einen Vertreter — auch jüdische Baumeister in seiner Gemeinde zu bilden Während sonst im ganzen Reiche der Synagogenlau verboten oder zufolge der Lage der einzelnen Gemeinden ausgeschlossen war. sehen wir Ende des 16. Jahrhunderts in Praa ale'chzeiiia zwei Gotteshäuserentstehen, als kaiserliche Privilegien des kaiserlichen Rates Markus Meysel. Aber auch in diesem Falle kein Fortführen oder Ausbauen des alten Prager Schemas: vielmehr sehen wir abermals ein Anvassen an den Ze'tsti! und ein — besonders prägnant bei der Meyscl- Snnagoge — völliges Auigeben in kirchliche Bauweise: denn heute, wo hier der Almemvr neuzeitlichen - Relormideen geopfert wurde .bietet das Gotteshaus den völligen Eindruck einer spät gothischen Kirrste Die Vertreibung der Praaer Juden in Tberesianischer .Zeit lässt diese, zu kleineren Gemeinden vereint, sich vielfach in Nordwestböhmen anstedeln. Feudale Sclbsthcrrlichkeit setzt sich über das Verbot des Synagogenbanes külur hinweg. Tie adeligen Gutsherren gewähren ihren Juden den Bau von Gotteshäusern ia. sie geben Bauplatz und Baustoffe dazu. Der Schlossbaumvu'ter des Feudalherrn entwirft und baut d'e SvNaaogen im barocken Geschmack: alte Kirchenaltäre werden zur Aufnahme der Tborarollen umaebaut oder dienen als Vorbild des Herligen Schreines. Nur dem Almemor ble-bj es Vorbehalten, dem Bau kirchlichen Gepräges eine iüdiscke Note zu verleihen. So sehen wir wiederum die alte Hilftostakeit des iüdischen Volkes gegenüber seinen Sakralbauten. Nur einmal, im 17. und 18. Jahrhundert, ist den Juden beschieden gewesen, eine Art Na t io na l kun st zu entfalten. Im Osten Europas, tn Polen, ist ihre Pslegestätte zu suchen, in Posen, Galizien. Litauen und Mestrussland. Dort, wo den in Deutschland und Böhmen grimmig Verfolgten ein Asyl geboten wurde, wo fast 250 Jahre lang den Juden politische Frefheft und Duldung gewährt war. entwickelt sich auffallend rasch eine typische Sakralbauknnst. bilden sich iüdische Baumeister und Künstler an Aufgaben, deren Lösung ihnen an anderen Orten nahezu völlia versagt war. — Nach dem Muster der zahlreichen Kirchen des bolzreichen Landes -entstehen zuerst kleine Holzbauten, denen bald arößere folgen, in Formen, die zum ersten Male den Forderungen des Talmuds Rechnung tragen. Und als später Steinbauten entstehen, sehen wir. daß die Baumeister unter völliger und bewusster Ausschaltung kirchlicher Vorbilder Bauten schaffen, die den Almemor 0*19 Kernpunkt wählen, um den sich alle Baumotive alß'chsam herun kristallisieren und die in ihrer Raumwirkung ohne dieses altehrwürdige, wichtigste synagogale Einricktnngsstück kaum denkbar sind. Wie in allen Stilepochen der Kunstaeichickte können wir auch hier eine Frühzeit, den vollkommen ausgereiften und schließlich dekadenten Stil verfolgen. Jäh bricht hier die Entwicklung ab. — AhaSver zielst weiter . . Wer aber alault. daß die endlich eintretende Befreiung ans dem Ghetto, nun dock schliesslich «in Einsetzen jüdischer Kunst bewirkt habe, dass endlich politische Festiguna zugleich mit Weiterbildung des jüdischen Sakralbaues verbunden gewesen fei. der wird mit Staunen gewahr werden, daß nirgends, in keinem Lande oder Orte versucht worden ist» die abgerissenen Fäden früherer Bauevochen wieder anzuknüpfen. Man se'ert die Emanzivavion mit Türmen u«b Glockengeläut, baut maurisch aothisch. barock, romanisch: man verpflanzt nach Berlin, mit riesigem Kostenaufwand eine Kopie von St. Marco. Jüdische und christliche Architekten wetteifern in der Tendenz. Synagogen zu bauen, die so wenig indisches Gcvräae answeiien. daß ein bekannter Hochschullehrer seinen Hörern bei Besichtigung eines der größten Gotteshäuser Deutschlands sagen konnte, er verpflichte sich, in wcnia-en Tagen aus d'eiem Bauwerk eine Kirche zu machen, ohne allzuviel daran ändern zu müssen! — Der Wtederauflau Deutschlandwird uns vor neue große Ausgaben stellen; auch im Synagogenbau. Noch stehen j wir gezwungen müßig da und haben Zeit zu Reflexionen, r Gerade von jüdisch liberaler Seite wird seit 100 Jahren der Kamps gegen den Almemor geführt: auS zahlreichen alten Synagoq-n wurde er entfernt und vor den Schrein verlegt, der dadurch noch mehr das kirchliche Gepräge des „Hochaltars" erhielt. Man motivierte diese „U«- stellu'na" damit, daß der Almemor zu viel Platz einnehme. DaS ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber mit gutem Willen auf ein erträgliches Maß herabzuminbern. Indessen sollten wir bedenken, -aß kein anderes Banmotiv kultisch so bedeutsam und künstlerisch so hochwertig erscheint als gerade der Almemor. Hat -och die altchristliche Baukunst btcie Estrade mit steinernem Ueberbau als wirkungsvollstes Motiv in Gestalt von Ciborien und Altarauflauten übernommen: das viel-bewunderte Tabernakel über dem Grabe des heftigen Petrus in Rom greift gleichfalls auf dielen Gedanken zurück und bildet däö Zentrum in dem Riesenbau der ewigen Stadt. An die alte Tradition des Almemor sollte die neue Synagogenbaukunst anknüpfen. eine ebenso dankbare Au-fgabe für den Bankünstler wie für seine Auftraageber!