Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 31 (28.12.1923)
- Date
- 1923-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. WWWW ..'IJ Wjg n MB 4- FL Bezugspreis durch die Geschäftsstelle 0,30 Goldmark für je vier Nummern Anzeigen: v.50 Gold- | J mark für die sechsgefpaltenc Zeile nach Rudolf Moffe's Normalzeilcnmeffer Nr. 4; Familien- > anzeigen und Stellengesuche für die Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum E.B. , und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendoereine 0.20 Goldm^rk; die dreigespallene Reklamezeile (90 mm breit - 1.60 Goldmark. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Vereinigung für das liberale Judentum e. D) Fernruf: Merkur 8725. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum e. B ). Nummer 31 Berlin, den 28. Dezember 1923 3. Jahrgang m Felix Lobten;' Verdienste um das liberale Judentum. Von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). Anläßlich des 60. Geburtstages des verewigten Rabbiner Dr. Evbtenz bringen wir die beiden nachstehenden Artikel, die ein lebendiges Bild seines Lebens und Schaffens geben. Die Schristleitung. Die schönell Worte, die jüngst Herr Dr. Spanier in diesem Blatte dem so jäh dahingeschiedenen Rabbiner Dr. Eoblcnz gewidmet hat, Ha ten vornehmlich dem langjährigen Freunde; sie schilderten daher in erster Reihe feine persönlichen Eigenschaften. Ich glaube aber, wir sind es dem Verstorbenem schuldig, mit wenigen Worten noch die besonderen Verdienste zu. würdigen, die er sich um die Verbreitung des religiös-liberalen Gedankens in der deutschen Judenheit erworben hat; stand er doch mit in der ersten Reihe der Kämpfer für das religiös-liberale Judentum. Wer sich heutzutage für das religiös-liberale Judentum einseht, hat wahrlich keine leichte Aufgabe. Denn er muh den Kampf gegen zwei Fronten führen: als liberaler Iude gegen die Starrheit der orthodoxen Anschauung, als religiöser Iude gegen die Verheerungen, die die religiöse Gleichgültigkeit in unseren Reihen anrichtet. Rach beiden Seiten hin hat Loblenz den Kampf geführt und schöne Erfolge erzielt, weil er ein religiös-liberaler Iude war mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Tief durchdrungen von dem unvergänglichen Wert der Grundanschauungen und Grundforderungen unseres Judentums, hat Loblenz alles daran gesetzt, diese in die Gemüter der Erwachsenen und der Jugend einzupflanzen. In den Dienst dieser Anschauungen und Forderungen stellte er seine zündende Beredsamkeit im Eotteshause und in össittlichen Versammlungen, stellte er sein hervorragendes hhrgeschick in der Schule. Nur dann aber wird es gelingen — das war seine unerschütterliche Ueberzeugung —, das Judentum für die kommenden Zeiten zu erhalten, wenn es vom Geiste des religiösen Liberalismus aufgefaht, gelehrt und verkündet, wenn Starrheit und Unbeweglichkeit von ihm ferngehalten wird. Der Grundsatz der Orthodoxen: „So ist es und so muh es bleiben", ihre Forderung. dah sämtliche Vorschriften der Thora, des Talmud und des Schulchan aruch in alle Ew-igket von jedem Juden zu befolgen seien, gelten ihm als unhaltbar, unberechtigt, ja, als den Bestand des Judentums gefährdend. Aus heißer Liebe zum Judentum, aus dem innigen Wunsche heraus. es für die künftigen Geschlechter in seiner Hoheit j *mb Reinheit zu erhalten, hat er jahrzehntelang den Grund-! »stz der religiösen Entwicklung gepredigt, unbeirrt von Anfeindungen und Verdächtigungen aller Art. Es entsprach ganz seinem ehrlichen, folgerichtigen Liberalismus, dah er damals auf der Posener Tagung der „Vereinigung für das liberale Judentum" i. I. 1912, als die „Richtlinien", die er selbst mitunterzeichnet hatte, zur Verhandlung standen, sich dagegen aussprach, dah eine Anzahl ritueller und kultureller Forderungen als „unerläßlich" für jeden religiösen Juden gekennzeichnet werden sollten; er fürchtete nicht mit Unrecht, es mühte dadurch eine Art liberaler Schulchan aruch geschaffen werden. Um der Erhaltung und Vertretung des Judentums willen l>at Coblenz gegen den orthodoxen Standpunkt gekämpft. Um eben der Erlernung und Vertretung des Judentums willen ist er gegen den religiösen Indifferentismus scharf zu Felde gezogen, der dem Judentum in den lohten hundert Jahren so tiefe Wunden geschlagen hat. Ich erinnere mich zweier Vorträge, die er in den Jahren 1913 und 1914 in Elberfeld gehalten hat. Schon die Themata der Vorträge sind bezeichnend für seine durchaus positiv-religiös gerichtete Anschauung. Das erste Mal sprach er über das Thema: ,,Mit welchen Mitteln ist vom Standpunkte dos liberalen Judentums der religiösen Gleichgültigkeit zu begegneil?l) In dem zweiten Vortrag seht er sich mit brr Frage auseinander: „Bedürfen wir modernen Juden noch der Religion?"2) In dem letzten Vortrag bedauert er tief die Unterschätzung der geschichtlichen Mächte der Tradition und der Entwicklung, die sich so viele Juden der Gegenwart zu schulden kommen lassen, Mächte, „denen sich niemand zu entziehen vermag, ohne sich selbst zu entwurzeln". Er fordert von modemen Juden, dah sie „wieder jüdischer werden". „Wir sind zu sehr Abwehrjuden geworden, nichts als Abwehrjuden; wir haben das Judentum zu ausschließlich ins Politische übersetzt, und der religiöse Gedanke *) Siehe Liberales ^Judentum, 5. Jahrg., Heft 3, vom März 1913, S. 67 s. 2) Siehe daselbst, 6. Jahrg., Heft 4 dom.April 1914, S. 91 s. w u r d e d a d u r ch i n d e n H i n t o r g r u n d g e d r ä n g t. Abwehr muh sein, aber das Judentum darf sich nicht in der Abwehr erschöpfen. ... Wir müssen uns als religiöse Juden betätigen, ooer wir sind keine Juden mehr." Von religiösen Reformen sagt er, sie hätten nur dann Bestand, „wenn sie von innen heraus wachsen, wenn der freie Geist der Gesamtheit sie hält und trügt." Eine der Hauptursachen der tiefbebaneilichen religiösen Gleichgültigleit in weiten Kreisen der deutschen Judenheit erblickte Coblenz in der immer mehr zunehmenden Entfremdung von gottesdienstlicher Betätigung, hervokgerufen durch die Tatsache, daß unser Sabbath ein bürgerlicher Werktag ist. Die erdrückende Mehrheit der deutschen Juden ist gezwungen, ob sie will oder nicht, an dem heiligen Ruhetag des Judentums der Werttagsbeschäftigung nachzugehen. Der Kaufmann arbeitet in seinem Geschäft, der Handwerker in seiner Werkstatt, der Anwalt in seinem Büro. 9kur wenigen ist es möglich, des Sabbaths wenigstens durch den Besuch des Gottesdienstes zu gedenken. Die meisten müssen darauf verzichten und werben so dem jüdischen Gemeindeleben, bas in dem saübathlichen Gottesdienst seinen Mittelpunkt findet, immer mehr entfremdet. Darum forderte Loblenz mit aller Entschiedenheit, bah sich die Pforten der jüdischen Gotteshäuser an dem bürgerlichen Ruhetag, am Sonntag, für alle diejenigen öffnen sollen» denen es ein inneres Bedürfnis ist, des öfteren einen Gottesdienst zu besuchen, die aber am Sabbath zu ihrem Leidwesen daran gehindert sind. Diesen Kreisen verlangte er die Möglichkeit zu verschaffen, an dem arbeitsfreien Sonntag Aufruf! Zur Unterstützung unserer kleineren Ortsgruppen und Iugendvereine mit geeignetem Material für Kurse Disdusiionsabende und kleine Zusammenkünfte haben wir die Einrichtung einer Wander-Mbüothek beschlossen. Der Grundstock: dazu ist bereits gelegt, zur Aktionsfähigkeit jedoch fehll noch olles! Wir benötigen wifsenschairliche Werke, gemeinvkrsiändliche Bücher Der all? jüdischen Gebiete sowie jüdischbelletristische Literarur Darum geb! Bücher jüdischen Inhalts jeder Art. gebt, was jeder aus seiner Bibliothek entbehren kann, gebt Geld zur Anschaffung von Werken, die wir unbs- - dingt benötigen! Alle Sendungen bitten wir direkt an das Büro Berlin W 8. Mauerftrahe 22, zü richten. Erhebung, Erbauung und Belehrung in der Synagoge zu finden. In der Gemeinde Bielefeld, der er fast drei Jahrzehnte gedient hat, Hai er denn auch die Einrichtung des Sonntagsgottesdienstes geschaffen. Nicht im entferntesten hat er dabei daran gedacht, den Sabbath auf den Sonntag verlegen zu wollen, wie seine Gegner nicht müde wurden, ihm vorzuwerfen. Hätte er das wollen, er würde in ber Offenheit und Ehrlichkeit, die ihn-auszeichneten, sich nicht gescheut haben, es zu bekennen. Aber er war viel zu verständig, als daß er sich — selbst bei grundsätzlicher Beziehung des Verlegungsgedcmkens —nicht g<aft hätte, dah ein derartiger Gedanke nie und nimmer von einer einzelnen Person oder von einer einzelnen Gemeinde in die Tat umgesetzt werden kann. Den Gedanken einer Verlegung des Sabbaths weist doch selbst die Berliner Reformgemeinde entschieden zurück. Tatsächlich ist denn auch in Bielefeld über dem Gottesdienst, den Lodlenz alle drei Wochen am Sonntag abhielt, der allwöchentliche Sabbathgottesdienst niemals zu kurz gekommen. Dah aber has Bielefelder Beispiel keine Nachahmung in anderen Gemeinden gefunden hat, ist wahrlich kein Beweis für die Ueberflüfsigkeit der Einrichtung. Es beweist nur, dah wir andern bisher nicht die gleiche Energie wie der Verewigte aufgebracht haben, das zu fordern und durchzusühren. was unter den heutigen wirtschaftlichen Umständen unbedingt nötig wäre zur- Erhaltung und Förderung jüoischweligiiösen Empfindens und Wissens und jüdisch-gottesdienstlicher Betätigung. Es beweist nur, dah wir uns lieber einer Unterlassung schuldig machen, als uns, wie Loblenz, andauernder Verkennung und Verketzerung auszusetzen. Der Talmud sagt einmal (Traktat Sabbath 106 b): „Wenn einer Genossenschaft ein Mitglied durch den Tod entrissen wird, dann soll die ganze Gemeinschaft Kummer empfinden." In die ^Reihen der religiös-liberalen Rackbiner Deutschlands ist durch den Tod unseres Coblenz. eine empfindliche Lücke gerissen worden. Bekümmert fragen wir liberalen Rabbiner uns heute: Haben wir dem Verstorbenen gegenüber auch stets unsere Pflicht getan? Nicht, als ob wir ihn verketzert hätten. Aber haben wir ihn gegenüber den Anfeindungen, denen er ausgesetzt mar, genügend in Schutz genommen? Sein Wirken und Kümpfen galt doch dein Gedanken der religiösen Entwicklung, dem wir liberalen Rabbiner alle dienen, ein jeder in seiner Weise und nach seiner innersten Ueberzeugung. Durften wir ihn im Stiche lassen, wenn er glaubte, einen Schritt weiter gehen zu müssen, als die meisten es vielleicht filr richtig hielten? Ich glaube, er hat sich manchmal von uns verlassen gefühlt, wenn er es auch nicht ausgesprochen hat. und hat darunter gelitten. Denn so stolz auch das Wort klingt, das Schiller seinen Tel! sprechen läßt: „Der Starke ist am mächtigsten allein": auf die Dauer möchte doch niemand die Mitarbeit anderer entbehren. Angesichts des unerwartet schnellen Heimgangs unseres Coblenz wollen wir religiös-liberalen Rabbiner das Gelöbnis ablegen, uns von unfern orthodoxen Kollegen, die in mustergültiger Weise zueinander halten, nicht beschämen zu lassen. Um der Erhaltung eines lebenskräftigen Judentums willen, das, auf der Ueberlieferung der «Ahnen fußend, den Gedanken einer gesundenEntwicklung hochhält und der Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Gegenwart nicht ängstlich aus dem Wege geht, müssen wir. auch wenn wir in Einzelheiten voneinander ab weichen, treu zusammenstehen, sobald wir nur in der Kernfrage einig sind. „Einer stehe dem andern bei und spreche zum andern: sei stark."' (Jesaja 41, 6.) Erinnerungen eines Schülers und Freundes an Dr. Coblenz. Zu seinem 60. Geburtstag (30. Dezember). Von Karl Rosenthal (Hörde i. Westf.). Als ich die erste Neligionsstunde bei Dr. Loblenz hatte, war ich 13V» Jahre alt. In meiner lippischen Hei- Wt, wie in einer hessischen Kleinstadt, wo ich eine Zeitlang die Schule besuchte, hatte ich nur traditionelles Judentum kennengelernt. Ein Vierteljahr vor der Bar-mizwoh schon hotte ich begonnen, Tephillim zu legen. Mit innerein Widerstreben zwar, aber ohne Klarheit über den Grund dieser Abneigung. Dann wurde ich Dr. Coblenz' Schüler. In der ersten Stunde fühlte ich, daß hier andere Luft wehte. Ein freier Geist belebte sie und hielt Lehrer wie Schüler gleichermaßen im Bann. Und so oft ich dann das Unterrichtszimmer betrat, oder so oft ich später im Leben mit diesem Manne zusammen religiöse und jüdische Probleme erörterte, immer stand ich unter dem starken Eindruck seiner kraftvollen Persönlichkeit, immer fühlte ich aufs neue, daß ein Mann nicht alltäglicher Prägung vor mir stand. Schon als Kind empfand stch schwärmerische Verehrung für diesen ebenso starken wie freigeistigen Menschen, und selbst tu reiferen Jahren, als eigenes Urteil schärfer prüfte und manche Divergenz der Anschauungen über jüdische oder sonstige Fragen sich zeigte, war dieses Gefühl der Verehrung nicht gemindert. — Unvergeßlich bleibt mir der Eindruck der ersten Predigt, die ich in der alten Bielefelder Synagoge als 13 jähriger Junge am Passah.Feste hörte. C. sprach über „Glaubens- und Gewissensfreiheit". Ich stand ganz im Banne dieser Rede, und noch lange habe ich auf einsamen Spaziergängen ihren Wortlaut zu wiederholen versucht, und entsinne mich deutlich, wie ich selbst die Gesten des Redners na^uahmen probierte. — Dr. C. forderte strenges Aufmerken seiner Schüler auf die Predigten inr Gottesdienste, und in edlem Wetteifer setzte eine Anzahl von uns besonderen Ehrgeiz darein, in der nächsten Rcligionssmnde möglichst wortgetreu den Inhalt wiederzugeben. Als ich in reiferen Iahren Gelegenheit hatte, in andern Städten tüchtige Rabbiner als Redner zu hören, wurde es mir deutlich, wie sehr Dr. C. den Durchschnitt der Prediger überragte. Nie wieder hörte ich irgendwo auch nur einen, der in gleicher Meisterschaft das Wort handhabte. Iede Rede scharf disponiert, jeder Teil sorgsam durMeführt. In klarem, logischen Vau formt sich das Kunstwerk. Wie er das Wort meisterte, wie er in Sprache, Gebärde, Haltung, im Ausdruck seines