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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-12-06 · 30 (6.12.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
30 (6.12.1923)
Date
1923-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle 0,30 Goldmard fftc je vier Nummern. Anzeigen: 0.50 Gold- «ark für die sechsgefpaltene Zeile nach Rudolf Msffe's Normalzeilenmeffer Nr. 4; Familienanzeigen und Stellengesuche für die Mitglieder der Bereinigung für dar liberale Judentum E.B. und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Iugendoereine 0.20 Goldmark; die dreigespaltene Reklamezeile (90 mm breit 160 Goldmark. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Zentrum 162. Anzeigen-Anoahme bet de» Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.). Nummer 30 Berlin, den S. Dezember 1923 3. Zahrgaag Lhanuttah. Aus 3Uüci Quellen fließt der Strom moderner Kultur zusammen, zwei kleine Länder sind es, in denen er seinen Ursprung hat. Fast alles, was unsere Kultur uns gibt, stammt aus einer dieser Quellen, aus Kanaan oder aus Hellas. Wohl ist manches andere Hinzug ttommeir, aber die Richtung hat te Strömen dieser beiden Quellen gegeben, alles andere ist aufgesogen und ausgeglichen werden. Die gegenseitige Durchdringung, die innige Vereinigung dieser beiden Kulturelemente mußte das Höchste und Größte bringen. Das hat schon die talmudische Deutung des biblischen Wortes Noahs an seine Söhne ausgesprochen, daß „die Schönheit Iapheths in den Zelten Sems w-ohnen" solle. Um so mehr drangt sich uns die Frage auf: War vor 2000 Jahren der Konflikt zwischen Judentum und Christentum eine unausweichliche geschichtliche Notwendigkeit? Feiern wir am Chanukkahfeste etwa den Sieg Kanaans über Hellas? Und westn dies der Fall ist, war dann jener Sieg nicht ein flüchtiger Lintagssieg? Daß Juda Makkabi und seine Zeit- und Volksgenossen jenen Ereignissen dauernde geschichtliche Bedeutung beimaßen, kann für uns nicht unbedingt maßgebend sein. Der Mensch schätzt selten recht, was er getan, und was er tat, weiß er nie zu schätzen. Nur hin und wieder hat das mitlebende Geschlecht wohl nicht die volle Erkenntnis, aber doch ein Ahnen dessen, daß das erlebte geschichtliche Ereignis die Kulturentwicklung der Menschheit dauernd bestimmt. Als die Griechen bei Salamis die Perser und zu gleicher Zeit der Himera die Karthager entscheidend schlugen, da war in der gesamten griechischen Welt ein Ahnen dessen lebendig, daß dies mehr bedeutete als bloß eine gewonnene Schlacht oder einen gewonnenen Krieg. Es war vielmehr die Entscheidung, an der alle späteren Schwankungen und zeitweisen Rückschläage nichts mehr ändern konnten, daß die griechische Kultur, die sich nun erst zu voller Höhe erhob, die kulturelle Entwicklung der Welt bestimmen sollte. Und als Juda Makkadi mit den Semen in den Tempel in Jerusalem einzog, da war es nicht das pomphafte Gepränge eines über besiegte Feinde triumphierenden Heerführers, nicht der Siegesrausch des Judentums über das Griechentum, sondern das Empfinden, daß der Monotheismus des Judentums als bestimmender Faktor der Kulturentwicklung der Menschheit gerettet worden ist. Wir sind längst hinaus über jene Geschichtsauffassung, die uns heute fast kindlich anmutet, die aber noch vor wenig Jahrzelinten herrschend war, daß der Hellenismus nur eine Entartung des beleuchtenden Griechentums der klassischen Zeit gewesen sei. Mit dem zerfallenden entarteten Griechentum sei das Judentum in Konflikt geraten. Wir sehen heute die Flecken an dem kahlen Bilde des klassischen Griechentums, wie das Gewaltige und Schöpferische des Hellenismus. Das ist ja gerade das Große im Hellenismus gewesen, daß er die Fähigkeit hatte, Elemente aller Kulturen nicht nur in sich aufzunehmen, sondem sich so zu eigen zu machen, daß sie fruchtbar wurden, daß sie nicht wie etwas künstlich Aufgepfropfets, sondern als ein organisch mit dem Ganzen zusammengehöriges Element erschienen. Als im Hellenismus diese Kraft der Einpflanzung des ursprünglich Fremden versiegle, da erstarb er selbst allmählich. Aber seine Aufgabe für die Weltkultur hatte er da bereits geleistet. Einer der ersten derartigen Konflikte, der eben das Nachlassen der schöpferischen Kraft des Hellenismus offenbarte, war der Konflikt mit dem Judentum. Und hier ist der Konflikt aus der 'Tatsache heraus entstanden, daß die damaligen Träger des Hellenismus den Begriff hellenischer Kultur rein äußerlich erfaßten und mit rein äußerlichen Mitteln zu verwirklichen suchten. Es ist stets — wir haben es an uns selbst erlebt — die große Gefahr hochgesteigerter äußerer Zivilisation, daß das Wesen der Kultur in den äußeren Errungenschaften gesucht wird, und daß darüber der eigentliche Sinn der Kultur verloren geht, alles hohl und leer wird. In solchen Zeiten steckt in einem körperlich und sittlich gesunden Bauern- und Handarbeitervolke weit mehr wirkliche Kultur als dort, wo aller äußere Glanz zu finden ist. So standen damals nicht eigentlich Judentum und Hellenismus als feindliche Mächte einander gegenüber, sondern es war der Zusammenstoß der auf religiöser Grundlage aufgebauten Mischen Weltanschauung mit den Kräften des Hellenismus, die von der Religion nichts als die äußere Form, das äußere Gepränge übrigbehalten hatten. Goethe sagte einmal, daß das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte der Konflikt des Unglaubens und des Glaubens ist, daß alle Epochen, in denen der Glaube herrscht, glänzend, herzerhebend und fruchtbar sind, die anderen von der Nachwelt veschwinden. Dies Wort kennzeichnet den damaligen Kampf. Ader geschichtliches Gedenken darf niemals tote, unfruchtbare Erinnerung sein. Unser Geschlecht hat eine Zeit der religiösen Verödung, der Seelenlvsigkeit und Nüchternheit durchlebt. In allen religiösen Bekenntnissen und in allen Richtungen innerhalb dieses Bekenntnisses ist diese Erscheinung zutage getreten. Sie ist im hohen Maße die Folgewirkung mancher Elemente der kulturellen Entwicklung, und sie hat ihrerseits zerstörend auf die Kultur-! entwicklung eingewirkt. Sott die zusammengebrochene• KuIturwelL wieder aufgetaut werden, so tut Religion uns! not. aber Religion, die sich nicht mit äußerer Betätigung; begnügt, Judentum, das nicht int Frommen aufgeht und! nicht bloßes Verwaltung^- und Wohktättgkeitsjudentum! ist, sondern Religion, die die Tiefen der Seele erfaßt, j die ohne mystisches Helldunkel doch die Verinnerlichung > des Empfindens, die Glut der Begeisterung voraussetzt und dock- — oder vielmehr gerade darum ~~ weltenweit, frei und modern im Denken und der Auffassung und Betätigung ist. Das mag die Erinnerung uns geben oder wiedergeben. So schafft sie der Einzelpersönlichkeit wie der Gemeinschaft Zuversicht. Im Dunkel sttahlt das Licht. Merl jüdische Feste in euren Häusern. . Von Robert Hirschfeld. Aus einer Unterredung mit einer Mutter. „Ich würde ja meinem Jungen gern Religionsunterricht geben lassen, wenn er nur nicht so zart wäre. Der Junge ist so zärtlich gegen uns, und wir wissen, daß er ein gefühlvolles Kind ist, aber ich fürchte, er wird zu sehr angestrengt." „Wenn er nicht durch Klavierunterricht und ähnliche nervenaufreibende Stunden überlastet wäre, würde er gewiß auch noch Zeit finden, im Religionsunterricht fein Gefühlsleben zu stärken. Er würde auch von uns Anregungen bekommen, mit Ihnen die Feste im Hause bewußt zu feiern." „Feste im Hause feiern? Das können wir nicht. Mein Mann und ich sind den ganzen Tag im Geschäft und in der Wittschaft tätig, da fehlt uns für solche Dinge der Sinn." „Aber, zünden Sie denn Freitagabend keine Lichte an? Ober benutzen Sie nicht das Chanukkah-Fest, um Ihrem Kinde nahezukommen, das doch nach Ihrer Schilderung mit allen Fasern seines Gefühls nach Ihnen sucht?" „Das können wir nicht. Wir haben es nie gemacht, und der Junge würde sich sehr wundern, wenn wir mit einem Male anfangen würden, Dinge zu tun, die uns zwar richtig erscheinen, bei denen wir uns selbst aber etwas komisch Vorkommen." Sie schämen sich also vor Ihrem Kinde, etwas zu tun, was selbst nach Ihrer Meinung richtig wäre? Machen Sie doch nur einmal den Anfang. Sagen Sie ihm am Freitagabend, daß Sie mit ihm in die Synagoge gehen wollen, zünden Sie Lichte an und feiern Sie den Abend durch irgendeine besondere Speise, wenn Sie glauben, daß Ihr Mann den Kiddusch nicht richtig sprechen kann. Ueberwinden Sie das erste Mal diese ganz falsche Scheu und Sie werden sehen, wie sich Ihr Junge Ihnen nähern wird, wie er sich Ihnen ganz anders anschließen wird als bisher. Wir haben übermorgen Chanukkah. Nehmen Cie doch den Chanukkahleuchter, der. wie ich weiß, bei Ihnen als antikes Stück auf dem Ofensims steht, und zünden Sie die Lichte an. Singen Sie mit dem Jungen das alte Schutz- und Trutz-Lied, schenken Sie ihm etwas zu diesen: Feste und Sie werden Ihrem Jungen Erinnerungen mit auf den Lebensweg geben an Freuden, wie er sie nie reicher erleben kann. Versuchen Sie nur einmal, sich selbst in eine feierliche Stimmung zu heben und Sie können sicher sein, daß Ihr ganzes Haus von dem Glanz des Festes erfüllt Zein wird, der auch in den Werktagen nicht seinen ganzen! Schimmer verlieren wird." Aus einer Unterhaltung mit llnterprimanerinnen. „Chanukkah mag ja ganz schön sein, aber ich kenne es nicht aus meinem elterlichen Hause und kann mir auch keine rechte Vorstellung davon machen." „Feiern Sie denn zu Hause überhaupt Feste?" „Gewiß, die Geburtstage, und auch (etwas zögernd) Weihnachten. Mutter sagt immer, das sei gar kein christliches Fest, es fei vielmehr ein deutsches oder germanisches Fest und wir find doch nun einmal Deutsche und wollen! diese Feste auch milfeiern." Eine andere Schülerin: „Das ist ja Unsinn. Weihnachten ist immer ein christliches Fest gewesen. Ader wir feiern es auch, denn es ist doch unstreitig etwas Schönes, wenn im dunklen Zimmer der grüne Baum mit Lametta bestreut von wenigen Kerzen erhellt wird. Und dann die Geschenke." Eine dritte Schülerin: „Bei uns bekommen die Dienstmädchen zu Weihnachten ihre Geschenke und. damit sie sich nicht so fremd ,üh!en. putzen wir ihnen ein Bäumchen aus. Und meine kleinen Geschwister freuen sich immer sehr, wenn der Baum im Eßzimmer steht, und dann bekommen wir unsere Geschenke gleich mit." „Und glauben Sie nicht, daß Sie auch beim Schein der Chmrukia'j-Kerzen Gesch.nke bekommen können? Habe« Sie oder Ihre Eltern schon einmal versucht, sich gegenseitig zu Chanukkah zu erfreuen? Glaub-en Sie nicht, daß die einfachen Kerzen, an einem schönen Leuchter, denen es doch sehr viele gibt, in ein jugendliches Gemüt nicht ebenso, warm scheinen, wie die Kerzen an dem Baum? Sie sagen, es sei ein deutsches Fest. Aber ist nicht der Inhalt der Lieder, die beim Schein der Kerzen gesungen werden, ein durchaus christlicher?" .Das ist schön richtig, aber in unserem ganzen christlichen Bekanntenkreis ist man sich doch wenig des religiösen Clmmkters bewußt, den Weihnachten einmal gehabt hat." „Haben Sie sich über diesen Puntt schon einmal mit christlichen Freundinnen unterhalten? Versuchen Sie es nur einmal, und Sie werden im besten Falle die erstaunte Frage hören, daß dieses Fest in einem Mischen Hause bestimmt nichts zu suchen habe. Ich selbst habe schon öfter von christlichen Kollegen Worte des Spottes darüber gehört. daß die Juden sich ihrer Würde so wenig bewußt sind, daß sie fremden Gebräuchen nachlaufen und nicht versuchen, aus eigener Kraft häusliche Feste zu feiern. Und diese Kollegen wußten nicht, oder waren sich dessen im Augenblick nicht bewußt, daß das Weihnachtsfest vielleicht dadurch seine Anziehungskraft auf die Juden ausübt, weil es als Familienfest gefeiert wird, was sonst in christlichen Kreisen nicht Sitte ist, und daß gerade die jüdischen Feste durch ihre Feier in der Familie den erwärmenden Hauch über alle Glieder des Hauses allsströmen. Ich weiß wohl, daß es in vielen Hausern nicht üblich ist, jüdische Feste zu feiern, aber ün Ihnen, dm Heranwachsenden Töchtern, liegt es, die Eltern auf diese Weise jüdischen Gedanken näherzuführen. Machen Sie einmal den Versuch, statt des Weihnachtsdaums den Chanukkah-Leuchter zu entzünden und statt am 25. Dezember sich am 25. Kislew nitt Geschenken zu überraschen, und Sie werden fühlen. daß etwas Eigenes doch eine stättere Kraft hat. als von Fremden Geliehenes." Ein Er lednis. Im vergangenen Jahre wollte ich an einer höheren Mädchenschule, an der der Religionsunterricht in fünf aufeinander folgenden Stunden eines Vormittags liegt, den letzten Unetrrichtstag, der zugleich ein Chanukkah-Tag war, in allen Abteilungen zu Feiem benutzen. Ich verabredete mit den Kindern, daß ich einen Leuchter mitbringen würde, und die begeisterten Schülerinnen wolltm Kerzen liefern und dafür sorgm, daß die Stunden richtige Feierstunden sein sollten. Natürlich wollten sie auch allerhand Leckereien mitbrmgen und durch Aufsagen von Gedichten und Erzählen von Geschichten sich Ehanuktah zum Bewußtsein bringen. Einige Tage nach diesen Verabredungen riefen mich zwei Väter von Kindern an und Laren mich, diese Feiern doch zu unterlassen, damit in der Schule bei den christlichen Lehrern und Schülern keine Angst erregt werde. Ich lehnte diese Ratschläge sehr höflich, aber sehr bestimmt, ad und wies die ängstlichen Eltern darauf hin. daß in den christlichen Religionsstunden vor Weihnachten, und zwar oft mit Mitteln aus jüdischen Taschen, Adventsbäume angezündet würden. Ich fügte noch hinzu, daß ich dm Religionsunterricht auf jede Weise dazu benutzen müsse, um jüdisch-religiöses Gefühl und Wissen bei meinen Km- ' dein zu verbreiten und zu statten, da ja die Häuser den Dingen oft fremd gegenüberständen. Um keinen Fehler zu begehen, besprach ich die Angelegenheit mit dem Direttor der Anstalt, der sehr erfreut darüber war, daß die Mischen Kinder aus eigenem Antrieb in der Schule religiöse Feiern veranstalten wollten, und der kernen Anstand nahm, mir zu erklären, daß er es nie verstanden habe, wmn die jüdischen Kinder sich an spezifisch christlichen Feiern beteiligt hätten. Unsere kleinen Chanukkah-Feste sind dmn auch sehr nett verlausen. Die Kinder hatten eine Menge iüdische Gedichte und Geschichten zusammengedracht. Mt den Größeren konnte ich allerl>and religiöse Fragm besprechen, zu denen gerade solch eine Feier Anregung dielet. Uno nicht zuletzt trug zur Hebung der Stimmung bei, daß die Kinder sich gegenseitig mit Süßigkeiten und Leckereien beschenkten und so mancher einen Ersatz fand für die Chmmttah-Feier, die er im Hause nicht gehakt hatte. m

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