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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-14 · 5 (14.3.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
5 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. rzugspreis Lu ch die GeschL'lsflette 'j ährlich SN. 1,50 ilnummer bei ircUt Zusendung im Inland . 0,25 . die Mitglieder der Vereinigung ist der BezuL-prer» :: im Mttgliedsdeitrage enthalten. :r :: :. Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - lidsiaie - Jeilmig" erscheint jeden Sreitog öchrtftlei una und Geschäftsstelle: Ber in, Cr>auetftiafje22. Sernruf: Amt Oterfcuc Nr. 8725 poltfdjccfcfconto* Benin nw 1 llr. 131069 (V - relnlgung für öas liberale Judentum) Nachdruck fflmt idyer Original veilrüg« n r mtt 5er o«non«n Quellenangabe »Jüdisch Liberale Leitung" gestattet i Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareille-elle. 0.40 Goldmark, die Reklamezeile 1.50 Goldmark; :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: n Anzeigenannahme: Dr. Rich er & Co„ G.uub.H^ Berlin 6 42, Alexandrinmitratze 95/96, Fernsprecher1 DSnhoff 438), sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen. Iv. 5 Berlin, 14. März 1924 4. Jahrgang Zum Purimfest .. Es war vor 2400 Jahren. Haman stand vor dem König und sprach: „Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker, durch alle Landschaften -deines Reiches. Ihre Gesetze sind verschieden von denen der anderen Völker, die Gesetze des Königs ber halten si" nicht. Für den König ist es nicht gnt, e leben zu lassen. Wenn dies dem König richtig erheint. so werde der schriftliche Befehl aegeben, sie zu Zernichten." Vieles redete Haman wohl noch von der Schlechtigkeit und Schädlichkeit der Inden. Der König aber sprach: „Unrecht wäre es von mir, so leichtsinnig das Veröammnisnrteil über ein ganzes Volk zu sprechen, von denen ich nur wenige kenne. Viele Voten will ich ausstnden. klnge Männer. Die sollen in die Gotteshäuser und in die Woknurmen der Juden aehen. sollen sie in ihrem Handel und Wandel beobachten. Erst wenn ich alle Berichte habe, wenn ich auch weiß, was dich. Haman, zu deinem Urteil gebracht hat, will ich mein Urteil fällen." Die Boten zoaen aus. Die Gotteshäuser der Juden standen zu den Gevetzeiten für jedermann offen. So konnten die Juden wohl hier keine staats^efäbrlichen Lehren verkünden. Die Juden lasen aus den Büchern Mose und verkündeten einen Gott, der seinem Volke zehl^Gebote gegeben hatte. Die Befolgung dieser Gebote mußte dem Staatswohl nur dienlich sein. Sie lasen aus den Schriften ihrer Propheten, die das Recht zur Grunölaae jedes Staates und die Liebe zur Grundlage menschlichen Zusammenlebens machten. Sie priesen und dankten in ihren Gebeten ihrem Gott, und baten ihn um seine Hilfe. In ihre heiligen Schriften war ein Brief des Propheten Ieremia ausgenommen worden, der vor etwa 100 Jahren auf ihre Frage geantwortet hatte: „So spricht der Herr Zcbaot, der Gott Israels zu allen Verbannten: Baut Häuser und bewohnet sie. pflanzt Gärten und esset ihre Frucht. Fördert das Wohl der Stadt, dahin ich euch habe wegsühren lassen, betet für sie zü Gott. Denn in ihrem Frieden liegt auch euer Frieden. sIer. 29, 4—7.) In große und kleine Gotteshäuser der Juden kamen die Boten: überall fanden, sie die gleichen Schriften und Gebote. Sie meldeten dem König: Die Religion der Inden kann für den König nicht schädlich sem. Andere Boten suchten Eintritt in die Häuser der Inden. Sahen sie ihren Sabbat, ihre Feiertage halten, ^-ghen fast immer ein friedliches Zusammenleben von Mann und Weib, von Eltern und Kindern, sahen fast immer rührende Fürsorge für die Alten und bereitwillige Hilfe für die bedürftigen Glieder der Familie. Die Boten meldeten dem König: Menschen, die treu ^zu ihren Angehörigen stehen, die to Frieden des t Hauses als Höchstes schätzen, sind keine Gefahr für den s Frieden des Königs. Andere Boten beobachteten die Juden in ihren Geschäften. Sie fanden Reiche, die durch ihre Tätigkeit in die Höhe kamen und den Handel des Landes förderten; sie fanden auch Juden, die mit jedem Mittel reich zu werden suchten. Sie sahen aber neben den Neichen viel, viel mehr kleine Leute, die mühselia mit ihrem Handel sich ernährten, die in den Geschäften der Reichen für bescheidenen Lohn tätig waren. Sahen weltvergessene Gelehrte, die nur über ihre Bücher saßen, sahen Aerzte. die Tag und Nacht sich mühten und doch nur bescheidenen Lebensgenuß erwerben konnten. Fanden Ehrgeizige, die um jeden Preis eine Rolle im Lande spielen wollten und wenn sie von den Herrschenden zurückgeftoßen wurden, sich zu den Unterdrückten wandten, fanden aber auch viele, die, von selbstlosem Idealismus getrieben, sich der Unterdrückten annahmen. Die große Menge der Juden aber, das merkten sie bald, wußte nichts von diesem Ehrgeiz, sondern lebte bescheiden und war zufrieden und dankbar, konnte sie-nur ihrer Arbeit Nachsehen, für ihre Familie sorgen, ein ruhiges Leben führen. Die Boten meldeten dem König: Die große Mehrzahl der Juden ist in ihrer Tätigkeit fleißig, strebsam uttd friedliebend. Sie können für den Wohlstand des Königs nur nützlich sein. Andere Boten kamen und meldeten: Haman kennt die Juden nicht und weiß über sie nicht Bescheid. Ihn hat nur ein Jude beleidigt; weil er an diesem sich rächen will, will er alk Juden vernichten. . Da sprach der König voll Zorn zu Haman: «Du bist ern schlechter Mensch und ein schlechter Diener deines Äus dem Inhalt: Dr. Wilde-Maadebura: Purim. — Dr. Wolf- Drcsten: Die religiöse Bodeuturra i>n* freier« tage. — Dr. Appel-Bingen: Das Geld. Dr. No'enthal-Bentben: Vier Zeichen am Wege. — Prof. Dr. Grotte-Br slau: Vom Sakralbau der Juden. — Andreas Latzko: Ein Duell. Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Aus der Bewegung. — Bücherschau. Die jüdischen Frontsoldaten zu den Beschuldigungen Ludendorffs. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten E. V., Berlin, hat in seiner Tagung vom 9. März 1924 folgende Entschließung gefaßt. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat mit Entrüstung von den Beschuldigungen und Verdächtigungen Kenntnis genommen, die General Ludendorfs im Münchener Prozeß gegen die deutschen Juden ausgesprochen hat. Nur parteipolitische Leidenschaft hat den militärisch verantwortlichen Führer des deutschen Feldheeres zu Verdächtigungen verleitet, wie sie ungerechtfertigter und ehrenkränkender kaum jemalMausgesprochen worden sind. Im Namen der jüdischen Frontsoldaten, die wir alle in uns das Bewußtsein tragen, mit Opferwiüigkeit und Hingabe unserer Kraft dem Baterlande gedient zu haben, im Namen der vielen Taufende jüdischer Männer, die ihre Treue mit dauerndem Siechtum bezahlt haben, im Namen der 12 000 jüdischen Soldaten, die unter Führung General Ludendorffs den Heldentod gestorben sind, im Namen der nauernden Witwen und Waisen, Väter und Mütter, weisen wir die uns zugefügten Beleidigungen zurück und sind uns gewiß, daß die erdrückende Mehrheit des deutschen Volkes von diesen ungeheuerlichen Verdächtigungen nichts wissen null! Eine jüdische Frauenstimmrechts-Woche. Vom Jüdischen Frauenbund wird in der Woche vom 22. bis 29. März im ganzen Deutschen Reich eine Frauenstimmrechts-Woche veranstaltet. Aus der Ueberzeugung heraus. daß zur kulturellen Entwicklung der jüdischen Gemeinden Frauenarbeit notwendig ist, soll der Forderung, daß jüdische Frauen in den Aemtern der Gemeindevertretung Sitz und Stimme erhalten, Ausdruck gegeben werden. Für die Durchführung oer Stimmrechts-Woche haben sich zahlreiche Liberale im ganzen Reich zur Verfügung gestellt. Gemeindetagung des preußische»! Landesverbandes. Am 25. Juni 1922 ist der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden gegründet worden. Er umfaßt zurzeit rund 450 Gemeinden mit schätzungsweise etwa 150000 Seelen. Wenngleich der Landesverband seine Tätigkeit sofort ausgenommen und tatsächlich die Anerkennung der Behörden, sowohl des Reiches n-.e auch Preußens gefunden hat. so stelu seine formelle Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechtes, di^ bei der preußischen S'.aatsregierung beantragt ist. zurzeit noch aus. da die Staatsregierung, bevor sie mit einem entsprechenden Antrag an den Landtag herantrrtt. die Klärung einer Anzahl Zweifelsfragen abwarten will, die sich bezüglich der Auslegung des Artikels 137 der Reichsverfassung ergeben haben. Diese Klärung soll anläßlich der Beratung der dem Landtag zurzeit vorliegenden Berfaßnngs-gescye der evangelischen Landeskirche herbeigeführt werden. Bet dieser Sachlage war es bisher nicht möglich, die in der Verfassung des Landesverbandes vorgesehenen Wahlen zum ersten Verbandslag auszuichreiben. Auf der anderen Seite hat sich das Bedürfnis herausgestellt, einen erneuten Zusammentritt der Gemeinden nicht länger hinauszuschieben, einmal, weil die vorläufige Geschäftsführung den Wunsch hat. den Gemeinden über ihre bisherige Tätigkeit Rechenschaft abzulegen. sodann, weil angenommen werden darf, daß auch die Gemeinden Wert daraus legen, in gemeinsamer Beratung mit der GZchäi.ssüh rung des Verbandes -sich über eine Reihe wichtiger Fragen auszusprechen. Der Landesverband hat deshalb die Abhaltung eines Gemeindeiages in Berlin für Sonntag, den 16. März d. I. beschlossen und entsvrechende Einladungen an seine Mitgliedergemeinden ergehen lassen. Königs. Ich werde die Juden nicht vernichten. Sie sollen in Frieden in meinem Reiche leben. Du aber geh' aus meinem Angesicht. Aber so sprach und handelte ja nicht der König, sondern er sagte sofort zu Haman: „Das Volk ist dir geschenkt, mit ihm zu verfahren, wie es dir beliebt." So war es damals, so ist es heut. Die einen verleumden uns. die anderen glauben ohne Nachprüfung jede Verleumdung. Nie werden wir Juden den Haman bekehren, den Menschen, der uns haßt, weil ein Jude oder auch mehrere ihm oder seinem Stand, seinem Kreis Böses getan, oder auch nur ibm gegenüber nicht so unterwürfig war. wie er es in seinem Hochmut verlangte. Wen Haß, Neid oder der eigene Nutzen zum Judenfeind macht, der will nicht belehrt werden. Aber die anderen sollen wir zu belehren suchen, die leichtgläubig/ jeder Verleumdung Glauben schenken, nur weil sie immer wiederholt, immer wieder gedruckt wird. Wir sollen Andersgläubige in unsere Gottes, häu'ser führen. Wir sollen jedem saaen, wie beschä. mend es ist. wenn gebildete Menschen über die jüdische Religion reden, ohne je in einem jüdischen Gotttzsh>mrewesen zu fein, trotzdem es jedem offen steht. Wir sollen unsere Kinder veranlassen, ihre Mitschüler uno Mitschülerinnen.in unser Gotteshaus zu führen. Sie sollen unsere Predigten hören, unsere Gebetbücher sehen. Wir sollten ihnen sagen: Im neuen Testament faßte einst der Stifter eurer Religion, als man ihn fragte: „Meister, welches ist das vornehmst- Gebot im Gesetz?" den Inhalt seiner Lehre in die Worte zusammen: „Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Ge. mttt. Dieses ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Tn sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." lEv. Math. 22, 30.) Nehmt irgendein jüdisches Gebetbuch in die Hand und überzeugt euch, daß wir die erste Stelle täglich zwei, mal beten, schaut in eine Thorarolle hinein und seht, daß wir die zweite Stelle aus dem dritten Buch Mose vorlesen. '• Wir sollen dem Aberglauben, als ob wir Juden Geheimnisse hüten, entgimentreten, indem wir ihnen mgen: Der Aufseher da. der Orgelspieler dort ist ein Christ. Würden wir einen Andersgläubigen dauernd an unserem Gottesdienst teilnehmen lassen, wenn irgendein Wort die Qesfemlichkeit zu scheuen hätte? In dem Geschäftszimmer vieler Gemeinden sitzen christliche Beamte. Durch ihre Hände gehen alle Akten der Gemeinde. Würden wir sie beschäftig n, wenn irgend etwas Wahres an der Behauptung unserer Gegner wäre, daß wir Juden' eine internationale staatsfeindliche Gemeinschaft bilden? Wir so.llen unsere Schulbücher jedem Urteilsfähigen überleben. Wir sollen sie zu unseren' Trauungen und Beoräblst^en führen. Wir sollen ihnen die Tafeln unserer Gefallenen von 1813 bis 1918 zeigen. Wir sollen ihnen immer wieder zeigen, wie Kriea und Brieden, Sieg und Niederlage das Schicksal der Juden in gleicher Weise bestimmen, wie das Sch' ''al der Ande^^läubi- . gen, daß den wenigen Gewinnlern und Genießern die Menge der Geschädigten und Verarmten gegenübersteht, daß hier wie dort nur die Gewinner mehr in die Augen fallen. Wir sollen ihnen zeieen, wieviel jüdische Angestellte auf den einen Besitzer eines großen Geschäfts kommen. Wir sotten immer wieder darauf aufmerksam machen, wieviel jüdische Aerzte. Anwälte, Rabbiner, Lehrer. Kaufleute und Handwerker ein bescheidenes Dasein führen und nichts anderes wünschen, als Frieden und Ordnung im freien Land, in ihrem Vaterland. '• Das Purimfest sagt uns: Kämpft gegen Haman, klärt die Betörten auf, kämpft ^<men alle in unserer Mitte, die öie> Würde unseres Gottesdienstes, die Reinheit unseres' häuslichen und bürgerlichen Lebens schädigen. Wir sprechen zu den Juden, die noch immer abseits stehen, die uns durch ihr Verhalten schädigen, mit den Worten Mordechais: „Wenn du in solcher Zeit schweigst, wird den Inden Hilfe und Rettung von einer anderen Stelle her erstehen, aber du und dein Vaterhaus, ihr werdet umkommen." Rabbiner Dr. GeorgWilöe. Magdeburg.

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