Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 26 (7.8.1923)
- Date
- 1923-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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\\_/ V IübischNeraleZeitiM Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. De^ugspre!» durch die Gejchäfttstelle '/< jahrl.M.3000.- Anzeigen: Grundpreis für die 3'/, cm breite mm-Ieile M. 0.25, Zamilienanzrigen M. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Erscheinungen,ge gültigen Schlüsselzahl de« Buch- . Ä4__ _ - , m es Händler.Börfeuverei,rr multipliziert. ra es 26 * ^ößtlUI, T* <iUgUjt J923 3. Die „Jüdisch-liberale Jeituug" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue". Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. 5, Mauerjtraße 82 (Dereiulgnug für da« liberale Judentum e. B.), Zeruruf: Amt Zentrum 142. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar.13704y (Bereinigung für das liberale Zudeutum e.B.). Zu den feiertagen. Zn einer Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher Bedrängnis rüstet sich Zsrael zur Begehung seiner Feste. Und wenn jemals diese Tage der Weihe und inneren Linkehr sehnlichst erwartet werden, wenn jemals ihre Sendung der Aufrichtung und her Aufrüttlung notwendig gewesen ist, so in diesem Jahre, in einem Jahre des Zusammenbruchs ohne gleichen. Ich spreche an dieser Stelle nicht von der wirtschaftlichen Bedrohung vieler unserer Besten, von den schweren Kämpfen, die gerade die geistigen Arbeiter mehr denn je untauglich machen, sich idealen Bestrebungen zu widmen. Bein, viel schwerere Sorgen muh es bereiten, daß mit der wirtschaftlichen die seelische Zerrüttung Hand in Hand geht und ein Zusammenbruch bevorstehl, der jedem innerlich veranlagten Menschen zu den schwersten Besorgnissen Anlaß geben muh. Ls ist ein widerliches Schauspiel, das sich namentlich in den gröheren Städten unseres Vaterlandes darbietet, wenn die Linen schwelgen und vergeuden, während die Anderen darben und entbehren, und wenn dieses Prassen und Vergeuden in einer jedes Rechtsgefühl verhöhnenden Oeffentlichkeit vor sich geht, wie auch die tragischen Kämpfe des versinkenden Mittelstandes, die sich bisher in der Verborgenheit der einzelnen Existenz vollziehen konnten, allmählich den neugierigen Blicken der Oeffentlichkeit bloßgelegt werden. Dieser Kampf des Mittelstandes um seine geistige und leibliche Existenz drückt auch unsere Kreise schwer, denn das Familienhaus der freien Berufsstände, insbesondere des Arztes, des Anwalts, des mittleren Kaufmanns war das Kernstück der Erneuerung der deutschen Zudenheit. Zur die gern geübte Entsagung des Genusses äußerer Bequemlichkeiten entschädigte sich der jüdische Vater durch eine auf Verinnerlichung strebende Erziehung seiner Kinder, durch das Bewußtsein, in ihnen die jüdische Gesamtheit heranzubilden und so sein Teil zu der Verbesserung Israels und der Menschheit beizutragen. Ls ist schon schwer genug, wenn wir Eltern nicht nur damit kämpfen müssen, unsere Kinder einigermaßen körperlich widerstandsfähig zu machen, (obwohl wir uns ganz klar darüber sind, daß sie nicht in der Lage wären, die Leiden eines jahrelangen Krieges körperlich so zu überstehen, wie es noch unsere Generation kraft ihrer guten Kindheitsgrundlage vermochte). Viel schwerwiegender ist, daß wir mitansehen müssen, wie die Bildungsmöglichkeit für unsere Heranwachsende Jugend und die unschuldigen Freuden harmloser Geselligkeit, die Ablenkung und Auffrischung durch Studien an fremden Orten, Jerienreisen, Wanderfahrten usw. infolge der wirtschaftlichen Notlage immer mehr aus dem Bereich des Erschwinglichen ausscheiden. In dieser Zeit erdrückendster Sorge um unseren Nachwuchs bedürfen wir Juden, die noch nicht ganz an der Zukunft verzweifeln wollen, mehr denn je der Aufrichtung und Erhebung durch den Blick in Vergangenheit und Zukunft, durch die Betrachtung, daß auch wir ein Glied in einem Weltenplane sind, daß ein ewiges gerechtes Wallen nicht nur zu Boden drückt, sondern auch erhebt. Solange der Wille in uns nicht erstorben ist, unsere Kinder der jüdischen Zukunft zu erhalten, solange das Gemeinschaftsbewußtsein, der Stolz auf die Zugehörigkeit zu der ältesten und begnadetsten Gemeinschaft der Weltgeschichte uns nicht verlassen hat, solange können die Schwungfedern unserer Seele nicht zerbrechen. Wenn wir uns jetzt wieder zu den ernsten Festen rüsten, so schweift unser Blick unwillkürlich zurück zu den Neujahrsfesten unserer Väter im Mittelalter, welche sie am Wanderstabe, bedroht von Schwert und Scheiterhaufen, eine Gemeinschaft umherirrender Bettler, verleben mußten, zu Boden gedrückt, aber ungebrochen im Bewußtsein, auch durch ihre Leiden das Samenkorn einer besseren Zukunft zu legen. Wir aber müssen auch derer gedenken, die um ihres Judentums willen noch heute heimatlos von Ort zu Ort ziehen, weil sie Unverstand, Fanatismus und Nationalhaß aus dem Heimatboden entwurzelt und zu Flüchtlingen gemacht haben. Wir wollen heute des Felsens gedenken, aus dem wir gehauen sind, und mehr denn je uns aufrichten an dem Bewußtsein der Gemeinbürgschaft des einen Juden für den anderen; jenes Bewußtsein, das uns von unseren Feinden sooft zum Vorwurf gemacht wird, das aber unser stolzester Besitz und die sicherste Gewähr unserer Zukunft ist und bleiben wird. Wir dürfen aber auch nicht nur des Neujahrs der Gegenwart und der Vergangenheit gedenken, sondern wir müssen Vorschauen. Wie unter den Festen des Jahres nicht die heiteren Naturfeste der Saat und Ernte, nicht die Feiern historischer Ereignisse am stärksten unsere Seele bewegen, sondern vielmehr die Stunden, in denen wir an die Ewigkeit des Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit und Freiheit gemahnt werden, so bilden die gewaltigen geistigen Errungenschaften des Judentums unser bestes Eigen, und an ihrer Erhaltung und Vervollkommnung mitzuarbeiten, ist unsere Aufgabe. Wir sind nur wert, Juden zu sein, wenn wir gerade in den Zeiten schwersten Niederganges den Blick höhenauf lenken und nicht daran vergessen, daß auch hinter den scheinbar undurchdringlichen Wolken wirtschaftlichen und seelischen Niederganges die Sonne der Gerechtigkeit Gottes und der Einheit der Menschheit steht, die zwar eine Zeitlang verborgen bleiben kann, die aber mit sieghafter Kraft den Nebel durchstoßen muß und auch uns wieder Licht und Kraft Zuströmen lassen wird. Wir müssen warten, und wir können warten. Wir sind das Volk der Langlebigen und der Geduldigen, wir haben so manches Unrecht, so manche äußere und innere Not überdauert, weil, wie das Dichterwort lautet: „Mit f f I Abonnements - Beiträge.» t ■hmmmmhhmhhh § f f 4 2a der vorigen Rammer hatten wir ankeren Lesern 4 4 «itgettilt, daß wir den Abovnementsbeitrag für anjere G | Zeitung wieder auf M 3000,— im Vierteljahr bemessen § wollten. Die katastrophale Markentwertnng läßt es § unmöglich erscheinen, diesen Bettag oder irgend einen -? anderen in Papiermark berechnetta Betrag zu Grande za f # legen. Wir haben daher auch von der Beitragseinziehnug O 4 in diesem Vierteljahr bisher Abstand genommen. Wir ch 4 haben nun beschlossen» den Abovnementsbetrag auf | f 30 Goldpfennig f i i 4 für vier Aummeru festzusetzeu und glauben, daß nasere - Leser diesen Betrag gewiß für berechtigt anerkennen wer- -? den, angesichts der Tatsache, daß wir alle Unkosten auch f f z» Sätzen bezahlen müssen, die auf Soldmarkrechuoug sich O G gründen. Wir bitten unsere Leser, uns den Gegenwert G A von 30 Goldpfennigeu für vier Anmmero baldgefl. zu über- 4 4 weifen, damit wir auf diese Weise das arg gefährdete i WÄtererscheineu der Zeitung stcherstelleu können. Die l # Mitglieder der 28disch-liberalen Zugeudvereiue erhaltt» f # die Zeitung zum halben Preis. f i 4 4 Vereinigung für das liberale Judentum E. V. 4 i 4 hohen Worten, mit glückbeseeligenden, zu uns die Stimme der Zukunft spricht." Zerbrochen werden können nur die, die über der Not der Gegenwart den Blick verloren haben für die großen Zusammenhänge des Lebens. Wir glauben an die Zukunft unseres Landes, wir glauben an die Zukunft unserer jüdischen Gemeinschaft, wir glauben an die Zukunft der Menschheit. Wir wollen sammeln und sichten. Wer diesen Glauben mit uns teilt, der komme, ziehe mit uns und opfere mit uns. Wer in den Sorgen der Gegenwart versinken will, der trete abseits. Man hat gerade uns Liberalen auf der gegnerischen Seite oft zum Vorwurf gemacht, daß wir in jüdischen Dingen das Maschinenmäßige, die Verwaltungstätigkeit und die Gesetze augenblicklicher Nützlichkeit zu sehr beachtet haben und uns von ihnen zu sehr leiten ließen. Wir glauben heute, daß nur ein durch Formeldienst nicht blind gewordenes, an Land und Scholle nicht gebundenes Judentum sich seiner Dienste als Träger der Menschheitsideale bewußt fein und den Weg durch die Finsternis der Gegenwart finden kann. Es ist unzählige Male geschildert worden, und doch immer wieder überkommt uns die Empfindung mit neuer Gewalt, das Gefühl der Versöhnung, wie es der niedersinkende Abend des Jom Kippurtages, die Ne'ilah, in unsere Herzen gießt. Jedes Volk wie jeder Mensch muß in seinem Leben das Gefühl des Ausgleichs zwischen Zeit und Ewigkeit, der Neila, sich errungen haben, wenn es wert und befähigt fein will, ein weltgeschichtliches Volk zu sein. Wir deutschen Juden, wir liberalen Juden, stehen in solchem schweren, erschütternden, aufreibenden Kampf. Wir hoffen und wissen, daß, wenn wir ehrlich an uns arbeiten, wir den Ausgleich, die Versöhnung, die Erneuerung finden werden. Wir grüßen all unsere Brüder beim Umschwung der Zeit mit besonderer Innigkeit und mit besonderer Hoffnung. Wir hoffen, daß wir sie im kommenden Jahr an unserer Seite finden können, im Gleichtakt des Kcimpfens und Ringens, und hoffentlich im Ausklang der Erfüllung unseres Sehnens. Nechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum Untergang des Abendlandes? Aeujahrsgedanken. Von Rabbiner Dr. E 0 b l e n z, Berlin. Wir feiern unser diesjähriges Neujahrsfest in schicksalsschwerer Zeit. Deutschland ist von zwiefachem Unglück heimgesucht. Der äußere Feind sitzt im Herzen unseres Industriegebietes und übt dort eine Gewaltherrschaft aus, die freie Menschen fast zu Sklaven macht. Sn unserem Volke selbst aber sind jene zersetzenden Mächte an der Arbeit, die durch Vernichtung jeder staatlichen Autorität anarchistische Zustände schaffen wollen. Und auch an den anderen Ländern Europas ist die Not unserer Tage nicht spurlos vorübergegangen. Sogar die Völker, die im Weltkriege Lieger geblieben waren, haben an den Folgen des Krieges noch schwer zu leiden. Nicht nur materielle Sorgen lasten auf ihnen. Schlimmer ist der moralische Niedergang, ist der jähe Abstieg einer Kultur, auf die die Völker Europas so stolz gewesen sind. Wie nach einem heißen Augustlage die Lonne im Westen müde sich senkt, so scheint auch unsere ganze Kulturwelt einem langsamen, aber sicheren Tode geweiht zu sein. Lin furchtbares Wort drängt sich auf unsere Lippen, ein Wort, das durch das bedeutende Werk eines genialen Menschen zum Schlagwort unserer Tage geworden ist: Untergang des Abendlandes! Der Anfang vom Ende ist gekommen. Die Kultur Westeuropas liegt im Sterben. Sollte es wirklich so um uns stehen? Und Spengler hätte mit seiner Behauptung recht, und alle hätten recht» die ihm das Wort gläubig nachbeten: Untergang des Abendlandes? Das wäre ein trüber Ausblick in die Zukunft, ein niederbeugender Gedanke an der Eingangsfchwelle des neuen Jahres. Aber ich glaube nicht daran, kann nicht daran glauben, weil ich der Meinung bin, daß man Geschichte überhaupt nicht prophezeien kann. Niemand vermag den Verlauf eines künftigen Geschehens im voraus zu berechnen. Niemand kann noch Ungeborenes in seinem Wesen und Werden beschreiben. Spengler denkt allerdings anders. Er beginnt sein Werk mit den stolzen Lätzen: „In diesem Buche wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Ls handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen." In der Tat, ein kühnes, selbstbewußtes Wort! Und doch unmöglich in seiner Durchführung, unmöglich in dem, was es erstrebt! Wir können wohl aus den Ereignissen der Vergangenheit den Lharakter des Gewesenen nachträglich bestimmen. Wir sind imstande, diese Ereignisse in der Erinnerung festzuhalten und durch unsere Darstellung wieder lebendig zu machen. Wir suchen Gesetze zu formulieren, die den Verlauf des Gewesenen erklären sollen, und nennen das historische Wissenschaft. Vieles kann diese Wissenschaft aufhellen. In manches Dunkel der Vergangenheit leuchtet sie hinein, so daß wir rückwärts blickend die inneren Zusammenhänge begreifen, aus denen die Gegenwart sich entwickelt hat. Nur eins kann die historische Wissenschaft nicht: sie kann nicht nach ihren Gesetzen, die Vergangenes erklären, den Weg bestimmen, den die künftige Entwicklung nehmen muß; sie kann nicht vorschreiben, was das Morgen bringen soll; sie kann uns nicht die Zukunft prophezeien. Denn alle Menschenzukunft ist lebendiges Leben, das erst von kommenden Menschen ge stattet wird und nur von ihnen allein auf dem Fundamente der Ver- Jugeudvereins-Anzeigen SE" letzte Seite.