Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-03-01 · 4 (1.3.1924) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
4 (1.3.1924)
Date
1924-03-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613745--0701-2617992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nvmmrr 4 Zeitung liberale Jüdisch vom West« der Wohlsahrt-pfl.ge. Von Frl. Hannah Karminski. (Fortsetzung.) Hatten wir auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Probleme _ i Einfachheit der Lebensführung» stäriere Aerpslichtung des Emzelnen , und Wahrung der Würde und Itnabhängigkeit ats richtunggebend erkannt, fo führt uns die zweite Gruppe sozialer Probleme zur Ertenntnis der Begriffe der Massen. .. _ r . Masse ist die notwendige Konsequenz der vorhin angedeuteten wirtschaftlichen Entwicklung. Wir verstehen die besondere Bedeutung dieses Zeitproblems für die Entwicklung der j ü d i s ch e n Gemeinschaft, wenn wir bedenken, wie wesentlich Großstadtkonzentrierung, Berufsschichtung, Einströmen jüdischen Proletariats aus dem Osten, die soziologische Struktur der jüdischen Gesellschaft während der letzten Jahrzehnte verändert hat. Früher hat die Einzelinitiative genügt» dem Einzelnen, der in Slot geraten war, zu helfen. Um Massennot zu begegnen, war ein planvolles Wirken, ein Eindringen in Maisenprob^eme, geistige Beherrschung von Meiljchengruppen notwendig: so entstand die Form der Organisation. Gleichzeitig erwuchs — kennzeichnend für die Psychologie der Vorkriegszeit — das Verlangen nach unpersönlicher Hilfe. Man wollte keine Hilfe von Mensch zu Mensch. So selbstverständlich unpersönlich wie etwa der unentgeltliche Schulbesuch in den Volrsschulen — doch kaum mehr als Wohlfahrtspflege empfunden — dachte man allmählich die Kulturbefriedigung der Masse zu gestalten. Und untrennbar verknüpft mit der Form der Massenbefriedigung schien sich auch der Charakter der sozialen Arbeit zu wandeln: Aus der Qualitätsarbeit des Einzelnen, der sich einzelner menschlichen Not gegenüber immer aufs neue vor persönliche Aufgaben gestellt sah. schien Massenarbeit werden zu müssen. Vom grün.n Tisch oer Organisation aus konnte man freilich großzügige allgemeine Richtlinien aufstellen, die dem ungeschulten Einzelnen schwer ertennbar waren, aber man konnte von dort aus auch hunderte von Fäl.'en „erledigen", kam in Gefahr, den Wert der Arbeit an Statistiken zu messen, und erlag auch auf diesem Gebiet dem Kulturfeind des Jahrhunderts: dem Tempo. So scheinen also Aufgabe: Bewältigung der Massennot — und Form: unpersönliche Massenarbeit in unlösbarem Widerspruch miteinander zu stehen. Die Größe der Aufgabe — rein räumlich verstanden — beansprucht alle verfügbare Kraft, läßt nichts übrig an Tiefe, Innerlichkeit, Beseeltheit. Es ist die Aufgabe, die unsere Zeit uns stellt, zu der unser Frau-Sein uns ausgerüstet hat, diesen Widerspruch zu lösen, das Feinste, was wir besitzen, in den Dienst des Größten zu steilen, unsere Seele immer wieder antworten zu lassen auf jeden Ruf, der an sie dringt. Zwei Beispiele der Wirk ichkeit können als Versuch der Lösung dieser Aufgabe gelten: Es ist typisch» daß jedesmal beim Auftreten sozialer Massennot in den.letzten Jahren Fraueninilia.ioe verstehend und gestaltend eingreift. Die soziale Kriegsfürsorge ist das Werk der deutschen Frauen, die sich im „Nationalen Frauendienst" eine ihnen gemäße Ausdrucksform schufen, — das Massenelend dieses Jahres rief dieselben Frauen wieder zu einem Notdienst zusammen, der sich, bald über den Berliner Kreis hinauswirkend, in Form und Art schöpferisch und dienend den Forderungen der Zeit gewachsen zeigte. Als bei Kriegsausbruch Behörden und Kommunen gezwungen wurden, ihre Tätigkeit den neuen Anforderungen anzupassen, wehrten sich die Frauen, durch Schulung geübt und durch Erkenntnis gereift, nicht gegen die Planmäßigkeit der behördlichen Ordnung. Aber zugleich war in ihnen ein sicheres Ahnen, daß andere Hilfskräfte vor allem mobil gemacht werden mußten, um Schematismus zu erweichen, Ordnung zu durchglühen. Den Auszahlungs¬ und Unterstützungsstellen der Behörden gliederten sich weib- > liche Beratungsstellen an, die je nach dem Charakter ihrer Leitung denen, die als Ratsuchende hinkamen, zu einem jLebens-Mittelpunkt wurden. Mit Takt und Einfiih'ungs- .vermögen mußten gerade die Frauen für die neuen Schichten der Hilfsbedürftigen verständnisvolle Formen finden. Heute haben Frauen den gleichen Ruf gehört: Masse ist in Not! Wieder wollen sie nichts Neues schaffen, wo an Bestehendes angeknüpft werden kann. Staatliche und städtische Organisationen sind heute brauchbarer als tzie, weil Frauen in ihnen mitverantwortlich sind. So hat ^der den Frauen eigene traditionelle Sinn sich wieder den ^Stellen anzupassen gewußt, die als Träger für soziale lrbeit bestehen, und zugleich hafte sie der schöpferische - oft revolutionäre — Muftertrieb spüren lassen, wo leue Lebensmöglichkeilen aufkeimen können, um die S'arrbeit des behördlichen Apparates, der eine gewisse Mechani- Kerung und Entpersönlichung gar nicht entbehren darf, Muszugleichen, seine Lücken zu füllen. Mit „Nachbarschaftsdlenst1 läßt sich die Form der Hilfe kennzeichnen, die aus den heutigen Nöten herauswuchs. Räumliche Nähe soll das zufällig benutzen zu bewußter, gegenseitiger Verantwortlichkeit. Es kommt nicht immer darauf an, arm und reich einander begegnen zu lassen, die Formen des Helfenkönnens sind so mannigfache, auch bei wirschaftlich einigermaßen gesicherter Grundlage. Zweifellos ergeben sich gerade aus dieser Form der Nachbarschaftshilfe Schwierigkeiten ganz besonderer Art: durch das zu Persönliche des Engen und Nahen, durch die Wohnsitte, die die Schichten trennt und sondert. Zweifellos muß sich Einzelhilfe immer wieder einordnen, um sich vom Objektiven müformen zu lassen. — Heute, wie bei Kriegsausbruch, stellen ganz neue Schichten von Hilfsbedürftigen: Mittelstand, geistige Arbeiter, an Takt und Umsicht feinste Anforderungen, Neben der „verschämten Armut", die ihr Schicksal immer zu verbergen sucht, wächst — z. B. unter den Reihen der Studierenden — eine Zugend heran, die sich neben der Selbstverständlichkeit des Gebens auch eine freie, unabhängigere Art des Nehmens erkämpft hat: eine p o sitiv e Erkenntnis der Wertunbeständigkeit des Geldes. — Das größte soziale Problem der Gegenwart ist begründet in der Arbeitslosigkeit, das heißt der Unmöglichkeit, die Zugend, die die Schule verläßt, in die Berufsschichten einzureihen, und — damit verbunden — in oein Zwang, Berufstätige entlassen zu müssen. Cs kann hier nur all- > gemein gesagt werden, daß Mittel und Kräfte, oie heute überhaupt zur Verfügung stehen, vor allem dazu venutzt werden sollten, die Berufstüchtigkeit der Zugend zu ermöglichen. Zum Problem des „Abbaus" kann nur andeutungsweise gesagt werden, daß gerade wir Frauen aus objetivem Verantwortungsgefühl den Maßstab der Leistungsfähigkeit als allein entscheidend für Entlassungen fordern müssen. „Bei jedem Einzeltun Sinn für das Ganze", das lnuß (uns Richtschnur sein in der unsäglich schwierigen Gegenwartsarbeit, in der wir — bewußt und unbewußt — täglich neuen Entscheidungen, Zrrtümern und Fehlem ausgesetzt sind. Wenn wir es dennoch immer wieder wagen, ihr zu begegnen, so vertrauen wir einer ahnenden Kraft in uns, die sicher abzuwägen vermag, was lebensfähig ist und was zerstört werden muß; wo Wahrheit liegt und wo Schein. Denn wacher als je ist unser Sinnen, Denken und Fühlen für das soziale Problem. Daß man aus früheren Zeiten über soziale Arbeit wenig weiß, liegt zwar vor allem daran, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht so kompliziert waren, wie heute, daß über die soziale Einzelhilfe keine „Akten" geführt wurden, aber es hat auch seinen Grund darin, daß man die Not des andern gar nicht in dem Maße miterlebte. Wir machen uns di»se psychologische Entwicklung wohl deshalb nie recht klar, weil das jüdische Volk — durch Anlage und Erziehung feinfühlig und geschärft — von jeher eine Ausnahme bildete. W i r waren von jeher dazu erwählt, die Not der andem mitzuleiden, und diese Anlage, die ihre Ausdrucksform in unserer uralten Sozial-Gesetzgebung fand, ist uns Frauen besonders zu eigen. Sie ist uns in der heutigen Zeit, die Wachsamkeit und Verstehen erfordert, nicht nur Rüstzeug, sondern auch Last. Zu klar erkennen wir oft Degeneration und Zerstörung. Schwäche und Kraftlosigkeit, um uns den Glauben an Gesundung und Fortschritt wahren zu können. Zu oft wird an die Iüngeren, an denen das Kriegsschicksal körperlich oder seelisch doch mehr oder minder spürbar ist, richtende Kritik geübt — ohne ermutigende Wiederaufrichtung. Verweichlichung wäre natürlich in heutiger Zeit verhängnisvoller als je,- gesunde Strenge und verstehendes Schonen kann allein entwickeln und reifen lassen, was an Wachstumskräften übrigblieb. Zum „Dienst am Lebendigen" — in sozialer Arbeit — und — untrennbar damit verknüpft in der Erziehungsarbeit — sind heute mehr denn je die Optimisten berufen. Die Menschen, und vor allem: die Frauen, die in allem Unsicheren ein Stetiges, in allem Rückgang eine Zukunft erkennen. Die dem Leben vertrauen, dem guten Willen, der Zukunft.. , Zm Gebilde der Kultur leuchten Wohlfahrtspflege und Erziehungsarbeit als Mosaiksteine hervor, die — Wechsel bar in der Form — doch, wie alle Kulturgebilde, immer schön sein müssen: rein und klar, in warmen Farben. Ihre Formen müssen immer Ausdruck einer Idee sein, müssen Beweglichem Ruhe, Unfaßbarem Fassung, Alltäglichem Vergeistigung geben. Wir sind zu dieser formenden, bildenden Aufgabe fähig, solange uns-die Kraft bleibt, das Leben zu meistern, solange unser Sinn wach ist, Quellendes zu spüren, unser Verantwortungsgefühl bereit, für die Wahrheit zu kämpfen. Denn es ist göttlicher Wille, daß der Mensch das Leben bezwinge und gestalte. Nicht zu stummer Ergebung in das Schicksal sind wir bestimmt, sondern wir sind damit betraut, für den Sieg des Guten zu ringen, von uns hängt es ab, ob das Leben in uns und mit uns aufhört, oder ob es von uns ausgeht und über uns herauswächst: „Leben und Tod lege ich heute vor dich hin, Segen und Fluch: So wähle du das Leben, damit erhalten bleiben du und Deine Nachkommen." Aus dem Gemeindeleben. Berlin. Hier fand in der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung die Einführung der neugcwählten Vorstandsmitlieder statt. Dcr Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Rechtsanwalt Stern, hieß die Herren namens der Versammlung willkommen; er gab der Hoffnung Ausdruck, daß ihre Tätigkeit der Gemeinde zum Segen gereichen werde und verpflichtete sie durch Handschlag zur gewissenhaften Führung ihres Amtes. Der neue Vorsitzende des Berliner Gemeindevorstands. Der neue Vorstand der Berliner Gemeinde hat in seiner erste» Sitzung am 24. Februar den Liberalen Herrn Kammergerichtsrat Wolfs zu seinem Vorsitzenden gewählt. Erster stellvertretender Vorsitzender ist Herr Berthold Kirstein (liberal), zweiter stellvertretender Vorsitzender Herr Galleivski (orthodox). Hamburg. Der Plan zur Errichtung eines Kinderheims, der schon während des Krieges vorbereitet wurde, und für dessen Verwirklichung der Gemeinde bereits durch die Spende eines Gemeiirdemitgliedes die passenden Räume zur Verfügung gestellt wurden, soll jetzt zur Ausführung gelangen. Die Gemeindebehörden haben hierfür zunächst einen Betrag von 50 000 M. bewilligt. Bon einzelnen opferwilligen Gemeindemrbgliedern sind bereits größere Beträge gezeichnet worden. Stettin. Am Montag, 28. Januar, beging der hiesige Israelitische Wohltätigkeits- und Beerdigungsverein nachträglich die Feier seinehundertjährigen, der Israelitische Frauenvcrein die Feier seines fünfundsiebzigjährigen Bestehens. Im Mittelpunkt der Feier, an der weiteste Kreise unserer Gemeinde teilnahmen, und zu deren würdigem Verlauf Damen und Herren der Gemeinde durch Darbietungen gesanglicher und musikalischer Art beitrugen, stand die Festrede von Herrn Rabbiner Tr. Wiener. Mit diesen Jubiläumsfeiern war die Ausstellung vo» Werken jüdischer Künstler, von Kultusgegenständen, die zumeist au- Privatbesitz stammten, und von jüdiscl)er Literatur verbunden. Die Ausstellung zeigte deutlich, in welch hervorragendem Maße Juden ihre geistigen und künstlerischen Talente verwerten, um die allgenieine Kultur in allen ihren Zweigen zu fördern. Offenbach a. M. Am 14. Februar wurde hier Herr Emil Gabriel, der 40 Jahre lang in Offenbach als Lehrer im staatlichen Dienst gestanden hat, unter Beteiligung einer unabsehbaren Menge aus allen Bcvölkerungskrcisen zu Grabe getragen. Rabbiner Dr. Dienemann sowie der Vorsitzende der Gemeinde gedachten seiner unvergeßlichen Verdienste um das Judentum und die Ofsenbacher Gemeinde, der Stadtschulrat in Vertretung des Oberbürgermeisters sowie Vertreter der städtischen Lehrerschaft seiner vorbildlichen Lehrtätigkeit an den städtischen Schulen, während Abgeordnete verschiedener jüdischer Vereine sein soziales Wirken rühmten. Die Trauerfeier legte von der allseitigen Verehrung, deren sich der Verewigte erfreute, beredtes Zeugnis ab. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Aus aller Well Die Moskauer Juden und Lenins Tod. Moskau (I. T. A.). Anläßlich des Todes Lenins wurde hier eine besondere jüdische Trauerfeier abgehalten, an der 1500 jüdische Arbeiter teilnahmen. Diejenigen, die keinen Zutritt mehr in den Saal erhalten konnten, hielten Versammlungen auf offener Straße ab, wo Nachrufe auf Lenin gehalten wurden. Jüdische Gemeinden aus alle» Teilen Rußlands sandten Beileidstelegramme und veranstalteten Trauerkundgebungen. Der Rabbiner von Moskau, Jacob Maso, das jüdische Hilfskomitee in Moskau, sowie andere jüdische Körperschaften sandten der Familie Lenins sowie dem Zentralkomitee der kommunistischen Partei Beileidstelegramme. Die Vereinigung jüdischer Schriftsteller in Moskau hat am 27. Januar eine besondere Trauerzcitung in Jiddisch herausgegebe»^ die dem Andenken Lenins getvdimet ist. Die Einwanbernng «ach Palästina im Jahre 1923. Nach einem offiziellen Bericht des Londoner Colonial Ofsice sind, wie wir der „Jüdischen Rundschau" entnehmen, während des Jahre- 1923: 7254 jüdische Einwanderer nach Palästina eingewandert. Während des gleichen Zeitraums wanderten 3466 Juden aus Palästina aus, so daß demnach die Zunahme der jüdischen Bevölkerung durch Einwanderung im Verkauf dieser zwölf Monate 3788 beträgt. Die Ansgaben der Zionistchen Organisation in Palästina. Jerusalem (I. T. A.). Laut dem Finanzbericht der palästinensisch-zionistischen Exekutive wurde von der zionistischen Orga* nisation im letzten Quartal 1923 eine Summe von 123 178 engl. Pfund in Palästina ausgegeben. Die Einnahmen des Keren Hajcssod während dieser Periode betrugen 75 499 Pfund. Die Differenz wurde durch Anlagen gedeckt. (Wie aus dieser Meldung hervorgeht, werden die gesamten Ausgaben der zionistischen Organisation in Palästina, soweit sie überhaupt aus regulären Einnahmen bestritten werden, dem an> geblich überparteilichen, rein kolonisatorischen Zwecken dienenden Kerea Hajcssod entnommen. Die Redaktion.) ^s::::>.s::s:is::s::s::s::a;:s::s::s::s::sa.:s::s:>.s::sKs:is:::::si:s::s::s::s:is::s::sEi ill II Ab 15. Mär; 1924 "L..Misch, liberale Zeitung" "SEÄ!" j[ Tut nun auch Ihr das Eure für bi? Ausgestaltung Eurer Zeitung! Utlb Treunbe! ncuc Abonnenten, sorgt für ausgedehnteste Verbreitung! Gewinnt Eure Bekannten für die Ideen des positiven Liberalismus! Seid selbst nicht säumig in der Bezahlung der geringen Beiträge! »» »» » ft 4 ■■ ■■ II || Tn Eurer Hand liegt die Zukunft des Organs der liberalen fudenheil Deutschlands! jj

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.